hochkant|mini|Richard Wagner. Photographie von Franz Hanfstaengl, 1871 Das Thema Richard Wagner und der Film ist ein Gegenstand der Wagner-Forschung.
Richard Wagner prägte die Entwicklung des Films und der Filmmusik. In der Forschung wird vor allem die Leitmotivtechnik untersucht, die Wagner in seiner Tetralogie Der Ring des Nibelungen systematisch einsetzte. Während der „goldenen Ära“ Hollywoods wurde sie ein Markenzeichen der amerikanischen Filmmusik. Daneben wird diskutiert, inwieweit Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks den Film vorweggenommen hat und welche Einflüsse es auf bestimmte Filmgenres wie Science-Fiction und Fantasy gibt. Weitere Gesichtspunkte sind der Einsatz seiner Musik in Filmen sowie die Darstellung Wagners in Filmbiografien.
Enjott Schneider untersuchte die Wirkung Wagners auf den Film des 20. Jahrhunderts und vertrat die Ansicht, dass dieses Medium „sein heimliches Kunstwerk der Zukunft“ gewesen sei.
Hintergrund mini|Titelblatt des Erstdruckes Der Einfluss Wagners auf den Film wurde häufig untersucht und unterschiedlich belegt. Die Autoren bezogen sich dabei nicht nur auf seine Musik, sondern auch auf das Konzept des Gesamtkunstwerks, in dem sich nach Wagners Vorstellung Sprache, Ton und Gebärde vereinigen sollten. Viele Techniken Wagners scheinen den Film vorwegzunehmen.Martin Knust: „hier hört man klopfen“ – Wagners Werke als Vorläufer des Filmsoundtracks. In: Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich, Hans-Joachim Hinrichsen et al. (Hrsg.): Wagnerspectrum: Schwerpunkt: Wagner im Film. Königshausen und Neumann, Würzburg 2022, Kindle-Version. Bereits im Jahre 1927 schrieb der französische Kritiker Émile Vuillermoz, Wagner hätte „seine Tetralogie nicht für die Bühne, sondern für die Leinwand“ konzipiert, wäre er „fünfzig Jahre später“ geboren worden. Nach Ansicht Max Steiners wäre Wagner „die Nummer Eins unter den Filmkomponisten“ geworden. Wie Richard Wagners Enkel Wolfgang Wagner erklärte, hätte sein Großvater „zweifellos in Hollywood“ gearbeitet.Alex Ross: Walkürenritt. Wagner im Film: Von „The Birth of a Nation“ bis „Apocalypse Now“. In: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Rowohlt, Hamburg 2021, S. 658.
Dass Wagners Musik mit dem Medium Film zusammenhängt, ist kein neuer Gedanke, sondern bereits ein Gemeinplatz. So verwiesen Hanns Eisler und Theodor W. Adorno auf eine Verbindung von „Kulturwaren“ aus Elementen wie Drama und psychologischem Roman, Sinfoniekonzert, Kolportage, Operette und Revue, die „schon im Wagnerschen Gesamtkunstwerk“ angelegt sei. In der Dialektik der Aufklärung charakterisierte Adorno das neue Medium Fernsehen als „hohnlachende Erfüllung des Wagnerschen Traums vom Gesamtkunstwerk“.Alex Ross: Walkürenritt. Wagner im Film: Von „The Birth of a Nation“ bis „Apocalypse Now“. In: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Rowohlt, Hamburg 2021, S. 661.
Enjott Schneider untersuchte die Wirkung Wagners auf den Film des 20. Jahrhunderts und formulierte die überspitzte These, dass der Film „sein heimliches Kunstwerk der Zukunft“ gewesen sei.Enjott Schneider: Der Film – Richard Wagners „Kunstwerk der Zukunft“? In: Richard Wagner und die Musikhochschule München, die Philosophie, die Dramaturgie, die Bearbeitung, der Film. Schriftenreihe der Hochschule für Musik München, Bd. 4. Gustav Bosse Verlag, Regensburg 1983, S. 123. Martin Knust bezweifelt Schneiders These, dass fast alle Funktionen der Filmmusik in Wagners Werk vorgezeichnet seien. Wagners Opern seien zwar eine wichtige, aber nicht die einzige Inspirationsquelle des Films gewesen.Martin Knust: „hier hört man klopfen“ – Wagners Werke als Vorläufer des Filmsoundtracks. In: Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich, Hans-Joachim Hinrichsen et al. (Hrsg.): Wagnerspectrum: Schwerpunkt: Wagner im Film. Königshausen und Neumann, Würzburg 2022, Kindle-Version.
In seiner Schrift Das Kunstwerk der Zukunft beschrieb Wagner 1849 erstmals seine Vision des Gesamtkunstwerks.Enjott Schneider: Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. Kommunikation audiovisuell. Bd. 13. Herbert von Halem Verlag, Köln, 2018, S. 63. Neben Die Kunst und die Revolution und Oper und Drama gehört das Ludwig Feuerbach gewidmete Werk zu den Zürcher Kunstschriften. Wagner erhoffte sich auch nach der gescheiterten Revolution einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel in Form einer „Menschheitsrevolution“. Seine politische Utopie lief auf einen frühsozialistischen und urchristlichen „Communismus“ hinaus. Er sollte über den Weg eines noch zu entwerfenden „Kunstwerks der Zukunft“ erreicht werden, um die verlorene Erlebnisgemeinschaft der griechischen Polis zu erneuern. Wagner knüpfte an Feuerbachs anthropologische Vorstellung vom unverfälscht Natürlichen an, die er in den Zürcher Schriften als „das von allen Konventionen losgelöste Reinmenschliche“ definierte.Hans-Joachim Hinrichsen: Die Zürcher Kunstschriften. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 128–129. Das Werk wurde bald kritisiert. So schrieb Friedrich Nietzsche in seiner späten und polemischen Abhandlung Nietzsche contra Wagner, dass niemand „die feinsten Sinne seiner Kunst“ in das Theater mitbringe, „am wenigsten der Künstler, der für das Theater“ arbeite. Es fehle „die Einsamkeit“, denn „alles Vollkommene“ vertrage keine Zeugen. Im Theater regiere der Nachbar, man selbst werde „Nachbar“.Zit. nach: Enjott Schneider: Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. Kommunikation audiovisuell. Bd. 13. Herbert von Halem Verlag, Köln, 2018, S. 63.
In dem kunsttheoretischen Essay Beethoven grenzte Wagner zwei Arten der Wahrnehmung voneinander ab und orientierte sich dabei an Arthur Schopenhauer. Auf der einen Seite könne man über die „Funktionen des wachen Gehirns […] eine Welt“ schauen, die „als Objekt außerhalb des Menschen“ liege. Eine „zweite, nicht minder anschaulich sich kundgebende Welt“ werde mit einer „nach innen gerichtete(n) Funktion des Gehirns“ erkannt. Laut Wagner verhalten sich „Schallwelt und Lichtwelt“ zueinander wie der Traum zum Wachzustand: Visuelle und akustische Wahrnehmungen stehen in einem Konfliktverhältnis. Das „traumartige“, durch die Musik erzeugte Befinden „depotenziere“ den Sehsinn, so dass man „mit offenen Augen nicht mehr intensiv sehen“ könne.Zit. nach: Enjott Schneider: Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. Kommunikation audiovisuell. Bd. 13. Herbert von Halem Verlag, Köln, 2018, S. 74.
Nach Auffassung Schneiders finden sich in der Filmgeschichte viele Belege dafür, dass Wagners Einschätzung korrekt war. Das reiche vom Überspielen technischer Mängel mit Filmmusik „bis zur Faustregel“, ein Film verlange umso mehr nach Musik, je „phantastischer“ und „märchenhafter“ sein Sujet sei. Einige Filmemacher beschleiche die Angst, die Musik lenke von den Bildern ab. Am Ende des Films kenne der Zuschauer die von Wagner ausgemalte seelische Befindlichkeit. Es sei nicht einfach, „ruhig nach Hause“ zu gehen und in „das Geleis einer Lebensgewohnheit“ zurückkehren, aus der „er sich undenklich weit herausgerissen empfand.“Enjott Schneider: Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. Kommunikation audiovisuell. Bd. 13. Herbert von Halem Verlag, Köln, 2018, S. 74–75. Schneider spricht von „der lustvollen Regression“, die für viele Zuschauer ein Faszinosum sei und dazu führe, erneut ins Kino zu gehen und weitere Filme zu genießen. Der Reiz einer aus klanglichen und bildlichen Ur-Symbolen bestehenden Sprache verbinde den Film mit der Oper.Enjott Schneider: Handbuch Filmmusik I. Musikdramaturgie im Neuen Deutschen Film. Kommunikation audiovisuell. Bd. 13. Herbert von Halem Verlag, Köln, 2018, S. 75.
Einige der technischen Neuerungen Wagners nahmen Mittel und Effekte des Films vorweg. Nach dem Ende einer Aufführung im Festspielhaus schien es Eduard Hanslick, als würde er „ein farbglänzendes Bild in dunklem Rahmen“ wie in einem Diorama sehen. Die Klänge des Orchesters, das sich im „mystischen Abgrund“ befindet und den Blicken verborgen bleibt, bewegen sich durch den Raum, als kämen sie von Lautsprechern. Es war zwar nicht gänzlich neu, den Zuschauerraum zu verdunkeln, fühlte sich in Verbindung mit den tiefen Klängen am Anfang des Rings aber außergewöhnlich an. Friedrich Kittler führte die „Finsternisse“ der Kinosäle auf die Finsternis des Festspielhauses zurück.Alex Ross: Walkürenritt. Wagner im Film: Von „The Birth of a Nation“ bis „Apocalypse Now“. In: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Rowohlt, Hamburg 2021, S. 659. Zu den technischen Innovationen gehörte die Projektion der reitenden Walküren mit der Laterna magica. Der elektrisch leuchtende Gral und die beweglichen Panoramadarstellungen beim Weg zum Gralstempel im Parsifal waren weitere Spezialeffekte. So Alex Ross: Walkürenritt. Wagner im Film: Von „The Birth of a Nation“ bis „Apocalypse Now“. In: Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne. Rowohlt, Hamburg 2021, S. 659–660.
Die Rezeption bezog sich überwiegend auf Wagners Doppelbegabung als Komponist und Schriftsteller. Dabei wurde oft übersehen, dass er als Regisseur seine eigenen Werke inszenierte. In zahlreichen begleitenden Schriften ging es ihm um die Frage, wie sein Werk szenisch verwirklicht werden konnte. Während des Schaffensprozesses arbeitete er kontinuierlich an Sprache, Musik und dramatischer Gebärde, deren Wirkung er durch den Vortrag von Sängern und Sprechern überprüfte. Wie Martin Knust ausführt, kann man sein Ideal als das des „lebenden Films“ bezeichnen. Bei den Szenen achtete Wagner vor allem auf die Gesten und Bewegungen der Sänger, die er mit ihnen einstudierte, während ihm Kostüme und Bühnenbilder weniger wichtig waren. In seiner Regiearbeit verband er die Instrumentalmusik mit der Körpersprache. Wie im Film ging es ihm darum, Gesten mit seiner Musik zu synchronisieren, die über weite Strecken als szenisch charakterisiert werden kann.Martin Knust: „hier hört man klopfen“ – Wagners Werke als Vorläufer des Filmsoundtracks. In: Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich, Hans-Joachim Hinrichsen et al. (Hrsg.): Wagnerspectrum: Schwerpunkt: Wagner im Film. Königshausen und Neumann, Würzburg 2022, Kindle-Version.
In den frühen Filmen wie im Kino der Gegenwart wird der erste Auftritt einer Figur häufig musikalisch begleitet, wodurch der Rezipient etwas über ihren Charakter erfährt. Wenn es sich nicht um diegetische Musik handelt, also nur die Zuschauer, nicht aber die Filmfiguren die Musik hören, reichen dafür of wenige Klänge. Beim ersten Auftritt der Helden machte Wagner den Darstellern oft Vorgaben zum Tempo der Schritte und Gesten. Mit dem Film vergleichbar gibt es in Wagners Opern neben dem Gesang und der Instrumentalmusik auch Geräusche.Martin Knust: „hier hört man klopfen“ – Wagners Werke als Vorläufer des Filmsoundtracks. In: Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich, Hans-Joachim Hinrichsen et al. (Hrsg.): Wagnerspectrum: Schwerpunkt: Wagner im Film. Königshausen und Neumann, Würzburg 2022, Kindle-Version.