mini|Aineta-Aryballos Der sogenannte Aineta-Aryballos () ist ein antiker griechischer Aryballos (ein kleines, kugelförmiges Gefäß) aus der Zeit zwischen 625 und 570 v. Chr. Das Gefäß wurde im Gebiet der antiken Stadt Korinth gefunden. Es misst ca. 6,35 cm in der Höhe und im Durchmesser und diente der Aufbewahrung von parfümiertem Öl oder Salbe und gehörte wahrscheinlich einer Hetäre mit dem Namen Aineta. Eine Zeichnung auf dem Henkel ist möglicherweise ihr Porträt. Der illegale Verkauf der Vase an das British Museum 1865 führte zur strafrechtlichen Verfolgung ihres Verkäufers, des Athener Professors und Kunsthändlers Athanasios Rhousopoulos. Dadurch wurde seine umfangreiche Beteiligung am illegalen Antikenhandel aufgedeckt.
Die Vase trägt ein Porträt und man geht allgemein davon aus, dass es sich um das einer Frau und vermutlich um das der Aineta handelt, die in der Inschrift auf der Vase namentlich genannt wird. Unter dem Porträt stehen die Namen von neun Männern, wohl Ainetas Verehrer oder Liebhaber. Der Aineta-Aryballos wurde wahrscheinlich in einem Grab gefunden, vermutlich in dem der Aineta.
Laut Rhousopoulos wurde er um 1852 in Korinth entdeckt. 1877 ließ Panagiotis Efstratiadis, der Generalephoros der Altertümer und Leiter des griechischen Archäologischen Dienstes (), Rhousopoulos zu einer Geldstrafe verurteilen, weil er die Vase entgegen griechischem Recht verkauft hatte. Yannis Galanakis bezeichnete den Fall 2012 in einem Artikel als „Meilenstein im Schmuggel griechischer Altertümer“, da er einen relativ seltenen erfolgreichen Einsatz staatlicher Macht gegen den illegalen Handel mit antiken griechischen Artefakten darstelle.
Beschreibung Der Aineta-Aryballos ist aus gelblichem Ton hergestellt.Athanasios S. Rhousopoulos: Sopra un vasetto corinzio con iscrizioni d’un carattere antichissimo. In: Annali dell’Instituto di Corrispondenza Archeologica. Bd. 34, 1862, S. 46–56. Es handelt sich um eine kleine Vase mit einem kugelförmigen Körper und einem scheibenförmigen Hals, die durch einen Henkel verbunden sind. Der gesamte Aryballos ist ca. 6,35 cm hoch und hat auch diesen Durchmesser. Sein flacher Boden ermöglicht es, dass das Gefäß eigenständig steht. Die Öffnung des Gefäßes hat einen Durchmesser von ca. 8 mm, die Mündung misst ca. 4,2–4,8 cm im Durchmesser. Der Henkel ist 3 cm breit und 2,5 cm hoch und verjüngt sich leicht nach unten. Die Vase selbst wurde auf der Töpferscheibe in zwei Teilen geformt – dem kugelförmigen Körper und dem scheibenförmigen Hals –, die anschließend miteinander und mit dem Henkel verbunden wurden.
Athanasios Rhousopoulos, Professor an der Universität Athen,Yannis Galanakis: Doing Business: Two Unpublished Letters from Athanasios Rhousopoulos to Arthur Evans in the Ashmolean Museum, Oxford. In: Donna Kurtz, Caspar Meyer, David Saunders, Athena Tsingarida, Nicole Harris (Hrsg.): Essays in Classical Archaeology for Eleni Hatzivassiliou 1977–2007. British Archaeological Reports, Oxford 2008, S. 29. veröffentlichte 1862 die erste Beschreibung des Aryballos, in der er ihn als „eher grob, aber sorgfältig gereinigt“ beschrieb. In seiner ersten Publikation verglich Rhousopoulos ihn mit einer Quitte; später beschrieb er ihn als „etwa so groß wie ein Apfel“.Yannis Galanakis: University Professor – Antiquities Looter? In: Center for Hellenic Studies Research Bulletin. Harvard University 2012-10-31.
Aryballoi sind kleine, kugelförmige Fläschchen oder Vasen, die typischerweise zur Aufbewahrung kleiner Mengen parfümierter Öle oder Salben dienten.Jeffrey M. Hurwit: Artists and Signatures in Ancient Greece. Cambridge University Press, Cambridge 2015, ISBN 978-1-316-22645-2, S. 157. Rhousopoulos vermutete, dass die Vase ein Geschenk ihrer Liebhaber an eine hochrangige Hetäre namens Aineta gewesen sein könnte oder vielleicht als Grabbeigabe in ihrem Grab deponiert wurde. Diese Idee stammt laut Rhousopoulos von dem deutschen Archäologen Otto Jahn. Zur Stützung dieser letzteren Hypothese führte Rhousopoulos den hervorragenden Erhaltungszustand der Vase sowie das Fehlen jeglicher nachträglicher Inschriften (wie der auf attischen Vasen üblichen Kalos-Inschrift) an, die darauf hindeuteten, dass sie nie benutzt worden war. Matthias Steinhart und Eckhard Wirbelauer schrieben 2000, dass sie allgemein als Geschenk angesehen werde;Matthias Steinhart, Eckhard Wirbelauer: Par Peisistratou: Epigraphische Zeugnisse zur Geschichte des Schenkens. In: Chiron. Bd. 30, 2000, S. 266. Rudolf Wachter stimmte 2001 Rhousopoulos’ Einschätzung zu, dass die Vase wahrscheinlich ein „Liebesgeschenk“ gewesen sei.Rudolf Wachter: Non-Attic Greek Vase Inscriptions. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 978-0-19-814093-1, S. 48.
Dekoration und Datierung Körper und Mündung der Vase sind mit Rosetten verziert. Rhousopoulos hielt die Mündung mit ihrem blütenartigen, zentrierten Motiv für den schönsten Teil der Vase und schrieb: „Hier erkennen wir einen wahrhaft griechischen Geschmack“. Diesem stellte er die Verzierung des Vasenkörpers gegenüber, wo er urteilte: „Wir befinden uns sogleich in unbekannten Regionen Asiens: prachtvoll,… aber fremd und exotisch“.: Fritz Lorber beschrieb die gesamte Vase 1979 als „von nicht besonders hoher Qualität“.Fritz Lorber: Inschriften auf korinthischen Vasen. Gebr. Mann, Berlin 1979, ISBN 978-3-7861-1180-1, S. 29.
Die Vase wurde in der Stadt Korinth hergestellt und gehört zur korinthischen Vasenmalerei.Dyfri Williams: Greek Vases. British Museum Press, London 1999, ISBN 0-7141-2138-X, S. 139. Aufgrund ihrer Verzierung datierte Rhousopoulos die Vase auf die 30. Olympiade (660–656 v. Chr.), was den Aineta-Aryballos zur ältesten bekannten beschrifteten korinthischen Vase machen würde, und sie in die Periode Mittelprotokorinthische II (Middle Protocorinthian II) eingeordnet hätte.Eleni Hasaki: Potters at Work in Ancient Corinth: Industry, Religion and the Penteskouphia Pinakes. American School of Classical Studies at Athens, Princeton 2021, ISBN 978-0-87661-553-9, S. 78 Tabelle 3.4; Darrell A. Amyx: Corinthian Vase-Painting of the Archaic Period. II: Commentary: The Study of Corinthian Vases (= California Studies in the History of Art. Bd. 25). University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1988, ISBN 0-520-03166-0, S. 399, 428. Die Datierung ist seither umstritten: In seiner 1931 erschienenen Arbeit über korinthische Keramik datierte Humfry Payne sie anhand der in der Inschrift verwendeten Buchstabenformen auf etwa 625 v. Chr., eine Einschätzung, die 1961 von Lilian Hamilton Jeffery bestätigt wurde.Lilian Hamilton Jeffery: The Local Scripts of Archaic Greece. Oxford University Press, Oxford 1961, ISBN 978-0-19-814061-0, S. 125. 131.Rudolf Wachter: Non-Attic Greek Vase Inscriptions. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 978-0-19-814093-1, S. 47. 1979 argumentierte Fritz Lorber, Paynes Datierung sei zu früh: Er ordnete die Vase jenen der frühkorinthischen Periode (620/615–595/590 v. Chr.) zu.Fritz Lorber: Inschriften auf korinthischen Vasen. Gebr. Mann, Berlin 1979, ISBN 3-7861-1180-4, S. 28–30. und schrieb, die Buchstabenformen wiesen Merkmale auf, wie beispielsweise die schlangenartige Form des Buchstabens Iota, die für Inschriften des 6. Jahrhunderts v. Chr. charakteristisch seien. Darrell A. Amyx schlug 1988 vor, sie in die mittelkorinthische Periode (595/590–570 v. Chr.) zu datieren, eine Ansicht, die von Wachter unterstützt wurde.Darrell A. Amyx: Corinthian Vase-Painting of the Archaic Period. II: Commentary: The Study of Corinthian Vases (= California Studies in the History of Art. Bd. 25). University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1988, ISBN 0-520-03166-0, S. 561; Rudolf Wachter: Non-Attic Greek Vase Inscriptions. Oxford University Press, Oxford 2001, S. 47.
Inschrift mini|alt=Strichzeichnung des Aryballos, welche die Verzierungen und die Inschrift zeigt. Das Profil eines Frauenkopfes mit vorstehender Nase und Lockenzöpfen ist sichtbar, sowie zahlreiche Namen in griechischer Schrift. Die weiteren Verzierungen sind durch Wellenmuster und verschiedenartige geometrische Schraffuren angedeutet.|Strichzeichnung des Aryballos, welche die Verzierungen und die Inschrift zeigt. Der Henkel der Vase trägt die Zeichnung eines Frauenkopfes, darunter, auf dem Vasenkörper, eine Liste mit neun Männernamen. Die Namen lauten „Meneas“ (Menneas), „Theron“, „Myrmidas“, „Eudikos“, „Lysandridas“, „Kariklidas“, „Dexilos“, „Xenwon“ und „Phryx“. Sie werden voneinander und vom Porträt durch drei Trennlinien separiert. Ähnliche Frauenporträts sind auf anderen korinthischen Vasen dieses Typs üblich.Beth Cohen: The Colors of Clay. Special Techniques in Athenian Vase Painting. J. Paul Getty Trust, Los Angeles 2006, ISBN 978-0-89236-942-3, S. 152 (getty.edu). Alle Namen sowie die Zeichnung wurden zur Zeit der Vasenherstellung eingraviert. Die Schrift ist in korinthischem Alphabet gehalten.Georg Simon Gerleigner: Tracing Letters on the Eurymedon Vase: On the Importance of Placement of Vase-Inscriptions. In: Dimitrios Yatromanolakis (Hrsg.): Epigraphy of Art: Ancient Greek Vase-Inscriptions and Vase-Paintings. Archaeopress, Oxford 2016, ISBN 978-1-78491-486-8, S. 179.
Vom Mund des Frauenporträts fließt die Inschrift Aineta emi () herab: Das Wort emi bedeutet „Ich bin“, und Aineta ist ein Name, der „die Berühmte“ oder „die Gepriesene“ bedeutet. Es wird allgemein als FrauennameSteinhart und Wirbelauer halten es für möglich, dass Aineta sowohl ein männlicher als auch ein weiblicher Name sein könnte, gehen aber davon aus, dass es sich, falls es in der Nominativform steht, höchstwahrscheinlich um den Namen der dargestellten weiblichen Figur handelt. Matthias Steinhart, Eckhard Wirbelauer: Par Peisistratou: Epigraphische Zeugnisse zur Geschichte des Schenkens. In: Chiron. Bd. 30, 2000, S. 267; Sonia Klinger: Women and Deer: From Athens to Corinth and Back. In: John H. Oakley Olga Palagia (Hrsg.): Athenian Potters and Painters II. Oxbow Books, Oxford 2009, ISBN 978-1-84217-350-3, S. 100–107, hier S. 167. Zur wahrscheinlichen Geschlechtszugehörigkeit von Aineta siehe auch Margherita Guarducci 1978, die es aufgrund des Kontextes in der Inschrift und Parallelen zu ähnlichen Texten für einen Frauennamen hält.Margherita Guarducci: Ancora di epigrafi greche arcaiche: III. In: Rendiconti della Classe di Scienze Morali, Storiche e Filologiche dell’Accademia dei Lincei. Bd. 33, 1978, S. 400. Wahrscheinlich ist es der Name einer Hetäre, da die gängige Praxis war, selbstbeschreibende „sprechende Namen“ zu führen. Gelehrte diskutieren, ob Aineta im Nominativ oder Genitiv steht: Im ersten Fall bedeutet die Inschrift „Ich bin Aineta“, im zweiten Fall „Ich gehöre Aineta“. Wachter und Guarducci argumentieren für die Lesart im Nominativ, da die Worte vom Mund des Porträts herabfließen, als ob sie dessen Rede darstellten. Dies ist das früheste bekannte Beispiel einer Redeinschrift auf griechischer Keramik; sie wurden im 6. Jahrhundert v. Chr. recht verbreitet.Georg Simon Gerleigner: Tracing Letters on the Eurymedon Vase: On the Importance of Placement of Vase-Inscriptions. In: Dimitrios Yatromanolakis (Hrsg.): Epigraphy of Art: Ancient Greek Vase-Inscriptions and Vase-Paintings. Archaeopress, Oxford 2016, S. 179–180.