Das Handelshaus Pelloutier war ein Familienunternehmen mit Sitz in Lyon, Frankreich, Leipzig, Sachsen, St. Petersburg, Russland und Nantes, Frankreich.
Das Handelshaus wurde von Mitgliedern der Familie über mehrere Generationen von etwa 1623 bis etwa 1855 geleitet.
Handelshaus Jean Pelloutier in Lyon und Leipzig (1623 bis 1698) Das erste namentlich bekannte Mitglied der Familie war Jean Pelloutier (* ca. 1663 in Lyon; † etwa 1697 oder 1698 in Leipzig), dessen Vorfahren entstammten einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Jausiers in Südfrankreich, die ursprünglich der waldensischen Glaubensrichtung angehörte. Er war zunächst in Lyon (nach 1623) als Kaufmann tätig und floh wegen der Verfolgung der Hugenotten in Frankreich nach Leipzig in Deutschland.Henri Tollin: Geschichte der französischen Colonie von Magdeburg, Bd. 1, Jubiläumsschrift, Halle 1886, S. 596 ff., digitalJohann Christoph Strodtmann: Geschichte des Herrn Simon Pelloutier, in: Das neue gelehrte Europa: 16. Theil, Bände 9–12, 1756, S. 882 ff., digital:
In Leipzig gehörte Pelloutier zu den ersten Refugies, die als Kaufleute tätig waren. Es wird vermutet, dass er bereits im Jahr 1685 nach Leipzig gekommen ist. Jedenfalls war er bereits 1689 als Kaufmann etabliert, da er in einem Gerichtsverfahren wegen etwaiger, damals verbotenen Geschäfte mit Frankreich vernommen wurde. Nachher muss er mit Philipp DumontÜber Philippe Dumont ist fast nichts bekannt, aber er soll die Hugenottengemeinde in Leipzig gegründet haben und als Kaufmann und Bankier „Am Marckte“ residiert haben. (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Transport of goods from the Netherlands to Dresden S. 55, digital) als Kompagnon verbunden gewesen sein, da in einem weiteren Verfahren im Jahre 1693 die Handelsfirma "Pelloutier und Dumont beteiligt war. Jean Pelloutier soll vor dem Dezember 1695 gestorben sein.Albrecht Kirchhoff, Geschichte der reformirten Gemeinde in Leipzig von ihrer Begründung bis zur Sicherung ihres Bestandes 1700-1725, 1874, S. 27 und 48 ff., digital
Ein Sohn aus der im Jahre 1694 in Leipzig geschlossenen Ehe mit Françoise Claparède (Clapareste) (* 1772–1727 in Berlin), der Tochter des reichen Hamburger Kaufmanns Claparède, der aus dem Languedoc stammte, war Jean-Barthélémy Pelloutier. Der Vater Jean starb etwa 1697 oder 1698, sodass seine Ehefrau allein für die Erziehung von Jean Barthélémy und seines Bruders Simon Pelloutier (* 1694) sorgen musste. Jean-Barthélémy Pelloutier gelangte dann nach Berlin und wird bei seiner Hochzeit als Kaufmann bezeichnet. Wann er mit dieser Tätigkeit begonnen hat, ist nicht bekannt.
Jean-Barthélémy Pelloutier, Mitinhaber der Fa. Firma Pelloutier in St. Petersburg (1724 bis ca. 1735)
Familie Kenntnis von Jean-Barthélémy Pelloutier bekommen wir erst durch seine Heirat. Im Buch von Markus A. Denzel,Markus A. Denzel, Der Preiskurant des Handelshauses Pelloutier & Cie aus Nantes : (1763–1793), 1997, S. 14–54, Auszugsansichten können im Internet gesehen werden, " digital befindet sich auf S. 22 der Stammbaum der Familie Pelloutier. Danach heiratete er am 28. Mai 1722 in Berlin Charlotte Jassoy (1700–1739)."Deutschland, ausgewählte evangelische Kirchenbücher 1500-1971", FamilySearch : Wed Nov 13 03:20:54 UTC 2024, Entry for Jean Barthelemy Pelloutier and Jean Pelloutier, 28 May 1722 digital In der Kirchenbucheintragung werden Jean Pelloutier und Francoise Claparede als seine Eltern angegeben.
Weitere Angaben zu seiner Familie finden wir in der Lebensbeschreibung des Bruders von Heinrich von Béguelin (1765–1818), Friedrich Wilhelm Heinrich v. Béguelin (1768–1828) von Karl Heinz Gerlach.Karl Heinz Gerlach, Lebensläufe Zeitläufte Freimaurer im Alten Preußen 1738-1815, 2024, e-book Danach war Jean-Barthélémy Pelloutier der spätere Schwiegervater des Nikolaus von Béguelin, Erzieher des preußischen Thronfolgers und späteren Königs Friedrich Wilhelm II in Berlin. Diese Beziehung zum preußischen Königshaus war sicherlich förderlich für Entwicklung der Geschäfte der folgenden Generationen der Familie Pelloutier. König Friedrich Wilhelm II hatte aus Zuneigung und Dankbarkeit seinem Erzieher Béguelin das Rittergut Lichterfelde (heute Ortsteil von Berlin) geschenkt. Zu dieser Zeit war Béguelin verheiratet mit der Tochter aus der Ehe Pelloutier/Jassoy, Marie-Catherine Pelloutier (* 1733 in St. Petersburg; † 1794 in Berlin).
Aus der Ehe Pelloutier/Jassoy entstammte, wie sich aus dem Stammbaum von Markus a. Denzel ergibt, weiterhin der etwa 1729/1730 geborene Jean Ulrich Pelloutier.
Gründung des Unternehmens durch Barthelemy Pelloutier als Mitinhaber Nach den Angaben von Raphael DammerRaphael Dammer, Ausgewählte Familien und Personen, Jean Barthelemy Pelloutier, unter Bezugnahme auf KB Berlin, Friedrichstadt (frz.-ref.), Taufen 1721-1730, archion.de / ancestry.de, S. 133 und KB Berlin, Friedrichstadt (frz.-ref.), Taufen 1730-1736, ancestry.de / archion.de, S. 221, digital arbeitete Jean-Barthélémy Pelloutier bei seiner Heirat im Jahre 1722 als Kaufmann in Berlin und 1726/1733 in St. Petersburg ebenfalls als Kaufmann. Er war aber schon 1724 in St. Petersburg. und stellte sein Haus für die französisch-reformierte Kirchengemeinde zur Verfügung.Edward von Muralt: Chronik der vereinigten Französischen und Teutschen reformirten Gemeinde in St Petersburg, 1842, S. 11, digitalHenri Tollin: Geschichte der französischen Colonie von Magdeburg, 1894 S. 311, digitalHermann Dalton: Zur Geschichte der evangelischen Kirche in Russland, 1893, S. 56, digital Pelloutier gehörte nach AmbergerErik Amburger: Fremde und Einheimische im Wirtschafts- und Kulturleben des neuzeitlichen Russland: ausgewählte Aufsätze, S. 255, digitaler Auszug bereits zum „ersten Kontrakt holländischer Kaufleute“ in St. Petersburg v. 20. Dezember 1722.
Im Jahre 1726 bestand in St. Petersburg ein lebhafter Buchhandel mit Westeuropa, an dem sich Pelloutier als Buchhändler beteiligte.Helmut Grasshoff: Antioch Dmitrievič Kantemir und Westeuropa: Ein Russischer Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und Seine Beziehungen Zur Westeuropäischen Literatur und Kunst, E-Book, Deutsch, 1966, S. 64, digital
Pelloutier wird als herausragende Persönlichkeit geschildert, der im Namen der Berliner Kaufmannsgesellschaft handelte, die in der Zeit zwischen den 1720er Jahren und 1730 in scharfem Wettbewerb mit den britischen Händlern das Exklusivrecht für die Lieferung von Stoffen für die russische Armee besaß.Victor N Zakharov, Gelina Harlaftis, Olga Katsiardi-Herin: Merchant Colonies in the Early Modern Period, 2015, S. 116 Die S. 116 ist leider im Internet nicht mehr lesbar
Eintritt von Ulrich Kühn in das Handelshaus Pelloutier, Krusemark & Co (1730) 1730 wurde der Schweizer Ulrich Kühn Mitinhaber des Handelshauses Pelloutier, Krusemark & Co.E. Amburger, K. Zernack: (1982). Fremde und Einheimische im Wirtschafts- und Kulturleben des neuzeitlichen Russland: ausgewählte Aufsätze, S. 248, digital Auszug Dies war wohl der erste Kontakt der Familie mit dem preußischen Königshaus.
Über den Firmenmitinhaber Krusemark ist nichts Näheres bekannt. Nachdem Jean Barthélemy Pelloutier verstorben war, heiratete Ulrich Kühn dessen Witwe Charlotte Jassoy in St. Petersburg im Jahre 1736. Er führte das Unternehmen nach dem Tode von Pelloutier unter Beibehaltung der Firma fort.
Ernennung von Ulrich Kühn zum preußischen Konsul und Kommerzienrat (1742) Erst 1742 gelang es dem König Friedrich der Große (1740–1786) die Anerkennung preußischer Agenten und Kommerzienräte für St. Petersburg und Moskau zu erreichen. Erste Amtsinhaber waren ortsansässige Kaufleute, in Moskau Hermann Adolf Boltenhagen und in St. Petersburg der Gesellschafter der Pelloutier, Krusemark & Co, Ulrich Kühn.Harry D. Schurdel: Fachbereich Jura Freie Universität Berlin, Diplomatie & Geschichte, preußische Konsuln in Russland 1726 bis 1914, Das Empfehlungsschreiben des preußischen Gesandten Axel von Mardefeld in Moskau vom 24. Februar 1742, (GStA PK, I. HA Rep. 9 Allgemeine) an den preußischen König ist erhalten.Jörg Ulbert und Gérard Le Boutdec: La fonction consulaire à l'époque moderne, L'Affirmation d'une institution économique et politique (1500–1800), 2006 S. 327, Fußnote 47, unter Bezugnahme auf GStA PK, I. HA Rep. 9 Allgemeine Verwaltung, Z Lit. E 2, Fasz. 5, fol. 10г. digital
Beziehung der Familien Pelloutier/Kühn zum preußischen Königshaus Ulrich Kühn heiratete die verwitwete Charlotte Pelloutier geb. Jassoy 1735 in St. Petersburg und bekam als weiteres Kind Hedwig Charlotte Kühn (1739 in St. Petersburg – 1817 in Berlin), die am 26. Oktober 1761 in Berlin Pierre Jérémie HainchelinZur Familie Hainchelin und ihren verwandtschaftlichen Verhältnissen zu den Familien Pelloutier und Béguelin wird verwiesen auf: Annette Winkelmann, Verheiratet, verschwägert, verschwippschwägert. Die Berliner Familien Gilly, Hainchelin und Gentz, Mit einem ausführlichen genealogischen Anhang, 2024, S. 5 f. und 51 ff., eingeschränkte Leseprobe heiratete. Dieser war bis zum Tod des Prinzen von Preußen August Wilhelm von Preußen (1722–1758) dessen Sekretär und hatte ein vertrauensvolles Verhältnis. zu ihm. Der Kronprinz starb vor seinem Bruder Friedrich dem Großen, sodass der Sohn von August, Friedrich Wilhelm II, KönigFür Friedrich Wilhelm II war Nikolaus von Béguelin von seinem Onkel Friedrich dem Grossen als Erzieher bestellt worden. Die Ehefrau von Nikolaus von Béguelin, der ein sehr enges Vertrauensverhältnis zum Prinzen und späteren König hatte, war Marie Catherine Pelloutier (1733–1794), die Tochter aus der Ehe Jean-Barthélémy Pelloutier-mit Charlotte Pelloutier geb. Jassoy. Charlotte war die leibliche Schwester des Jean Ulrich Pelloutier, der später in Nantes die Firma fortgeführt hat als Nachfolger von Friedrich dem Großen von Preußen wurde. Auch Hainchelin, der mit der Stiefschwester von Jean Ulrich Pelloutier verheiratet war, war als „Geheimer Kriegsrat“ im IV. Departement des General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Directorium tätig und hatte damit weiterhin engen Kontakt zu dem König.
Handelshaus Kuster & Pelloutier in Nantes (spätestens seit 1663 bis 1776/77)
Gründung und Aufbau des Unternehmens Wann das Unternehmen Pelloutier in St. Petersburg aufgelöst wurde, ist nicht bekannt. Kühn starb 1757 im Alter von 67 Jahren in Berlin. Sein Stiefsohn Jean-Ulrich Pelloutier war seit 1749 in Nantes ansässig. Er war damals etwa 19 Jahre alt und hatte sicherlich bei einem seinem Stiefvater die kaufmännische Tätigkeit kennen gelernt, wollte aber wohl in die Heimat seiner Vorväter zurückkehren, nachdem nach 1735 hatte eine Rückwanderung französischer Hugenotten nach Frankreich eingesetzt hatte. Nach Denzel (S. 23) wollte er sicherlich die größere Gewinnchancen durch den französischen Atlantischen Dreieckshandel und dem sich anschließenden Reexport der Kolonialwaren nach dem Norden Europas nutzen.
Pelloutier traf dort auf den Kaufmann André Gottlieb Kuster, der ebenfalls aus Deutschland nach Nantes ausgewandert war. Beide Kaufleute werden in den Registern der reformierten Gemeinde in Nantes in den Jahren ab 1751 mehrfach verzeichnet. Spätestens seit 1763 betrieben Pelloutier und Kuster ein Handelshaus unter der Firma Kuster & Pelloutier. Das Handelshaus Kuster & Pelloutier handelte vorrangig mit Kolonialwaren, Farbstoffen, bretonischem Salz und Weinen der näheren und weiteren Loire-Region. Dazu gab es einen gedruckten Preiscourant heraus, der als ältester und zugleich einziger Beleg für die Existenz dieses Handelshauses in den 1760er Jahren anzusehen ist. Der Preiscourant vermittelte ihren Kunden in den Niederlanden, Hamburg oder im Ostseeraum eine Übersicht über ihr Warenangebot und ihre Preise.
mini|Indienne, Textilmuseum von Wesserling, Elsass (Frankreich).