Der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) war eine separatistische und militante Organisation der deutschen Volksgruppe Südtirols, die vom Ende der 1950er bis zum Ende der 1960er Jahre operierte. In der Anfangsphase konzentrierten sich die Aktivitäten auf die Sprengung von symbolträchtigen Objekten und von Infrastruktur, später verlagerten sie sich auf Attentate auf italienische Sicherheitskräfte.

Das ursprüngliche Ziel der um die Mitte der 1950er Jahre von Sepp Kerschbaumer und acht Mitstreitern gegründeten BAS war das Selbstbestimmungsrecht für die Südtiroler Bevölkerung. 1969 stellte die Organisation ihre Aktivitäten ein. Mindestens 14 oder 15 Angehörige der italienischen Behörden verloren nach staatlicher Darstellung durch Anschläge ihr Leben, wobei in mehreren Fällen die Urheberschaft des BAS umstritten ist; sehr viele weitere Militärangehörige, Polizisten und Zivilisten kamen auf indirekte Weise ums Leben oder wurden verletzt. Auf Seiten der Südtiroler Attentäter gab es ebenfalls etliche Todesopfer und Verwundete, manche als Folge von Folterung durch die italienischen Staatsorgane.

Vorgeschichte Südtirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg vom Königreich Italien annektiert. Die 1922 an die Macht gekommene faschistische Regierung forcierte die Italianisierung der Region, die im Verbot der Muttersprache bis hin zur zwangsweisen Übersetzung der Namen gipfelte. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem ersten Autonomiestatut von 1948 wurde eine Majorisierungspolitik weiterverfolgt: Den überwiegend in der Landwirtschaft tätigen deutschsprachigen Südtirolern wurde die Lebensgrundlage entzogen, der Zugang zur Arbeit in den italienischen Industriebetrieben erschwert und der Bezug von staatlichen Sozialwohnungen verwehrt. Letztere wurden in den Fünfzigerjahren in großer Zahl gebaut, aber nur den zugewanderten Italienern zur Verfügung gestellt. Dies führte auch zur Abwanderung von deutschsprachigen Südtirolern ins Ausland.

Überblick Nach einigen Flugblattaktionen (u. a. auf Schloss Sigmundskron), die von Sepp Kerschbaumer organisiert wurden, wurde ab 1958 Sprengstoff beschafft, teils aus Nordtirol, teils aus Italien, wahrscheinlich auch aus der Bundesrepublik Deutschland.Spiegel Online vom 10. März 2013: Sechziger Jahre: Frühere SS-Mitglieder bildeten eigenen Nachrichtendienst (zuletzt geprüft am 10. März 2013). 1959/60 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südtiroler Akteuren um die Vorherrschaft im BAS, wobei sich vorläufig der Südtiroler Teil behaupten konnte, da Aktivisten aus Nordtirol nach Sprengstoff- und Waffenfunden festgenommen worden waren. Zu Beginn der gewaltsamen Aktivitäten war das oberste Gebot der BAS-Aktivisten, vorläufig Menschenleben um jeden Preis zu schonen; einige Aktivisten wie Fritz Molden, Gerd Bacher und Georg Klotz dachten jedoch schon früh an die Führung eines Partisanenkrieges – im Gegensatz zum später hervortretenden Innsbrucker Universitätsassistenten Norbert Burger, der zunächst eher der Linie Kerschbaumers anhing und vorläufig eine Kleinkriegführung als unrealistisch ansah. Die Anschläge der Gruppe richteten sich daher zunächst gegen Sacheigentum mit symbolischem Gehalt, wie etwa Hochspannungsmasten – über die die Industrie Norditaliens elektrische Energie erhielt –, Sozialwohnbauten für zuziehende Italiener und Denkmäler aus der Zeit des Faschismus wie das Bozner Siegesdenkmal und die italienischen Ossarien des Ersten Weltkrieges. Trotzdem wurde während der sogenannten Feuernacht der Straßenwärter Giovanni Postal getötet, als er eine fehlgezündete Bombe fand und diese detonierte.

Die Gründung des BAS steht in engem Zusammenhang mit der unzureichenden Umsetzung des Gruber-De-Gasperi-Abkommens aus dem Jahr 1946, in welchem der deutschen Sprachgruppe Südtirols seitens der italienischen Zentralregierung autonome Grundrechte und weitgehende Selbstverwaltung zugestanden worden waren. Der staatlich geförderte laufende Zuzug italienischer Arbeitsmigranten, das schwindende Vertrauen in den Erfolg einer diplomatischen Lösung und eine deutschnationale Gesinnung bestärkten die numerisch kleine Gruppe des BAS in ihrem Vorhaben, mit Hilfe von Bombenanschlägen eine Lösung Südtirols von Italien und eine Wiedervereinigung mit dem österreichischen Ost- und Nordtirol zu erzwingenEin Prozeß der Anachronismen. In: Die Zeit, Nr. 50/1963. (siehe Geschichte Südtirols).

Nach Aussagen des Aktivisten Rigolf Hennig setzte sich der frühe BAS aus drei Gruppen zusammen. Einheimische Süd- und Nordtiroler bildeten die erste Gruppe. Die zweite stellten die Deutschnationalen unter der Führung Norbert Burgers, hauptsächlich bundesdeutsche und österreichische Burschenschafter, so etwa Heinrich Bünger aus Köln.Traudl Bünger: Eisernes Schweigen. Das Attentat meines Vaters – eine deutsche Familiengeschichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024, ISBN 978-3-462-00490-8. Die dritte setzte sich aus ehemaligen österreichischen Widerständlern gegen den Nationalsozialismus wie etwa Helmut Heuberger zusammen. Hennig zufolge befanden sich unter den BAS-Aktivisten auch diverse ehemalige Soldaten der Waffen-SS und der Spezialeinheit Brandenburg.

Nach Inhaftierung der führenden BAS-Aktivisten infolge der Feuernacht wurden von verschiedenen Gruppen mit teils neonazistischem Hintergrund – wobei es sich hier zumeist um geheimdienstliche Spitzel und um entsprechende Provokationen handelte – bis in die späten 1980er Jahre deutlich brutalere Anschläge durchgeführt, die mehrere Menschenleben forderten. Die italienischen Behörden hatten ab 1961 ihrerseits zur Eskalation der Gewalt beigetragen. Schwere Folterungen von inhaftierten BAS-Aktivisten durch Carabinieri wurden von italienischen Gerichten großteils nicht geahndet, während die BAS-Aktivisten teils zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Infolge der Feuernacht begann zudem der italienische Geheimdienst SIFAR in Südtirol mit gezielten Provokationen das Klima der Spannung zu verschärfen, um die Verhandlungsposition der Südtiroler Volkspartei während der parallel laufenden Autonomieverhandlungen zu schwächen.

Geschichte

Erste Phase 1956–1961

Erste Anschläge von BAS-Mitgliedern erfolgten im September 1956. Eine zweite Serie von Anschlägen wurde im Januar 1957 durchgeführt.

Zweite Phase 1961/62

Mit dem Sprengstoffanschlag am 31. Januar 1961 in Waidbruck trat der BAS zum ersten Mal selbst aktiv in Erscheinung. Dabei wurde das faschistische Reiterstandbild „Al genio del fascismo“ (aus Aluminiumguss, 1938 errichtet, 1945 umbenannt in „Al genio del lavoro“ – Arbeitsgeist), der so genannte „Aluminium-Duce“, vor dem Wasserkraftwerk Waidbruck, von den Nordtiroler BAS-Mitgliedern Kurt Welser, Heinrich Klier und dem Südtiroler BAS-Mitglied Martl Koch gesprengt.Bild des „Aluminium-Duce“ (1961 vom BAS zerstört) in der italienischsprachigen Wikipedia.

Danach erfolgte ein Bombenanschlag auf das Haus von Ettore Tolomei in Montan, einer Symbolfigur der Italianisierung, ausgeführt von Josef Fontana.

Den Höhepunkt bildete die Feuernacht in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961. In Bozen und Umgebung wurden hierbei 42 Strommasten gesprengt.

In der so genannten kleinen Feuernacht in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1961 wurden acht weitere Strommasten gesprengt, um den Zugverkehr lahmzulegen.

In den folgenden Tagen wurden Sepp Kerschbaumer sowie 150 weitere Mitglieder des BAS verhaftet. Die Inhaftierten klagten über „brutale Methoden“ der italienischen Polizei und gaben an, gefoltert worden zu sein. Am 7. Januar 1962 verstarb – trotz Erster Hilfe durch Josef Sullmann – Anton Gostner in Haft.

Von italienischer Seite wurden die Folterungen dementiert: Man behauptete, die Häftlinge hätten sich die Verletzungen selbst zugefügt. Zehn Carabinieri wurden unter Anklage gestellt: acht davon wurden vom Oberlandesgericht Trient 1963 freigesprochen, zwei fielen unter eine inzwischen erlassene Amnestie. Der Prozess und das Urteil wurden vielfach kritisiert.„Es waren nur Schläge.“ Der „Carabinieri-Prozeß“ in Trient hat schlimme Folgen. In: Die Zeit, Nr. 36/1963, S. 6.

Am 28. November 1961 erneuerte die UNO-Vollversammlung ihre Südtirol-Resolution vom Oktober 1960, (PDF) Stand 10. Oktober 2010.United Nations, Resolution 1661; The Status of German-Speaking Element in the Province of Bolzano (Bozen). aber nicht in dem Ausmaß, welches der BAS für Südtirol erreichen wollte.

Am 16. Juli 1964 wurden 35 BAS-Mitglieder im sogenannten Mailänder Prozess schuldig gesprochen, hiervon jedoch 13 sofort begnadigt. Weitere 27 angeklagte BAS-Mitglieder wurden freigesprochen.

Die von italienischer Seite als milde angesehenen Urteile wurden ermöglicht, da der Präsident des Schwurgerichts, Gustavo Simonetti, auf Druck der Regierung Aldo Moro die Anklagepunkte „Anschlag auf die Einheit des Staates“ und „Anschlag auf die Verfassung“ fallen ließ und so der von der Staatsanwaltschaft geforderten lebenslangen Mindeststrafe die Grundlage entzog; dies wurde auch dadurch ermöglicht, dass Sepp Kerschbaumer zur Rettung der politischen Häftlinge von der Sezession abging und die Autonomie als Ziel bzw. als Zweck darstellte.

Sepp Kerschbaumer als Führer des BAS wurde zu 15 Jahren und 11 Monaten Gefängnis verurteilt und verstarb bereits frühzeitig (1964) in italienischer Haft. Luis Amplatz fiel am 7. September 1964 einem Mordanschlag des italienischen Agenten Christian Kerbler zum Opfer. Georg Klotz überlebte schwer verletzt und konnte zurück nach Österreich fliehen. Norbert Burger sowie drei weitere flüchtige österreichische Angeklagte wurden in Abwesenheit zu jeweils mehr als 20 Jahren verurteilt.

Dritte Phase 1963–1967

Ab 1963 und insbesondere 1964 kam es zu einer erheblichen Eskalation des Konflikts. Aufgrund der weitgehenden Ausschaltung der Gründergeneration des BAS, der zunehmenden staatlichen italienischen Repression und einer Annäherung der Südtiroler Volkspartei (SVP) unter Silvius Magnago und der Regierung Aldo Moro griffen die verbliebenen Mitglieder des BAS zu härteren Methoden. Nun traten auch vermehrt neonazistische und pan-germanistische Kreise in Erscheinung, die das ehemals oberste Gebot, die Schonung von Menschenleben, ins Gegenteil verkehrten und gezielt Mitglieder der staatlichen Organe zu attackieren begannen.

Nach zahlreichen Anschlägen und auch durch Feuerüberfälle in Südtirol gekennzeichneten Kämpfen fand 1963 in Trient ein Prozess gegen jene Carabinieri (Militärpolizei) statt, die der Folter an Südtirolern nach der „Feuernacht“ von 1961 beschuldigt waren. Durch Freisprüche der Carabinieri und zahlreiche Schuldsprüche im 1. Mailänder Prozess gegen die Südtirol-Aktivisten (Urteilsverkündung am 16. Juli 1964, mit teilweise langjährigen Haftstrafen), durch Verwundete und zahlreiche Verhaftungen von Südtirolern und Österreichern kam es zu einer Intensitätssteigerung der Kämpfe, die ab 1964 etliche Tote zur Folge hatte: zu Beginn der Carabiniere Vittorio Tiralongo in Mühlwald im Pustertal auf italienischer Seite, wobei dessen Tod durch Erschießung bis heute nicht endgültig geklärt werden konnte; kurz danach der Südtirol-Aktivist Luis Amplatz auf der Brunner Mahder-Alm bei Saltaus durch einen von italienischer Seite „letztgültig geklärten“, von italienischen Geheimdiensten veranlassten Anschlag des angeworbenen Agenten Christian Kerbler. Eine Aktion des italienischen Militärs und der Polizei, die eine Ausschaltung der Südtiroler Aktivistengruppe der „Pusterer Buam“ („Pustra Buibm“: Pustertaler Buben; in italienischer Diktion: „i quattro bravi ragazzi della valle Aurina“) bewirken sollte, endete mit Großrazzien, mit einem militärischen Fehlschlag und mit zahllosen Übergriffen auch gegen die militärisch nicht beteiligte Zivilbevölkerung im Weiler Tesselberg (10. September 1964); wobei letztere Razzia nur durch das Eingreifen eines italienischen Offiziers nicht weiter eskalierte. Die Jahre 1965 und 1966 brachten weitere Gefechte, Anschläge, Verhaftungen und Tote.

Einige Beispiele: