Johann Hus vor dem Scheiterhaufen ist der Titel eines Historienbildes von Carl Friedrich Lessing aus dem Jahr 1850. Es gehört zum kunsthistorisch bedeutenden Werkzyklus von „Husbildern“ des Künstlers (Die Hussitenpredigt 1836; Jan Hus zu Konstanz, 1842) und zeigt den christlichen Reformator Jan Hus nach seiner Verurteilung auf dem Konzil von Konstanz (1415), unmittelbar vor seiner Hinrichtung als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Das Monumentalbild hing als Hauptwerk der profanen Historienmalerei der Düsseldorfer Malerschule in der Düsseldorf Gallery in New York City und wurde auf weiteren Ausstellungen in den Vereinigten Staaten und in Europa gezeigt. 1863 wurde es für die Alte Nationalgalerie in Berlin angekauft. Seit 1945 verschollen, wurde es 2007 im Depot des Pergamonmuseums aufgefunden. Nach einer Restaurierung wird es wieder in der Nationalgalerie gezeigt.Jan Hus vor dem Scheiterhaufen, Katalog der Nationalgalerie Berlin, abgerufen am 10. Mai 2025

Beschreibung und Bedeutung Das im Galerieton angelegte Monumentalgemälde, mit 3,60 Metern Höhe und 5,53 Metern Breite das größte je von Lessing gemalte Werk, behandelt den Tod des Jan Hus am 6. Juli 1415 in Konstanz. Durch das monumentale Format konnte der Maler die Figuren lebensgroß darstellen.

Auf einer im Bildzentrum dargestellten Anhöhe kniet der verurteilte böhmische Reformator in schwarzem Ketzergewand vor einem angerichteten Scheiterhaufen. Andächtig aufblickend, hat er seine Hände zu einem letzten Gebet gefaltet. In der Präsentation des Reformators als Märtyrer rekurrierte der Maler ikonografisch auf Darstellungen aus der Passion Jesu, etwa Jesus Christus am Ölberg () bzw. das Ecce homo bei der Schaustellung Christi durch Pontius Pilatus (, ).

Brennende Fackeln der Henker lassen Rauchschwaden in einen trüb verhangenen Himmel aufsteigen. Aufgewirbelter Staub taucht die bodennahe Luft in ein gelblich fahles Licht. Ein mit Hellebarde ausgerüsteter Landsknecht ist im Begriff, Hus zum Zeichen der Häresie, Degradierung, Schande und Verspottung einen Ketzerhut aus Papier mit aufgemalten Teufeln aufzusetzen. Wie in der christlichen Ikonografie die Dornenkrone, so erscheint hier der Ketzerhut als ein Leidenswerkzeug des Hus-Martyriums.

In der rechten Bildhälfte ist als Repräsentant der Obrigkeit auf einem Schimmel der Pfalzgraf und Kurfürst Ludwig III. in den Farben des Hauses Wittelsbach und mit Kurhut in herrschaftlicher Pose dargestellt, begleitet von hohen Geistlichen der römisch-katholischen Kirche, denen er sich mit fragendem Blick zuwendet. Ikonografische Parallelen zu Pontius Pilatus und den Hohepriestern sind augenfällig. Auch ist ein Franziskanermönch mit Brille zu sehen, dessen Kurzsichtigkeit sinnbildlich zu verstehen ist, vielleicht als Verweis auf das Hus zugeschriebene geflügelte Wort „O sancta simplicitas!“. Als Reichsvikar oblag es dem Kurfürsten, in Abwesenheit des römisch-deutschen Königs Sigismund das Urteil zu vollstrecken.

Links steht eine Volksmenge, um die Hinrichtung zu erleben, im Vordergrund als Rückenfigur auch eine kniende Frau mit einem Rosenkranz in geballten Fäusten, neben ihr in vorderer Reihe drei Männer, darunter Jan Žižka, ein Anführer der Hussiten.

Entstehung und Rezeption mini|Wilhelm Camphausen: Carl Friedrich Lessing, Illustration aus Schattenseiten der Düsseldorfer Maler, 1845: Auf der Staffelei in Lessings Atelier befindet sich eine Studie zu dem Gemälde Johann Hus vor dem Scheiterhaufen, an der Wand eine Replik des Bildes Jan Hus zu Konstanz. mini|Bernhard Rode: Hus auf dem Scheiterhaufen, Radierung um 1780 mini|Die Hussitenpredigt, 1836 mini|Jan Hus zu Konstanz, 1842 Carl Friedrich Lessing vollendete das Bild erst im Jahr 1850, nachdem er sich auf der Grundlage literarischer Quellen 1844Hus vor dem Scheiterhaufen, 1844, Bleistiftzeichnung, braun laviert, 383 × 642 mm, Cincinnati Art Museum, Inv.-Nr. 1882.51 und 1845Hus vor dem Scheiterhaufen, Bleistift-, Kreide-, Tusche- und Rötelzeichnung, 405 × 514 mm, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Inv.-Nr. 39 in Vorentwürfen mit dem Motiv der Hinrichtung von Jan Hus beschäftigtVera Leuschner: Der Landschafts- und Historienmaler Carl Friedrich Lessing (1808–80). In: Wend von Kalnein (Hrsg.): Die Düsseldorfer Malerschule. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0409-9, S. 92 und spätestens seit 1847 an der Endfassung in Öl gearbeitet hatte. Für einige Gesichter standen ihm Offiziere der Düsseldorfer Garnison Modell, Anhänger des Hus wurden nach den befreundeten Malern Carl Wilhelm Hübner, Paul Joseph Kiederich und Rudolf von Normann porträtiert. In einem Henkersknecht stellte der Maler seinen Freund und Schwippschwager Adolph Schroedter dar, zur Darstellung einer Frau posierte Lessings Gattin Ida, geborene Heuser (1817–1880).Lessing und seine Reformationsbilder. In: Europa. Chronik der gebildeten Welt, Jahrgang 1868, Nr. 40, Sp. 1260 (Google Books)Lessings Reformationsbilder. In: Freie Stimmen. Organ der deutschen Partei in Kärnten, II. Jahrgang, Ausgabe Nr. 128 (1. Dezember 1871), S. 1003 (Google Books)

Angeregt von dem Schriftsteller Friedrich von Uechtritz, hatte der Künstler in zwei Vorläufern, den Gemälden Die Hussitenpredigt (1836) und Jan Hus zu Konstanz (1842), bereits andere Teile des historischen Stoffes um den böhmischen Reformator in Aufsehen erregender Weise behandelt und sich den Ruf verschafft, ein führender Historienmaler der Düsseldorfer Malerschule sowie ein Erneuerer der Malerei in Preußen zu sein. In Berlin, der ersten künstlerischen Wirkungsstätte Lessings, hatte der Historienmaler Bernhard Rode die Hinrichtung von Hus bereits um 1780 in einer Radierung dargestellt.Frank Büttner (Hrsg.): Kunst im Dienste der Aufklärung. Radierung von Bernhard Rode (1725–1797) mit einem Gesamtverzeichnis aller Radierungen des Künstlers im Besitz der graphischen Sammlung der Kunsthalle Kiel. Kiel 1987, ISBN 3-923701-17-9, S. 48

Als Lessings drittes und letztes Husbild entstand, war kein anderes deutsches Gemälde so ausführlich, intensiv und kontrovers diskutiert worden wie die ersten beiden Husbilder Lessings. Die darin verwirklichte, in Deutschland neuartige Historienmalerei, die sich durch intensives Naturstudium dem Realismus zuwandte, gefiel der damaligen Kunstkritik. Damit vollzog sich eine Abkehr von der Kunst der Nazarener, die sich insbesondere an idealistisch aufgefassten Vorbildern der Renaissance orientiert hatte. Unter dem Einfluss des Zeitgeists, Historienmalerei als Darstellung einer Nationalgeschichte zu verstehen, war es Lessing außerdem gelungen, besonders aussagekräftige Momente so wirklichkeitsnah zu inszenieren, dass sich die Betrachter mit den Figuren identifizieren konnten.Raphael Rosenberg, Heidrun Rosenberg: Die vielen Gesichte des Jan Hus. Visuelle Aneignungen und Transformationen seit 1415. In: Karl-Heinz Braun, Thomas Martin Buck (Hrsg.): Über die ganze Erde erging der Name von Konstanz. Rahmenbedingungen und Rezeption des Konstanzer Konzils (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe B, Forschungen, 212). Stuttgart 2017, S. 214 ff. (PDF) Einige Zeitgenossen deuteten die Husbilder vor dem Hintergrund des aufkommenden Kulturkampfes jedoch als Tendenzmalerei im Sinne antikatholischer Parteinahme für den Protestantismus in Deutschland. Heute herrscht die Auffassung vor, dass der Maler als Vertreter des Liberalismus mit den Bildern über Hus auf der Grundlage Hegel’scher Geschichtsphilosophie den Gedanken der Meinungs-, Gewissens- und Religionsfreiheit betonen wollte.Jochen Wierich: Düsseldorf Historical Painting in America. In: Matthew C. Potter (Hrsg.): Representing the Past in the Art of the Long Nineteenth Century. Historicism, Postmodernism, and Internationalism. Routledge, New York 2022, ISBN 978-1-032-10588-8, S. 136

Der Schriftsteller Wolfgang Müller von Königswinter zählte die „umfassend und gestaltenreich“ angelegte Komposition zu den schönsten Bildern der Düsseldorfer Schule. Gleichwohl war er der Ansicht, dass der Künstler in anderen Darstellungen „genialer und glücklicher gewesen ist“.Wolfgang Müller von Königswinter: Düsseldorfer Künstler aus den letzten fünfundzwanzig Jahren. Kunstgeschichtliche Briefe. Rudolph Weigel, Leipzig 1854, S. 131 (Digitalisat) Der Vorsitzende der American Art-Union, der Schriftsteller William Cullen Bryant, der zusammen mit dem Kunstsammler Charles Leupp 1845 den Entwurf zu Lessings Gemälde in Düsseldorf gesehen hatte und darüber in US-amerikanischen Zeitungen berichtete, stellte in einer Parallele zu Lessings Werk positiv heraus, dass der in Düsseldorf lebende US-amerikanische Maler Emanuel Leutze, ein Schüler Lessings, ebenfalls an dem Motiv eines protestantischen „Märtyrers“ arbeite, an einer Darstellung von John Knox.Wendy Jean Katz: Humbug! The Politics of Art Criticism in New York City’s Penny Press. Fordham University Press, 2020, ISBN 978-0-8232-8538-9, Abb. 5.5 (Google Books) Unter dem Eindruck von Leutzes Monumentalbild Washington Crossing the Delaware, das ab etwa 1849 nach dem Vorbild der Lessing’schen Geschichtsbilder entstand, plädierten Kunstkritiker in den Vereinigten Staaten für die Entwicklung einer spezifisch US-amerikanischen Historienmalerei, die sich – am Beispiel der Düsseldorfer Schule orientiert – den Themen der amerikanischen Nationalgeschichte widmen sollte.Anna Douglas Ludlow: A General View of the Fine Arts, Critical and Historical. New York 1851. Zitiert nach: Sabine Morgen: Emanuel Leutze – Eine künstlerische Leitfigur amerikanischer Unabhängigkeit. „Washington Crossing the Delaware“. In: Sabine Morgen: Die Ausstrahlung der Düsseldorfer Schule nach Amerika. Düsseldorfer Bilder in Amerika und amerikanische Maler in Düsseldorf (= Göttinger Beiträge zur Kunstgeschichte, Band 2). Dissertation Freiburg im Breisgau 2001, Edition Ruprecht, Göttingen 2008, S. 236 Der Kunsthistoriker Ludwig Justi, Direktor der Nationalgalerie Berlin, bezeichnete Lessings Werk als größten Erfolg und seinen Schöpfer als berühmtesten deutschen Geschichtsmalers der 1840er und 1850er Jahre.Ludwig Justi: Deutsche Malkunst im neunzehnten Jahrhundert. Ein Führer durch die Nationalgalerie. Verlag von Julius Bard, Berlin 1920, S. 23

Kompositorisch orientierte sich der Peter Janssen d. Ä. an dem Gemälde Lessings, als er bis 1893 sein Bild der Schlacht bei Worringen malte.

Provenienz mini|Düsseldorf Gallery, 1857/58, Holzstich von Nathaniel Orr: Das Gemälde Johann Hus vor dem Scheiterhaufen ist schemenhaft an der Stirnwand des Galeriesaals angedeutet.