mini|Buttress, 1997 Nancy Davidson (* 3. November 1943 in Chicago) ist eine amerikanische Künstlerin, die vor allem Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videos realisiert und insbesondere durch ihre überlebensgroßen aufblasbaren Installationen aus Latex und vinylbeschichtetem Nylon sowie ihren Fokus auf amerikanische Ikonen und Genderfragen bekannt wurde.
Leben Nach der Geburt ihres Sohnes im Jahre 1961 arbeitete Davidson zunächst mehrere Jahre als Lehrerin. 1965 erwarb sie den Bachelor of Engineering an der Northeastern Illinois University.
1970 begann sie ein Studium in Bildender Kunst am Art Institute of Chicago, das sie 1972 mit dem Bachelor beendete. 1973 schloss sie ein Masterstudium an, das sie 1975 abschloss. 1975 wurde sie Mitglied des gemeinnützigen Kunstkollektivs N.A.M.E. Gallery in Chicago.
Von 1977 bis 1979 unterrichtete Davidson an der University of Illinois in Champaign (Illinois). Anfangs arbeitete sie hauptsächlich in Schwarzweiß und montierte zweidimensionale Papierarbeiten direkt an die Wand. Die Arbeit mit dem Titel T.E.B. ähnelte einer Zeichnung und war 1976 in der Ausstellung „Abstract Art in Chicago“ im Museum of Contemporary Art (Chicago) zu sehen.
Die ersten Installationen, die großformatige Dimensionen, bilaterale Symmetrie und geschwungene Formen kombinierten und damit den neuen künstlerischen Schwerpunkt von Davidson bildeten, entstanden durch die Technik der Frottage, das Abreiben der Bodenstruktur ihres Ateliers, wobei Körperbewegungen auf Papier übertragen wurden. Gesten sowie die Unregelmäßigkeiten des Holzbodens prägten dabei Oberfläche und Struktur. Für ein anderes Werk für die Galerie N.A.M.E. von 1976 verband Davidson Leistenplatten durch gepunktete Linien an der Wand, sodass das gesamte Werk wie eine Skulptur auf einer Tafel vor- und zurückzufahren schien.
1979 zog Davidson nach New York und lehrte von 1980 bis 1984 am Williams College.
Anfang der 1980er-Jahre begann Davidson, sich mit Skulpturen zu beschäftigen und leichtere Materialien zu erforschen. Anfang der 1990er Jahre entdeckte Davidson Wetterballons aus Latex, die aus festem und haltbarem Material bestehen und durch Aufblasen mit wenig Luft viel Platz einnehmen können.
1997 erhielt Davidson eine Professur an der „School for Art and Design“ der State University of New York, Purchase und unterrichtete dort bis 2008.
Die Terroranschläge am 11. September 2001, die Davidson aus ihrem Atelierfenster miterlebte, waren für sie Auslöser für eine kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Nationalidentität. In der Erinnerung an Cowgirl-Figuren aus ihrer Kindheit fand sie ein Symbol für weibliche Selbstbestimmung, das sie als Leitmotiv für ihre künstlerische Beschäftigung mit den Mythen des amerikanischen Westens nutzte. 2005 finanzierte die gemeinnützige Organisation Creative Capital Davidsons Vorschlag, eine Serie von großen aufblasbaren Cowgirls zu erstellen. Davidson betont die Bedeutung der Cowgirl-Figur als kulturelles Symbol, das außerhalb traditioneller gesellschaftlicher Strukturen steht und zugleich stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit unterwandert. Sie nutzt dabei Parodie, um Konsumkultur zu hinterfragen und neu zu beleben.
Davidson lebt und arbeitet in New York.
Werk Nancy Davidson ist bekannt für ihre Skulpturen aus Latex und vinylbeschichtetem Nylon sowie ihre Arbeiten in den Bereichen Fotografie, Video und Collage, die sich mit Themen der Popkultur beschäftigen.
In ihrer künstlerischen Praxis entwickelte sie neue Ansätze zur Darstellung des weiblichen Körpers in der Kunst und spiegelt damit den feministischen Fokus in ihrer Arbeit wider. Davidson schuf monumentale aufblasbare Skulpturen, die diese Thematik aufgreifen und sich mit ihr auseinandersetzen. Davidson setzt dabei bewusst auf Materialien wie Latex und Stoff, um sich von den traditionellen Werkstoffen des Minimalismus der 1960er Jahre, wie Stahl und Beton, abzugrenzen.
Davidsons Assemblagen aus Wetterballons, deren Stoffhüllen abstrahierte Bezüge zum weiblichen Körper herstellen, verweisen auf die formende und zugleich einschränkende Wirkung von Textilstrukturen. Dabei schlagen die Arbeiten eine Brücke zu animierten, fast lebendig wirkenden Formwelten. Ein großer Teil ihrer Werke ist aufgrund der begrenzten Haltbarkeit von Latex, das in der Regel nur sechs Wochen bis zwei Monate beträgt, nicht für den Verkauf bestimmt, da das Material mit der Zeit verfällt und die Ballons ersetzt werden müssen.
Davidson beschreibt ihren kreativen Prozess folgendermaßen und unterstreicht damit die Ambivalenz und Vieldeutigkeit, mit denen sie den weiblichen Körper sowohl in seiner Zerbrechlichkeit als auch in seiner Kraft darstellt: „Als ich es aufblies, wusste ich sofort, dass es das perfekte Material war: flüchtig, erotisch, lustig, absurd und riesig. Ein Körper aus Fleisch und, ganz wichtig, aus Teilen … bauchigen Teilen, wie sie jeder Körper hat.“ (…) Die Aufblasdüsen sind mehrdeutig, phallisch und doch empfänglich in ihrer Funktion. (Original: „The moment I blew it up, I immediately knew it was the perfect material: ephemeral, erotic, funny, absurd, and huge. A body with flesh and very importantly a body of parts… bulbous parts that all bodies have. (…) The inflation nozzles are ambiguous, phallic yet receptive in function.“)
Buttress (1997) Bei diesem Werk handelt es sich um einen Stapel von fünf rosafarbenen gesäßähnlichen Silhouetten, deren Kurven jeweils durch eine eng anliegende silberne Hülle betont werden. In ihrer vertikalen Anordnung entsteht eine Art phallische Säule.
Maebe (1997) Die Installation aus Latex, Seil, Stoff und Gips ist eine Hommage an die US-amerikanische Schauspielerin Mae West. Das fast 2,5 m hohe Werk besteht aus einem weißen, ballonartig aufgeblasenen Latexkörper, der von einem blauen Satinkorsett mit schwarzer Spitze eingeschnürt ist. Die Formen ober- und unterhalb des Korsetts erinnern dabei an weibliche Körpermerkmale. Um ein Abheben der leichten Struktur zu verhindern, ist die Skulptur mit Seilen und Sandsäcken am Boden fixiert. Die voluminöse Form wirkt zugleich gefangen und auf der Flucht.
Breathless (1999) Der Film zeigt einen Ballon, der sich aufbläht, hin- und herbewegt und allmählich erschlafft. Zwischenzeitlich wird er mit einem Handschuh ergriffen und wieder losgelassen. Im Mittelpunkt steht die zeitliche Abfolge von Aufblasen, Bewegung und Entleerung sowie deren formale Ähnlichkeit zur menschlichen Haut. Das Video reflektiert den alltäglichen Umgang mit aufblasbaren Materialien.
Dustup (2012) Mit Dustup, einer durch Creative Capital finanziell unterstützten Installation aus vinylbeschichtetem Nylon, Seil, Leder, Gebläse und Sandsäcken, präsentiert Nancy Davidson eine überlebensgroße, rund fünf Meter hohe Installation aus leuchtenden, kugelförmigen Elementen in Rosa-, Weiß- und Gelbtönen, die bis unter die Decke des Ausstellungsraums reicht. Inspiriert von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit der amerikanischen Rodeo-Cowgirl-Ikonografie, integriert Davidson auch türkisfarbene Cowboy-Stiefel, die als figuratives Detail an die kulturellen Bezüge des Werks erinnern. Die Arbeit verbindet überzeichnete Körperformen mit Elementen der Popkultur.
Stacked (2016) Das Werk besteht aus übereinander geschichteten, grün gefärbten, rundlichen Formen, die silberne Bikinihosen tragen. Die Arbeit versteht sich als Antwort auf Bildhauer wie Richard Serra und Donald Judd und nimmt Bezug auf weibliche Figuren der Popkultur wie Betty Boop und Mae West.
Hive (2020) Die für das Krannert Art Museum entworfene raumgreifende Installation zeigt zwei etwa 5,5 Meter hohe, rosafarbene, von innen beleuchtete aufblasbare Skulpturen in Verbindung mit einer von Lakshmi Ramgopal produzierten Klanginstallation im gläsernen Eingangsbereich des Kinkead Pavilion. Der durchdringende Klang verweist auf Atmen, Flüstern, Lachen und Umgebungsgespräche.
Die Werke referenzieren auf überzeichnete feminisierte Körperformen und sind inspiriert von der Fruchtbarkeitssymbolik der Göttin Artemis von Ephesos sowie antike Architekturelementen wie Karyatiden. Durch Lichtwechsel und akustische Elemente entsteht eine dynamische, figurenähnliche Rauminstallation, die den Ort visuell und atmosphärisch transformiert. Laut Jodi Heckel sei das Werk beeinflusst vom Interesse der Künstlerin am Karnevalesken und Grotesken, an Humor, Parodie und Minimalismus. Lichtimpulse und wechselnde Farben erzeugen eine kommunikative Beziehung zwischen den Skulpturen, wodurch eine ambivalente Atmosphäre zwischen Körperlichkeit, Abstraktion und sakraler Anmutung entstehe.
Weitere Werke (Auswahl)
1975: Untitled, Papier und Ölkreide
1976: Paper Paint 1981: Zwene Zwa, dreifarbige Collographie 1993: Mix & Match, Stoff, Draht, Trageriemen 1993: Overly Natural, Latex, Stoff, Draht 1993: Souvenir, 30 Bowlingkugeln aus Plastik, 30 Vorhängeschlösser aus Stahl 1994: Musette, Stoff und Latex 1994: Spindarella, Latex, Stoff, Plastik und Gummi 1994–95: Girl Guides 1995: Spin Too!, Latex, Stoff, Plastik, Stahl, Stabeisen und Baumwolle 1995: Neither Bigugly nor Smallnice, Latex, Baumwolle, Seil und Gummi 1997: Buttress, Latex und Stoff 1997–2016: Fallen Cloud (1), Latex, Seil, Farbe und Baumwolle 1998: Blue Moon (for Elvis) 1998: Ferrers #5, Digitaler Druck 1998: Netella, Latex, Seil, Stoff und Plastik 1998: Blue Moon, Installation, Latex, Seil und Baumwolle 1999: Dulcinea 1999: Hang Em High, Latex, Stoff, Seil und Netz 1999: Lulu, Latex und Baumwolle 2002–03: Double Exposure, Vinylbeschichtetes Nylon, Licht, Stoff und Schaum 2007: Dudette, Latex, Stoff, Plastik, Metall 2007: Jan’s Last Ride, Video 2007: Strapped-on, Latex, Stoff, Holz und Seil 2007: RowdyAnn, Stoff, Schaum, Holz, Plastik, Metall 2009: Double Exposure, Video 2009: All Stories are True, Video 2012: Dust up, Tinte auf Papier 2013: Let ‘er Buck, vinylbeschichtetes Nylon, Farbe, Seil, Metall, Sand, Sägemehl und Gebläse
2013: Sidesaddle, Stoff, Schaum und Leder 2013: Li’l Yello 2016: Carried away, Stoff, Schaum, Netz und Seil 2016: Ridin‘ High, Stoff, Seil, Schaum, Holz und Metall 2016: Stacked, Latex, Stoff, Seil und Plastik 2016: Knot Not Blue, Stoff, Schaum, Seil und Holz 2016: I am not tame, Video 2017: Bigarurre 2017: Dodaredone, Epigram of Goethe 2017: Eyeenvy 2017: Green-eyed Lady 2017: Mini Sin 2017: Palanquin/Platforms 2017: Sinistrous 2020: Oyes 2023: Hecate’s Winding Stick 2023: Source 2024: Close at Hand, Yupo Papier und Tinte
Gruppenausstellungen (Auswahl)
1974: Chicago and Vicinity Exhibition, Art Institute of Chicago, Chicago 1975: Two Artists (zusammen mit Mary Ann Price), N.A.M.E. Gallery, Chicago 1976: The Chicago Connection, Crocker Art Museum, Sacramento 1976: Abstract Art in Chicago, Museum of Contemporary Art (Chicago) 1976: John Doyle Gallery, Chicago 1976: The Members of N.A.M.E., N.A.M.E. Gallery, Chicago 1977: Ten Painters, Walker Art Center, Minneapolis 1977: Current Concerns, Museum of Art, University of Iowa, Iowa City 1977: Pollock Gallery, Toronto 1977: A.C.T. Gallery, Toronto 1978: Works on Paper, Art Institute of Chicago, Chicago 1978: Delahunty Gallery, Dallas 1979: Chicago/Karlsruhe, Karlsruhe 1979: New Dimensions: Surface, Museum of Contemporary Art (Chicago) 1979: 100 Years-100 Artists, Art Institute of Chicago, Chicago 1979: Four Painters, Art Gallery of Ontario, Toronto 1980: Works on Paper, Buffalo AKG Art Museum, Buffalo 1980: Invitational, Pam Adler, New York 1981: Deutsch-Amerikanisches Zentrum, Stuttgart 1981: Works on Paper, Museum of Fine Arts, Springfield (Massachusetts) 1984: Drawings, Germans van Eck Gallery, New York 1984: Alternative Spaces, Museum of Contemporary Art (Chicago) 1989: Works on Paper, Shea & Beker, New York 1990: Stained Sheet/Holy Shroud, Krygier/Landau Contemporary Art, Los Angeles 1990: Post Boys/Girls, Artists Space, New York