Arrigo Sacchi (* 1. April 1946 in Fusignano, Emilia-Romagna) ist ein ehemaliger italienischer Fußballtrainer, der als einer der einflussreichsten Taktiker des modernen Fußballs gilt. Sacchi wird häufig zu den bedeutendsten Trainern der Geschichte gezählt und prägte mit seinen Ideen das Pressing, die Raumdeckung sowie das 4-4-2-System nachhaltig. Insbesondere seine Zeit bei der AC Mailand (1987–1991), die er zu einer internationalen Spitzenmannschaft formte, und der italienischen Nationalmannschaft (1991–1996) machten ihn weltbekannt.
Jugend und Spielerkarriere Arrigo Sacchi wurde am 1. April 1946 geboren und stammt aus dem oberitalienischen Fusignano, einer Kleinstadt unweit von Ravenna. Nach dem Schulabschluss ergriff er den Beruf des Schuhmachers und arbeitete zunächst als Buchhalter, anschließend als Auslandsvertreter für die Schuhfabrik seines Vaters. Daneben begeisterte er sich für den Fußball und war ab 1961 für den unterklassigen Amateurklub Fusignano CF als Abwehrspieler aktiv, ohne größere Aufmerksamkeit zu erlangen. Sacchi galt als durchschnittlicher Verteidiger, der nicht über das spielerische Niveau verfügte, um eine Profilaufbahn einzuschlagen. 1972 beendete er mit 26 Jahren seine Spielerkarriere vorzeitig.
Trainerkarriere Erste Stationen Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn blieb Sacchi dem Fußball eng verbunden und wurde Trainer. Zunächst betreute er unterklassige Amateurvereine aus der Emilia-Romagna und musste sich insbesondere das Vertrauen der erfahrenen, teils deutlich älteren Spieler erarbeiten. 1978 übernahm er die U-19-Mannschaft der AC Cesena und gewann mit ihr 1982 die italienische Junioren-Meisterschaft (Campionato Primavera 1). Durch seine erfolgreiche Nachwuchsarbeit und die Entwicklung innovativer taktischer Konzepte erlangte Sacchi überregionale Bekanntheit. Seine Arbeitsweise war von großer Leidenschaft, Hingabe und hoher Trainingsintensität geprägt. Taktisch orientierte Sacchi sich am niederländischen „Fußball total“ der 1970er Jahre, dessen Prinzipien er weiterentwickelte und seinen eigenen Vorstellungen anpasste. Um sich vollends auf den Sport zu konzentrieren, verließ er 1982 die väterliche Schuhfabrik und wurde Trainer des Drittligisten Rimini Calcio. Sacchi führte den Klub auf den fünften Platz der Serie C1, bevor er für eine Spielzeit in den Jugendbereich zurückkehrte und die Nachwuchsmannschaft der AC Florenz betreute. 1984/85 war er wiederum Trainer von Rimini Calcio und wurde mit dem Team Vierter.
AC Parma Ab Juli 1985 trainierte Sacchi den damaligen Drittligisten AC Parma und führte den Verein bereits in seiner ersten Saison (1985/86) zum Aufstieg in die Serie B.rsssf.org Seine innovativen taktischen Konzepte – insbesondere konsequentes Pressing und eine kompakte Raumaufteilung – fanden rasch Akzeptanz und wurden von der Mannschaft diszipliniert umgesetzt. In der Aufstiegssaison kassierte Parma lediglich 14 Gegentore und stellte damit die mit Abstand beste Defensive der Liga. Auch in der Serie B etablierte Sacchi den Klub schnell in der Spitzengruppe. Am Ende der Saison 1986/87 verpasste die Mannschaft die Relegationsplätze zur Serie A lediglich um drei Punkte. Mit nur 26 Gegentoren in 38 Spielen stellte Parma gemeinsam mit der US Triestina erneut die beste Abwehr.
Einen Achtungserfolg erzielte Sacchi in der Coppa Italia 1987: Sowohl in der Vorrunde (1:0), als auch im Achtelfinale (0:0, 1:0) besiegte Parma überraschend die AC Mailand.
AC Mailand mini|Taktisches Schema 4-4-2 Die Begegnungen mit der AC Mailand wurden zum entscheidenden Wendepunkt in Sacchis Trainer-Karriere. Denn der vermögende Medienmogul und neue Milan-Präsident Silvio Berlusconi war von der taktischen Dominanz des Gegners derart beeindruckt, dass er Arrigo Sacchi am 3. Juli 1987 unter Vertrag nahm. Der ambitionierte Berlusconi wollte Milan wieder zu sportlicher Größe führen, ging allerdings mit der Verpflichtung des wenig bekannten Trainers ein Risiko ein. Während er den Trainerposten mit einem „Nobody“ besetzte, wurde der Spielerkader durch die namhaften Neuzugänge Carlo Ancelotti, Marco van Basten und Ruud Gullit verstärkt. Trotz anfänglicher Skepsis, auch innerhalb der Mannschaft, begann Sacchi mit der Umsetzung seiner Philosophie. In akribischer Trainingsarbeit, häufig ohne Ball, vermittelte er den Spielern seine pragmatischen Vorstellungen von kollektivem Pressing, Raumdeckung und dem 4-4-2-Spielsystem. Immer wieder stellte er die Mannschaft in ihre Grundformation, ließ Automatismen und ballorientiertes, synchronisiertes Verschieben üben. Im Optimalfall durfte der Abstand zwischen Angriff und Abwehr nicht mehr als 25 bis 30 Meter betragen und sollte den Gegner durch enorme Raumverknappung unter Druck setzen. Sacchi löste die Position des Liberos auf, indem er Abwehrchef Franco Baresi in eine Viererkette neben Mauro Tassotti, Paolo Maldini und Filippo Galli, später Alessandro Costacurta, beorderte. Milans Abwehrformation ging als eine der besten in die Geschichte des Klub-Fußballs ein. Zu der hoch stehenden Verteidigung kam eine nahezu perfekt funktionierende Abseitsfalle. Bei Sacchi stand nicht der einzelne Spieler im Fokus, sondern das Kollektiv. Seine Auffassungen vom Spiel und innovative Herangehensweise galten in Italien als radikaler Gegenentwurf zum traditionellen Catenaccio, denn sein Ziel war spektakulärer Offensivfußball.
Der Erfolg stellte sich bereits in der Saison 1987/88 ein. Die von Sacchi neu ausgerichtete Mannschaft gewann die italienische Meisterschaft – der erste Scudetto seit neun Jahren. Mit lediglich zwei Niederlagen und nur 14 Gegentoren bewies die AC Mailand eindrucksvoll die Effektivität des neuen Spielsystems. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der 3:2-Auswärtssieg über den Titelverteidiger SSC Neapel am 28. Spieltag, wodurch Mailand die Tabellenführung übernommen hatte. Die anschließende Verpflichtung von Frank Rijkaard (1988) komplettierte das niederländische Trio um Ruud Gullit und Marco van Basten, das fortan eine zentrale Rolle im System einnahm und maßgeblich zum internationalen Erfolg beitrug. Die AC Mailand entwickelte sich zu einer der dominantesten Mannschaften Europas, denn besonders auf internationaler Bühne demonstrierte das Team eindrucksvoll die Wirksamkeit der Spielphilosophie. 1989 gewann Milan den Europapokal der Landesmeister und setzte dabei Maßstäbe in puncto Spielkultur und taktischer Disziplin. Höhepunkt dieses Wettbewerbs war das Halbfinale gegen Real Madrid, das nach einem 1:1 im Rückspiel mit einem furiosen 5:0-Sieg im San Siro endete. Diese Partie gilt bis heute als eine der eindrucksvollsten Darbietungen einer Vereinsmannschaft in der Geschichte des europäischen Fußballs. Das anschließende Finale gewann Milan souverän mit 4:0 über Steaua Bukarest. Sacchis Einfluss auf das moderne Fußballspiel wurde zunehmend anerkannt, und er selbst galt mittlerweile als einer der bedeutendsten Taktiker seiner Zeit. Um seine Rolle als Reformator zu beschreiben, bezeichnete ihn die Schweizer Fachzeitung Sport als „Gorbatschow des Fußballs“, der World Soccer wählte Sacchi zum Welttrainer des Jahres 1989. Bei der Wahl zum Ballon d’Or belegten ausschließlich Milan-Spieler die ersten drei Plätze. Im Folgejahr verteidigten die Rossoneri ihren Titel und gewannen erneut den Europapokal der Landesmeister 1990, diesmal durch einen 1:0-Erfolg gegen Benfica Lissabon. Ergänzt wurden diese Triumphe durch den zweimaligen Gewinn des Weltpokals (1989, 1990) sowie des UEFA-Supercups. Die Kombination aus taktischer Innovation, mannschaftlicher Geschlossenheit und individueller Klasse führte dazu, dass Milan den Beinamen „gli immortali“ (die Unsterblichen) erhielt.
Zum Ende der Saison 1990/91 endete Sacchis Zeit bei der AC Mailand als Resultat mehrerer Faktoren. Nach den großen Erfolgen mit acht Titeln in vier Jahren, konnte die Mannschaft das zuvor erreichte Niveau nicht mehr vollständig halten. In der Serie A belegte man hinter Sampdoria Genua zwar den zweiten Platz, blieb jedoch erstmals seit 1987 ohne Titel; zudem scheiterte die Mannschaft im Europapokal-Viertelfinale an Olympique Marseille. Mittlerweile hatten sich viele Gegner zunehmend auf das intensive Pressing- und Raumdeckungssystem eingestellt. Hinzu kamen wachsende Spannungen innerhalb der Mannschaft, da Sacchis äußerst anspruchsvolle Trainingsmethoden über die Jahre zu physischer und mentaler Ermüdung führten. Auch der Trainer, unlängst als „Prophet von Fusignano“ bezeichnet, zeigte selbst Anzeichen von Erschöpfung infolge der langjährigen, obsessiven Arbeit. Sein letztes Spiel als Trainer der AC Mailand bestritt er am 26. Mai 1991 und beendete damit nach insgesamt 196 Pflichtspielen (109 Siege, 58 Unentschieden, 29 Niederlagen) seine prägende und erfolgreiche Amtszeit. Sein Nachfolger wurde Fabio Capello.
Italien Nachdem die italienische Nationalmannschaft die Qualifikation für die Europameisterschaft 1992 verpasst hatte, entließ der Verband Azeglio Vicini und ernannte Sacchi am 31. Oktober 1991 zum neuen Nationaltrainer.Italian National Team Coaches (englisch) Mit einem Netto-Jahresgehalt von 1,35 Millionen D-Mark zählte er zu den weltweit am besten bezahlten Trainern. Sein Länderspieldebüt gab Sacchi zwei Wochen nach seiner Ernennung gegen Norwegen (1:1). In der Folge versuchte er, seine taktischen Prinzipien – insbesondere Raumdeckung, aggressives Pressing und ein kollektiv organisiertes Spiel – auch auf die „Squadra Azzurra“ zu übertragen. Dabei setzte er bevorzugt auf Spieler der AC Mailand, die mit seinem System vertraut waren, insbesondere in der Defensive mit Franco Baresi, Paolo Maldini und Mauro Tassotti sowie im Mittelfeld mit Roberto Donadoni. Im Angriff kam Roberto Baggio eine Schlüsselrolle zu, dem innerhalb des strukturierten Systems größere kreative Freiheiten eingeräumt wurden. Sacchis Amtszeit war zugleich von umstrittenen Personalentscheidungen geprägt, etwa durch das Nichtberücksichtigen profilierter Nationalspieler wie Gianluca Vialli, Roberto Mancini oder Giuseppe Bergomi, was in der Öffentlichkeit und den Medien teils kritisch bewertet wurde. Insgesamt setzte er in den drei Jahren nach seiner Ernennung 73 Spieler ein.
Bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA begannen die hoch gehandelten Italiener schwach. Überraschend verloren sie gegen Irland (0:1), wirkten in der Vorrunde behäbig und ideenlos. Beim 1:0-Sieg über Norwegen wechselte Sacchi seinen Superstar Roberto Baggio schon nach 21 Minuten aus taktischen Gründen aus, da Torhüter Gianluca Pagliuca einen Platzverweis bekommen hatte. Sichtlich fassungslos verließ Baggio das Spielfeld, behielt aber nach einer Aussprache seinen Stammplatz. Auch Kapitän Baresi musste Sacchi verletzungsbedingt ersetzen. Die Azzurri qualifizierten sich lediglich als einer der besten Gruppendritten für die K.-o.-Phase. In der Folge erreichte die Mannschaft vor allem dank der individuellen Klasse Baggios das Endspiel in der Rose Bowl von Pasadena. Dort trafen sie am 17. Juli 1994 auf Brasilien. Das wenig spektakuläre Finale endete 0:0 nach Verlängerung und Brasilien wurde schließlich nach Elfmeterschießen Fußball-Weltmeister.