mini|Die Schwertscheide von Gutenstein aus einem alamannischen Kriegergrab
Die Alamannen oder Alemannen waren eine antike und frühmittelalterliche Bevölkerungsgruppe, die dem westgermanischen Kulturkreis zugeordnet wird.
Alamannische Bevölkerungsgruppen werden sowohl anhand archäologischer Quellen (wie Bevölkerungssitten und Trachten) als auch anhand historischer Quellen (schriftliche Zeugnisse) identifiziert. Bleibende Kernräume ihrer frühmittelalterlichen Siedlungs- und Herrschaftsgebiete, der Alamannia (Alemannia), lagen vor allem im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg und Elsass, in Bayerisch-Schwaben, der Deutschschweiz, Liechtenstein und Vorarlberg. Diese Gebiete teilten sie sich zumeist mit gallorömischen und rätischen Bevölkerungsgruppen.
Zwischen dem 6. und dem 9. Jahrhundert ging die Alemannia politisch und kulturell im Ostfrankenreich auf und wurde zwischen dem 10. und zum 13. Jahrhundert politisch nochmals vom zuletzt staufischen Herzogtum Schwaben zusammengefasst.
Die neuzeitliche Dialektologie griff bei ihrer Einteilung der deutschen Dialekte auf die Alamannen zurück und nannte die westoberdeutschen Mundarten „alemannische Dialekte“.
Begriffsgeschichte Antike und Mittelalter mini|300px|Zentraleuropa im späten 5. Jahrhundert
Erstbezeugung des Namens und frühe Geschichte Traditionell wird die erste namentliche Bezeugung der Alamannen in einer antiken Quelle mit einem kurzen Feldzug des Kaisers Caracalla im Sommer 213 gegen Germanen im Donaugebiet in Verbindung gebracht.Zur Chronologie und zum Verlauf des Feldzugs siehe Andreas Hensen: Zu Caracallas Germanica Expeditio. Archäologisch-topographische Untersuchungen. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 19, Nr. 1, 1994, S. 219–254. Bei den Gegnern soll es sich laut byzantinischen Auszügen aus einem verlorenen Teil von Cassius Dios Geschichtswerk zum Teil um Alamannen gehandelt haben. Diese Identifikation war in der älteren Forschung, die darin Theodor Mommsen folgte, allgemein akzeptiert,Die ursprüngliche Festlegung stammt von Theodor Mommsen, nach dem dieser Feldzug „gegen die Chatten geführt worden (ist); aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal begegnet, das der Alemannen.“ Dabei wurde die „ungewohnte Geschicklichkeit der Alemannen beim Reitergefecht“ erwähnt. Mommsen sah die Herkunft in „aus dem Osten nachrückenden Scharen“, im Zusammenhang mit den abgedrängten, „in früherer Zeit an der mittleren Elbe hausenden mächtigen Semnonen“. Zitiert nach der ungekürzten Textausgabe Theodor Mommsen: Das römische Imperium der Cäsaren. Safari-Verlag, Berlin 1941, S. 116 f. wird aber seit 1984 häufig bestritten.
So wird argumentiert, bei Cassius Dio, der die Alamannen in seinem Werk, soweit es erhalten ist, sonst nicht kennt, habe an der fraglichen Stelle, die sich eigentlich auf einen ganz anderen Feldzug Caracallas in Asien bezogen habe, die Bezeichnung „Albaner“ (Albannôn) gestanden, und erst die byzantinische Bearbeitung, die ihrerseits nur lückenhaft rekonstruierbar ist, habe sie aus Unkenntnis durch den Ausdruck „Alamannen“ (Alamannôn) ersetzt.So Helmut Castritius, Matthias Springer: Wurde der Name der Alemannen doch schon 213 erwähnt? Berlin 2008, S. 434f. Die Hypothese, der zufolge der Alamannenname nicht in Dios Originaltext stand, wurde 1984 von Matthias Springer und Lawrence Okamura vorgetragen, die unabhängig voneinander zu diesem Ergebnis gelangt waren.Lawrence Okamura: Alamannia devicta. Roman-German Conflicts from Caracalla to the First Tetrarchy (A. D. 213–305). Ann Arbor 1984, S. 8–10, 84–133; Matthias Springer: Der Eintritt der Alemannen in die Weltgeschichte. In: Abhandlungen und Berichte des Staatlichen Museums für Völkerkunde Dresden, Forschungsstelle. Band 41, 1984, S. 99–137. Eine Zusammenstellung der Quellen mit Übersetzung bieten Camilla Dirlmeier, Gunther Gottlieb (Hrsg.): Quellen zur Geschichte der Alamannen von Cassius Dio bis Ammianus Marcellinus. Sigmaringen 1976, S. 9–12. Vgl. Michael Louis Meckler: Caracalla and his late-antique biographer. Ann Arbor 1994, S. 141 f. Ebenfalls unabhängig von ihnen gelangte Helmut Castritius 1986 zu demselben Ergebnis.Helmut Castritius, Matthias Springer: Wurde der Name der Alemannen doch schon 213 erwähnt? Berlin 2008, S. 432. Dieser Auffassung haben sich eine Reihe weiterer Forscher angeschlossen, darunter Dieter Geuenich.Dieter Geuenich: Geschichte der Alemannen. Zweite, überarbeitete Auflage. Stuttgart 2005, S. 18 f. und Helmut Castritius: Von politischer Vielfalt zur Einheit. Zu den Ethnogenesen der Alemannen. In: Herwig Wolfram, Walter Pohl: Typen der Ethnogenese unter besonderer Berücksichtigung der Bayern. Teil 1, Wien 1990, S. 71–84, hier: 73–75.
Die Authentizität der Stelle bei Cassius Dio hat aber weiterhin Befürworter; unter anderen Bruno Bleckmann (2002),Bruno Bleckmann: Die Alamannen im 3. Jahrhundert: Althistorische Bemerkungen zur Ersterwähnung und zur Ethnogenese. In: Museum Helveticum. Band 59, 2002, S. 145–171, hier: 147–153, 170. Seiner Auffassung folgen auch John F. Drinkwater: The Alamanni and Rome 213–496 (Caracalla to Clovis). Oxford 2007, S. 43 f. und Markus Handy: Die Severer und das Heer. Berlin 2009, S. 82–87. Ludwig Rübekeil (2003) und Klaus-Peter Johne (2006) haben sie gegen die Kritik verteidigt,Helmut Castritius, Matthias Springer: Wurde der Name der Alemannen doch schon 213 erwähnt? Berlin 2008, S. 432 und Anmerkung 7. worauf Springer und Castritius ihre Argumentation bekräftigten,Helmut Castritius, Matthias Springer: Wurde der Name der Alemannen doch schon 213 erwähnt? In: Uwe Ludwig, Thomas Schilp (Hrsg.): Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 62). De Gruyter, Berlin 2008, S. 431–449. denen 2026 wiederum von Armin Becker widersprochen wurde.Armin Becker: Die Alamannen bei Cassius Dio. In: Krešimir Matijević, Rainer Wiegels (Hrsg.): Maximinus Thrax in seiner Zeit, Göttingen 2026, S. 287ff. Der Ausgang der Debatte ist offen. Klammert man die vermeintliche Ersterwähnung für das Jahr 213 aus, wäre die Erwähnung in einem Panegyricus aus dem Jahr 289 als Erstbeleg des Alamannennamens anzusprechen.Vgl. Helmut Castritius, Matthias Springer: Wurde der Name der Alemannen doch schon 213 erwähnt? Berlin 2008, S. 433.
Die später von den Alamannen besiedelte Gegend zwischen Rhein, Main und Donau wird von Tacitus in seiner Germania als Agri decumates bezeichnet, wo laut dem Geschichtsschreiber insbesondere die keltischen Helvetier gesiedelt hätten, bevor diese westwärts (nach Gallien und in die spätere Schweiz) abzogen. Der geographische Begriff Alamannia kommt zum ersten Mal in einem lateinischen Panegyricus auf Constantius Chlorus aus dem Jahre 297 vor.Paneg. 4,2,1 und 4,10,4. Auch das Alamannia-Relief aus Nicaea, das den Alamannensieg des Constantius darstellt, gehört in die gleiche Zeit.Géza Alföldy: Die Alamannen in der Historia Augusta. In: Jahrbuch des Römisch-germanischen Zentralmuseums Mainz, Band 25 (1978), S. 196–207, S. 200f. Der erste römische Kaiser, der den Siegertitel Alamannicus trug, war Constantius’ Enkel Konstantin II., spätestens seit dem Jahr 331. Damit wurden die Alamannen erstmals als eigenständiges Volk innerhalb der Germania und eigenständiger Gegner Roms (ähnlich den Franken, Sarmaten und Goten) gewertet.Géza Alföldy: Die Alamannen in der Historia Augusta. In: Jahrbuch des Römisch-germanischen Zentralmuseums Mainz, Band 25 (1978), S. 196–207, S. 204. Seit der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts werden die Alamannen immer häufiger als selbständiges Volk bezeichnet und zunehmend vom allgemeinen Germanennamen abgehoben, so etwa in den Festreden des Quintus Aurelius Symmachus aus den Jahren 369 und 370.Géza Alföldy: Die Alamannen in der Historia Augusta. In: Jahrbuch des Römisch-germanischen Zentralmuseums Mainz, Band 25 (1978), S. 196–207, S. 203.
Der römische Offizier und Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus (4. Jahrhundert n. Chr.), eine zentrale Quelle für die frühe Geschichte der Germanen außerhalb des Römischen Reichs, beschreibt die Alamannen als ein während der Herrschaft Trajans um 99 n. Chr. am Limes Germanicus siedelndes Volk, als nämlich die Römer diese Grenze zum ersten Mal vollständig befestigten. Später berichtet Ammianus als Zeitzeuge von einer Strafexpedition des Kaisers Julian (genannt Apostata), als die Alamannen sich bereits im heutigen Elsass angesiedelt hatten.
Herkunft, Bedeutung und Verwendung des Namens Die Bedeutung des Namens, der 289 n. Chr. in seiner lateinischen Form Alamanni und später auch Alemanni erscheint, ist nach herrschender germanistischer Ansicht eine Zusammensetzung von germanisch *ala- „alle“ und *manōn- „Mensch, Mann“.Hans Kuhn: Alemannen. § 1: Sprachliches. In: Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 1, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1973, , S. 137 f.; die rekonstruierten Ansätze nach Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. bearb. von Elmar Seebold, de Gruyter, Berlin/Boston 2011, s. vv. Umstritten ist jedoch die ursprüngliche Bedeutung dieser Zusammensetzung. Am ehesten handelt es sich um die Benennung eines „in kriegerischen Unternehmungen neu entstandenen Stammes“, der „sich deshalb Alemannen nannte (oder so genannt wurde), weil er die alten Stammesverbindungen sprengte und jedem, der teilnehmen wollte, offen stand“.Hans Kuhn: Alemannen. § 1: Sprachliches. In: Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 1, Walter de Gruyter, Berlin / New York 1973, , S. 137 f., hier S. 138. Gestützt wird diese Interpretation durch die Deutung des römischen Historikers Asinius Quadratus (um die Mitte des 3. Jahrhunderts), der den Namen als „zusammengelaufene und vermischte Menschen“ erklärt.Asinius Quadratus’ Erklärung wird vom spätantiken Autor Agathias (um 580) überliefert, siehe Agathias 1,6: οἱ δὲ Ἀλαμανοί, εἴγε χρὴ Ἀσιννίῳ Κουαδράτῳ ἕπεσθαι, ἀνδρί Ἰταλιώτη καὶ τὰ Γερμανικά ἐς τό ἀκριβές ἀναγεγραμμένῳ, ξύγκλυδές εἰσιν ἄνθρωποι καὶ μιγάδες, καὶ τοῦτο δύναται αὐτοῖς ἡ ἐπωνυμία. „Die Alamannen aber, wenn man dem Asinius Quadratus glauben darf, einem Mann aus Italien, der die Germanenkriege genau beschrieben hat, sind zusammengelaufene und vermischte Leute; und das bedeutet auch ihr Name.“ Agathiae Myrinaei Historiarum libri quinque, hrsg. von Barthold Georg Niebuhr. Weber, Bonn 1828, S. 26f. Die Entstehung der Alamannen wäre damit etwa als ein Zusammenwachsen von Gefolgschaften, Familiengruppen und einzelnen Menschen verschiedener Herkunft zu sehen. Eine andere Deutung des Namens besagt, dass damit „All-Menschen“ im Sinne von „ganze Menschen, Vollmenschen“ gemeint waren, die Bezeichnung also der Selbstüberhöhung gegenüber der restlichen Menschheit diente.So etwa Helmut Castritius: Die Inschrift des Augsburger Siegesaltars als Quelle der Erkenntnis zur Großstammbildung bei den Germanen. In: Egon Schallmayer (Hrsg.): Niederbieber, Postumus und der Limesfall. Stationen eines politischen Prozesses. Bericht des ersten Saalburgkolloquiums (= Saalburg-Schriften. Band 3). Saalburgmuseum, Bad Homburg 1996, ISBN 3-931267-02-4, S. 18–21, hier S. 20. Vgl. auch Wolfgang Haubrichs: Nomen gentis. Die Volksbezeichnung der Alamannen. In: Röllwagenbüchlein. Festschrift für Walter Röll zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Jürgen Jaehrling, Uwe Meves und Erika Timm. Tübingen 2002, S. 19–42, hier S. 37 f.
Der Begriff „Schwaben“ (der auf die in frühen römischen Quellen genannten Suebi zurückgeht) entwickelte sich im Frühmittelalter zu einem Synonym zu „Alamannen“ bzw. „Alemannien“/„Alamannien“ und ersetzte jene im Laufe des Mittelalters. Über die Herkunft der Doppelbenennung gibt es im Wesentlichen zwei TheorienD. Geuenich: Geschichte der Alemannen. 1997, S. 13 f.: