Der Buddhismus spielt in Burjatien seit dem 17. Jahrhundert eine bedeutende Rolle unter dem mongolischen Volk der Burjaten in Russland, vor allem jedoch unter den Burjaten östlich des Baikalsees.

Der Artikel beschreibt den Buddhismus in den Siedlungsgebieten der Burjaten in Russland, die weitläufiger sind als die heutige Republik Burjatien und dabei auch in die Region Transbaikalien und die Oblast Irkutsk hineinreichen. Nicht beachtet wird der Buddhismus der Burjaten in der Mongolei und in der Volksrepublik China, da das Verhältnis der russischen Burjaten zur staatlichen Obrigkeit in Zarenreich, Sowjetunion und Russischer Föderation eine eigene Entwicklung gezeugt hat.

Die russischen Burjaten folgen traditionell der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus. Anders als die ebenfalls in Russland ansässigen west-mongolischen Kalmücken, die sich religiös vor allem nach Tibet bzw. zum tibetischen Buddhismus orientieren, haben die Burjaten historisch eine stärkere Verbindung zur Mongolei. Eine besondere Rolle im Buddhismus in Burjatien spielt die Verbindung des burjatischen Buddhismus mit der russischen Regierung. Die Loyalität zum russischen Staat drückt sich unter anderem in der Anerkennung russischer Herrscher als Inkarnationen der buddhistischen Gottheit der Weißen Tara aus. Diese Verknüpfung mit dem russischen Staat lässt einige Beobachter und Akteure von einem eigenständigen „Burjatischen Buddhismus“ sprechen.

Geschichte

Vorgeschichte Die Burjaten bzw. ihre Vorfahren kamen schon im 1. Jahrtausend n. Chr. und zur Zeit des mongolischen Großreiches im 13. und 14. Jahrhundert in Berührung mit dem Buddhismus. Allerdings blieb bis zum 17. Jahrhundert die mehrheitliche Religion der Burjaten der Schamanismus. Eine buddhistische Mission begann etwa ab 1620, als mongolische Nomaden nach Burjatien einwanderten und mongolische und vielleicht auch tibetische Mönche mit sich brachten, die die Burjaten zum tibetischen Buddhismus der Gelug-Schule bekehrten. Wie auch bei anderen nomadischen Völkern, die den Buddhismus übernahmen, wurden die religiösen Rituale zunächst in Filzzelten abgehalten.

Der frisch übernommene Buddhismus traf auf Widerstand des traditionellen Schamanismus, konnte sich aber nach und nach unter den Burjaten etablieren. Der Schamanismus verschwand allerdings nie vollkommen und spielt noch heute eine bedeutende Rolle in der Region.Klaus Sagaster: Der mongolische Buddhismus. In: Manfred Hutter (Hrsg.): Der Buddhismus II. Therevāda-Buddhismus und Tibetischer Buddhismus (= Die Religionen der Menschheit. Band 24,2). Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-028497-5, S. 431 f. Etwa zur gleichen Zeit, als sich Burjaten östlich des Baikalsees niederließen, drang auch die russische Expansion in Sibirien in die burjatischen Gebiete vor. Seitdem waren die Burjaten sowohl dem Einfluss des russischen bzw. sowjetischen Staates als auch dem Buddhismus ausgesetzt.

Der Buddhismus der Burjaten im russischen Zarenreich

Entwicklung des Buddhismus und der Klosterkultur In den Verträgen von Nertschinsk (1689) und Kjachta (1727) zwischen Russland und China wurden die Grenzziehungen zwischen den beiden Vertragsstaaten geregelt, wodurch die Burjaten zum größten Teil vertraglich unter die Herrschaft der Zaren gerieten. Zu diesem Zeitpunkt bestanden bereits intensive Beziehungen zwischen den Burjaten und der Mongolei und Tibet. 1689 wurde eine Vereinbarung zwischen der russischen Regierung und den östlich des Baikalsees lebenden Burjaten getroffen, nach der die Burjaten im Austausch für ihre Loyalität zu Russland nicht durch Gewalt zum Christentum konvertiert werden sollten. mini|Sartul-Dazan, 1904, vor der Zerstörung in der Sowjetunion In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden erste Dazans (Klosterschulen) in Form von Zeltklöstern gegründet, die später durch Holzgebäude ersetzt wurden. Der erste Dazan wurde 1707 der Sartul-Dazan, es folgte 1730 der Zongolski-Dazan und 1741 der Tamtschinski-Dazan, das sogenannte Gänseseekloster. Der früheste stationäre Dazan wurde der Zongol-Dazan. Als frühestes Datum eines aus Holz gebauten Klosters wird das Jahr 1780 angegeben. Im Gegensatz zu den großen Klöstern der Gelug-Tradition in Tibet, an denen Mönche aus verschiedenen Regionen und Völkern und mit unterschiedlichen Sprachen studierten, entwickelten sich in Burjatien Klöster mit Bedeutung jeweils vornehmlich für die lokale Bevölkerung. Die Zahl der Lamas in Burjatien stieg während der Zarenzeit kontinuierlich an, von 150 im Jahr 1772 über 4.509 im Jahr 1846 bis auf 15.000 im Jahr 1910.

Regulierungen und Einfluss des Zarenreichs Bereits 1728 versuchte die russische Regierung den Einfluss der Religion bzw. den Einfluss von Buddhisten, die nicht russische Untertanen waren, unter den Burjaten einzuschränken, indem sie den Zuzug von Lamas aus Tibet verbot und die Ausbildung buddhistischer Lamas vor Ort im Zarenreich anordnete. Allerdings wurde das Verbot nicht strikt eingehalten. So wurde bei der Gründung des Zongolski-Dazan ein tibetischer Lama, Agvan Puncuk, das Oberhaupt des Klosters. Die Regierung versuchte jedoch weiter, die Verbindung zwischen den Burjaten und der Mongolei und Tibet zu unterbinden. 1741 wurde ein Gesetz eingeführt, das den Kontakt mit ausländischen buddhistischen Geistlichen unter Todesstrafe stellte. Gleichzeitig wurde der Buddhismus unter den Burjaten als unabhängig von der Mongolei und Tibet deklariert. mini|Das Gänseseekloser (Tamtschinski-Dazan) war vom 18. bis zum 20. Jahrhundert das Zentrum des burjatischen Buddhismus. 1764 wurde auf Befehl der Zarin Elisabeth das Amt des Khambo Lama als oberster Geistlicher unter den Burjaten festgesetzt, welches fortan das oberste religiöse Amt unter den Burjaten darstellte und heute, nach Unterbrechung der Sowjetzeit, wieder eine bedeutende Rolle spielt. Als ersten Khambo Lama setzte sie den Mönch Damba Darzha Zayayev ein. Das Ziel der Regierung war, damit die Abhängigkeit der Burjaten von Einflüssen der tibetisch-buddhistischen Welt abzubauen, da die Zentren des tibetischen Buddhismus (Tibet und Mongolei) im Machtbereich des mit dem Zarenreich konkurrierenden China der Qing-Dynastie lagen. Mit Schaffung des neuen Amtes sollten die burjatischen Buddhisten von der Außenwelt isoliert werden und Kontrolle über ausländische Buddhisten im Land gewonnen werden. Gleichzeitig unterstützte die zarische Regierung bis Mitte des 19. Jahrhunderts den Buddhismus in Burjatien unter anderem in der Bekämpfung des Schamanismus in der Region. mini|Darstellung eines Cham-Tanzes im Tamtschinski-Dazan in der deutschen illustrierten Zeitschrift die Gartenlaube von 1898 (Zeichnung von 1897)

Verstärkte Regulierung und Eindämmung 1853 erließ die Regierung ein Gesetz über die buddhistische Geistlichkeit in Ostsibirien. Die Zahl der erlaubten Klöster wurde auf die bereits bestehenden 34 festgelegt. Außerdem wurde die Zahl der Lamas begrenzt. Die staatlich anerkannten Lamas waren von Steuern und Abgaben befreit und sie wurden später von der Regierung bezahlt. Allerdings gab es keine Bestrafung für den Fall, dass mehr Lamas als vorgesehen im Land waren, weshalb deren Zahl weiter anstieg. Die Ernennung des Khambo Lamas wurde ebenso wie die Verwaltung der Klöster unter staatliche Obhut gestellt. Den Lamas wurde zudem das Recht genommen, sich frei jenseits der Grenzen ihrer Klosteranlagen zu bewegen, und neue Gebäude durften nur noch nach Erlaubnis des Gouverneurs und des Innenministeriums gebaut werden. Um dieselbe Zeit wurde ein Gesetz erlassen, dass alle buddhistischen religiösen Bücher, die importiert werden sollten, zunächst eine Zensur durchlaufen sollten.

1867 folgte die Regierung einer Empfehlung von Missionaren der russisch-orthodoxen Kirche unter den Burjaten und implementierte eine Regelung, nach der einige getaufte Burjaten in offizielle Ämter der burjatischen Selbstverwaltung erhoben wurden. In den 1870er Jahren versuchte die Regierung unter dem Generalgouverneur Nikolai Sinel'nikow einige der buddhistischen Stätten zu vernichten, indem sie getaufte Burjaten zur Zerstörung der Stätten zu zwingen versuchten. 1888 versuchte die Regierung der Region Irkutsk den Einfluss des Buddhismus unter den Burjaten westlich des Baikalsees zu vermindern, indem sie zwei Klöster der Kontrolle des Kahmbo Lama entzog. Trotz der zaristischen Versuche zur Einschränkung des Buddhismus wurden gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr Ressourcen als zuvor für Bau und Ausstattung der Klöster eingesetzt. Die Repressionen der Regierung wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Teil wieder aufgehoben.

Christliche Missionierungsbestrebungen unter den Burjaten Die ersten russisch-orthodoxen Missionierungsversuche unter den Burjaten begannen in den 1680er Jahren, als zwölf Mönche sich im östlich des Baikalsees gelegenen Selenginsk niederließen und dort 1684 ein Kloster gründeten. Starken Auftrieb erhielten die Missionierungsbestrebungen aber vor allem im 19. Jahrhundert. Bis zur Mitte des Jahrhunderts gab es kaum eine organisierte Hilfe seitens der Zentralregierung in Sankt Petersburg, die Missionierungsversuche gingen vor allem von lokalen Priestern aus. Ab 1865 wurde die Missionierung staatlich (finanziell) unterstützt. Als Resultat war die Zahl der Burjaten, die zur orthodoxen Kirche übertraten, im Zeitraum 1869–92 dreimal so hoch wie im vorherigen Zeitraum 1839–68. Ab 1870 konvertierten jedes Jahr 1500 oder mehr Burjaten zur russisch-orthodoxen Kirche. Viele der Übertritte geschahen unter Zwang. Zunächst konzentrierte sich die Mission auf die vor allem schamanistisch geprägten Burjaten westlich des Baikalsees. Ab den 1870er Jahren, als ein Großteil der Burjaten westlich des Sees zumindest nominell konvertiert war, konzentrierte sich die Mission zunehmend auf die buddhistischen Burjaten östlich des Baikalsees. Zar Nikolaus II. unterschrieb 1905 das Russische Toleranzedikt, nach dem allen Erwachsenen in Russland die freie Religionswahl freistand. Dies veranlasste viele christliche Burjaten dazu, zum Buddhismus zurückzukehren.

Der Buddhismus unter den Burjaten in der Sowjetunion

Staatliche Unterstützung und buddhistische Reformversuche Nach der Oktoberrevolution wurden Buddhisten in der neugegründeten Sowjetunion zunächst unterstützt. Im Gegensatz zur russisch-orthodoxen Kirche, gegen die die sowjetische Führung kompromisslos vorging, trat die Regierung dem Buddhismus, wie auch anderen Minderheitenreligionen, zunächst relativ offen gegenüber. Sie sah im Buddhismus eine Religion unterdrückter Minderheiten und in seiner staatlichen Unterstützung ein Mittel, die angestrebte Weltrevolution auch in buddhistische Länder zu tragen. mini|Der burjatische Mönch und Gesandter des 13. Dalai Lama in Sankt Petersburg, Agwan Dorschijew (1854–1938), war eine der bedeutendsten burjatischen Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert und der wichtigste Vertreter der buddhistischen Reformbewegung.