Deklaration und Programm der Islamischen Revolution in Syrien () ist ein Manifest, das am 9. November 1980 von der Muslimbruderschaft in Syrien im Zusammenhang mit ihrem Aufstand gegen das Baath-Regime veröffentlicht wurde. Verantwortlich zeichneten dafür Saʿīd Hawwā, ʿAlī Sadr ad-Dīn al-Bayānūnī und ʿAdnān Saʿd ad-Dīn im Auftrag des sogenannten „Oberkommandos der Islamischen Revolution in Syrien“. Der Text ist zweigeteilt und deutlich in Deklaration (bayān) und Programm (minhāǧ) gegliedert, so dass beide Teile auch als eigenständige Texte betrachtet werden können.Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020). 2024, S. 103. In der Deklaration traten die Muslimbrüder als Sprecher der sunnitischen Gemeinschaft auf und definierten ihren Konflikt mit dem syrischen Baath-Regime als einen Konflikt zwischen der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit und einem Minderheitenregime, das hauptsächlich von den Alawiten getragen wurde.Batatu: “Syria’s Muslim Brethren”. 1982, S. 13. Im zweiten Teil formulierten sie ihre politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorstellungen für den zu gründenden Islamischen Staat. Die wirtschaftlichen Aussagen des Programms standen im Einklang mit den Ansichten und Interessen der städtischen sunnitischen Mittel- und Unterschicht der Handels- und Industriebranche.Batatu: “Syria’s Muslim Brethren”. 1982, S. 14. Obwohl das Programm in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen konkrete Vorschläge für islamische Regelungen macht, zum Beispiel Zinsverbot und Zakāt, so zeigen die Ausführungen zu den materiellen Sozialstaatszielen nach Art eines utilitaristischen Wohlfahrtsprogramms Ähnlichkeiten mit entsprechenden Passagen im Programm der Baath-Partei.Meier: Der politische Auftrag des Islam: Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. 1994, S. 381.

Politischer Hintergrund Die syrische Muslimbruderschaft befand sich bereits seit 1976 in einem Aufstand gegen das Baath-Regime unter Hafiz al-Assad. Ende der 1970er Jahre ging der Konflikt zwischen Regime und Muslimbruderschaft in eine militante Kraftprobe zwischen beiden Seiten über und nahm bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. Von beiden Seiten erfolgten Gewaltaktionen: die kämpfende Avantgarde der Muslimbruderschaft unternahm im Juni 1979 einen Anschlag auf die Militärakademie in Aleppo, das Regime mobilisierte umgekehrt im März 1980 die Armee gegen streikende Händler in Hama und Aleppo und richtete im Juni 1980 massenweise gefangene Oppositionelle im Gefängnis von Palmyra hin. Im Juli 1980 wurde die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft unter Todesstrafe gestellt, und es wurden Schnellgerichte zur Aburteilung Beschuldigter eingerichtet. Der Aufstand endete im Februar 1982 mit dem Massaker von Hama.Meier: Der politische Auftrag des Islam: Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. 1994, S. 378.

Die syrische Muslimbruderschaft hatte in den 1950er Jahren noch eine gemäßigte politische Kraft dargestellt und sich unter Führung von Mustafā as-Sibāʿī aktiv am parlamentarischen System beteiligt. Der Grund dafür, dass sie sich zu einer radikalen Oppositionsbewegung entwickelte, die mit dem Ziel einer Islamischen Revolution den militanten Umsturz betrieb, waren soziale Bevölkerungsverschiebungen seit den Baath-Putschen von 1963 und 1970, die sich zuungunsten der sunnitischen städtischen und ländlichen Bevölkerungsschichten auswirkten, aus denen sich die Muslimbruderschaft rekrutierte. Insbesondere der Machtantritt Hafiz al-Assads begünstigte den Aufstieg von Alawiten, die in der traditionellen syrischen Gesellschaft zur Unterschicht angehörten und von den Sunniten tendenziell als häretisch angesehen werden. Sie machten in der Armee Karriere, die zum Hauptgegner der Muslimbrüder im Kampf um die Entscheidung waren.Meier: Der politische Auftrag des Islam: Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. 1994, S. 379.

Das vom „Oberkommando“ veröffentlichte Manifest stammt aus den entscheidenden Jahren des Ringens zwischen Regime und syrischen Muslimbrüdern. Wie in anderen Regionen der islamischen Welt wirkte die erfolgreiche Islamische Revolution in Iran als Vorbild.Meier: Der politische Auftrag des Islam: Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. 1994, S. 379f. Obwohl das Manifest mit seiner Begrifflichkeit an diese Revolution anknüpft, fehlen in dem Text jegliche Bezugnahmen auf das Islamische Republik Iran. Dies wird damit erklärt, dass die Muslimbrüder in Syrien die Islamische Revolution zunächst stark begrüßt hatten, dann jedoch davon enttäuscht waren, dass ihre Hilferufe an Ruhollah Chomeini um moralische Unterstützung gegen das syrische Regime unbeantwortet blieben und sich eine informelle Koalition zwischen Syriens Herrschern und dem iranischen Regime gebildet hatte.

Das Datum der Veröffentlichung, der 5. November 1980, fiel mit dem ersten Tag des Jahres 1401 der islamischen Zeitrechnung zusammen. Genau ein Jahr zuvor, am Neujahrstag des Jahres 1400, hatten Revolutionäre Große Moschee von Mekka besetzt, um den Sturz des saudischen Königshauses zu erzwingen und einen islamischen Staat zu errichten. Die islamische Welt befand sich also in dieser Zeit gewissermaßen im Revolutionsfieber.

Vorbereitung und Veröffentlichung Das Manifest wurde durch eine spezielle Kommission der syrischen Muslimbruderschaft unter Leitung ihres Generalinspekteurs ʿAdnān Saʿd ad-Dīn vorbereitet, der auch den ersten Entwurf dafür lieferte. Diese Kommission wird bereits im September 1980 in der organisationseigenen Zeitschrift an-Nadhīr erwähnt.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 130. Obwohl der 1. Muharram 1401 als Veröffentlichungsdatum angegeben ist, dauerte es einige Wochen, bis das Manifest wirklich verbreitet wurde. Noch die Ausgabe vom Januar 1981 der von den syrischen Muslimbrüdern betriebenen Zeitschrift an-Nadhīr kündigte die baldige Verbreitung des Manifests an. Diese war bis dahin also offensichtlich noch nicht erfolgt. Das Werk erschien dann zunächst in mehreren arabischen Ausgaben mit teils differierenden Seitenzahlen. Die Schrift wurde auch in Europa verteilt, und es wurden englische, französische, deutsche und türkische Übersetzungen erstellt.Binswanger: “Politischer "islamischer Fundamentalismus": das Beispiel der syrischen Muslimbruderschaft”. 1981, S. 646. Die Charta der Islamischen Front in Syrien, die etwas kürzer ist, stellt im Grunde genommen eine Synopse des von der Muslimbruderschaft veröffentlichten Manifests dar.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 131.

Inhalt In den folgenden Abschnitten wird ein Überblick über die Inhalte des Manifests geboten, wobei teilweise nur Abschnittsüberschriften genannt und teilweise der Text paraphrasiert wird. An einzelnen Stellen wird der Text auch wörtlich zitiert.

Erster Teil: Deklaration Gott verhilft denjenigen zum Sieg, die ihm zum Sieg verhelfen. Es wird erklärt, dass es eine Pflicht für Muslime sei, sich in den Dienst des Islams zu stellen.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 1. Die Abweichung, die zum Misstrauen führte. Der zweite Abschnitt erklärt, die Muslime seien nach der Zeit der rechten geleiteten Kalifen vom rechten Weg abgewichen und in einen Zustand der Dschāhilīya zurückgefallen.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 2f. Der Islam widersetzt sich der Verfälschung und Dienstbarmachung. Nach der Unterwerfung der Muslime entstanden unter den Muslimen zwei Richtungen: die eine war davon überzeugt, dass die Muslime nur durch Einheit ihre Stärke wiedererlangen könnten, die andere richtete ihre Hoffnungen auf die Wissenschaft und glaubte, dass diese den Muslimen ihre Stärke wiedergeben könne.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 3. Die Daʿwa des Imam Hasan al-Bannā. Beide Richtungen, so wird erklärt, könnten die Bedürfnisse der Islamischen Revolution nicht befriedigen. Anders sei das hingegen mit der Daʿwa des Imam Hasan al-Bannā. Hier wird der Gründer der Muslimbruderschaft als Verfechter der Idee, dass der Islam ein unteilbares Ganzes ist und in all seinen Aspekten angewandt werden muss, angepriesen.Qīyadat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 3f. - Engl. Übers. Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 204. Ein neuer Geist, der die Muslime durchdringt. Es wird erklärt, dass anders als in den 1950er Jahren der Gedanke einer Islamischen Revolution in den islamischen Ländern sehr stark ist und auch in Syrien präsent ist.Qīyadat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 4. Der Islam, zu dem wir die Menschen aufrufen. In diesem Abschnitt wird erklärt, dass es den muslimischen Revolutionären darum gehe, alle Formen der Unterdrückung, Ausbeutung und Dekadenz zu eliminieren und vollkommene Gerechtigkeit herzustellen.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 4. - Deutsche Übersetzung S. 7f. Syrien kämpft gegen den Kolonialismus und seine Helfer. Hier wird beklagt, dass die (französische) Kolonialmacht vor Verlassen des Landes ein „falsches demokratisches System“ hinterlassen habe, das das Land durch Anführer kontrolliere, die durch Vermögen und Grundeigentum an die Macht gelangt seien.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 5f. - Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 206. Die tiefe Kluft zwischen den Massen der Umma und den Regierungen. Es wird beklagt, dass in der demokratischen Periode Syriens die islamische Bewegung von Parteien anderer ideologischer Richtung marginalisiert wurde und schließlich das demokratische System des Staates kollabierte.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 6f. - Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 207. Das Experiment der Einheit zwischen Ägypten und Syrien. Es wird beklagt, dass die Vereinigte Arabische Republik Parteiinteressen von Opportunisten und professionellen Politikern zum Opfer gefallen sei.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 7. Die Baath-Partei stürzt sich auf die Macht.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 8f. Der sektarische Charakter der Herrschaft (ṭāʾifīyat al-ḥukm) in Syrien. Zu den Possen dieses Sektierertums, so wird hier vorgebracht, gehört die Beförderung des Verteidigungsministers, der direkt an der Niederlage im Sechstagekriegs beteiligt gewesen war, in das höchste Staatsamt.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 9f. - Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 210. Gemeint ist Hafiz al-Assad. Appell an die Söhne der alawitischen Sekte (Nidāʾ ilā abnāʾ aṭ-ṭāʾifa al-ʿAlawīya). Zunächst wird an die „Weisen“ der alawitischen Gemeinschaft appelliert: „Neun oder zehn Prozent der Bevölkerung“, heißt es, „können nicht die Mehrheit in Syrien dominieren.“ Dies widerspräche der „Logik der Dinge“. „Die Minderheit hat sich selbst vergessen und ignoriert die Fakten der Geschichte.“ Die „provokativen und aggressiven Praktiken“ des Regimes „könnten einen mörderischen Bürgerkrieg entfachen“.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 10f. Aufruf and die Söhne der alawitischen Sekte (Ihāba bi-abnāʾ aṭ-ṭāʾifa al-ʿAlawīya). Hier wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die alawitische Gemeinschaft die „Vormundschaft“ von Hafiz al-Assad und seinem Bruder Rifaat abschütteln und so „verhindern möge, dass die Tragödie ihr trauriges Ende nimmt“.Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 11f. - Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 211.

Zweiter Teil: Programm Innenpolitik Konstitutionelles und gerichtliches Leben. Das Oberkommando der Islamischen Revolution erklärt hier, „dass das Bedürfnis der Nation, ihre Freiheit wiederzuerlangen, ebenso wichtig sei wie ihr Bedarf an Luft, Wasser und Nahrung.“Qiyādat aṯ-Ṯaura al-Islāmīya: Bayān. 1980, S. 14. - Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 214. Zu den konstitutionellen Prinzipien, die hier bekräftigt werden, gehören: Gleichheit zwischen den Bürgern Schutz der Bürger Bewahrung der Würde der Bürger