Sprecherziehung ist die praxisorientierte Seite der Sprechwissenschaft, die sich mit allen Aspekten mündlicher Kommunikation beschäftigt. Sie sieht sich in der Tradition der antiken Rhetorik und unterteilt sich in Sprechbildung, Phonetik und Phonologie, Rhetorische Kommunikation, Sprechkunst, Klinische Sprechwissenschaft sowie Medienrhetorik und Mediensprechen. Bei Bildungsangeboten unter dem Namen Rhetoriktraining geht es in der Regel um den Teilbereich der Rhetorischen Kommunikation.

Das Ziel der Sprecherziehung ist es, die Rede-, Artikulations- und Gesprächsfähigkeit zu fördern.

Dabei wird interdisziplinär mit angrenzenden Fachgebieten wie Germanistik, Linguistik, Medizin, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Akustik, Informatik sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft zusammengearbeitet.

Geschichte und Entwicklung Um das Jahr 1900 wurden an mehreren deutschen Universitäten erste wissenschaftliche Lektorate für Vortragskunst, Stimmbildung und Redekunst eingeführt. Einer der Grundsätze der Lektoren war die Abwendung von der deskriptiv orientierten Sprachwissenschaft, um sich vorwiegend auf die Analyse der mündlichen Sprechleistung zu konzentrieren sowie die deutsche Sprache als gesprochenes Wort im Hochschulunterricht zu pflegen und zu optimieren.

Erich Drach, der ab dem Jahre 1917 am Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht in Berlin lehrte, definierte 1922 in seiner Ganzschrift „Sprecherziehung“ erstmals diesen neu von ihm eingeführten Begriff und popularisierte ihn. In den darauffolgenden Jahren veröffentlichte Drach weitere Werke, in welchen er versuchte, die Lehre der Optimierung der mündlichen Kommunikation zu analysieren und zu systematisieren. Dabei bezog er die künstlerische Vortragspraxis sowie didaktisch-methodische Wissenschaftserkenntnisse aus der Sprach- und Völkerpsychologie, der idealistischen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie der Phoniatrie und Logopädie ein. Stimm- und Sprachstörungen trennte er von der Sprechausdruckstypologie ab, die er als didaktisches Anlernverfahren beschrieb. Drach nutzte eine ganzheitlich-kommunikative Herangehensweise an die Sprecherziehung, er verstand das Sprechen stets als einen „Sprechdenkprozess“. Als Grundlage dafür nannte er die Erfassung der Sprechsituation, aus welcher sich die Schallform, die Betonung der Sinnwörter, und der Satzplan ergibt. Die Sprecherziehung wurde somit zugleich als Thema und als Grundsatz des Unterrichtens angesehen. Drach bezeichnete dies auch als Erziehung zum Sprechen und Erziehung durch Sprechen. Der sprecherzieherische Arbeitsunterricht diente der inneren Sprachbildung, Kunsterziehung und Persönlichkeitsfindung. Innerhalb seines Verständnisses der Ganzheitlichkeit beschrieb Drach neben der Sprechsituation auch den virtuell-dialogischen Hörer als wichtigen Teilfaktor für die Analyse der Sprechvorgänge. Sein oberstes Ziel war allerdings das Erreichen des bildungsbürgerlichen Ideals der individuellen Höchstleistung beim Sprechen.

Im Jahre 1920 wurde die Arbeitsgemeinschaft von Lektoren der Vortragskunst an deutschen Universitäten u. a. von Ewald Geißler und Richard Wittsack in Halle ins Leben gerufen. Unter der Führung von Drach gründete die Gemeinschaft 1930 den Deutschen Ausschuss für Sprechkunde und Sprecherziehung (DafSuS). Die damals noch nicht offiziell als „Sprecherziehung“ bezeichneten Lektorate zeichneten sich durch eine Außerplanmäßigkeit, eine nicht an eine Festanstellung gebundene Arbeitsform und eine schlechte Bezahlung aus. Die Sprecherziehung besaß keinen hohen Stellenwert im universitären Kontext und wurde als Sonderliebhaberei verkannt. Zu der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie im Rahmen der Deutschkunde-Bewegung weiter ausgebaut, bspw. gab es ab dem Jahre 1931 Verbandsprüfungen für freiberufliche Sprechlehrer. Es waren Tendenzen in der Entwicklung spürbar, die eine Anpassung an nationalsozialistische Ideale oder den Willen zur Durchsetzung eigener parteilicher Machtansprüche implizierten. Es erfolgte eine weitgehende institutionelle Gleichschaltung der Sprecherziehung. Nach der Teilung Deutschlands entwickelte sich die sprecherzieherische Sichtweise in der DDR und der BRD unterschiedlich weiter. Im Osten spezialisierte man sich innerhalb des Unterrichts v. a. auf die Sprechkunst, Therapie, Physiologie und Standardaussprache. Im Westen lag der Fokus der Lehre auf der durch Hellmut Geißner neu eingeführten Rhetorischen Kommunikation.

Im Jahre 1954 wurde in der DDR das Werk „Deutsche Sprechkunde und Sprecherziehung“ von Christian Winkler veröffentlicht, in welchem der Autor an den Konzepten von Drach ansetzte und diese weiter ausbaute. Winklers Ausführungen enthielten Elemente der Bühler’schen Sprachtheorie sowie Kainz’schen Psychologie und bildeten die theoretische Basis für moderne sprechwissenschaftliche Begriffsbestimmungen. Winkler stellte das sogenannte „Modell der Mitteilung“ auf, welches die Fachbezeichnungen Bedeutung, Meinung und Sinn definierte und differenzierte. Als Ausgestaltungen der menschlichen Kommunikation zählte er verschiedene Gesprächs- und Redeformen auf. Die Leistung des Sprechens sei in Elemente der Eigensprache und des nachgestalteten Sprechens aufgeteilt. Die Eigensprache schlage sich in den Sprechprozesskategorien Ausdruckshaltung, Denkleistung, sprachliche Gestaltung, Ausspruch und Sprachstufe nieder. Zudem definierte Winkler die sprechkundlichen Begriffe Sprechvorgang, Freisprechen, Lesen und Vortragen. Dennoch war er hauptsächlich, wie Drach, an der Optimierung der schulischen Sprecherziehung interessiert.

Helmut Stelzig gab zusammen mit einem Hallenser Autorenkollektiv, in dem u. a. Eberhard Stock, Heinz Fiukowski und Christa Heilmann als Mitglieder engagiert waren, 1976 das Werk „Einführung in die Sprechwissenschaft“ heraus, welches mehrfach neu aufgelegt wurde. In diesem wurden, im Gegensatz zu Winklers Schriften, die unterschiedlichen Entwicklungen in der DDR beschrieben, obwohl deutliche ideologische Tendenzen erkennbar waren. Auf die sprecherzieherische Tradition des frühen 20. Jahrhunderts, welcher die Fachaspekte Sprechstimm- und Artikulationsschulung, Rhetorik, Dichtungssprechen und Übungsbehandlung von Sprach- und Stimmstörungen entnommen wurden, wurde explizit hingewiesen. In der Lehre wurde sich nunmehr mit phonetisch-phonologischen Grundbegriffen, der Systematisierung der Standardaussprache und pathologischen sowie organischen Störungen der sprechsprachlichen Kommunikation beschäftigt. Die Sprechwissenschaft kristallisierte sich als eigenständige Disziplin innerhalb des sprachwissenschaftlichen Fächerkanons heraus. Die Forschung war nunmehr auf die Wirkungsbestimmung der Sprachlaut- bzw. Intonationsrealisierung, der Gestaltung des Stimmklangs, der Atemführung sowie des Aufbaus rhetorischer Äußerungen gerichtet.

Hellmut Geißner, der in Saarbrücken unterrichtende Lektor für Sprechkunde, gab 1981 in der BRD die Schrift „Sprechwissenschaft – Theorie der mündlichen Kommunikation“ heraus. Im Jahre 1982 folgte die Veröffentlichung des praktisch orientierten Teils mit dem Titel „Sprecherziehung – Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation“. Als übergeordnetes Ziel seiner Ausführungen sah Geißner die Gesprächsfähigkeit an.

Er verstand mündliche Kommunikation als eine Handlung der Verständigung, sowohl im intentionalen als auch im wechselseitigen Sinne. Dabei unterschied er Faktoren und Formen mündlicher Kommunikation. Als Faktoren mündlicher Kommunikation definierte er die situative, personale, sprachliche, formative und leibhafte Auseinandersetzung. Die Formen mündlicher Kommunikation teilte er in phatische, rhetorische, ästhetische, therapeutische und metakommunikative Ausprägungen auf. Für den Teilbereich der Rhetorischen Kommunikation nutzte Geißner für die Sprecherziehung erprobte Übungspraktiken, bspw. den Konzentrierten Dialog oder den Fünfsatz. Als Basis diente die Differenzierung von Gesprächs- und Redeformen. Dabei unterschied er bei den Gesprächsformen zwischen Klären und Streiten und bei den Redeformen zwischen Informieren und Überzeugen. Im Teilaspekt der Ästhetischen Kommunikation versuchte er, ein distanziertes, mehrseitig deutbares und strukturales Sprechen und Hören von Texten zu vermitteln. Geißner veröffentlichte 2000 eine weitere Schrift, in welchem er die Sprecherziehung zur Kommunikationspädagogik transformierte, da sich, in seinen Augen, seine Auffassung der Sprecherziehung als Gesprächslehre nicht etabliert habe. In seiner Definition der mündlichen Kommunikation biete die Kommunikationspädagogik jedoch keine grundlegenden Veränderungen oder Fortschritte zu seinem Konzept von 1981. Die Bezeichnung „Sprechwissenschaft“ änderte Geißner nicht.

In Norbert Gutenbergs „Einführung in die Sprechwissenschaft und Sprecherziehung“ von 2001 beschrieb dieser die Beziehung der beiden Wissenschaftsdisziplinen zueinander. Die Sprechwissenschaft und Sprecherziehung würden stets paarweise in einem Theorie-Praxis-Verhältnis auftreten.

Arbeitsbereiche

Sprechbildung

Die Sprechbildung kann in Stimmbildung (Ausbildung der Sprechstimme für stimmintensive Berufe) und Artikulationsschulung eingeteilt werden. Ziel der Sprechbildung ist eine der jeweiligen Situation angemessene Artikulation sowie eine angenehm klingende, belastungsfähige Stimme, die variables, wirksames und ausdrucksvolles Sprechen erleichtert. Gefördert wird dabei z. B. eine entspannende und unhörbare Atmung, das Sprechen in der individuell idealen Sprechstimmlage, die Weitung der Resonanzräume oder eine deutlichere, evtl. sogar normgetreue Artikulation.

Phonetik und Phonologie

Die Reichweite dieses Bereiches erstreckt sich von der Lehre phonologischer und linguistischer Grundprinzipien bis zu den Forschungsmethoden verschiedener phonetischer Richtungen der deutschen Sprache.

Innerhalb der Teildisziplin der Phonologie werden die Merkmale des Sprachsystems abstrakt und theoretisch betrachtet. Segmental konzentriert sie sich im Bezug einzelner Phoneme oder Silben auf die Beschreibung des Phoneminventars, des Vokal- und Konsonantensystems, der Phonem-Graphem-Beziehung, der Silbenstrukturen sowie der phonologischen Prozesse. Im suprasegmentalen Bereich wird die Akzentuierung, Rhythmisierung und Melodisierung von Wörtern oder Sätzen untersucht.

Die Phonetik bezieht sich als eigenständige Disziplin auf die Realisierung, Wahrnehmung und Analyse konkreter Laute oder Lautfolgen. Dabei spielt im Themenfeld der Normphonetik die Vermittlung der Standardaussprache (Orthoepie) eine große Rolle. Der Teilkomplex der kontrastiven Phonetik beschäftigt sich mit der Beschreibung und Bewertung sowie dem Vergleich von Merkmalen unterschiedlicher Sprachen zueinander u. a. im Hinblick auf das Unterrichtsfach Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache.

Rhetorische Kommunikation

Rhetorische Kommunikation betont als Weiterentwicklung des klassischen Rhetorik-Begriffs das gemeinsame Sprechen. Gespräche und Reden werden als echte bzw. latente Dialoge angesehen, in denen im Idealfall kooperativ über etwas gemeinsam geredet wird, das von allen Partnern gleichermaßen verantwortet wird. Einzelziele im Rahmen der Rhetorischen Kommunikation sind verständliches und anschauliches Formulieren, wirksames Präsentieren, faires Argumentieren sowie diverse Kompetenzen im Bereich der Gesprächsführung. Der Gegenstand der Rhetorischen Kommunikation wird somit durch die Analyse und Optimierung der interpersonellen Sprechkommunikation definiert.

Die Prozesse der Rhetorischen Kommunikation stützen sich auf sprecherzieherisch relevante Kommunikationsmodelle u. a. das Situationsmodell (nach Hellmut Geißner), das Johari-Fenster (nach Joseph Luft und Harry Ingham) sowie das Vier-Seiten-Modell (nach Friedemann Schulz von Thun).