Lena „Mama“ Richard (* 9. September 1892 oder 1899 in New Roads, Pointe Coupee Parish, Louisiana als Marie Aurina Paul; † 27. November 1950 in New Orleans, Louisiana) war eine US-amerikanische Köchin, Kochbuchautorin, Moderatorin und Gastwirtin. In New Orleans wurde sie zunächst durch einen Cateringdienst und eine Kochschule bekannt. Ihren Durchbruch feierte sie 1939 mit der Selbstveröffentlichung des Lena Richard’s Cook Book, einer Sammlung von Rezepten der kreolischen Küche Louisianas. Die Neuauflage im folgenden Jahr machte sie landesweit berühmt.
Nach Aufenthalten in New York und Virginia kehrte Richard in den 1940er Jahren in ihre Heimatstadt zurück, eröffnete dort zwei Restaurants, gründete ein Unternehmen für damals relativ neue Tiefkühl-Fertiggerichte und moderierte als erste Afroamerikanerin eine Kochsendung im Fernsehen. Nach ihrem Tod geriet Richard aus verschiedenen Gründen lange in Vergessenheit. Erst in den 2010er Jahren wurde ihre Lebensgeschichte durch Medienberichte wieder in der Öffentlichkeit bekannt. Richard gilt unter Historikern als wichtige Persönlichkeit der US-amerikanischen Kulinarik, die trotz des zu ihren Lebzeiten gesellschaftlich weitverbreiteten Rassismus eine erfolgreiche Karriere hatte und nachfolgende Generationen schwarzer Köche beeinflusste.
Frühe Jahre Marie Aurina Paul wurde in den 1890er Jahren in New Roads geboren, einer Kleinstadt im Pointe Coupee Parish. Über ihr Geburtsdatum existieren unterschiedliche Angaben. Die meisten Verzeichnisse nennen den 9. September 1892. Das deckt sich mit Archivdaten der Diözese von Baton Rouge, nach denen Paul genau einen Monat später getauft wurde.Ashley Rose Young: Nourishing Networks: The Public Culture of Food in Nineteenth-Century America. Duke University, Durham 2017, S. 338–358 (PDF). Jedoch war sie laut dem am 1. April 1950 durchgeführten United States Census zu jenem Zeitpunkt 50 Jahre alt, was auf 1899 als Jahr ihrer Geburt deutet.United States Census 1950. United States Census Bureau, 1. April 1950, S. 76. Daneben gaben Lokalzeitungen in Meldungen zu Pauls Tod im November 1950 ihr Alter als 51 an.
Pauls spätere Karriere wurde durch ihre Geburtsstadt begünstigt. In New Roads lebten etliche Personen mit französischer, kreolischer und antillischer Herkunft. Sie waren Fremdenfeindlichkeit, Misogynie und Rassismus ausgesetzt. Aufgrund dessen beschlossen viele Betroffene, die französische Küche mit ihren eigenen kulinarischen Traditionen zu kombinieren. Durch ihre neuartige Kochkunst konnten sie trotz der Diskriminierungen mit Markt- beziehungsweise Straßenverkäufen ihrer Waren oder als Privatköche bei weißen Familien der Oberschicht Geld verdienen. Mehrere von Pauls weiblichen Verwandten bestritten auf diese Art ihren Lebensunterhalt und gaben ihr Wissen an sie weiter.Marie Cohen Ferris: The Edible South: The Power of Food and the Making of an American Region. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2014, ISBN 978-1-4696-1769-5.
Nachdem Pauls Mutter Françoise eine Stelle beim Unternehmer Nugent Vairin in New Orleans erhalten hatte, zog sie mit ihrem Ehemann Jean-Pierre und den zehn gemeinsamen Kindern dorthin. Nicht lange nach ihrer Ankunft wurden die Namen der gesamten Familie anglisiert, wobei nicht erwiesen ist, ob die Behörden die Änderung anordneten oder die Eltern sie beantragten. Marie Aurina hieß fortan Lena. Als Jugendliche half sie ihrer Mutter und einer Tante, die bei derselben Familie angestellt war, gelegentlich in der Küche aus und verbrachte dort oft ihre Freizeit. Ihr großes Interesse am Kochen erregte die Aufmerksamkeit von Alice Vairin, der Ehefrau ihres Arbeitgebers. Nachdem sie ein von Paul zubereitetes Gericht probiert hatte, erhöhte sie deren Lohn, ernannte sie zur Vollzeitköchin und stiftete ihr eine Ausbildung.
Nach Kursbesuchen an lokalen Kochschulen wurde Paul von Vairin für acht Wochen auf die bekannte Miss Farmer’s School of Cookery in Boston geschickt. Sie war die einzige schwarze Schülerin und benötigte das schriftliche Einverständnis aller Klassenkameradinnen, um sich einschreiben zu können. Sie habe sich dort nach eigener Aussage zwar neue Informationen über die Zubereitung von Desserts und Salaten angeeignet, ansonsten aber kaum etwas dazugelernt, da Südstaaten-Köche ihren Kollegen aus dem Norden in den meisten kulinarischen Bereichen, zum Beispiel Eintöpfen, Fleischgerichten, Saucen und Suppen, weit überlegen seien. Die Mitschülerinnen seien nach ihren Speisen, beispielsweise Gumbo oder Vol-au-vent, „verrückt“ gewesen, hätten ihren Erklärungen aufmerksam zugehört und sie regelmäßig um Rat gefragt.
Karriere
Anfänge 1918, nach ihrem Abschluss an der Miss Farmer’s School of Cookery, kehrte Paul zurück nach New Orleans. Dort machte sie sich mit einem Cateringdienst selbstständig. Zu ihren Kunden gehörten Veranstalter von Debütantinnenbällen und Partys sowie Hochzeitsgesellschaften. In derselben Zeit lernte Paul Percival Richard kennen, den sie heiratete und mit dem sie eine Tochter namens Marie bekam. Percival unterstützte seine Ehefrau bei der Verwaltung ihres Unternehmens.
Anfang der 1920er Jahre eröffnete Richard mit dem Sweet Shop ihr erstes Lokal. Dort bot sie Süßspeisen an. Ihre Haupterwerbsquelle war weiterhin ihr Cateringservice, der sie in den finanziell gut situierten Kreisen von New Orleans allmählich bekannt machte.Dixie Lee Poche: Cajun Mardi Gras: A History of Chasing Chickens and Making Gumbo. Arcadia Publishing, Mount Pleasant 2023, ISBN 978-1-4396-7679-0, S. 90. Kurz nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise wurde Richard Köchin im Orleans Club, einem exklusiven Treffpunkt für vermögende weiße Stadtbewohnerinnen.Klancy Miller: For the Culture: Phenomenal Black Women and Femmes in Food: Interviews, Inspiration, and Recipes. HarperCollins, New York 2023, ISBN 978-0-358-57623-5, Kapitel Lena Richard. mini|alternativtext=Ein hellblaues Buch liegt auf einem weißen Untergrund. In der Buchmitte steht in schwarzen Großbuchstaben über drei Zeilen verteilt der Titel New Orleans Cook Book. Etwas unter dem Schriftzug Cook Book befindet sich eine kleine, ebenfalls schwarze Zeichnung von zwei Maiskolben. Die Buchränder sowie der Buchrücken sind teils deutlich abgenutzt.|Exemplar des New Orleans Cookbook
Durchbruch mit dem New Orleans Cook Book 1937 eröffnete Richard eine Kochschule.Adrian Miller: Soul Food: The Surprising Story of an American Cuisine, One Plate at a Time. University of North Carolina Press, Chapel Hill 2013, ISBN 978-1-4696-0763-4, S. 136. Sie wollte damit vor allem anderen Schwarzen eine gute Karriere ermöglichen. Deswegen lernten die Schüler neben dem Kochen sowie Servieren das Verhandeln um höhere Löhne.John Egerton, Ann Bleidt Egerton: Southern Food: At Home, on the Road, in History. University of North Carolina Press, Chapel Hill 1993, ISBN 0-8078-4417-9, S. 363. Für den Eintritt zur Abschlussfeier waren 25 Cent zu zahlen, die zur Finanzierung eines Buchprojekts von Richard dienten. Aus demselben Grund gründete sie zusammen mit einer Tochter der Vairins eine ähnliche Einrichtung für „Bräute, Brautjungfern und langjährige Ehefrauen“, deren Schulgebühr zehn Dollar betrug.
In den nächsten zwei Jahren sammelte Richard über 300 Rezepte. Ihre Tochter schrieb sie nieder und ließ sie mit der Schreibmaschine abschreiben, wofür ihre Mutter mit Vorträgen inner- und außerhalb von New Orleans aufkam. Auf diese Weise entstand Lena Richard’s Cook Book. Sie gilt als erste von einer schwarzen Person zusammengestellte Rezeptliste der kreolischen Küche. Richard begab sich dann für einen Monat nach New York City, um es im Selbstverlag zu veröffentlichen. Sie verkaufte 700 Exemplare und verwendete den Erlös zur Begleichung der Druckkosten. Zwei Faktoren trugen zu den hohen Verkaufszahlen bei. Zum einen machte das Buch den Lesern mit einfach verständlichen Anleitungen damals als exotisch geltende Gerichte wie Bisque und Court-bouillon zugänglich. Zum anderen lobte die Journalistin Clementine Paddleford es in mehreren Kolumnen der großen Zeitung New York Herald Tribune. Ein Jahr darauf erklärte sich Houghton Mifflin Harcourt dank der Unterstützung von Paddleford und dem bekannten Koch James Beard bereit, eine Neuauflage herauszubringen. Der Verlag ließ einen anderen Einband entwerfen, auf dem Richards Name und Porträtfoto im Gegensatz zur ersten Fassung fehlten. Das Buch erschien unter dem neuen Titel New Orleans Cook Book.Toni Tipton-Martin: The Jemima Code: Two Centuries of African American Cookbooks. University of Texas Press, Austin 2022, ISBN 978-1-4773-2671-8, S. 52.
Zwischenstationen in New York und Virginia Das New Orleans Cook Book entwickelte sich zu einem nationalen Bestseller. Richard öffneten sich dadurch neue berufliche Möglichkeiten. Im September 1940 wurde sie vom Ehepaar Stearns kontaktiert. Die beiden waren Inhaber des neu eröffneten Restaurants Bird & Bottle Inn im gemeindefreien Gebiet Garrison in New York. Sie boten ihr eine einmonatige Probezeit an und stellten sie drei Tage nach ihrer Ankunft fest an. Richards kreolische Gerichte führten schnell zu hohen Besuchszahlen, die beliebtesten waren dabei Garnelenbisque und gefülltes Hähnchen. Personen aus dem ganzen Land reisten dafür an, darunter die Prominenten Thomas Beecham, Joan Crawford, Veronica Lake, Henry Morgenthau und John D. Rockefeller, Jr. Richard verließ Garrison aufgrund eines von ihr nicht näher beschriebenen „Unfalls“ nach 18 Monaten.
Richard arbeitete ab Anfang 1943 im von der Rockefeller-Stiftung betriebenen Lokal Travis House in Williamsburg. Der Hauptgrund für ihre Anstellung war, dass wichtige Vertreter der britischen Armee, die zu Gesprächen mit der United States Army nach Washington kamen, regelmäßig dort aßen. Im Mai veranstaltete das Restaurant ein Abendessen für hochrangige britische Militärangehörige. Richards dafür zubereitete Speisen, darunter überbackene Austern, Garneleneintopf und gefüllte Auberginen, kamen bei den Gästen sehr gut an. Das hatte nicht nur weitere berühmte britische Kunden wie Clementine und Mary Churchill, sondern auch eine bei den Einheimischen große Nachfrage nach ihrem Essen zur Folge. Das Travis House führte deswegen eine Mitnehmoption ein. 1945 kündigte Richard und kehrte in ihre Heimatstadt zurück.Diane M. Spivey: At the Table of Power: Food and Cuisine in the African American Struggle for Freedom, Justice, and Equality. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 2022, ISBN 978-0-8229-4731-8, Kapitel From the Beginning: The Struggle against Culinary Apartheid.
Weitere Karriere in New Orleans Im November 1941 eröffnete Richard in New Orleans ihr zweites Restaurant. In Lena’s Eatery fanden sich trotz der damals vorherrschenden Rassentrennung weiße und schwarze Gäste zur selben Zeit ein, was die Stadtregierung aufgrund Richards großer Popularität in der Bevölkerung nie beanstandete.Paul Freedman: American Cuisine: And How It Got This Way. Liveright, New York 2019, ISBN 978-1-63149-463-5, Kapitel Flowering and Fading: American Regional Food. In dieser Zeit entstand der von ihren Kunden in Bezug auf sie häufig verwendete Spitzname Mama Lena. 1945, ungefähr ein Jahr bevor sich Tiefkühllebensmittel in den Vereinigten Staaten weit verbreiteten, kochte Richard einige ihrer Gerichte in großen Mengen und ließ sie in Zusammenarbeit mit einem lokalen Lebensmittelhändler als Tiefkühl-Fertigkost verpackt per Flugzeug ins amerikanische In- sowie Ausland verschicken. Vier Jahre später feierte ihr drittes Restaurant, das Gumbo House, seine Eröffnung.