Razzouk Tattoo (Razzouk, ) ist ein Tätowier-Laden in der Jerusalemer Altstadt. Es werden hauptsächlich Tätowierungen für christliche Pilger angefertigt. Das Geschäft gilt als ältestes Tattoo-Studio der Welt und ist im Besitz der koptisch-christlichen Familie Razzouk. Die Familie, die bereits im 14. Jahrhundert in Ägypten mit dem Tätowieren begann, wanderte im 18. Jahrhundert nach Jerusalem aus.

Hintergrund Die Tradition christlicher Pilger, sich tätowieren zu lassen, ist seit dem 8. Jahrhundert belegt.Kap.: Die Sprache der Haut in Bewegung – Einführung. In: Susanna Kumschick: Tattoos zeigen: Darstellungsformen von Tätowierungen in der kuratorischen Theorie und Praxis. transcript Verlag 2021: S. 40. jstor=j.ctv371bxfk.5 Insbesondere im koptischen Christentum dienten Tätowierungen oft dazu, sich als Christ zu kennzeichnen – ähnlich wie das Tragen eines Kruzifixes oder einer Kreuzkette. Die koptische Praxis, sich ein Kreuz auf die Innenseite des rechten Handgelenks tätowieren zu lassen, hat möglicherweise ihren Ursprung in äthiopischen Bräuchen und diente in der überwiegend muslimischen Gesellschaft als Mittel zur ethnischen und religiösen Identifizierung.Otto Meinardus: Tattoo and Name: A Study on the Marks of Identification of the Egyptian Christians. In: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. vol. 63/64, Universität Wien 1972: S. 27–39. ISSN 0084-0076 jstor=23868136 Sie galt als Erinnerung und Bestätigung des Glaubens und als Mittel, einen Abfall vom Glauben zu verhindern. Kreuzfahrer ließen sich als Erinnerung an ihre Zeit im Heiligen Land tätowieren. Im 17. Jahrhundert dokumentierten Johann Lund und William Lithgow, dass sich Pilger als Zeichen und Erinnerung an ihre Reise tätowieren ließen.Kathlyn Gay, Christine Whittington: Body marks: tattooing, piercing, and scarification. Millbrook Press Brookfield, CT 2002: S. 25. ISBN 978-0-7613-1742-5 archive.org Die Familie Razzouk schätzt, dass sie seit 27 Generationen, also etwa 700 Jahren, die Kunst des Tätowierens ausübt. Die ursprünglich aus Ägypten stammende Familie zog im 18. Jahrhundert nach Jerusalem und schloss sich einer kleinen Gemeinde koptischer Christen an.John Carswell: Coptic Tattoo Designs. American University of Beirut 1958. archive.org Anfangs tätowierten sie ihre Kunden in den Höfen von Kirchen, bevor sie ihr heutiges Ladenlokal bezogen. Jersuis Razzouk, ein koptischer Priester, war zu dieser Zeit der Haupttätowierer der Familie und ließ sich 1750 in Jerusalem nieder. Vor dem Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 tätowierten mehrere andere Familien Pilger in Jerusalem, Bethlehem und Jaffa; die Familie Razzouk ist die einzige verbliebene Tätowiererfamilie nach der Gründung des modernen Staates Israel.Nebojsa Tumara: Kap.: 'Sign of Martyrdom, Heresy and Pride': The Christian Coptic Tattoo and the Construction of Coptic Identity. In: Mark Swanson, Nelly van Doorn-Harder, Elizabeth Agaiby: Copts in Modernity. Brill, Boston (Mass.) 2021: S. 309. ISBN 978-90-04-44656-4

Arbeitsweise mini|Ein katholischer Diakon lässt sich bei Razzouk tätowieren (2023). Razzouk verwendet Holzblöcke mit eingravierten Tattoo-Motiven, die gleichzeitig als Katalog und Schablone dienen. Die Tinte wird auf die Schablone aufgetragen, der Block auf die Haut gedrückt, wodurch eine Tintenspur zurückbleibt, welche die Nadel führt. Die Blöcke sind aus Olivenholz gefertigt. Die Familie Razzouk datiert einige der Blöcke auf das 17. Jahrhundert; ein Block trägt die Jahreszahl 1749 in armenischer Schrift. Ursprünglich besaß die Familie über 140 Motive, heute sind nur noch etwa 80 erhalten, die übrigen sind verloren gegangen oder befinden sich in Museen. Die Blöcke wurden 1958 in einem Buch von John Carswell von der Amerikanischen Universität Beirut dokumentiert. Das traditionelle Pilger-Tattoo ist ein Kreuz am rechten Handgelenk. Pilger, die Jerusalem mehrmals besuchen, lassen sich mitunter auch das linke Handgelenk tätowieren. Weitere Motive zeigen die Jungfrau Maria und die Kreuzigung, das Jerusalemkreuz oder den heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen. Im 20. Jahrhundert war es üblich, dass Jungfrauen ein Motiv der Verkündigung als Gebet um Fruchtbarkeit trugen.

Obwohl der Großteil ihrer Kundschaft aus Christen besteht, da Tätowierungen im Islam traditionell als haram gelten und sie Juden laut der Tora verboten sind, zählen auch jüdische Hipster und jüngere palästinensische Muslime zu ihren Kunden. 2022 eröffnete Razzouk ein neues Studio im westlichen Stil in Westjerusalem, das sich an Einheimische richtet, die modernere Tattoos wünschen. Es unterscheidet sich damit von dem eher traditionellen, auf Pilger ausgerichteten Studio in der Nähe des Jaffatores.

Zu den prominenten Trägern von Razzouk-Tätowierungen zählen Haile Selassie, der letzte Kaiser von Äthiopien, und Pater Mike Schmitz, der Moderator des Podcasts The Bible in a Year („Die Bibel in einem Jahr“). Auch Mitglieder der US-amerikanischen Popband OneRepublic sowie der evangelikale Pastor Matt Chandler wurden von Razzouk tätowiert. Es wird vermutet, dass Razzouk auch Prinz Albert Edward (den späteren König Edward VII.), Prinz Albert Victor und Prinz George (den späteren König George V.) tätowiert hat. Hunderte alliierte Soldaten erhielten Tattoos während des Zweiten Weltkriegs. 2013 schätzten die Eigentümer, dass jährlich zwischen 300 und 400 Pilger tätowiert werden, wobei auch weitere Familienmitglieder Kunden tätowierten und aufgrund der Nachfrage gelegentlich in Hotels gingen. Guinness World Records führt Razzouk als ältestes Tätowier-Geschäft der Welt.

Razzouk vergibt Lizenzen für seine Marken- und Stempeldesigns an andere Tätowierer weltweit. Diese müssen Christen sein und mehrere Wochen bei Razzouk in Jerusalem verbringen, um die Stempel und ihre Geschichte kennenzulernen. Lizenzierte Künstler sind in Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Irland, Frankreich und den USA tätig.

Einzelnachweise

Literatur

Mottie Levy, Mordechay Lewy: לתולדות הקעקוע הירושלמי בקרב צליינים מאירופה‎ (letuldot hakakua hirushalmi bakrav tzlyanim me'erufa, Towards a History of Jerusalem Tattoo Marks among Western Pilgrims) In: Cathedra: For the History of Eretz Israel and Its Yishuv. is. 95: s. 37–66. ISSN 0334-4657 jstor=23404596

Weblinks

Offizielle Homepage razzouktattoo.com

Kategorie:Koptisches Christentum Kategorie:Unternehmen (Jerusalem) Kategorie:Tätowierung Kategorie:Wirtschaftlicher Rekord Kategorie:Altstadt von Jerusalem Kategorie:Christliches Wallfahrtswesen