mini|Am Hauptbahnhof abgestellte Fahrräder (2006)

Radverkehr in Münster nimmt einen wichtigen Stellenwert ein. Fahrradstadt ist eine dem Namen der Stadt Münster in Westfalen zugefügte Eigenschaft, die sich in dem hier besonders ausgeprägten Radverkehr begründet. Für dessen Förderung wurde Münster schon mehrmals ausgezeichnet,Münster gewann mehrmals den Fahrradklimatest des ADFC und sie galt als Vorbild einer Verkehrswende für andere Städte im In- und Ausland.

Allgemeines mini|Modal Split der Einwohner der Stadt Münster 2007

Das Fahrrad wird aus dem Münsteraner Soziolekt Masematte stammend im Münsteraner Volksmund häufig als Leeze oder auch niederdeutsch Fietse bezeichnet.

Von den rund täglich 1,4 Millionen Fahrten in Münster entfallen circa 1,05 Millionen auf die Einwohner der Stadt. Von diesen rund 1,05 Millionen Fahrten werden je nach Quelle etwa 35 % bis 40 % mit dem Fahrrad zurückgelegt. Somit hat die Stadt den höchsten Radverkehrsanteil in Deutschland nach dem deutlich kleineren Greifswald mit 44 % und Oldenburg mit 42,7 %.Stadt Münster: Garantiert fahrradfreundlich. In: Presse-Info. Stand 6. Februar 2008.Stadt Münster: 2. Nahverkehrsplan (PDF; 5,5 MB), S. 21.Greifswald ist Fahrradhauptstadt Deutschlands. Website der Stadt Greifswald, abgerufen am 28. Dezember 2013.

Für 2022 wird der Modal-Split mit 47 % Radverkehr an allen Wegen der Einwohner angegeben (Fußverkehr: 19 %, öffentlicher Verkehr: 8 %, Motorisierter Individualverkehr: 26 %). Diese Aussage betrifft nicht nur den Binnenverkehr, also nicht nur Wege der Einwohner innerhalb des Stadtgebiets, sondern auch Wege über die Stadtgrenzen hinaus.Radverkehrsbericht Münster 2018–2022. Stadt Münster 2023, Pressemeldung Stadt Münster 22. Mai 2023: Mobilitätsbefragung: Radverkehrsanteil steigt auf 47 Prozent

Das Radwegenetz innerhalb der Stadt erstreckt sich dabei auf einer gesamten Länge von über 300 km, davon 293 km auf Bordsteinradwegen, 10 km sind Fahrradstraßen und auf einer Länge von insgesamt 3 km dürfen Radfahrer die Bussonderstreifen mitnutzen. Zur Orientierung wurden an 172 km Radwegweiser aufgestellt. Auf 142 km verlaufen gekennzeichnete Themenrouten.Stadt Münster: (PDF; 2 MB), S. 162.

Zugleich ist Münster die Stadt mit den meisten Fahrraddiebstählen im deutschsprachigen Raum.Westfälische Nachrichten: Studie: Münster ist vor Bern die Fahrradklau-Hochburg schlechthin, Münster, 11. Oktober 2010, abgerufen am 12. Oktober 2010.

Grundlagen Frühere Planungen Die politischen Gremien haben 2004 ein „Radverkehrskonzept 2010“ beschlossen. Demnach sollten unter anderem die Unfallschwerpunkte systematisch untersucht und nach Möglichkeit entschärft werden. Lücken im bestehenden Radverkehrsnetz sollten geschlossen, Bordsteinradwege saniert und sogenannte Drängelgitter entfernt werden.Stadt Münster, Amt für Stadtentwicklung, Stadtplanung und Verkehrsplanung: , Stand 1. März 2008.

Zur Verbesserung der Zufriedenheit der Radfahrer wurde vom ADFC Anfang 2012 der Bau von Radschnellwegen ins Umland sowie eine autofreie Altstadt vorgeschlagen. Auf dieser Grundlage ist inzwischen ein Netz von „stadtregionalen“ Velorouten in PlanungPositionspapier Velorouten von 2021 und abschnittsweise in Bau oder bereits umgesetzt,Planungs- und Baumaßnahmen auf veloregion.de so zwischen Heimannsweg und Ostseite des Hauptbahnhofs und in Teilabschnitte der Route von Telgte über Handorf bis zur Promenade.

Gründe für den hohen Radverkehrsanteil Das Radfahren in Münster ist unter anderem deshalb so beliebt, weil es in Münster kaum Steigungen gibt. Die Entfernungen sind in der Stadt selten über 5 km, zahlreiche Ziele finden sich in kürzeren Entfernungen. Nicht zuletzt ist die Sozialstruktur mit einem hohen Anteil an Schülern und Studenten günstig für das Radfahren. Diese Gründe treffen aber auch für zahlreiche andere Städte zu, in denen in weit geringerem Ausmaß Rad gefahren wird. Von besonderer Bedeutung scheinen daher weitere Gründe zu sein.

mini|Auf dem Prinzipalmarkt fahren neben Radfahrern auch Linienbusse, Taxis, Lieferfahrzeuge und vereinzelt private PKW.Zu diesen Gründen zählt, dass Teile der Innenstadt zwischen Servatiiplatz über den Prinzipalmarkt bis zum Domplatz für private Pkw gesperrt sind oder aus Einbahnstraßen bestehen. Dies macht für Autofahrer ein Umfahren des Innenstadtbereichs notwendig, während Radfahrer fast überall fahren dürfen und sie auch die Innenstadt, außer in den Fußgängerzonen, direkt durchqueren können.

Wer per Rad die Innenstadt umfahren will, kann dies auch auf der 4,5 Kilometer langen Promenade tun. Hierbei handelt sich um eine Ringstraße, die in den zur Parkanlage umgewandelten ehemaligen spätmittelalterlichen Befestigungsanlagen angelegt wurde und ausschließlich dem Fuß- und Radverkehr dient. Die mittlere Bahn ist asphaltiert und ausschließlich für Radfahrer vorgesehen, allerdings wird sie ebenfalls von Skatern, manchen Joggern, Rollstuhlfahrern und gelegentlich auch von Segways benutzt. Für Fußgänger ist parallel zur mittleren Bahn auf jeder Seite ein Gehweg angelegt, welche mit Ausnahme zweier kleiner Stücke auf dem inneren Gehweg gepflastert sind. Zwischen Radfahrstreifen und Fußgängerwegen zieht sich je eine Baumreihe von Linden, was die Promenade zur Allee macht. Es gibt zehn aus der Innenstadt führende Straßen, welche die Promenade kreuzen und zwar an den Stellen, wo sich früher die Stadttore befanden. Fünf dieser Kreuzungen sind mit Zebrastreifen versehen. Von den anderen Kreuzungen sind drei mit Ampeln versehen, eine weitere ist ohne Zebrastreifen oder Ampel und die letzt zu nennende ist eine Unterführung.

Ein weiterer Grund für den hohen Anteil an Radfahrern: Münster ist eine Pendlerstadt mit insgesamt rund 80.000 täglichen Einpendlern. Durch die Radialstruktur der Stadt mit nur sechs großen Ausfallstraßen ergeben sich im Berufsverkehr häufig Staus. Da die Ausfallstraßen durch Wohngebiete führen, greifen die dort wohnenden Arbeitnehmer häufig zum Fahrrad, um zu ihrer Arbeitsstelle zu kommen. Im Gegensatz zu anderen Städten vergleichbarer Größe wird in Münster der ÖPNV primär mit Bussen durchgeführt, die tendenziell unattraktiver als schienengebundene Verkehrsmittel sind (was den geringen Modal-Split-Anteil von 8 % (2022) erklärt). Der SPNV hingegen hat in Münster innerstädtisch eine geringe Bedeutung.

mini|Autofreie Routen haben an Verkehrsampeln teilweise lange Wartezeiten.

Die Gründe für die Vorliebe der Münsteraner für die Nutzung des Fahrrades liegen unter anderem in den zahlreichen Sonderregeln, die das Radfahren in Münster erleichtern. So waren bereits vor der StVO-Novelle 1997, in der die Freigabe von Einbahnstraßen in Gegenrichtung (zunächst nur versuchsweise) in die StVO aufgenommen wurde, fast alle Einbahnstraßen innerhalb von Tempo-30-Zonen für Radverkehr in der Gegenrichtung frei gegeben (damals als unechte Einbahnstraße). Es gibt an großen Kreuzungen eigene Fahrstreifen für Radfahrer, oder sie dürfen zwischen den Autos bis direkt vor die Ampel fahren (die sogenannte Fahrradschleuse), damit sie bei Grün immer im Blickfeld der anfahrenden Autos sind. Dies erhöht die Sicherheit der Radfahrer im Straßenverkehr. Außerdem wird so das Warten im unmittelbaren Abgasausstoß der Autos vermieden. Einige Ampeln gelten durch Sonderzeichen nicht für Radfahrer, zum Beispiel an vielen Fußgängerampeln. Ferner gilt in Münster häufig eine für Autofahrer vorgeschriebene Fahrtrichtung an Kreuzungen und Einmündungen nicht für Radfahrer. Da in Münster die Straßen der Innenstadt beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg nicht verbreitert wurden, sind inzwischen viele davon nur als Einbahnstraßen freigegeben, jedoch betrifft auch dies nur selten Radfahrer, die die Straßen in beide Richtungen befahren dürfen. Inzwischen sind dreizehn Straßen im Stadtgebiet mit einer Gesamtlänge von 8,2 km als Fahrradstraße ausgewiesen.Radverkehrsbericht Münster 2018–2022, Stadt Münster 2023

Nicht zuletzt kommt hinzu, dass an nahezu allen Hauptverkehrsstraßen Radverkehrsanlagen bestehen, zumeist in Form von Bordsteinradwegen. Das Radverkehrsnetz entstand im Rahmen des Wiederaufbaus der Innenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg, um Platz für den zunehmenden Kraftfahrzeugverkehr zu schaffen.Stadt Münster: Wie Münster zur Fahrradstadt wurde. In: (PDF; 7,2 MB), Stadtplanungsamt, Presse- und Informationsamt, März 2009, S. 8 f. Insofern war das Am-Stau-Vorbeifahren mit dem Rad auch zu Zeiten möglich, als die Nebenstraßen durch Schleichverkehre oder Einbahnstraßensysteme für Radfahrer noch nicht so attraktiv waren, wie sie es in der heutigen Zeit mit Verkehrsberuhigung, Tempo-30-Zonen und Freigabe von Einbahnstraßen in Gegenrichtung sind.

Eine Ende 2011 erstellte Auswertung der Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes durch das CAR-Center an der Universität Duisburg-Essen ergab, dass mit zunehmender Größe einer Stadt die Beliebtheit von Autos abnimmt.Westfälische Nachrichten: Bundesweit liegt der Schnitt bei 472 Wagen: 374 Autos pro 1000 Münsteraner – Pkw-Quote in Münsterland-Kreisen höher, Münster, Dirk Anger, 3. September 2012. Der Bundesdurchschnitt liege bei 472 privaten Pkw-Zulassungen pro 1000 Einwohner. In Berlin werden mit 289 Pkw auf 1000 Einwohner bundesweit die wenigsten Fahrzeuge angemeldet. Münster liege mit 374 Zulassungen auf 1000 Einwohner in der Region am unteren Ende der Skala.

Stadt/Kreis Einwohner Private Pkw-Zulassungen Private Pkw pro1000 Einwohner Münster 296.440 110.751 374 Bielefeld 323.270 136.275 422 Osnabrück 165.021 74.652 452 Kreis Steinfurt 442.298 219.339 496 Kreis Warendorf 277.049 139.044 502

Münster-Barometer mini|Radfahrer auf dem zugefrorenen Aasee (2006)

Im sogenannten Münster-Barometer, einer regelmäßig von der Westfälischen Wilhelms-Universität durchgeführten Umfrage, gaben in der Umfrage 2/2005 nur 7 % der 280.000 Münsteraner an, kein Fahrrad zu besitzen, immerhin knapp 45 % besaßen zu diesem Zeitpunkt zwei oder mehr Fahrräder. In offiziellen Schriften gibt die Stadt die Zahl der Fahrräder mit gut 500.000 an.

In einer Stadt mit doppelt so vielen Fahrrädern wie Bewohnern tritt auch das Problem des Fahrraddiebstahls in den Vordergrund: So gaben weniger als die Hälfte der Befragten an, ihnen sei noch nie ein Fahrrad gestohlen worden, 15 % beklagten gar drei oder mehr verschwundene Räder. 2008 wurden in Münster bezogen auf 100.000 Einwohner im statistischen Mittel über 2.000 Fahrräder gestohlen.Deutschland: Zahl der Fahrraddiebstähle in Deutschland 2008 auf hohem Niveau, Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) Bundesverband e. V., Bundeskriminalamt Wiesbaden, 20. Oktober 2009. 2009 kamen 1971 Fahrräder abhanden, 2010 waren es 1828, 2011 ging die Quote weiter auf 1756 zurück.Westfälische Nachrichten: Studie: Münster ist die Stadt der Fahrraddiebe, Münster, 22. November 2011.Westfälische Nachrichten: Fahrraddiebe in Münster überführt: Drei, zwei, eins, seins. Münster, Franziska Kues, 22. Juni 2012. Damit wurden statistisch täglich etwa 13 Münsteraner Opfer eines Fahrraddiebstahls, womit Münster mit 179 % über dem Bundesdurchschnitt und wie bereits 2009 und 2010 auch 2011 an der Spitze des bundesweiten Vergleichs lag.Münstersche Zeitung: Neue Studie: Münster ist Hauptstadt der Fahrraddiebe, Münster, 22. Juni 2012. Im Jahr 2011 wurden in Münster 4914 Fahrräder gestohlen.Münstersche Zeitung: Fahrradjäger im Netz: Student will mit einer Internetseite Diebe überführen und Käufer von Hehlerware warnen, Stadtleben, Münster/Rostock, Michael Jochimsen, 20. November 2012. Fast jede sechste in Münster begangene Straftat ist ein Fahrraddiebstahl.Westfälische Nachrichten: Polizei im Münsterland: Einsatz gegen den gewerbsmäßigen Fahrraddiebstahl, Nottuln/Kreis Coesfeld, 24. Mai 2012. Abgegebene sowie abgeschleppte Fahrräder können in der Fundfahrradstation der Stadt Münster abgeholt werden.Stadt Münster: