Antipalästinensischer Rassismus (APR) ist eine Form von Rassismus, der sich gegen Palästinenser richtet. Antipalästinensischer Rassismus umfasst das Negieren der Existenz einer palästinensischer Ethnie, einer palästinensischen Gemeinschaft und eine pauschale Herabwertung von Palästinensern.

Beschreibung

Antipalästinensischer Rassismus (öfters in der Abkürzung APR)Zum Beispiel: ist eine spezifische Form des Rassismus. Palästinenser können antimuslimischen Rassismus und antiarabischen Rassismus erleben und orientalistischen Stereotypen ausgesetzt sein. Davon zu unterscheiden ist der APR, der sich nicht auf diese verwandten Rassismen reduzieren lässt, sondern der auf Palästinenser in „genau dieser Eigenschaft oder Zuschreibung“ abzielt und sie mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert.Ähnlich In mehreren Veröffentlichungen werden Repressalien an Gruppierungen und Einzelpersonen, die sich mit Palästinensern solidarisieren, ebenfalls unter den Begriff des antipalästinensischen Rassismus gestellt.Race Equity Caucus: Surveilled & Silenced: A Report on Palestine Solidarity at York University. York University 2024, S. 4 (yorkspace.library.yorku.ca)

Relativ regelmäßig werden in der Forschung als Merkmale antipalästinensischen Rassismus genannt: Palästinenser wurden und werden imaginiert, diffamiert und delegitimiert als geschichtslose Primitive, später auch als wesenhafte TerroristenHeike Schotten: „Terrorism“ as Anti-Palestinian racism: Zionism and the war(s) on terror. In: und Antisemiten. Handlungsseitig wurden und werden entsprechend in Israel und den besetzten Gebieten die Geschichte der Palästinenser – insbesondere die Nakba – geleugnet oder relativiert und die Spuren dieser Geschichte ausgelöscht. Später entsprach dem auch in anderen westlichen Ländern der Ausschluss der palästinensischen Perspektive aus dem öffentlichen Diskurs durch Maßnahmen wie Kriminalisierung der Rede, Versammlungsverbote, Deplatforming, Cancel Culture und Schmutzkampagnen.

Während manche Wissenschaftler eine genaue Vorstellung von antipalästinensischem Rassismus haben, schlagen andere vor, dass „APR ein neu entstehendes Konzept ist, sodass weitere Forschungsarbeiten erforderlich sind, um es genauer zu definieren. Besonders wichtig ist es, die Wechselwirkungen von APR mit anderen Formen von Rassismus zu verstehen, insbesondere Antisemitismus und Islamophobie.“Ähnlich Zur Schwierigkeit einer Abgrenzung von APR und Islamophobie speziell im Online-Diskurs vergleiche auch : „[…O]f the 9% of the data that was classified as racism against either Palestinians or Arabs, 92% of it also contained elements of anti-Muslim hate. Anti-Palestinian racism or anti-Arab racism without the presence of anti-Muslim hate was very rare.“Zur selben Schwierigkeit im australischen Diskurs vergleiche : „There is a documented overlap and relationship between anti-Palestinian hate and Islamophobia, their roots, and their manifestations. […T]he Register received multiple reports demonstrating that the perpetrators of incidents were conflating Islamophobia and anti-Palestinian prejudice, and that the victims who reported the incidents similarly saw them as connected: ‚I was carrying a Palestinian flag and a man approached screaming, ‚You Muslims are all terrorists‘.‘“

Länderspezifische Ausprägungen

Antipalästinensischer Rassismus ist in manchen Ländern ausgeprägter als in anderen. Neben Israel nennen Anna-Esther Younes und die Politikwissenschaftlerin Hanna Al-Taher als besonders betroffene Länder die USA, Kanada, Deutschland und England; der Literaturwissenschaftler Steven Salaita außerdem noch Frankreich. Die Geschichte der Ausprägungen von APR in diesen Ländern ist noch nicht umfassend erforscht; verschiedene Forscher haben aber einzelne Momente näher beschrieben.

Eine Schlüsselrolle spielten Terroranschläge am 11. September 2001, in deren Folge sich APR in mehreren Ländern transformierte. Die UN-Sonderberichterstatter für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit Ashwini K. P. stellte außerdem fest, dass in den USA nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 neben antisemitischen Vorfällen auch Vorfälle von „antipalästinenischem Hass“ auf inakzeptable Weise zugenommen hätten. Ähnlich kritisierte der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung, dass in Israel rassistische Hassrede gegen und Entmenschlichung von Palästinensern nach dem 7. Oktober stark zugenommen hätten. Entsprechende Zunahmen antipalästinensischer Vorfälle bemerkten auch die Anthropologin Carola Tize für Deutschland und mehrere Forscher für Großbritannien.Zum Beispiel nach : „What we have witnessed here since 7 October is a transformation of a knee-jerk anti-Palestinianism into a fully-fledged anti-Palestinian racism permeating politics and British culture on a scale never witnessed before. For now the frameworks of the war on terror are superimposed on anti-Palestinianism, leading to the criminalisation of national symbols and cultural expressions in the diaspora such as the Palestinian flag or the keffiyeh ...“

Israel

Wurzeln: Verleugnung und Abwertung nach der Nakba

Über den Ursprung eines spezifischen antipalästinensischen Rassismus hat besonders ausführlich der Soziologe Martin Shaw geschrieben. Während es schon früh Stimmen gab,Zum Beispiel die den Zionismus von Grund auf und wesentlich mit Rassismus verbanden, und sich später Einschätzungen häuften, die Rassismus im Programm der Zionisten angesiedelt sahen,Zum Beispiel Vergleiche zum Beispiel auch die Diskussion in datierte Shaw den Ursprung von konkret antipalästinensischem Rassismus auf die Zeit nach 1948. Bereits zuvor hätten Europäer und Zionisten zwar Palästinenser als minderwertig und vernachlässigbar angesehen.Vergleiche auch Zu einer Variante dieser Rassifizerung von Palästinensern zu dieser Zeit vergleiche Vor 1948 jedoch, als die frühen Zionisten nach Palästina migrierten und noch eine Minderheit im Land bildeten, sei es ihnen nicht primär um die Palästinenser gegangen, sondern um das Land. Erst nach der Nakba – bei der rund 750.000 Palästinenser flohen oder vertrieben wurden und ihnen die Rückkehr verweigert wurde, und nach der die Verbliebenen fast zwei Jahrzehnte unter einem diskriminierenden Militärregime lebten – habe sich als Nebenfolge dieser politischen Entwicklungen ein gezielt gegen diese Palästinenser außerhalb und innerhalb Israels gerichteter Rassismus herausgebildet.

Laut der Soziologin Fae Chubin und dem Soziologen Manuel A. Ramirez wurden die Verweigerung der Rückkehr der geflohenen und vertriebenen Palästinenser außerhalb Israels und die Ungleichbehandlung der verbliebenen Palästinenser innerhalb Israels mit zwei unterschiedlichen diskursiven Strategien gerechtfertigt: Die Region Palästina wurde erstens konstruiert als vor der Erschließung durch die Zionisten „leeres“ und „karges, gefährliches Land mit nur wenigen Arabern ohne alte Geschichte, Kultur oder Zivilisation“.Übersetzt nach : „The construction of Palestine as a barren dangerous land of a small number of Arabs with no ancient history, culture, or civilization is central to the narrative that depict Zionist occupation of the land as rightful and fortunate.“ Verwandt mit dieser diskursiven Strategie war für einige Autoren das politische Programm, systematisch die palästinensische Vergangenheit Israels durch Neubesiedlung, durch Überpflanzung zerstörter Dörfer mit Wäldern, durch die Unterdrückung der Erinnerung an die Nakba und durch ähnliche Maßnahmen zu eliminieren.Ähnlich Zweitens wurden die Palästinenser konstruiert als „primitiv und unzivilisiert, weshalb sie das Land nicht verdienten“.Übersetzt nach : „But in the process of normalizing and legitimizing itself, it [the Zionist project] has heavily drawn from European Orientalist narratives that construct Palestinian Arabs as primitive and uncivilized, thus undeserving of the land.“ Eine verbreitete Variante der Strategie, Palästinenser als unzivilisiert und wild zu charakterisieren, war zum Beispiel, sie als Nachfahren der Philister, des alten Erzfeinds der Israeliten, darzustellen.Vergleiche Für ein Beispiel siehe David Theo Goldberg nannte dies die „Philistinisierung“ der Palästinenser.Ebenso Für das 21. Jahrhundert stellte der Philosoph Zahi Zalloua noch stärker fest, Palästinenser würden von Israelis „verdinglicht“, am häufigsten aber als „menschliche Tiere“ dargestellt.

Weitere Entwicklungen in den Folgejahren

Forschungen über APR in Israel nach 1948 bieten kein einheitliches Bild. Weitgehender Konsens besteht darüber, dass ab den 70ern Rassismus zugenommen hat. Dies lässt sich auch an Umfragen zeigen. So gaben bei einer Umfrage von 1975 unter High School-Schülern 32 % an, dass sie „starken Hass“ gegenüber „Arabern“ empfänden; bei zwei weiteren Umfragen um 1988 und 1994 hatte sich dieser Wert auf 39 % erhöht, bei einer noch jüngeren Umfrage unter Jugendlichen von 2024 (nach Beginn des Gazakriegs seit 2023) schließlich war er auf 51 % angestiegen:

Uneinigkeit besteht darüber, wie es sich für die Jahre zwischen 1948 und den 70ern verhielt. Mehrere Historiker schreiben, dass Rassismus zu dieser Zeit wenig ausgeprägt gewesen sei. Untersuchungen von Lehrbüchern legen umgekehrt nahe, dass rassifizierende Perspektiven auf Palästinenser als primitiv, schmutzig und moralisch verkommen und ein Verschweigen der Nakba und der Geschichte der Palästinenser vor der Nakba in den Jahren nach 1948 am ausgeprägtesten waren und erst ab den 1990ern abnahmen, auch danach aber nach wie vor deutlich festzustellen waren (zu Rassismus in Schulbüchern siehe unten).

Kahanismus ab den 1970ern

Als die beiden Faktoren, die ab den 1970ern Rassismus zunehmen lassen haben, werden erstens das Aufkommen des Kahanismus und zweitens der Terrorismus-Diskurs gesehen.

1971 wurde die rechtsextreme Partei Kach in Israel gegründet. Aus ihr hat sich eine eigene Richtung des Zionismus entwickelt, die „Kahanismus“ genannt wird. Die Soziologin Eva Illouz und die Pädagogin und Friedensforscherin Pauline Kollontai rechneten die Gründung dieser Partei als das entscheidende Datum, an dem Rassismus auch als dezidiert „politische […] Agenda [und] als eine im Entstehen begriffene, distinkte Kraft in Israel“: „a religious political racist agenda as an emerging and distinct force in Israel“. eine Rolle zu spielen begonnen habe. Laut Illouz übernahmen ab diesem Zeitpunkt immer mehr Parteien, NGOs und religiöse Führer die Rolle von „Abscheu-Unternehmern“. Spätestens seit den späten 1990ern oder frühen 2000ern sei dieser politische Rassismus dann auch zunehmend in der gesellschaftlichen Mitte angekommen.Für einige Beispiele für frühe rassistische antipalästinenische Äußerungen im israelischen politischen Diskurs nach 2000 vergleiche

Von einer ähnlichen Chronologie ging der Historiker Derek Penslar in seiner Emotionalitätsgeschichte des Zionismus aus:Vergleiche zum Folgenden auch die Kurzfassung von Penslars historischer Rekonstruktion in Auch nach Penslar sei es der explizite religiöse Rassismus des Kach-Gründers Meir Kahane gewesen, der ab den 1980ern in Teilen der israelischen Gesellschaft Wurzeln geschlagen habe, und die Zweite Intifada ab 2000 sowie Raketenangriffe aus dem Gazastreifen hätten diesen „anti-arabischen Hass“ zunehmend enttabuisiert, populär gemacht und gesteigert, bis schließlich laut Umfragen zum Beispiel 2016 beinahe die Hälfte aller jüdischen Israelis dafür votierte, man solle Palästinenser aus Israel ausweisen, und 2018 bis zu 90 Prozent aller Israelis aussagten, sie hätten Einwände, wenn ihre Kinder sich mit Palästinensern anfreundeten.

Zunehmende Terrorisierung ab den 1970ern