mini|Janko Polić Kamov. Der Fotograf hat das Bild retuschiert und dabei z. B. die Augenbrauen so überbetont, dass es vermutlich einen ziemlich falschen Eindruck vermittelt.
Janko Polić Kamov (* 17. November 1886 in Sušak, heute ein Stadtteil von Rijeka, Kroatien, † 8. August 1910 in Barcelona, Spanien) war ein kroatischer Dichter, Erzähler, Essayist, Reiseschriftsteller, Literaturkritiker, Publizist, Übersetzer und Dramatiker. Er gilt als einer der größten Schriftsteller Kroatiens.
Leben Janko Polić Kamov wurde 1886 in Sušak geboren, heute ein Stadtteil von Rijeka, als dreizehntes von vierzehn Kindern einer begüterten Familie, die der obersten Gesellschaftsschicht angehörte. Die Mutter, Gemma Polić, war eine geborene Gerbaz (1847–1906) und stammte aus einer reichen, angesehenen Patrizierfamilie. Der Vater, Ante Polić (1838–1905), kam aus bescheidenen Verhältnissen. Die Familie zog später nach Zagreb. mini|Janko Polić Kamov, Budapest 1909 (Ausschnitt)
Janko wurde 1893 in Sušak eingeschult und wechselte 1897 bis 1901 ins dortige Gymnasium. Schon als Kind nutzte er die umfangreiche Bibliothek des Vaters, las beispielsweise als Sechsjähruiger Smičiklas’ zweibändige Geschichte Kroatiens (Poviest Hrvatska, 1879 und 1882),Igor Žic, Deset biografskih sličica iz povijesti Rijeke, Janko Polić Kamov, prokletnik s Pećina, str. 92., Književna Rijeka 1-2, 2017., pristupljeno 14. siječnja 2019. brachte als Achtjähriger mit seinen Brüdern eine familieninterne Literaturzeitschrift heraus: Soko, list za zabavu i pouku, za godinu 1899 (Der Held, Zeitschrift für Unterhaltung und Belehrung auf das Jahr 1899),Ervin Dubrović, Moralizator Polić i anarhist Kamov, Sušačka revija, br. 60, 2007., klub-susacana.hr, pristupljeno 7. svibnja 2019. beteiligte sich an Theateraufführungen im Familienkreis und schrieb im Stil von August Harambašić erste Gedichte. Zunächst nationalistisch, erzkatholisch und konservativ eingestellt, gründete er im Oktober 1900 im Keller des Gymnasiums mit Josip Baričević, Mijo Radošević, Josip Moretti Zajc und Mato Malinar die kurzlebige anarchistische Gruppe Cef, die literarisch wie politisch den Aufstand probte -- mit Waffengewalt sollte eine Revolution angestoßen und mit Dynamit und Bomben ganz Kroatien in die Luft gejagt werden. Radošević schrieb 1910 in seinem Nachruf auf Kamov:
Janko Polić, seit seiner Abwendung von Kroatien, Kirche und Konservativen auf Krawall gebürstet, flog mehrfach von der Schule, erst vom Gymnasium in Sušak, dann vom ultraklerikal ausgerichteten Internat Ožegovićianum in Senj, das seinen anarchistisch-rebellischen Geist noch mehr aufstachelte, und schließlich 1903 vom Gymnasium Classicum Zagrabiense, diesmal weil er an Demonstrationen gegen den Statthalter Ungarns in Kroatien, Károly Khuen-Héderváry, teilgenommen hatte und dafür zu drei Monaten Haft verurteilt wurde. Im Gefängnis soll er sich mit Stjepan Radić angefreundet haben. 1904 zog er, ohne der Familie etwas davon zu sagen, als Souffleur und Nebendarsteller mit einem Tourneetheater durch Dalmatien, Bosnien, Montenegro und Slawonien. Im Gefängnis hatte er Alkohol und Zigaretten kennengelernt und konsumierte beides auf dieser Reise exzessiv. 1905 war er wieder in Zagreb, trank und rauchte weiter, las viel und arbeitete ab 1906 an seinem Roman Isušena kaljuža. Im gleichen Jahr hatte er eine schwere Lungenentzündung. 1907 ließ er die Lyrikbände Psovka (Der Fluch) und Ištipana hartija (Zerdrücktes Papier) sowie zwei Theaterstücke Na rođenoj grudi (Auf der eigenen Scholle) und Tragedija mozgova (Tragödie der Gehirne) auf eigene Kosten drucken. Er fand eine Möglichkeit, als externer Mitarbeiter Artikel in einer Zeitung zu veröffentlichen, und reiste ins Ausland. Zunächst besuchte er in Venedig seinen Bruder Milutin (1883–1908), der seit 1906 seine musikalische Ausbildung am Konservatorium Benedetto Marcello vervollkommnen wollte, reiste anschließend durch Italien, finanziert von unregelmäßigen Honoraren für seine Artikel, vor allem aber von seinem älteren Bruder Vladimir ud seinen Onkeln mütterlicherseits, den Eigentümern einer international vertretenen Reederei Fratelli Gerbaz.
Als Reaktion auf Kritik an seinen Texten legte er sich den Beinamen Kamov zu, eine Anspielung auf den biblischen Ham, der seinen nackten, weil betrunkenen Vater Noah in aller Ruhe betrachtete und nicht zudeckte und dafür vom Vater verflucht wurde. Er schreibt seinem Bruder Vladimir am 10. Februar 1907:
1907 war er in Rom, Turin, Genua, Florenz und Marseille, die Sommermonate verbrachte er jeweils in Punat auf Krk. Er ging viel in Bibliotheken, Opern, Theater, Konzerte und Museen, schrieb das Drama Čovječanstvo (Menschheit), las sich in Psychologie und Soziologie ein, klagte aber über Schmerzen in Lunge, Augen und Fingern. 1909 lag er einige Zeit in Zagreb im Krankenhaus. Ein Jahr später beendete er Mamino srce (Mamas Herzblatt) und fuhr anschließend über Genua und Marseille nach Barcelona. Spanien im Allgemeinen zog ihn mit seiner Industrie, seinem Handel, dem politischen Leben, dem kulturellen Pluralismus, mit Kontrasten, Unruhen und Massenbewegungen an, Barcelona im Besonderen mit Malerei und seiner Literaturszene. 1910, wenige Tage vor seinem Tod, berichtete er seinem Bruder Vladimir von gastrointestinalen Beschwerden. Seinen letzten Artikel, Klin se klinom zabija (Godišnjica Srpanjske revolucije), also in etwa Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil (Zum Jahrestag der Tragischen Woche), schickte er am 3. August 1910; veröffentlicht wurde er in Pokret Nr. 8 und 9.
In der Familie gab es zahlreiche Todesfälle: Der Vater starb an metastasierendem Lippenkrebs, die Mutter erlitt einen Herzinfarkt, mehrere der vierzehn Geschwister erlagen der Tuberkulose. Nur wenige erreichten ein höheres Alter, darunter Nikola, sein jüngster Bruder. Den langsamen Tod seiner Schwester Milka und das qualvolle Sterben von Milutin, aber auch den Tod von Vater und Mutter hat Kamov in seinen Texten verarbeitet.
Janko Polić starb am 8. August 1910Miljenko Jergović: Janko Polić Kamov und die Zukunft der Fantasie. Nachwort zu Janko Polić Kamov: Austrocknen. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Berlin: Guggolz 2024, S. 459 im Krankenhaus Santa Cruz (kat. Hospital de la Santa Creu) in Barcelona. Er wurde namenlos auf dem öffentlichen Friedhof Sud-Este begraben.
Sein Nachlass wird im Kroatischen Institut für Literatur, Theater und Musik (Zavod za povijest hrvatske književnosti, kazališta i glazbe, HAZU), im Kroatischen Staatsarchiv, der Nationalbibliothek (allesamt in Zagreb), der Stadtbibliothek von Crikvenica (Nachlass Vinko Antić) sowie im Državni Arhiv Rijeka (Nachlass J. Božić) aufbewahrt.
Werke mini|Denkmal für Janko Polić Kamov in Rijeka, auf der Brücke über die Rječine, eine Arbeit von Zvonimir Kamenar
Janko Polić Kamovs Werk fällt in die Zeit des kroatischen Aufbruchs in die Moderne, gehört aber zu keiner der beiden Hauptströmungen: Weder vertrat er die Position des l'art pour l'art mit ihrem Primat des Ästhetischen noch verfolgte er ein gesellschaftlich-handlungsorientiertes Programm mit aufklärerischen Absichten. Kamov ist eine anarchische Erscheinung und eine der umstrittensten Figuren der neueren kroatischen Literatur.
Lyrik Janko Polić Kamov lässt sich gemäß der grundlegenden Dichotomie Natur/Kultur betrachten, so wie er sie in seinem besten Werk, dem Roman Isušena kaljuža (Austrocknen) und in Briefen an seinen Bruder Vladimir präzisierte, um so Kultur und Lebensweise seiner Zeitgenossen mit all ihren Eigenarten vom Sockel zu stoßen. Im poetischen Diskurs Psovka (1905 geschrieben, 1907 veröffentlicht),Janko Polić Kamov: PSOVKA In: ffzg.unizg.hr spricht er aus der Natur heraus, dem Instinkt, aus dem Wesen der Dinge, Situationen, menschlichen Verhältnisse, beziehungsweise den ursprünglichen Merkmalen der Lyrizität, weniger aus der Kultur im Sinn ästhetischer Normen à la Antun Gustav Matoš. Lexik und Syntax verraten andere Motive und Themen, genauer eine andere Interpretation der Themen, verglichen mit den geläufigen Strömungen in der kroatischen Moderne. 1907, im Gedichtband Ištipana hartija, nutzte er eine geordnetere, regelkonformere Ausdrucksweise und gebundene Sprache, eine insgesamt eher der Norm entsprechende Komposition und öffnete sich thematisch. Insgesamt blieb seine Poetik jedoch Baudelaires Ästhetik des Hässlichen, der rohen Triebe und des anarchistischen Widerspruchs verpflichtet. Kamov war ein explizit antiaufklärerischer, antirationalistischer Schriftsteller, der für die individuelle, körperliche, persönliche Erfahrung plädierte. 1914 wurden fünf seiner Gedichte Preludij, Pjesma nad pjesmama, Ledeni blud, Ridanje jedne bludnice, P.S. in den Sammelband Hrvatska mlada lirika (Junge kroatische Lyrik) aufgenommen.
Prosa Kamovs Prosa kennzeichnen intellektuelle Debatten,Kordić, S. (1995). JEDAN TIP REČENICE U NOVELAMA JANKA POLIĆ KAMOVA. FLUMINENSIA, 7 (2), 85-92. hier als PDF, abgerufen am 27. März 2025 feuilletonistische Elemente und analytische Kommentare. In den Farcen (wie er seine Novellen selbst nennt) zelebrierte er kalte Analysen, die er bis ins Groteske trieb und zu desillusionierten Äußerungen. Kamov nannte seine Novellen und Sottien psychologische Karikaturen, ordnete sie im Genre "Satiren menschlicher Seelen" ein, dem freie Motivassoziationen, stilistische Zügellosigkeit und Übertreibungen angemessen seien, und legte den Akzent auf die kleinen materiellen Dinge, die psychologisch wichtig werden.
Dramen Mit seinen Theaterstücken stellte sich Kamov offen in die Tradition des radikalen europäischen Individualismus (Max Stirner, Friedrich Nietzsche, Henrik Ibsen). Unzucht und Alkoholmissbrauch sah er nicht nur in Bordellen und Kneipen, sondern in der Familie. Alles in Kroatien erschien ihm infektiös, morsch, verlogen und selbstzerstörerisch. Im Privaten, in den Wohnräumen erkannte er alle Spielarten der Laster: Es werde getrunken, bis zur Bewusstlosigkeit gesoffen, bis die Gläser zu Bruch gingen, so manches Neugeborene umgebracht, Inzest betrieben, homoerotischen Neigungen nachgegeben werde.
Roman