Die Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit größten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Organisation hat ihren Sitz in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Bis zum 20. Mai 2019 waren die Arolsen Archives unter dem Namen Internationaler Suchdienst (; ITS) bekannt.
Die Arolsen Archives beantworten bis heute jährlich Anfragen zu rund 20.000 NS-Verfolgten. Die Klärung von Schicksalen und die Suche nach Vermissten war über Jahrzehnte die zentrale Aufgabe der Institution, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten gegründet wurde. Das Archiv ist zugleich die Grundlage für Forschung und Bildung. Seit 2015 bauen die Arolsen Archives ein umfassendes Online-Archiv auf, um den weltweiten Zugriff auf die Dokumente zu ermöglichen.
Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört seit Juni 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.Pressemeldung des ITS www.its-arolsen.org, (abgerufen am 23. November 2016).Archives of the International Tracing Service www.unesco.org, (abgerufen am 5. Oktober 2023). Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes, zur Zwangsarbeit sowie zu Displaced Persons und Migration nach 1945.
Ausgehend von dieser Sammlung gedenken die Arolsen Archives der Opfer und setzen sich zugleich in der heutigen Gesellschaft für historische Wahrheit sowie Respekt, Vielfalt und Demokratie ein.
Arbeit der Arolsen Archives Organisation Die Arolsen Archives werden von der Bundesrepublik Deutschland aus dem Haushalt des Auswärtigen Amts (AA) finanziert. Die Aufsicht über die Organisation obliegt dem Internationalen Ausschuss (IA), der mit Vertretern der elf beteiligten Länder (Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Griechenland, Israel, Italien, Luxemburg, Niederlande, Polen, USA) besetzt ist und zweimal jährlich zusammentritt.(fr) Laurent Guillet: Il s'appelait Joseph. Editions Laurent Guillet, Limerzel 2011. ISBN 978-2-918588-03-0. S. 325. (Lager-Stationen eines französischen Kriegsgefangenen bis zu seinem Tod, Vorgehen bei der Recherche). Der Vorsitz des Internationalen Ausschusses wechselt jährlich zwischen den Mitgliedstaaten. Die Direktorin bzw. der Direktor wird seit 2012 direkt vom Internationalen Ausschuss ernannt.
Seit dem 1. April 2026 leitet der österreichische Politikwissenschaftler Moritz Wein die Organisation als Direktor. Er folgt auf die Französin Floriane Azoulay, deren Amtszeit als Direktorin der Organisation zum Jahresende 2025 turnusmäßig endete. Ihre Leistung bestand in der fast kompletten Digitalisierung und Zugänglichmachung der Archivmaterialien. Stellvertretender Direktor ist seit 2017 Steffen Baumheier.
Am 22. Juli 2026 waren 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Arolsen Archives beschäftigt. 2026 beträgt das Jahresbudget 18,8 Millionen Euro.
Anfang 2026 startete der Bau eines neuen Archivgebäudes für die Arolsen Archives. Der Neubau im Auftrag des Bundes entsteht in Bad Arolsen. Die Fertigstellung des Gebäudes ist für 2028 geplant.
Aufgaben Die Hauptaufgabe des ITS war bei seiner Gründung die Suche nach nichtdeutschen Personen im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches sowie den deutsch besetzten Gebieten in der Zeit von 1933 bis 1945, die während des Zweiten Weltkrieges verschleppt worden waren oder aus anderen Gründen vermisst wurden. Die Arolsen Archives geben über folgende Opfergruppen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Auskunft:
Menschen aller Nationalitäten, die zwischen 1933 und 1945 deportiert wurden und in Konzentrationslagern, Ghettos, Arbeitslagern und Gestapo-Gefängnissen inhaftiert waren Menschen, die in das damalige Reichsgebiet verschleppt wurden und Zwangsarbeit leisten mussten verschleppte Personen (Displaced Persons DP), die nach der Befreiung unter der Obhut internationaler Flüchtlingsorganisationen standen Kinder, die nach der Befreiung unter 18 Jahre alt waren und zu den Verfolgtengruppen gehörten Sowjetische Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte sowie andere Kriegsgefangene, die in Konzentrationslager deportiert wurden oder Zwangsarbeit leisten mussten
Informationen über das Schicksal der Personen stammen unter anderen aus Dokumenten der Gestapo, Arbeitsbüchern, Krankenberichten, Registrierlisten in den Lagern, Durchgangslisten zu anderen Lagern, Sterbelisten, Emigrationslisten, Listen von Hilfsorganisationen.(fr) Laurent Guillet: Il s'appelait Joseph. Editions Laurent Guillet, Limerzel 2011. ISBN 978-2-918588-03-0. S. 323–341. (Lager-Stationen eines französischen Kriegsgefangenen bis zu seinem Tod, Vorgehen bei der Recherche).Sammlung der Arolsen Archives.
Anfragen – Auskünfte Auskünfte zum Schicksal ehemals NS-Verfolgter werden an Überlebende, an ihre Angehörigen oder mit dem Einverständnis der Betroffenen an Drittpersonen erteilt.Formular für Anfragen von Überlebenden und Familienangehörigen.
Ergibt sich aus den Nachforschungen die Feststellung des Todes einer Person, kann dies auf Antrag vom Sonderstandesamt Arolsen beurkundet werden. Die Dokumente im Archiv des ITS/der Arolsen Archives waren und sind bis heute im Rahmen von Entschädigungen sowie für den Nachweis von Rentenansprüchen wichtig. NS-Verfolgte mussten anhand von Bescheinigungen über Zwangsarbeit, Verfolgung, Haftzeiten sowie Verletzungen und Krankheit ihren Anspruch nachweisen. Das Ausstellen dieser Bescheinigungen war zum Beispiel in den späten 1950er und 1960er Jahren eine Hauptaufgabe des ITS. Zur verstärkten Nutzung des Internets für die Erteilung von Auskünften und die Akteneinsicht wurde 2016 die Website des ITS neu gestaltet.
Durchschnittlich erreichen die Arolsen Archives rund 20.000 Anfragen pro Jahr aus circa 70 Ländern. Besonders hoch ist das Interesse in Deutschland, Polen, Russland, Frankreich, in den Vereinigten Staaten, Italien und Israel. In etwa 60 Prozent der Fälle können die Arolsen Archives dank ihrer Dokumentation eine Auskunft erteilen und Dokumentenkopien zur Verfügung stellen. Vermehrt gehen Anfragen der zweiten und dritten Nachfahrengeneration ein, die Informationen über das Schicksal ihrer Familienangehörigen suchen.
Über den bis heute aktiven Suchdienst werden pro Jahr in rund 30 Fällen Familien zusammengeführt, bei denen Angehörige sich durch Verschleppung, Zwangsarbeit oder Emigration während der NS-Zeit nie kennenlernen konnten (beispielsweise Halbgeschwister). Die Arolsen Archives arbeiten dabei eng mit dem Netz der nationalen Suchdienste des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes zusammen. Zu den herausragenden Einzelschicksalen zählte dabei 2015 beispielsweise die Zusammenführung einer Mutter und ihrer Tochter, die 1944 getrennt worden waren.– Familienzusammenführung Mutter und Tochter. Während der Phase der Entschädigung von osteuropäischen Zwangsarbeitern über den Fonds der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zwischen 2000 und 2007 erreichten den ITS etwa 950.000 Anfragen. In der Folge baute sich ein großer Stau an Anfragen auf, der dem Ruf der Einrichtung zwischenzeitlich erheblichen Schaden zufügte. Heute erhalten Angehörige nach spätestens vier Monaten die Antwort auf ihre Anfrage.
Bildungsarbeit Zu den Aufgaben der Arolsen Archives zählt heute auch, Debatten um Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Zeit mitzugestalten und über Antisemitismus, politische Verfolgung und Rassismus aufzuklären. Dazu entwickelt die Organisation eigene Bildungsangebote und arbeitet international mit Gedenkstätten, Archiven, Forschungseinrichtungen und politischen Organisationen zusammen. In der Vergangenheit haben die Arolsen Archives u. a. mit Forschungsgruppen von Universitäten in Australien, den USA, Israel, Frankreich, den Niederlanden und Polen zusammengearbeitet. Neben projektorientierten Partnerschaften sind die Arolsen Archives Teil der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI) und permanenter Partner in der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).
Arolsen School Arolsen School ist die digitale Bildungsplattform der Arolsen Archives. Sie enthält aktuell neun interaktive Lernmodule zur Demokratiebildung, die historische und aktuelle Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens behandeln. Das Angebot richtet sich an Jugendliche ab Klasse 9 und ist fächerübergreifend einsetzbar. Arolsen School orientiert sich an den Empfehlungen der International Holocaust Remembrance Alliance. Lehrkräften werden unterstützend Fortbildungen und Unterrichtsentwürfe angeboten. Die browserbasierte Plattform ist kostenfrei und ohne Login verfügbar. Sie wird fortlaufend ausgebaut.
#everynamecounts In der Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts übertragen Freiwillige weltweit die Namen und weitere Informationen von Verfolgten des Nationalsozialismus aus historischen Dokumenten ins Digitale. Der Zugang erfolgt über ein eigens entwickeltes Online-Tool. Auf diese Weise werden die Daten für alle Interessierten im Online-Archiv der Arolsen Archives zugänglich. Ziel ist es, die Lebens- und Leidenswege von über 17,5 Millionen in der NS-Zeit verfolgten Menschen online sichtbar zu machen und ihnen ein digitales Denkmal zu bauen. 27. Januar 2021 (abgerufen am 15. August 2026). Bis Juli 2026 haben nach Auskunft des Archivs mehr als 436.000 Freiwillige aus aller Welt daran mitgearbeitet und fast 4 Millionen Namen erfasst.
Die Arolsen Archives starteten #everynamecounts Anfang 2020 – während der Corona-Pandemie –zunächst als pädagogisches Angebot an Schulen. Sie riefen weltweit und in fünf Sprachen dazu auf, sich an dem Projekt „Jeder Name zählt“ zu beteiligen. Seit 2024 erstreckt sich die Initiative zunehmend auch auf Bestände von Archiven, die mit den Arolsen Archives kooperieren. Im Rahmen sogenannter #everynamecounts-Challenges wirbt die Organisation regelmäßig dafür, auch diese Dokumente mithilfe des Crowdsourcing-Tools zu erfassen. Neben Einzelpersonen beteiligen sich weiterhin regelmäßig Schulen an #everynamecounts. Die Initiative soll insbesondere junge Menschen dazu bewegen, sich mit Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung in Geschichte und Gegenwart auseinanderzusetzen. Darüber hinaus zeigen Unternehmen und Initiativen durch ihre Teilnahme an #everynamecounts ihre Corporate Social Responsibility (CSR). Eine im April 2026 neu eingeführte Gruppenfunktion erleichtert die Digitalisierung von Dokumenten im Team oder als Schulklasse.
Im Jahr 2025 erschien eine Wirkungsstudie der Hertie School und des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung in Zusammenarbeit mit den Arolsen Archives, die belegt, dass eine aktive Auseinandersetzung mit den Schicksalen der Opfer und den Verfolgungsmechanismen im Nationalsozialismus Freiwillige besser befähigt, sich mit Fragen von Ausgrenzung, Gewalt und gesellschaftlicher Verantwortung in der Gegenwart zu beschäftigen. Sie sind demnach stärker motiviert, sich für Erinnerungsarbeit und gesellschaftliches Engagement, gegen Antisemitismus und für eine vielfältige, demokratische Gesellschaft einzusetzen.
#StolenMemory mini|Braunschweig: #StolenMemory Die Arolsen Archives verfolgen das Ziel, die persönlichen Gegenstände von NS-Verfolgten, sogenannte Effekten, an die Besitzer oder ihre Familien zurückzugeben. Jedes Jahr gelingt das in vielen Fällen. Durch die 2016 gestartete Kampagne #StolenMemory konnten bis Dezember 2026 über 1.000 Familien gefunden werden, oft mithilfe von Freiwilligen, die in verschiedenen Ländern recherchieren. Die Präsentation der Effekten auf der Website der Arolsen Archives wird durch Suchaufrufe in den sozialen Medien ergänzt. Zudem gibt es verschiedene Ausstellungsformate.https://arolsen-archives.org/mitmachen/stolenmemory/bildungsprojekte/