Die Hubertus Braunkohlen-Aktiengesellschaft war ein deutsches Montanunternehmen im Rheinischen Braunkohlerevier. Die Gesellschaft wurde 1908 von Carl Brendgen und Josef Abs in Brüggen bei Liblar im Rhein-Erft-Kreis gegründet. Sie betrieb mehrere Bergwerke und Brikettfabriken. Großaktionäre waren ab 1924 die jüdische Familie Petschek (Aussig) und ab 1939 die Familie Abs (Bonn), die das Unternehmen in die Erft-Bergbau AG überführte. Das betriebliche Vermögen gelangte 1957 zur Roddergrube AG, die 1960 im Zuge der großen Fusion der rheinischen Braunkohlenwerke in Rheinbraun aufging.
Gründung mini|Briefkopf der Brendgen-Werke (1901)
Im Jahr 1872 erwarb Carl Brendgen von der gräflichen Familie Wolff-Metternich zu Gymnich die Konzession für die neu zu erschließende Grube Hubertus bei Zieselsmaar. Der Abbau erfolgte zunächst im Tiefbau mittels Stollen, die an Senken und Abhängen bis ins Flöz vorangetrieben wurden. In unmittelbarer Nähe zu dem Kohlefeld ließ er im selben Jahr unter der Firmierung „Carl Brendgen, Braunkohlen-, Briket- & Thonwerke in Zieselsmaar“ eine Fabrik mit technisch modernsten Brikettierpressen der Zeitzer Eisengießerei und Maschinenbau AG errichten. In den folgenden Jahren kaufte und pachtete Brendgen weitere Braunkohlenfelder in Zieselsmaar, Kierdorf und Liblar, wo er ebenfalls Brikettfabriken eröffnete.Bert Rombach: Carl Brendgen – der Begründer der Braunkohlenindustrie in Kierdorf. In: Stadt Erftstadt (Hrsg.): Jahrbuch der Stadt Erftstadt 2007. Historisches Archiv der Stadt Erftstadt, 2008, S. 127–139.
Die im Vergleich zu Klütten handlichen, geruchsneutralen und fast sauberen Briketts mit der Prägung CB hatten einen guten Heizwert und entwickelten sich schnell zu einem Verkaufsschlager. Der Erfolg wurde durch den Bergarbeiterstreik an der Ruhr von 1889 begünstigt, weil er die Verbraucher, die bisher mit Steinkohle geheizt hatten, zwang, auf Braunkohlen-Briketts zurückzugreifen. Dabei lernten sie erstmals den wesentlich verbesserten Heizwert der Briketts und ihren im Vergleich zur Steinkohle deutlich günstigeren Preis schätzen. Privatkunden kamen aus Köln und dem weiten Umfeld der Eifel nach Zieselsmaar, um Briketts für 25 Pfennig den Zentner zu kaufen.
Der Tagebau Hubertus wurde 1902 erschlossen. Die immer aufwendigere technische Modernisierung der Betriebe: moderne Fördereinrichtungen (Bagger), Maschinenhäuser, Entstaubungsanlagen, Pressen, Trockenhäuser, Kläranlagen etc. erforderte immer höhere Investitionen. Um kapitalkräftige Gesellschafter an das Unternehmen zu binden, folgte 1906 die Gründung der tausendteiligen Gewerkschaft Hubertus. Im selben Jahr eröffnete die Gesellschaft die neue Brikettfabrik Hubertus in Brüggen. Die Gewinnung der Kohle erfolgte fortan in allen Gruben der Gewerkschaft ausschließlich im Tagebaubetrieb.
Enger Vertrauter von Brendgen und Vorstandsmitglied ab 1905 war der Wirtschaftsjurist Josef Abs, der selbst mehrere Kuxe (Bergwerksanteile) an der Gewerkschaft hielt.Lothar Gall: Der Bankier Hermann Josef Abs. Eine Biographie. C.H.Beck, 2006, S. 65 f. Unter seiner maßgeblichen Leitung wurde am 30. Dezember 1908 im Wege der Bargründung die Hubertus Braunkohlen-Aktiengesellschaft zu Brüggen (Erft) bei Liblar errichtet, die die gesamten 1000 Kuxe der Gewerkschaft Hubertus zu je 3000 Mark das Stück erwarb und als einzige Gewerkin am 23. März 1909 die Auflösung der Gewerkschaft beschloss. Der Bergwerksbesitz umfasste die Grubenfelder Hubertus, Wiesgen, Walrafsgrube, Axersrott, Wurmsrott und Hubertus-Erweiterung mit einer Gesamtgröße von 1.324.500 m². Zunächst wurden auf Wunsch von Carl Brendgen dessen Tochterunternehmen, unter anderem die Gewerkschaft Kohlenquelle in Kierdorf und die Braunkohlen- und Brikettwerke Concordia-Liblar GmbH in Liblar, nicht in die Aktiengesellschaft überführt.
Anteilseigner Im Februar 1914 übernahm die Gesellschaft sämtliche Kuxe der Gewerkschaft Kohlenquelle, die fortan als Tochterunternehmen in der Rechtsform einer GmbH operierte. Durch diese Akquisition geriet die Hubertus Braunkohlen-AG in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs in eine finanzielle Krise. Der Zukauf ließ die Rücklagen schrumpfen, die Produktion und die Dividende gingen zurück. Hauptsächliche Ursachen waren gestiegene Öl- und Metallpreise, insbesondere aber der Arbeitskräftemangel infolge von Einberufungen sowie die Requisition von Pferden, Wagen, Wagons und anderen Gerätschaften für Heereszwecke. Trotz reger Nachfrage konnten die Lagerbestände nicht abgestoßen und die Produktion nicht aufrechterhalten werden.Rheinisch-Westfälische-Zeitung (Essen) vom 25. Februar 1915 (hier Presseartikel 00029) HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025. Vor diesem Hintergrund beschloss die Hauptversammlung im Frühjahr 1915 eine Kapitalerhöhung. Diese nutzte der österreichische Braunkohlenindustrielle Ignaz Petschek und kaufte über einen längeren Zeitraum hinweg sukzessive Aktien der Gesellschaft über die Börse (Feindliche Übernahme).Eberhard Czichon: Der Bankier und die Macht. Pahl-Rugenstein, 1970, S. 44–51.
Im März 1916, nach dem Tod von Carl Brendgen, übernahm Josef Abs den Vorstandsvorsitz der Gesellschaft. Im selben Jahr wurde die Braunkohlen- und Brikettwerk Concordia-Liblar GmbH als weiteres Tochterunternehmen in die Hubertus-Gruppe integriert.Paul Thelen: Der deutsche Braunkohlenbergbau und seine Kartelle. Buschhaus, 1916, S. 131. Da sich mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Bedeutung von Braunkohle für die Rüstungsindustrie enorm erhöht hatte, verzeichnete die Hubertus spätestens ab 1916 hohe Gewinne und war – wie alle Bergwerksunternehmen während des Krieges – aufgrund der wachsenden Kohlenknappheit jeder Absatzsorgen enthoben.Marcel Boldorf: Deutsche Wirtschaft im Ersten Weltkrieg. Walter de Gruyter GmbH, 2020, S. 137 f.
Nach Kriegsende ging die Nachfrage schlagartig zurück, sodass im Oktober 1919 während einer außerordentlichen Hauptversammlung eine erneute Kapitalerhöhung beschlossen werden musste – und zwar durch Ausgabe von 4000 Vorzugsaktien a. 1000 Mark. Damit verdoppelte sich das Grundkapital der Gesellschaft von 4,5 auf 8,5 Millionen Mark (entspricht heute einer Kaufkraft von Euro).Deutsche Bergwerkszeitung (Essen) vom 3. Oktober 1919 (hier Presseartikel 00028) HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025. Im Zuge der Rheinlandbesetzung beschlagnahmten französische Truppen zur Eigennutzung im April 1923 die Bergwerke und sämtliche Lagerbestände der Gesellschaft. Die Besatzer verursachten im Mai 1923 ein Großfeuer im Tagebau Concordia, das drei Wochen brannte und die Grubenausrüstung vollständig zerstörte. Erst nachdem der deutschen Verwaltung gestattet wurde, selbst an den Löscharbeiten teilzunehmen, konnte der Brand bewältigt werden. Im Dezember 1923 erhielt das Unternehmen die Bergwerke zurück.Deutsche Allgemeine Zeitung vom 3. Oktober 1919 (hier Presseartikel 00030, oben links falsches Datum) HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025.
Ab 1924 befand sich die Gesellschaft finanziell wieder in bester Verfassung.F. Beyschlag, P. Krusch (Hrsg.): Zeitschrift für praktische Geologie. Band 32. Verlag von Wilhelm Knapp, 1924, S. 94. Seit der letzten Kapitalerhöhung war der größte Teil der neu ausgegebenen Aktien in den Besitz der Aussiger Petscheks übergangen. Hierbei handelte es sich um ein riesiges Kohle-Imperium, das bis 1934 von Ignaz Petschek (1857–1934) und danach von seinen Söhnen Ernst (1887–1956), Karl (1890–1960), Franz (1894–1963) und Wilhelm (1896–1980) geleitet wurde. Der bedeutendste Grundbesitz der Aussiger Petscheks in Deutschland lag in Oberschlesien. Mit dem Erwerb von über 70 % aller Aktien der Hubertus Braunkohlen-AG drangen die Petscheks im Jahr 1924 in das Rheinische Braunkohlerevier ein. Hubertus-Kleinaktionäre warfen den Petscheks wiederholt vor, sich durch Thesaurierung Sondervorteile verschafft zu haben.Deutsche Bergwerkszeitung vom 9. April 1927 (hier Presseartikel 00035 und div. andere) HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025.
Aufsichtsratsmitglieder waren unter anderem ab 1923 Paul Silverberg, ab 1924 Waldemar von Oppenheim (Sal. Oppenheim) und Ernst Petschek sowie Hermann Josef Abs (Sohn von Josef Abs) und ab 1930 Wilhelm Petschek.vgl. div. Pressemeldungen und Geschäftsberichte HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025. Josef Abs blieb bis Juni 1938 Vorstandsvorsitzender und wurde anschließend Aufsichtsratsvorsitzender. Er hielt, gemeinsam mit seinen Söhnen Clemens Abs und Hermann Josef Abs (der 1938 in den Vorstand der Deutschen Bank wechselte), bis 1939 eine Minderheitsbeteiligung in Höhe von 16,2 % an der Hubertus Braunkohlen-Aktiengesellschaft.
Von 1929 bis 1938 gab die Gesellschaft jährlich eine Dividende von kontinuierlich 8 % ab. Ab 1937 beteiligte sich das Unternehmen mit hohen Anteilen an der Union Rheinische Braunkohlen Kraftstoff AG, die im Rahmen der nationalsozialistischen Autarkiepolitik aus Braunkohle synthetische Kraftstoffe herstellte. Im selben Jahr wurden alle Tochterunternehmen unter Übertragung sämtlicher Vermögen und Schulden auf die Hubertus Braunkohlen-AG aufgelöst.vgl. div. Pressemeldungen und Geschäftsberichte HWWA, abgerufen am 17. Februar 2025. Enge Geschäftsverbindungen bestanden unter anderem zur Roddergrube AG, zur Gewerkschaft Hürtherberg, Vereinigte Deutsche Metallwerke AG und zum Rheinischen Braunkohlensyndikat, bei all denen Josef Abs als Vorsitzender oder Mitglied im Aufsichtsrat vertreten war.Julius Mossner: Adreßbuch der Direktoren und Aufsichtsräte. Band I. Jahrgang 1936. Finanz-Verlag GmbH, 1936, S. 2.
Arisierung Ein Erlass vom 4. Januar 1938 definierte als jüdische Unternehmen diejenigen, die in jüdischem Besitz waren oder von Juden beherrscht wurden. Dieser Fall war gegeben, wenn entweder ein Mitglied des Vorstands oder ein persönlich haftender Gesellschafter oder auch ein Viertel des Aufsichtsrats im Sinne der Nürnberger Gesetze jüdisch war.Herold James: Schwere moralische Schuld. In: Die Zeit vom 24. Februar 1995 Zeit Online, abgerufen am 18. Februar 2025. Mehrheitsaktionär der Hubertus Braunkohlen-AG war die jüdische Familie Petschek (Aussig). Sie waren seit 1919 tschechoslowakische Staatsbürger, lebten aber bis 1934 überwiegend in Berlin und etablierten sich bis 1938 in der Schweiz, später in Amerika. Bereits während der Weltwirtschaftskrise hatte die Familie ihr Vermögen größtenteils auf ausländische Gesellschaften übertragen.Kim Christian Priemel: Flick – Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Wallstein 2007. S. 392 f.
Die Arisierung begann mit dem Vorwurf der Finanzbehörden, dass über die Hubertus Braunkohlen-AG eine Kapitalflucht in Höhe von 70 Millionen Reichsmark (RM) erfolgt sei. Dabei habe die Familie Petschek über viele Jahre zu Unrecht von dem deutsch-tschechoslowakischen Doppelbesteuerungsabkommen profitiert, weil der Firmensitz in Deutschland und nicht im Ausland lag. Hohe Steuernachforderungen und Strafandrohungen sollten einen Zwangsverkauf der Aktien an den Staat ermöglichen. Historiker wie Andrea Löw und Lothar Gall halten die „Vorwürfe für nicht aus der Luft gegriffen“. So befanden sich wesentliche Teile der im Ausland liegenden Aktien bei zwei Holdinggesellschaften, der Helimont AG in Glarus (Schweiz) und der Park Trust Comp. in Monte Carlo, die sich verschleiert über ausländische Strohmänner im Besitz der Petscheks befanden. Schon seit 1932 waren von den Hubertus-Stammaktien 73,6 Prozent im Besitz der Helimont AG und der Deutschen Industrie AG (Berlin), deren Aktien ebenfalls bei der Helimont AG lagen.Andrea Löw: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 3. Deutsches Reich und Protektorat September 1939 – September 1941. Walter de Gruyter, 2012, S. 224.