mini|Klaus Berger (2009) Klaus Berger (* 25. November 1940 in Hildesheim; † 8. Juni 2020 in Heidelberg) war ein – ursprünglich katholischer, später evangelischer – deutscher Theologe. Er war Professor für Neutestamentliche Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Als einer der führenden Neutestamentler publizierte er neben vielen Monographien und Fachaufsätzen auch zahlreiche Beiträge für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Sein 2004 erschienenes Buch Jesus wurde zu einem Bestseller.
Zusammen mit der Übersetzungswissenschaftlerin Christiane Nord veröffentlichte Berger 1999 Das Neue Testament und frühchristliche Schriften: Vollständige Sammlung aller ältesten Schriften des Urchristentums. Wissenschaftlich zwar umstritten, wird dieses Werk doch wegen seiner Sammlung aller verfügbaren, dem Kanon nicht zugehörigen Schriften bis 200 n. Chr., und seiner Übersetzungsleistung (aufgrund der sog. „modernen ‚funktionalen‘ Übersetzungstheorie“) akzeptiert.Christian Schuler: Am Anfang ist nicht mehr das Wort, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 29. September 1999 (aktualisiert am 30. November 1999): Rezension FAZ online. Abruf am 28. August 2022.
Für Aufregung sorgte er kurz vor seiner Emeritierung mit der Aussage, nie aus der römisch-katholischen Kirche ausgetreten und immer Katholik gewesen zu sein.
Leben Klaus Berger wurde 1940 als Sohn des Apothekers Rudolf Berger, eines engagierten Katholiken, in Hildesheim geboren. Bergers Mutter stammte aus Nürnberg und war evangelisch. Nachdem er am humanistischen Ratsgymnasium Goslar sein Abitur gemacht hatte, studierte Berger ab 1960 in München, Berlin und Hamburg katholische Theologie und Philosophie sowie christlich-orientalische Sprachen (Aramäisch, Syrisch, Äthiopisch, Arabisch). 1965 legte er in München das Fakultätsexamen in Theologie ab und wurde 1967 im Fach Neues Testament promoviert. Einige Stellen seiner Dissertation wurden als häretisch gesehen, weshalb er kein katholischer Priester mehr werden konnte. 1971 habilitierte er sich im Fach Neues Testament an der evangelischen Theologischen Fakultät Hamburg. Ab 1968 war er Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ab 1970 Dozent für Neues Testament und altchristliche Literatur an der Rijksuniversität Leiden.
Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2006 lehrte er als Professor für Neues Testament an der evangelischen Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung war er 25 Jahre als Vertrauensdozent für den Bereich Theologie tätig. Seit 2005 war Berger FamiliarFamiliares werden auf Vorschlag einer Klostergemeinschaft vom Generalabt ernannt. Nach den Statuten De Familiaribus Ordinis von 1953 können drei Personengruppen Familiaren werden: 1. Personen, die sich verdient gemacht haben oder die man ehren möchte; 2. Wohltäter des Ordens und 3. Menschen, die in der Welt nach dem Geist und den Prinzipien des Ordens zu leben wünschen. des Zisterzienserordens. Seit 2010 lehrte er am Hausstudium der Abtei Mariawald.
Berger hatte zwei Kinder aus seiner ersten Ehe mit Christa Berger. Er war in zweiter Ehe mit der Übersetzungswissenschaftlerin Christiane Nord verheiratet. Am 8. Juni 2020 starb er in Heidelberg.
Lehre und Forschung
mini|Klaus Berger Berger schrieb zusammen mit dem Alttestamentler Horst Dietrich Preuß eine Bibelkunde, die immer wieder aufgelegt wird. Anstöße Bergers befruchteten teilweise auch die theologischen Nachbardisziplinen. Als Kenner der frühjüdischen und pagan-hellenistischen Vergleichstexte zum Neuen Testament gelang es Berger, immer wieder neue Forschungsimpulse zu setzen. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren war Berger einer der führenden interdisziplinär arbeitenden Theologen in Deutschland. Bergers Veröffentlichungen sind zahlreich; Schwerpunkte sind seine Beiträge zur exegetischen Methodologie, zur religionsgeschichtlichen Forschung, zur Formgeschichte, zur Hermeneutik, zur Apokalyptikforschung und zur Theologiegeschichte des Neuen Testaments. Auch zur Bewertung von Textgruppen wie den Qumrantexten und den Texten der Gnosis, wie sie aus den Kirchenvätern und den Funden von Nag Hammadi bekannt sind, hat Berger neue Anregungen gegeben.
Methodenlehre Berger forderte eine grundlegende Neuorientierung der Exegese an neueren Erkenntnissen der Sprachwissenschaft. Innerhalb der Textinterpretation erhält die vergleichende Untersuchung von Wortfeldern einen hohen Rang. Berger entwickelt Grundlagen einer Exegese, die den Aussagen der Texte mit einer Vielzahl von Methoden kontrolliert nahezukommen sucht. Mit seinem kurzen Aufsatz „Die impliziten Gegner. Zur Methode des Erschließens von Gegnern in neutestamentlichen Texten“, den er 1980 in einer Festschrift für Günther Bornkamm veröffentlichte, setzte Berger einen methodologischen und theologiegeschichtlichen Meilenstein. Man müsse viel kritischer gegenüber den „Ketzerpolemiken“ aus Neuem Testament und Frühchristentum sein. Aus dem Vorhandensein einer „Reizvokabel“, die einer frühchristlichen Irrlehre zugeordnet würde, sei nicht sicher darauf zu schließen, dass in diesem Text diese „Irrlehre“ auch tatsächlich angesprochen werde. In der Regel erwiesen sich die „impliziten Gegner“ vielmehr als ernstzunehmende frühchristliche Diskussionspartner. Deutlich kritisierte Berger auch die Suche nach der „ipsissima vox“ Jesu und die Kriterien für „echte Jesusworte“, wie er seit 1997 („Im Anfang war Johannes“) mehrfach formulierte. Damit lehnte Berger das Ansinnen ab, mit geeigneten Kriterien dem „historischen Jesus“ auf die Spur zu kommen. Seiner Auffassung nach sagen die meisten Kriterien mehr über diejenigen, die sie aufstellen, als über Jesus. Das Ergebnis sei zwangsläufig eine Jesusgestalt, die zur jeweiligen Forschungslandschaft „passe“. Dagegen favorisiert Berger das Bild eines offenen Mosaiks, in dem Jesus auch weiterhin nur in Annäherungen greifbar bleibt. Die Steine dieses Mosaiks seien dabei Aussagen des Neuen Testaments und der übrigen frühchristlichen Schriften über Jesus. Dabei habe jeder Mosaikstein seinen bleibenden Wert und sei nicht vorschnell als „spät“ zu diskreditieren. Sache des Forschers sei es herauszufinden, inwieweit und wo jeweils ein solches Mosaiksteinchen zum bisher ermittelten Jesusbild passt, bzw. wo es dazu zwingt, noch einmal neu zu denken.
Formgeschichte In seinen Veröffentlichungen zur Formgeschichte des Neuen Testaments grenzte sich Berger von den klassischen formgeschichtlichen Entwürfen von Rudolf Bultmann und Martin Dibelius ab. Sein Anliegen, das er in den älteren Entwürfen nicht wiederfindet, ist, mit Kategorien der antiken (hellenistischen) Rhetorik zu arbeiten und nicht mit modernen Konstrukten, und dabei nicht nur Ausschnitte des Neuen Testaments, sondern jeden Text des Neuen Testaments in den Blick zu nehmen.
Grundlegend war für Berger die Erkenntnis, dass Form und Inhalt nicht nach der alten Theorie liberaler Theologie zu trennen sind wie Schale und Kern. Denn auch die Form biete wichtige Signale zum Verstehen des Inhalts bzw. des Gehalts und sei daher ernstzunehmen. Anstößige Elemente eines Textes (z. B. die Wunder in den „Wundergeschichten“) sind daher nicht einfach als zeitbedingte Form zu betrachten, die gleichwohl einen von ihnen ablösbaren und heute neu kontextualisierbaren Inhalt transportieren. Gleichzeitig sei Formgeschichte nicht mehr wie in der Vergangenheit als Instrument für Literarkritik zu nutzen, da die Erkenntnis über die Form eines Textes noch nicht notwendigerweise etwas über die hinter dem Text liegende Überlieferungsgeschichte sage. Auch hält Berger die alte These, die ursprüngliche Form müsse immer „einfach“ sein und alle „unreinen“, vermeintlich „erweiterten“ Formen seien ein Zeichen für spätere Überarbeitungen, für wirklichkeitsfremd.
Religionsgeschichte Verbunden mit den Neuansätzen in der Formgeschichte und der Methodenlehre ist der hohe Rang, den Berger dem religionsgeschichtlichen Vergleich einräumt. Das von ihm zusammen mit dem Berliner Religionswissenschaftler Carsten Colpe zusammengestellte „Religionsgeschichtliche Textbuch zum Neuen Testament“ (1987) ist bis in die jüngste Vergangenheit das am häufigsten benutzte Instrument zum Auffinden relevanter religionsgeschichtlicher Vergleichstexte geblieben. Dies gilt, obwohl den Auswahlkriterien der Vorwurf der Undurchsichtigkeit gemacht worden ist. Zu seinen bisherigen religionsgeschichtlichen Veröffentlichungen sind auch die Herausgabe von Qumran-Psalmen, einer frühjüdischen Weisheitsschrift, einer frühchristlichen Apokalypse, einer Konkordanz zweier frühjüdischer apokalyptischer Texte, einer Vielzahl apokrypher frühchristlicher Texte („Urchristentum“), von Gleichnissen in den großen Religionen, von Texten des arabischen Christentums usw. zu rechnen. Dazu kommt die bisher umfassendste Sammlung apokrypher Jesusworte. Bergers private Sammlung antiker Apokalypsen schließlich ist die mutmaßlich größte Apokalypsensammlung weltweit.Die Sammlung der Alten Drucke (Apokalypsen) Klaus Bergers wurde nach seinem Tode dem Buchauktionshaus Bassenge in Berlin zur Auktion 117 am 13. April 2021 übergeben, wozu ein 280-seitiger Auktionskatalog erschien: Apokalypse: Die Bibliothek des Heidelberger Theologen Klaus Berger, auch online. Einer der wichtigsten Schritte zu einer Neuorientierung in der religionsgeschichtlichen Forschung gegenüber der älteren Religionsgeschichtlichen Schule liegt in einer neuen, methodisch kontrollierten Weise des Vergleichs. Ähnlichkeiten zwischen Schriften bedeuten nicht zwangsläufig direkte Abhängigkeiten. Eine wichtige, zunächst sehr umstrittene Neuorientierung stieß Berger mit seinem Artikel in der Theologischen Realenzyklopädie (TRE) zur Gnosis (Gnosis I) an (1983). Im Gegensatz zur älteren religionsgeschichtlichen Schule lehnt es Berger – wie vor ihm schon Carsten Colpe – ab, eine entwickelte Gnosis, Prägnosis oder auch nur einen „naiven Doketismus“ im Hintergrund der neutestamentlichen Schriften am Werke zu sehen. Da von einer entwickelten Gnosis erst ab der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zu sprechen ist, scheint es Berger absurd und wiederum eher in den Biografien der jeweiligen Forscher begründet, einen „gnostischen Hintergrund“ positiv oder negativ für die Abfassung der neutestamentlichen Schriften anzunehmen.
„Theologiegeschichte des Urchristentums“ statt „Theologie des NT“ mini|Klaus Berger Berger schrieb keine „Theologie des Neuen Testaments“, sondern eine umfangreiche „Theologiegeschichte des Urchristentums“, denn er versteht die Entwicklung der christlichen Theologie an ihrem Anfang nicht als einen linearen oder dialektischen Prozess, sondern, wie es auch François Vouga gefordert hatte, als ein explosives, dynamisches Geschehen. Dabei nimmt Berger eine gewisse Unübersichtlichkeit in Kauf, die sich aus dieser Methode ergibt. Ausgehend von den größten theologischen Gemeinsamkeiten im NT, die eine Art „Stamm“ bilden, versucht er einen „Stammbaum“ der Theologien des Neuen Testaments zu entwerfen. Diese versucht er historisch und geographisch an den für uns heute erkennbaren „Hauptumschlagplätzen“ früher christlicher Theologie im Mittelmeerraum zu verankern.
Ein Aspekt dieser nicht-linearischen Betrachtung der urchristlichen Theologieentwicklung ist, dass Berger die Entstehung einiger Bücher des Neuen Testaments, die man generell für spät gehalten hatte, früher ansetzte, so das Johannesevangelium, die Johannesbriefe, die Offenbarung des Johannes oder auch den Jakobusbrief, die Petrusbriefe oder die Briefe an die Epheser und die Kolosser.
Wichtige Thesen der Theologiegeschichte Bergers sind: Die alte Theorie, erst ab Ostern habe man Wundergeschichten über Jesus erzählt, ihn als Messias bezeichnet und in ihm den Erlöser gesehen, ist nicht zu halten. Damit fällt auch die Annahme, das Messiasgeheimnis (William Wrede) der synoptischen Evangelien sei ein „Trick“ der Evangelisten, um deutlich zu machen, warum man vor Ostern von alledem nichts wusste.