mini|Weihnachtsfeier am 25. Mai 2016 in Nkamba
Die Kimbanguistenkirche (offizielle Bezeichnung: Eglise de Jésus-Christ sur la terre par son envoyé spécial Simon Kimbangu, kurz: E.J.C.S.K.; deutsch Kirche Jesu Christi auf Erden durch seinen Boten Simon Kimbangu) ist eine afrikanische unabhängige christliche Kirche. Ihre Mitgliederzahl beträgt nach eigenen Angaben über 20 Millionen Mitglieder weltweit, davon mehr als die Hälfte im Kongo. Dort schätzte das CIA World Factbook 2005 ihren Anteil auf 10 % der Gesamtbevölkerung,The World Factbook – Congo, Democratic Republic of the, abgerufen am 16. Februar 2022. die ihrerseits 2025 auf 111 Millionen geschätzt wurde.DR Congo Population, abgerufen am 7. Februar 2025.
Vorgeschichte Im Selbstverständnis der Kimbanguisten wurde das Kommen eines „Erlösers“ auf mehrfache Weise vorausgesagt. Im Jahr 1706 wurde die als Prophetin verehrte letzte Königin des historischen Königreich Kongo, Kimpa Vita, in M’banza Kongo als Häretikerin auf dem Scheiterhaufen verbrannt.Les Archives de Bruxelles 192201501968, Missio 27, Swedish Institute of Mission Research, Gösta Stenström, Uppsala, Schweden, S. 62–63, Einer Legende zufolge trug sie nach afrikanischer Sitte einen Säugling verborgen in einem Tuch auf dem Rücken, der somit mitverbrannte. In ihren letzten Atemzügen soll sie ausgerufen haben, dass das Kind als „Kimbangu“ (Bedeutung etwa „Erlöser“ und „Auflöser der verborgenen Geheimnisse“) wiederkehren würde.
Auf der Kongokonferenz in Berlin 1884–85 wurde dem belgischen König Leopold II. der Freistaat Kongo als Privatkolonie zugestanden. Die von ihm eingesetzte Kolonialverwaltung war für die als Kongogräuel in die Geschichte eingegangene Schreckensherrschaft verantwortlich, die bereits 1876 mit den ersten Landgewinnungsexpeditionen begonnen hatte.
Geschichte Simon Kimbangu, geboren 1889, wurde in der lokalen Baptistenmission () Anfang des 20. Jahrhunderts zum Katechisten ausgebildet und hatte in der Folge spirituelle Berufungserlebnisse – nach eigenen Aussagen war ihm Jesus Christus persönlich erschienen und hatte ihm den Auftrag erteilt, sein Werk fortzuführen. Er begann zu predigen und als Wunderheiler zu wirken.Les Archives de Bruxelles 192201501968, Missio 27, Swedish Institute of Mission Research, Gösta Stenström, Uppsala, Schweden, S. 99, Am 6. April 1921 läutete seine Frau, Marie Muilu Kiawanga Nzitani, auf seine Bitte zum ersten Mal eine Glocke, um die anwesenden Anhänger zum gemeinsamen Gebet und Gottesdienst zu rufen. Dieses Datum gilt als Gründungsdatum, weshalb am 6. April 2021 die Hundertjahrfeier vorgesehen war. Da die belgischen Kolonialbehörden die entstehende Bewegung als Bedrohung ihrer Herrschaft ansahen, wurde Simon Kimbangu am 3. Oktober 1921 durch ein Militärgericht zunächst zum Tode verurteilt, anschließend aber zu einer lebenslangen Haftstrafe begnadigt.
Unter der Führung von Kimbangus Frau entstand eine Untergrundkirche. Bis 1958 wurden die Anhänger verfolgt und meist verbannt, weshalb die Bewegung sich nahezu über das gesamte Territorium von Belgisch-Kongo ausbreiten konnte. In der Tradition der Kirche spricht man von ca. 150.000 Einzelschicksalen bzw. von 37.000 betroffenen Familien – zu ihren Ehren zählt der 1981 in Nkamba eingeweihte Tempel offiziell 37.000 Plätze. Die Verfolgungen dauerten bis über den Tod Kimbangus am 12. Oktober 1951 hinaus an, nahmen 1958 ein Ende und mündeten in der offiziellen Anerkennung der Bewegung als Kirche am 24. Dezember 1959 durch die Kolonialbehörden Belgisch-Kongos.
mini|links|Joseph Diangienda 1990 Erster „Mfumu’a Nlongo“ (Kikongo, in Französisch „Chef Spirituel“, Deutsch: „Spiritueller Leiter“) wurde Joseph Diangienda Kuntima, jüngster Sohn von Simon Kimbangu. Er organisierte zusammen mit seinen Brüdern Charles Daniel Kisolokele Lukelo und Salomon Dialungana Kiangani die Kirche nach den Anweisungen ihres Vaters, mit dem sie auch während dessen Haft in regelmäßigem Kontakt waren.
Nach dem Tod von Diangienda 1992 übernahm sein Bruder Salomon Dialunganu Kiangani, Mfumu a Mbanza (Kikongo, auf Deutsch „Herr von Mbanza“, Mbanza ist der heilige Bezirk innerhalb Nkambas, der Heiligen Stadt, die als das Neue Jerusalem angesehen wird), die Leitung der Kirche. Mit dem Tod von Dialungana 2001 wurde sein ältester Sohn und Enkel des Gründers, Simon Kimbangu Kiangani, geboren am 12. Oktober 1951, dem Todestag seines Großvaters, offizielles Kirchenoberhaupt.David Van Reybrouck: Kongo: Eine Geschichte. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2012, ISBN 978-3-518-42307-3, S. 173–187. Seine Ernennung führte zu einem Schisma der Kirche unter der Leitung eines Teils der leiblichen Nachkommen Simon Kimbangus. Die Linie der Kirchenleitung in Nkamba wird mit der Formel „3=1“ (Simon Kimbangu Kiangani (1) ist der spirituelle Erbe und Nachfolger der drei Papas) bezeichnet. Die Gruppe unter Führung der restlichen Enkel Kimbangus wird dementsprechend mit der Formel „26=1“ bezeichnet. Sie heißt auch „Bana 26“ (Lingala für „(alle) 26 (Kindes)kinder“). Die Kirchenleitung von Nkamba deutet die Spaltung im Zusammenhang mit eschatologischen Prophezeiungen der Bibel und sieht sie als Erfüllung einer Voraussage von Diangienda: „Il y aura des divisions et ça va commencer dans ma maison.“ („Es wird zu Spaltungen kommen, und es wird in meinem Haus anfangen.“)
mini|Kimbanguisten in Portugal feiern Weihnachten am 25. Mai 2013 in einem Vorort von Lissabon. Im Jahr 1969 wurde die Kimbanguistenkirche mit Unterstützung der Herrnhuter Brüdergemeine der Schweiz in den Ökumenischen Rat der Kirchen aufgenommen, als erste der afrikanischen unabhängigen Kirchen. Mitte der 2000er Jahre wurde die Mitgliedschaft jedoch aufgehoben, da Simon Kimbangu Kiangani öffentlich erklärte, die in verheißene Inkarnation des Heiligen Geistes zu sein. Ihm wird göttliche Verehrung zuteil, ebenso wie dem Gründer Simon Kimbangu sowie dessen drei Söhnen. In der Lehre der Kirche wird das aktuelle Zeitalter als das Zeitalter des Heiligen Geistes angesehen. Simon Kimbangu wird als die erste Verkörperung des Heiligen Geistes angesehen, in der spirituellen Nachfolge sind zunächst Diengienda, anschließend Simon Kimbangu Kiangani die weiteren Verkörperungen unter Berufung auf Bibelstellen wie z. B. , oder . Die drei Söhne Kimbangus werden als die Heilige Trinität (Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist) verehrt. An seinem Geburtstag im Jahr 2000, dem 25. Mai, verkündete Dialungana der Gemeinde, dass er entsprechend der neue Christus sei. Seitdem feiern die Kimbanguisten Weihnachten am 25. Mai.
mini|links|Eröffnung des Museums Simon Kimbangu am 6. April 2021
Anlässlich der Hundertjahrfeier der Kirche am 6. April 2021 wurde das seit 2014 im Bau befindliche Museum Simon Kimbangu im Beisein und unter der Schirmherrschaft des Präsidenten Felix Antoine Tshisekedi Tshilombo feierlich eröffnet. Es soll die Geschichte der Kirche und Simon Kimbangus für Pilger und Gäste aus allen Nationen veranschaulichen, aber auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der allgemeinen Geschichte Afrikas und der Unterdrückung des Schwarzen Volkes leisten, da dies vielfach nicht in den Schulen angesprochen wird.
Theologie und religiöse Praxis Die Grundlagen für das Lehren innerhalb der Kirche sind die Bibel, die Unterweisungen und Reden Kimbangus und seiner drei Söhne („les paroles des Papas“, frz. wörtlich für „die Worte der Papas“; insbesondere von Diangienda gibt es zahlreiche Audio- und Videoaufzeichnungen, von Dialungana gibt es mehrere Schriften vorwiegend theologischer Art, die fast ausschließlich in Kikongo verfasst sind) sowie die als inspiriert geltenden Gesänge (Musik).
Das Heil (siehe Abschnitt ‚Salut conditionné‘ = ‚bedingtes Heil‘ im Kapitel ‚Essence de la théologie kimbanguiste‘ = ‚Essenz der kimbanguistischen Theologie‘Joseph Diangienda Kuntima: L’histoire du Kimbanguisme. EKI Éditions Kimbanguistes, Paris 1984, ISBN 2951889739, Seiten 260–262.) ist eine Kombination von drei Faktoren. Als erste Bedingung gilt die Gnadengabe Gottes durch das Erlösungswerk Jesu Christi, das universell ist – im Prinzip kann jeder Mensch diese Gnade in Anspruch nehmen. Zum individuellen Heil ist aber außerdem neben dem Glauben an Gott und seinen Messias auch ein geheiligtes Leben im Alltag erforderlich, das durch gute Werke und das Befolgen der göttlichen Gebote gekennzeichnet ist. Diangienda hat dies im kimbanguistischen Dreisatz „Bolingo, Mibeko, Misala“ zusammengefasst (lingala für: Bolingo = Liebe zu Gott und zum Nächsten, Mibeko = Gebote, d. h. Einhaltung der 10 Gebote und der Zusatzgebote der Kimbanguistenkirche und Misala = Werke, d. h. gute Werke der Nächstenliebe und Mitarbeit und materielle Beiträge zu den Gemeinschaftswerken der Kirche).
Wichtigste religiöse Handlung eines Gläubigen ist die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst. Dieser nimmt gemäß dem Sabbatheiligungsgebot meist den ganzen Tag ein – meistens beginnen die Gottesdienste um 9:30 Uhr und enden etwa gegen 18:00 Uhr oder noch später.
An den Wochentagen sind Kimbanguisten dazu angehalten, regelmäßig zu beten. Es wurden im Laufe der Zeit feste Gebetszeiten um 3, 5, 10, 12, 15, 18, 22 Uhr und um Mitternacht sowie der Ablauf des Gebets definiert: beginnend mit einem Gesang, darauf folgend das „Gebet vom 6. April“, ein weiterer Gesang und zum Abschluss ein freies, individuelles Gebet. Zusätzlich sollte jeder Gläubige täglich – im Rahmen seiner Möglichkeiten – an einem Morgengottesdienst („culte matinal“) um 6 Uhr teilnehmen, der meist auf Ebene der „Cellules“ (frz. für Zelle, vergleichbar mit Hauskreisen) stattfindet, sowie ebenfalls am Abendgottesdienst („soirée spirituelle“) um 16 Uhr in der Pfarre. Regelmäßig sollte jeder Gläubige an einem „Beko“ teilnehmen. Das sind meist wöchentliche und nach Geschlechtern getrennte Gebetsnachtwachen, die um 22 Uhr beginnen und bis 5 Uhr am folgenden Morgen dauern.
Sakramente Kleinkinder werden ab dem Alter von etwa drei Monaten gesegnet, was jedoch nicht als Sakrament angesehen wird, sondern lediglich als Aufnahme des Menschen in die soziale Gruppe. Die Taufe Sie erfolgt frühestens ab dem zwölften Lebensjahr und auf explizite Anfrage des Täuflings und nach Befolgung eines Katechismusunterrichts von mehreren Wochen mit abschließender Prüfung. Als Besonderheit bei den Kimbanguisten gilt, dass es drei Gruppen von Täuflingen gibt: die „neuen Täuflinge“ (in der Regel Kinder, die in der Gemeinschaft aufgewachsen sind, seltener zuvor Religionslose), die Konvertiten, die eine kürzeren Unterricht belegen müssen, da sie gewissermaßen über Vorkenntnisse verfügten (Gläubige, die aus anderen Kirchden zum Kimbanguismus übertreten, seltener vom Islam; vormalige Anhänger von „Erweckungskirchen“ („églises de réveil“) werden in dieser Kategorie nicht anerkannt) und schließlich die Gemeindeglieder, die ihre Zeit der Gemeindezucht hinter sich haben und wieder vollständig in die Gemeinschaft und ins aktive Gemeindeleben aufgenommen werden wollen. Letztere empfangen eine Geisttaufe, die durch Handreichung des Pastors an den niederknienden Täufling erfolgt. Das Abendmahl