mini|Der Anfang des 6. Buchs von Origenes’ Römerbriefkommentar in Rufinus’ lateinischer Übersetzung. Karolingisches Manuskript des 8./9. Jahrhunderts (Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 2 r) Der Römerbriefkommentar (Commentarius in epistulam ad Romanos) ist ein Hauptwerk des kaiserzeitlichen christlichen Philosophen und Bibelkommentators Origenes, der sich dem neutestamentlichen Brief des Paulus an die Römer widmet. Er ist von den großen Kommentarwerken dieses Verfassers am besten erhalten, allerdings nicht im koine-griechischen Original, sondern in der lateinischen Übersetzung des Rufinus von Aquileia, der seine griechische Vorlage etwa auf die Hälfte kürzte.
Inhalt Gliederung des Kommentars Origenes’ Römerbriefkommentar war ursprünglich in 15 Bände gegliedert. Bekannt ist das durch einen Codex mit neutestamentlichen Schriften, den Eduard von der Goltz in der Bibliothek des Klosters Megisti Lavra auf dem Athos entdeckte (Athos Lawra 184.B.64) und im Jahr 1899 publizierte (von Gregory-Aland bezeichnet als Minuskel 1739). Diesen Codex hatte ein Mönch namens Ephraim im 10. Jahrhundert geschrieben. Für die Paulusbriefe nutzte Ephraim nach eigenen Angaben ein „sehr altes“ Manuskript als Vorlage; beim Römerbrief zog er den Kommentar des Origenes heran und notierte am Rand, in welchem Band seines Kommentars Origenes den entsprechenden Text bearbeitete:Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 35–39 und 59. Band 1: Vorwort (Proömium) und Röm 1,1–7 Band 2: Röm 1,8–25 Band 3: Röm 1,26–2,11 Band 4: Röm 2,12–3,4 Band 5: Röm 3,5–31 Band 6: Röm 4,1–5,7 Band 7: Röm 5,8–16 Band 8: Röm 5,17–6,15 Band 9: Röm 6,16–8,9a Band 10: Röm 8,9b–39 Band 11: Röm 9,1–19 (oder 22), von Ephraim als fehlend markiert Band 12: Röm 9,20 (oder 23)–11,12 Band 13: Röm 11,13–12,15 Band 14: Röm 12,16–14,10a, von Ephraim als fehlend markiert Band 15: Röm 14,10b–Ende
Otto Bauernfeind vertrat 1923 die These, dass Ephraim den griechischen Bibeltext des Römerbriefs direkt aus dem Kommentar des Origenes abgeschrieben habe; Origenes habe seiner Römerbrief-Kommentierung eine von ihm selbst redigierte Textfassung zugrunde gelegt. Dem stimmte Hans Lietzmann zu: „Die alte Vorlage dieser Handschrift hat den paulinischen Text aus dem griechischen Original des Origeneskommentars fortlaufend herausgeschrieben; dazu finden sich lehrreiche Scholien am Rande.“Hans Lietzmann: Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. In: Ders., Studien zum Neuen Testament (= Kleine Schriften, Band 2). Akademie-Verlag, Berlin 1958, S. 138–159, hier S. 146. Weitere Untersuchungen widerlegten diese These; man nimmt an, dass Origenes mehrere Textfassungen von neutestamentlichen Schriften kannte und auch bei der gleichen biblischen Schrift unter diesen Textfassungen wechseln konnte.Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 39–41.
Proömium Christoph Markschies nimmt an, dass Rufinus das Vorwort des Origenes zu seinem Römerbriefkommentar als Übersetzer erheblich gekürzt, aber „in seiner inhaltlichen Substanz“ bewahrt habe.Christoph Markschies: Origenes und die Kommentierung des paulinischen Römerbriefs. Einige Bemerkungen zur Rezeption von antiken Kommentartechniken im Christentum des dritten Jahrhunderts und ihrer Vorgeschichte, Berlin / New York 2007, S. 80. Matthias Skeb hält Kürzungen des Proömiums dagegen für unbelegt und geht davon aus, dass Rufinus den gesamten Proömiumstext „ohne gravierende inhaltliche Auslassungen“ übersetzt habe.Matthias Skeb: Exegese und Lebensform: Die Proömien der antiken griechischen Bibelkommentare, Leiden / Boston 2007, S. 194.
Kaiserzeitliche Kommentarwerke folgten in der Abfolge der Klärung von Einleitungsfragen einem Schema, das Origenes kannte und in mehreren Bibelkommentaren selbst anwandte. Im Proömium des Römerbriefkommentars variierte er dieses Schema. Ganz typisch ist sein Einstieg mit der schweren Verständlichkeit der auszulegenden Schrift. Er nannte dann aber das Thema Willensfreiheit als die inhaltliche Klippe des Römerbriefs, welche beim Leser Missverständnisse hervorbringen könne – das zielte auf gnostische Christen.Christoph Markschies: Origenes und die Kommentierung des paulinischen Römerbriefs. Einige Bemerkungen zur Rezeption von antiken Kommentartechniken im Christentum des dritten Jahrhunderts und ihrer Vorgeschichte, Berlin / New York 2007, S. 80. Mit Gnostikern insbesondere valentinianischer Prägung hatte Origenes häufig zu tun, sein Mäzen Ambrosius war ein ehemaliger Valentinianer. „In Paulus’ Konzept der Rechtfertigung durch Gnade konnten die Valentinianer die zum Heil determinierte Natur der Pneumatiker wiederfinden“.Matthias Skeb: Exegese und Lebensform: Die Proömien der antiken griechischen Bibelkommentare, Leiden / Boston 2007, S. 195. Dem gnostischen Determinismus setzte Origenes seine Freiheitstheologie entgegen, die sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk verfolgen lässt.
Kurz ging Origenes auf die Reihenfolge der Paulusbriefe ein, war aber nicht wirklich daran interessiert, diese Briefe mit den biografischen Stationen des Paulus von Tarsus zu verbinden, sondern steuerte darauf zu, dass der Römerbrief der letzte Paulusbrief sei, den der Apostel niederschrieb, als er den höchsten Grad an Vollkommenheit erreicht hatte. Das spiegle sich im Brief und solle den Leser dabei unterstützen, in seiner eigenen Vervollkommnung Fortschritte zu machen.Christoph Markschies: Origenes und die Kommentierung des paulinischen Römerbriefs. Einige Bemerkungen zur Rezeption von antiken Kommentartechniken im Christentum des dritten Jahrhunderts und ihrer Vorgeschichte, Berlin / New York 2007, S. 82. Aus mehreren Zitaten der beiden Korintherbriefe, des Philipper- und des Römerbriefs kombinierte Origenes einen spirituellen Aufstiegsweg des Paulus: Anfangs kämpfte er mit seiner körperlichen Verfasstheit, um dem Tod Christi gleichgestaltet zu werden. Er gelangte durch Abtötung des Körpers und Christusförmigkeit zu einer geistlichen Existenz in enger Verbundenheit mit Gott – und als Paulus dieses spirituelle Niveau erreicht hatte, schrieb er den Römerbrief.Matthias Skeb: Exegese und Lebensform: Die Proömien der antiken griechischen Bibelkommentare, Leiden / Boston 2007, S. 196–198.
Origenes zog einige Bibelstellen heran, um zu begründen, dass der Römerbrief in Korinth niedergeschrieben wurde (das sieht die moderne Exegese mehrheitlich auch so).Vgl. beispielsweise Wieder ging es Origenes nicht um die Biografie des Paulus, sondern um einen Zusammenhang, den er mit den beiden Korintherbriefen des Apostels herstellen wollte. Das Proömium klingt aus mit einer kurzen Inhaltsübersicht, die sich auf das „Gesetz“ als schwieriges, aber zentrales Thema des Römerbriefs konzentriert. Auch hier wich Origenes vom Schema eines Kommentar-Proömiums ab, da er keine detaillierte Gliederung bot.Christoph Markschies: Origenes und die Kommentierung des paulinischen Römerbriefs. Einige Bemerkungen zur Rezeption von antiken Kommentartechniken im Christentum des dritten Jahrhunderts und ihrer Vorgeschichte, Berlin / New York 2007, S. 82 f.
Textüberlieferung Griechisch Fragmente aus dem griechischen Römerbriefkommentar sind hauptsächlich durch drei Quellen bekannt: eine aus den Werken des Origenes zusammengestellte Anthologie mit dem Titel Philokalie, die Katenen zum Römerbrief und die Exzerpte im Codex II der Tura-Papyri. Caroline Hammond Bammel nimmt an, „daß alle Auszüge auf ein Exemplar des Kommentars in der Bibliothek von Caesarea in Palästina zurückgehen,“ die Pamphilos im 3. Jahrhundert nach dem Tod des Origenes reorganisiert und vergrößert hatte. Nach der Konstantinischen Wende wurde die Bibliothek unter Akakios und Euzoios nochmals restauriert. Frühzeitig gingen Buch 11 und Buch 14 des Römerbrief-Kommentars verloren. Wahrscheinlich waren sie aber noch vorhanden, als die Exzerpte für die Philokalie und die Katenenhandschriften zusammengestellt wurden.Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 19.
Philokalie Traditionell gelten Basilius von Caesarea und Gregor von Nazianz als Verfasser der Philokalie. Sie stellten die Origenes-Zitate demnach um 360 zusammen, als sie sich auf dem Landgut Annisa nahe Neocaesarea in Kleinasien zum asketischen Leben zurückgezogen hatten. Marguerite Harl verweist aber darauf, dass Gregors Epistula 115 nicht unbedingt so verstanden werden muss, dass die beiden persönlich die Bücher des Origenes exzerpierten. Die Zitate könnten auch in der Bibliothek von Caesarea gesammelt worden sein – von wem, bleibt bei Harl offen.Hier referiert nach: Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 19 f.
Katenen Die wichtigsten Typen von Katenen zum Römerbrief des Paulus, die Auszüge aus dem Kommentar des Origenes bringen, werden durch die folgenden Handschriften repräsentiert:Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 22–25. Codex Vaticanus graecus 762: Von 1201 Römerbrief-Scholien werden lediglich 59 dem Origenes zugeordnet. Codex Monacensis graecus 412: Dieser Katenentypus enthält, Origenes betreffend, kaum über den Vaticanus hinausgehendes Material. Codex Vindobonensis graecus 166: Diese Papierhandschrift ist eine gegenüber den beiden anderen Typen selbständige Kompilation, die möglicherweise Niketas von Herakleia im 11. Jahrhundert zuzuordnen ist. Der Text von Röm 1,1–2,12 wurde sehr breit kommentiert, der Rest nur kursorisch. Auszüge aus Origenes’ Kommentar reichen nur bis Röm 2,7, sind aber für diesen Eingangsteil des Paulusbriefs besonders zahlreich. Bei längeren Origeneszitaten in den Katenen ist allerdings festzustellen, dass es sich dabei nicht einfach um wörtliche Übernahmen von Textpassagen aus Origenes’ Kommentar handelt, sondern einzelne Sätze herausgeschrieben wurden, mitunter auch in geänderter Reihenfolge. Kürzungen wurden nicht kenntlich gemacht. Manchmal wurde der Text des Origenes auch nur zusammengefasst, ohne wörtlich zu zitieren. Der Exzerptor arbeitete wohl auch nicht direkt mit dem originalen Römerbriefkommentar des Origenes, sondern hatte bereits Katenenmaterial vor sich, aus dem er seine Synthese herstellte.Caroline Hammond Bammel: Der Römerbrieftext des Rufin und seine Origenes-Übersetzung, Freiburg / Basel / Wien 1985, S. 26 f.
Tura-Papyri