Die Trilogie. Schlaflos. Olavs Träume. AbendmattigkeitJon Fosse: Trilogie. Schlaflos. Olavs Träume. Abendmattigkeit. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, 3. Aufl. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2023, 205 S. von Jon Fosse ist 2014 im norwegischen Original und 2016 in deutscher Übersetzung erschienen. Für diesen Band erhielt der Autor 2015 den Literaturpreis des nordischen Rates. Die Trilogie erzählt in drei verbundenen Erzählungen vom Leben und Sterben der beiden jugendlichen Hauptpersonen Alida und Asle, die vergeblich nach einer Bleibe und einem Weg suchen, trotz extremer Armut als Paar mit einem Kind zu überleben. Die Handlung entwickelt sich ikonographisch zwischen einer Weihnachts- und einer Bonny-and-Clyde-Geschichte: Die Opfer der Umstände werden schon bald zu Tätern, die durch Vorherbestimmung, eine feindliche Gesellschaft und eigene Entscheidungen scheitern.
Es sei eine „finstere Liebesgeschichte“ mit fast „biblischen Themen“ meinen Tobias WenzelTobias Wenzel: Jon Fosse: „Trilogie“ Perspektive zwischen Leben und Tod, auf deutschlandfunkkultur und Christina Brunnenkamp.Jon Fosse – Trilogie (Buch), auf booknerds.de, abgerufen am 15. Februar 2025 Für Tobias Wenzel klingt die Geschichte „wie ein ins Unendliche gezogenes Vaterunser.“ Oliver Pfohlmann assoziiert eine Weihnachtsgeschichte mit krimineller Grenzüberschreitung.Oliver Pfohlmann zu Jon Fosses „Trilogie“: Eine düstere Herbergssuche in Norwegen belegt die Rückkehr des Existenzialismus in die Gegenwartsliteratur, auf literaturkritik.de Jon Fosse selbst erklärte dazu, er habe beim Schreiben nicht an die Bibel gedacht und halte nichts von literarischen Anspielungen und „Intertextualitätszeug“: „Es ist doch nur die Geschichte eines jungen Paares, das eine Bleibe sucht.“Alexander Schüller: Jon Fosse: Trilogie, auf ki-aachen.de
Nach einer Bemerkung auf den letzten Seiten könnte die Trilogie ein Ausschnitt aus der Familiengeschichte Jon Fosses sein, der das Leben seiner Urgroßeltern mütterlicherseits um die Mitte des 19. Jahrhunderts im Westen Norwegens auf der Basis von Familienerzählungen literarisch bearbeitet.Jon Fosse: Trilogie, S. 203.
Übersicht In Schlaflos, dem ersten Teil, bekommen Alida und Asle, ein unverheiratetes jugendliches Paar im Alter von 17 Jahren, ein Kind in größter Armut. Sie sind völlig isoliert, haben weder Freunde noch Kontakte zu Nachbarn. Alida ist schwanger und erwartet die baldige Niederkunft; Asle scheint, außer gelegentlichen Auftritten als Spielmann bei Festen keine anderen Arbeiten zu haben oder zu suchen.
Nach dem Tod von Asles Mutter leben sie im norwegischen Dorf Dylgja für ein paar Monate im Bootshaus eines Fischers, der zusammen mit Asles Vater Sigvald in einem Sturm umgekommen ist. Als der Sohn des Fischers sie aus dem Haus jagt, ziehen sie für kurze Zeit zu Alidas Schwester Oline und ihrer Mutter Herdis, die ihre ungeliebte Tochter schon immer mit Vorwürfen überhäuft hat. Sie stehlen ihr Vorräte und Geld, es kommt zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen ihr und Asle und das junge Paar besteigt in der Nacht das kleine offene Segelboot, das Asle dem neuen Besitzer des Bootshauses mit Gewalt abgenommen hat. Außer ihren zwei Bündeln führen sie nur noch die Fiedel aus Asles Familie als wertvollsten Besitz mit sich.
Mit gutem Wind erreichen sie am Nachmittag Bjørgvin, das dem norwegischen Bergen nachempfunden sein könnte, und suchen bis zum Abend bei Nässe und Kälte eine Unterkunft für die hochschwangere Alida. Aber sie werden mindestens zwanzig Mal als Fremde oder wegen Alidas dunklem Teint oder wegen ihrer baldigen Niederkunft abgewiesen.Jon Fosse: Trilogie, S. 35 ff., 53 ff. Als eine alte Frau gerade vor ihnen ihr Häuschen aufschließt, folgen sie ihr ungebeten, lassen sich nicht hinausweisen und Asle verhindert stärkeren Protest, indem er ihr den Mund zuhält.Jon Fosse: Trilogie, S. 60. An diesem Abend wird Alida mit Hilfe einer anderen Hebamme – die erwürgte Hausbesitzerin war ironischerweise auch eine – von ihrem Sohn Sigvald entbunden.
In Olavs Träume, dem zweiten Teil der Trilogie, beschließt Asle, der sich und Alida zur Tarnung nun mit den neuen Namen Olav und Åsta nennt, nach dem Verkauf seiner Fiedel zur Täuschung Eheringe in Bjørgvin zu kaufen, gerät aber ins Wirtshaus, wo ihm ein Gast ein gerade erworbenes Armband mit Gold und blauen Perlen zeigt. Asle/Olav vergisst den Ringkauf, gibt seine letzten Geldscheine für ein gleiches Armband, wird auf dem Rückweg am Abend für ein Schäferstündchen von einem Mädchen angesprochen, das sich als prostituierende Nichte der von ihm ermordeten alten Frau herausstellt. Er folgt ihr ins Haus, das einem alten Mann gehört, der ihn auf dem Hinweg als Asle erkannt hat. Da er dem Alten auch nach mehrfachem Drängen und Drohen im Wirtshaus kein Bier ausgegeben hat, schickt der nun seine Frau zur Wache, um Asle als mutmaßlich mehrfachen Mörder festnehmen zu lassen: Wie das Schicksal es will, ist der Alte der „Rote Meister“ von Bjørgvin, der Henker, der ihm die schwarze Kapuze über den Kopf zieht, die Schlinge umlegt und ihn hinrichtet.
In Abendmattigkeit, dem dritten Teil der Trilogie, wird die Familiengeschichte mit einem großen Zeitsprung von annähernd hundert Jahren fortgesetzt: Dieser Teil beginnt mit der Erinnerung einer später geborenen und inzwischen hochbetagten Tochter von Alida, die nach Asles Hinrichtung mit ihrem zweiten Ehemann, dem Fischer Åsleik, Alise bekommen hatte. Alise erinnert sich an die Gerüchte über den Vater ihres Halbbruders Sigvald, der als Mörder hingerichtet worden sei, und an Gerüchte über ihre Mutter, die sich das Leben genommen haben soll. Als Alisa in einer Vision ihre Mutter Alida erscheint, beginnt diese von ihrem weiteren Leben zu erzählen: Am Verhungern habe Åsleik sie in Bjørgvin gefunden, wo sie (den inzwischen hingerichteten) Asle vergeblich gesucht habe, an dem sich das von ihr vorausgesehene Schicksal erfüllt hatte. Auf der Landungsbrücke findet sie das goldene Armband mit den blauen Perlen, das Asle von der Prostituierten kurz vor seiner Festnahme gestohlen worden war – für sie ein Geschenk von Asle.
Alida bespricht weiterhin alle wichtigen Entscheidungen im Gedanken mit Asle, auch, dass sie Åsleik auf seine Schäre folgen und als Dienstmagd arbeiten soll, wo sie seine Frau wird und mit ihm noch fünf Kinder bekommt. So ist es von Beginn an eine Ehe zu dritt, da Alida nie akzeptiert, dass Asle „endgültig fort“, also hingerichtet worden sein könnte.Jon Fosse: Trilogie, S. 157, 176 ff., 183 f., 191, 195 ff. Asles Sohn Sigvald wird von seinem Stiefvater so geliebt, dass der eines Tages aus Bjørgvin mit einer Fiedel für ihn zurückkommt, die er einem Spielmann abgekauft habe, „der Geld für was anderes dringender brauchte als eine Fiedel“ – und Alida „sieht, dass dem Drachen die Nase fehlt“, es also Asles Fiedel ist, die jetzt seinen Sohn erreicht, wie Alida auch Asles Armband über einen Umweg zurückbekommen hat.Jon Fosse: Trilogie, S. 203. Der Erzähler lässt sprachlich den Verkauf der Fiedel durch Asle Jahre zuvor anklingen (Jon Fosse: Trilogie, S, 103 f.), sodass hier auch eine Zeitschleife angedeutet sein könnte, in der Åsleik die Fiedel direkt von Asle kauft, um sie Jahre später seinem nun halbwüchsigen Stiefsohn zu übergeben.
Auf der letzten Seite der Trilogie folgt die altersnärrische Alise ihrer Vision von Alida, ihrer alt gewordenen Mutter, ins Wasser, die sich auf diesem Weg endgültig mit Asle vereinigt: „und alles ist nur noch Asle und Alida und dann schlagen die Wellen über Alida zusammen“.Jon Fosse: Trilogie, S. 205. Hier und im Folgenden weichen die Originalzitate aus dem Fosse-Text von der deutschen Rechtschreibung ab.
Liebe Die Beziehung zwischen Alida und Asle steht im Mittelpunkt der drei Erzählungen, die die ersten Begegnungen, die Überlebensprobleme des jungen Paares sowie ihren zeitversetzten Tod beschreiben. Erlebnisse tiefer Gemeinsamkeit entstehen in ihren Träumen und in der Musik, die das Gefühl eines sphärischen Glücks auslöst, eines „Schwebens“ oberhalb oder außerhalb der sie umgebenden Welt. Alida erlebt das Schweben zum ersten Mal beim Fiedelspiel Asles, in welchem die Musik zunächst eine „stampfende Traurigkeit“ hervorzwingt, ein Bild der Auflehnung gegen die Härte des Lebens, die sich in ein Schweben aller Tanzenden und vor allem in eines von Alida und Asle verwandelt: „jetzt schweben sie zusammen, sie und er, Alida und Asle.“Jon Fosse: Trilogie, S. 48. Ergänzt um die Einbeziehung des umgebenden Meeres wird dieses Schweben zu einer Allegorie der angstbefreiten, gemeinsamen Identität in einer harmonischen anderen Welt: „und dann schwebt es über den blau glänzenden Fjord dahin […] und sie und er und das Boot sind nichts mehr als eine einsame Bewegung an dem leuchtenden Himmel“, ein zeitenthobenes Sternbild der Liebe.Jon Fosse: Trilogie, S. 136 f., 145 ff., 176. Für Alexander Schüller „dreht sich bei Fosse alles um Transzendenz“, für Oliver Pfohlmann geht es „um Chiffren einer auch für Atheisten anschlussfähigen Transzendenz“.
Im Alltag des Paares ist Asle der aktive, auf praktische Notwendigkeiten und Verfolgung reagierende Part, sodass Alidas Persönlichkeit kaum hervortritt. Sogar nach Asles Hinrichtung klärt sie ihre Lebensentscheidungen immer wieder zuerst in Zwiesprache mit ihrer Vision von Asle. Diese Unselbständigkeit zeichnet ein sehr traditionelles Konzept von Weiblichkeit, das aber vermutlich der Zeit, dem Ort und den damals geltenden Rollenbildern entspricht.
Titel Die Trilogie, mit ihren drei thematischen Titeln und mit ihrer sich entfaltenden Logik des Handelns und Überlebens, besteht aus separat entstandenen Erzählungen, deren Einzeltitel auf Bedrängnis und Gefahr, auf den Übergang vom Wachsein zum Traum, vom Leben zum Tod hinweisen. Eine ausweglose Erschöpfung ist das Gemeinsame des Gesamttitels, dessen Teile bei geringfügig größerem Umfang des mittleren ein ungefähr gleiches Gewicht haben.
Trilogien sind i. A. mit Bezug aufeinander geplant und geschaffen worden, was in diesem Fall wegen der frühen Veröffentlichung der ersten Erzählung sechs Jahre vor dem Erscheinen der Trilogie Fragen aufwirft. Immerhin sind die Hauptfiguren – trotz der Namensänderungen im zweiten Teil – identisch und das Ende der Trilogie, das Zurücklassen elternloser Kinder zu einem harten Leben, klingt schon am Beginn der ersten Erzählung mit dem Schicksal der Hauptfiguren an und schlägt so einen Bogen über alle drei Teile.
Komposition Die Sinnstiftung erfolgt sowohl durch die erzählte Geschichte, das Was des Erzählens, als auch durch die kompositorische und sprachliche Form. Die Erzählstimme kennt die äußere und innere Welt der Hauptpersonen und tritt nie aus ihrer Rolle der auktorialen Allwissenheit hinaus. Auffällig sind die vielen Wiederholungen: „Alida macht die Brotdose auf und dann macht sie die Brotdose auf“,Jon Fosse: Trilogie, S. 104. Ebenso S. 24, 37 ff., 43, 48, 56; 50 f., 58, … später auch mit Variationen über einen längeren Abschnitt hinweg und mit Verschränkung von Wiederholungen auf wenigem Raum. Die Morde Asles werden beispielsweise im ersten Teil angedeutet und mit dem zweiten und dritten Teil insgesamt dreimal erzählt.Jon Fosse: Trilogie, S. 88 f., 168 f., 174 f., 183. Durch die Wiederholungen der Umstände, der Handlungen und der Erinnerungen an Handlungen verdeutlicht der Erzähler als eine Stimme des Schicksals die Ausweglosigkeit dieser Lebensbahnen.Oliver Pfohlmann: Der Erzähler nutze eine „eindringliche Prosa mit labyrinthischen, gleichwohl musikalisch-rhythmischen Satzkonstruktionen, die die Ausweglosigkeit der durch Bjørgvin taumelnden Protagonisten widerspiegeln.“ Diese in Rezensionen auch als „Rhythmus“ bezeichneten Wiederholungen bilden die in der Musik-Metapher anklingende, der Welt unterlegte Struktur, die den Einzelphänomenen ihren Ort und ihre magische Bedeutung zumisst: „Vieles wird wiederholt und dadurch umso eindringlicher.“Nadine Wichmann und Alexander Olier, in: Jon Fosse – Trilogie, auf letusreadsomebooks.com