mini|Johann von Leers (1933) Johann Jakob Werner Wilhelm Hans Friedrich Ernst Rudolf von Leers,Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Briefadeligen Häuser, 1918, S. 526 auch Johann-Jakob von Leers (* 25. Januar 1902 in Vietlübbe, Mecklenburg-Schwerin; Hier heißt es: Vietlübbe (Nordwestmecklenburg). † 5. März 1965 in Kairo, Ägypten; mit zahlreichen Pseudonymen nach 1945) war ein deutscher NS-Publizist und Jurist. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde von Leers zum Universitätsprofessor für Geschichte ernannt. Häufig arbeitete er als Journalist. Er gehörte zeitlebens zu den umtriebigsten antisemitischen Propagandisten. 1955 ließ er sich in Ägypten nieder, konvertierte zum Islam und betrieb in Zusammenarbeit mit der ägyptischen Regierung weiterhin antisemitische Propaganda.
Leben Johann von Leers entstammte der 1791 in den Reichsadelsstand erhobenen ursprünglichen Kaufmanns- und späteren Mecklenburger Gutsbesitzerfamilie Leers (auf den Gütern Schönfeld, Mühlen Eichsen und Vietlübbe im Amt Gadebusch). Er war der älteste Sohn von Kurt (Alfred August Constantin Leopold Heino) von Leers aus dem Haus Schönfeld (* 12. August 1871 in Demmin; † 1917) und seiner Ehefrau Elisabeth Ida Auguste, geb. von Buch (* 3. September 1877 in Strehlen (Dresden); † 1940). Sein jüngster Bruder Kurt Mathias von Leers war katholischer Theologiestudent und starb 1945 an den Folgen monatelanger KZ-Haft.
Nach dem Besuch der Gymnasien Stralsund und Waren (Müritz) legte von Leers 1921 sein Abitur am Gymnasium Neustrelitz ab. Nachfolgend studierte er Rechtswissenschaften an den Universitäten Kiel, Berlin und Rostock und in den Nebenfächern Geschichte und Volkswirtschaft.Eintrag im Rostocker Matrikelportal. Handschriftlicher Lebenslauf, in: Promotionsakte Johann von Leers. Universitätsarchiv Rostock. 1924 beendete er sein Jurastudium in Rostock mit dem ersten Staatsexamen. Ein Jahr später promovierte von Leers mit der Arbeit Die Werkwohnung in der Gesetzgebung bei Tatarin-Tarnheyden.Promotionsakte Johann von Leers. Universitätsarchiv Rostock. Er war von 1923 bis 1924 im Bund Wiking, danach im Jugendbund der Adler und Falken, einem ideologisch-propagandistischen Verein für Rassenbiologie und „nordische Kultur“ samt „germanischer Religion“ aktiv. Von 1926 bis 1928 arbeitete er im Auswärtigen Amt, als Kulturattaché für den Fernen Osten, wo er damit begann, sich intensiv mit der „Judenfrage“ zu beschäftigen. Die Menschheit müsse vor der „Versklavung durch die Juden“ gerettet werden. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst kehrte Leers auf das stark verschuldete Familiengut Vietlübbe zurück, konnte aber dessen Konkurs und Verlust, für den er „die Juden“ verantwortlich machte, nicht verhindern. Zum 1. August 1929 trat er in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 143.709)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25160541 und wurde einer der engsten Mitarbeiter von Joseph Goebbels. Von jetzt an wurde er Versammlungsredner der Partei und Journalist des Angriff. Gleichzeitig wurde von Leers zum Hauptschriftleiter bzw. Mitherausgeber der NS-Zeitschrift Wille und Weg.Kurt Daniel Stahl: Erlösung durch Vernichtung. In: Die Zeit, Nr. 22/2010. 1932 veröffentlichte er die Biografie Adolf Hitler, die fortan von der Partei als maßgebend betrachtet wurde.
1930 bis 1931 war von Leers Mitglied der SA. 1932/33 wurde er zum Bundesschulungsleiter des NSDStB ernannt.Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik (= Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Band 6). Synchron, Heidelberg 2004, ISBN 3-935025-68-8, S. 107–108. Im April 1933 führte er eine deutsche Delegation an, die an einer Konferenz des International Student Service (ISS) an der Universität Leiden teilnahm. Der ISS war ein Zusammenschluss von Studenten und Dozenten, der die internationale Zusammenarbeit fördern sollte. Voraussetzung war völlige politische Neutralität der Teilnehmenden, es sollte zu einer „unbefangenen Verständigung auf internationaler Ebene“ kommen.Christian Krumm: Johan Huizinga, Deutschland und die Deutschen. Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Nachbarn. Waxmann, Münster / New York / München / Berlin 2011, ISBN 978-3-8309-2446-3, S. 201. Kurz vor Schluss der Konferenz ließ der Rektor, der Historiker Johan Huizinga, Leers zu sich rufen. Der Senat der Universität hatte eine antisemitische Broschüre von Leers zu Gesicht bekommen und Huizinga beauftragt, ihn zur Rede zu stellen. Die antisemitische Schrift trug den Titel Forderung der Stunde: Juden raus! Darin verlangte der Autor, dass die religiöse Minderheit der Juden aus Deutschland vertrieben werden sollte. In der Broschüre wurde behauptet, Juden begingen rituelle Morde an Christenkindern, und das stelle eine Gefahr für die Christen in Deutschland und in aller Welt dar. Leers bekannte sich zu diesem Werk, redete sich aber heraus, die Broschüre sei eine ohne sein Wissen wiederaufgelegte Version eines schon vor längerer Zeit geschriebenen Werkes. Er verwies dann darauf, dass seine Auffassungen durch „hohe Persönlichkeiten“ in Deutschland geteilt würden.Christian Krumm: Johan Huizinga, Deutschland und die Deutschen. Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Nachbarn. Waxmann, Münster / New York / München / Berlin 2011, ISBN 978-3-8309-2446-3, S. 201ff. Darauf bat ihn der Rektor, von der Gastfreundschaft der Universität keinen weiteren Gebrauch mehr zu machen und abzureisen. Huizinga beendete das Gespräch, ohne Leers zum Abschied noch die Hand zu reichen. Darauf reiste die deutsche Delegation vor Ende der Tagung ab. Die ab dem 30. Januar amtierende antisemitische deutsche Reichsregierung protestierte in den Niederlanden und Huizinga erhielt Vortragsverbot für das Reich. Die Historische Zeitschrift in Deutschland, bei der gerade ein Aufsatz über Burgund von Huizinga im Druck war,Johan Huizinga: Burgund. Eine Krise des romanisch-germanischen Verhältnisses. In: Historische Zeitschrift, 1933, Band 148, S. 1–28. distanzierte sich von ihrem Autor. Huizingas Engagement gegen den deutschen Antisemitismus fand in Leiden und in den Niederlanden nicht nur Beifall. Einige Universitätskuratoren kritisierten ihn, aber es gab vorwiegend Zustimmung für Huizingas Handeln, das in der niederländischen Presse für ein schlechtes Image der Deutschen gesorgt hatte.
Am 14. Mai 1936 erfolgte von Leers’ Aufnahme in die Schutzstaffel als Untersturmführer (später befördert zum Obersturmführer) und seine Ernennung zum SS-Führer beim Stab des Rasse- und Siedlungshauptamtes (SS-Nummer 276.586). Seine Begeisterung für das „Bauerntum“ und dessen vorgeblich arteigene Gesinnung führte ihn zur Zusammenarbeit mit Walther Darré und dessen „Reichsnährstand“.
Religion, Lehrkraft Leers war befreundet mit den Rassisten Ernst Bergmann, Anhänger einer „Odinsreligion“, und dem Rassebiologen Hans F. K. Günther. Er gehörte 1933/34 zeitweise zum Führerrat der von Jakob Wilhelm Hauer gegründeten Deutschen Glaubensbewegung,Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer TB. 2. aktualisierte Auflage: Frankfurt 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 361. in der Rassismus und Religion verbunden wurden. Jede Rasse besitze ein eigenes „religiöses Artbild“. Das Christentum war für Leers eine Mischung von „Minderwertigkeit und jüdischer Philosophie“. Für seine antichristlichen Aktivitäten erhielt Leers Schutz von Rudolf Heß und Wilhelm Frick, traf aber auf die Gegnerschaft seines früheren Förderers Goebbels, der zu dieser Zeit keinen Machtkampf mit den Kirchen wünschte. In der Folge befand sich Leers im gleichen ideologischen Lager wie Alfred Rosenberg und der Bauernminister Walther Darré. Im Projekt „Koranstellen, die sich auf den Führer beziehen sollen“, als dem vorhergesagten Messias, 1943 angesiedelt im RSHA, Forschungsstelle Orient, kam es zu weiteren dokumentierten Kontakten zwischen Leers und Heinrich Himmler.Jeffrey Herf: Nazi propaganda for the Arab world. Yale UP, New Haven 2009, ISBN 978-0-300-14579-3, S. 260 und Anm.
Leers war Vorstandsmitglied einer „Gesellschaft für Germanische Ur- und Frühgeschichte“ und gab daher die Nordische Welt heraus.1932–1937, mehr nicht erschienen. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, die Lehre des Herman Wirth zu propagieren; Leers und Wirth kannten sich seit 1933 aus der Hauer-Bewegung; Leers hatte Wirth 1934 mit Himmler bekannt gemacht.Siehe Michael H. Kater: Das „Ahnenerbe“ der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. 4. Auflage. Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57950-9, S. 16 und 26 (Studien zur Zeitgeschichte, Band 6; teilweise zugleich: Dissertation, Heidelberg. Univ., 1966); books.google.de Mit Himmler hatte er als Kader beim Ahnenerbe viel zu tun.
Leers durfte an der Berliner Verwaltungsakademie zunächst (1933) die „Abteilung für Außenpolitik und Auslandskunde“ leiten,Neirich Harten: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch. Akademie, Berlin 2006, ISBN 3-05-004094-7, S. 265. dann die Erwachsenenbildung nationalsozialistisch ausrichten. Seit 1933 war er Dozent an der Deutschen Hochschule für Politik. 1936 erhielt er an der Universität Jena einen Lehrauftrag, genannt „Deutsche Rechts-, Wirtschafts- und politische Geschichte auf rassischer Grundlage“, wurde 1938 außerplanmäßiger Professor und bekam im März 1940 einen Lehrstuhl für „Deutsche Geschichte, insbesondere deutsche Bauerngeschichte“, ohne dass er Geschichte studiert, geschweige denn sich habilitiert hätte. Jena galt als NS-Hochburg.Joachim Hendel u. a.(Bearb.): Wege der Wissenschaft im Nationalsozialismus: Dokumente zur Universität Jena, 1933–1945, Franz Steiner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09006-3, zu Leers v.a, S. 176–179. Im vom Meer weit entfernten Jena wurde 1942 ein „Seminar für Seegeschichte und Seegeltung“ neu errichtet, dessen Leiter er wurde.Karen Bayer u. a. (Hrsg.): Universitäten und Hochschulen im Nationalsozialismus und in der frühen Nachkriegszeit. Franz Steiner, Wiesbaden 2004, ISBN 3-515-08175-5, S. 217. Zu seinen Assistentinnen in Jena gehörten Ingeborg Meinhof und Renate Riemeck (später die Pflegemutter der Rote-Armee-Fraktion-Terroristin Ulrike Meinhof), die 1943 durch ihn promoviert wurden. Seit 1943 war Leers aufgrund von Plagiatsvorwürfen auch innerhalb der NSDAP umstritten.
Schriftleiter und NS-Propaganda Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte Leers im Oktober 1933 zu den 88 Unterzeichnern des Gelöbnisses treuester Gefolgschaft zu Adolf Hitler.Joseph Wulf: Literatur und Dichtung im Dritten Reich, Sigbert Mohn, Gütersloh 1963, S. 96 und Register S. 467. Von 1933 bis 1945 war von Leers Autor zahlreicher NS-Propagandaschriften, darunter Juden sehen dich an (1933) (95 Seiten, bösartige Anspielung auf den Titel Tiere sehen dich an; 6 Kapitel: I. Blutjuden, II. Lügenjuden, III. Betrugsjuden, IV. Zersetzungsjuden, V. Kunstjuden, VI. Geldjuden), Blut und Rasse in der Gesetzgebung (1936), Rassen, Völker und Volkstümer (1939) und als Übersetzer von Babylon unter Davidsternen und Zuchthausstreifen. Amerikanische Jugend von heute von Luigi Olivero (dt. 1944; aus dem Italienischen – Runge, Berlin).
Die in mittelgroßer Auflage produzierten Werke versuchten „das Weltjudentum“ zum Erbfeind und den Nazi-Mann zum Heros zu stilisieren. In Die Verbrechernatur der Juden schreibt er: „Judentum ist biologische Erbkriminalität, religiöser Synkretismus mit einem starken Anteil von Dämonenglauben. Wer gegen das Judentum kämpft, der ‚tut das Werk des Herrn‘ und kämpft einen Gotteskampf.“ Vom Anfang seiner Publizistik an bezeichnete Leers die Juden als Weltherrscher im Sinne der „Protokolle der Weisen von Zion“ und beschuldigte sie des Ritualmords.