180px|mini|Eleonora Duse,Foto: Aimé Dupont, 1896 175 px|rahmenlos
Eleonora Giulia Amalia Duse (* 3. Oktober 1858 in Vigevano, Lombardei; † 21. April 1924 in Pittsburgh, Pennsylvania) war eine italienische Schauspielerin.
„Die Duse“ zählt neben Sarah Bernhardt und Mrs. Patrick Campbell zu den großen Theaterschauspielerinnen ihrer Zeit. Ihr Spiel war subtil und wenig theatralisch und gilt als wegweisend für das moderne Theater. Sie verkörperte zumeist leidende, aber willensstarke Frauencharaktere.
Leben und Werk Kindheit und frühe Jahre mini|Die Kinderrolle der Cosette aus Victor Hugos Les Misérables war einer der ersten Bühnenauftritte der Duse. Porträt der Cosette von Emile Bayard aus der Originalausgabe Les Misérables, 1862.
Eleonora Giulia Amalia Duse wurde in eine Schauspielerfamilie hineingeboren. Die Eltern Vincenzo (genannt Alessandro) Duse und Angelica Cappelletto hatten eine fahrende Komödiantentruppe, die von Ort zu Ort zog. Schon ihr Großvater Luigo Duse war Schauspieler und trat in Padua in einer selbstgebauten Theaterkulisse auf; jeder seiner Söhne gründete wiederum ein eigenes Ensemble.
Bereits mit vier Jahren stand die kleine Eleonora auf Bühnenbrettern und spielte Kinderrollen wie die Cosette in einer Dramatisierung von Victor Hugos Roman Les Misérables. Mit zwölf Jahren sprang sie für ihre an Schwindsucht erkrankte Mutter Angelica ein; mit fünfzehn spielte sie bereits die Hauptrolle in Romeo und Julia in der Arena von Verona. 1876 erlag ihre Mutter der jahrelangen Lungenerkrankung.
Um 1878 schloss sich Eleonora Duse der Theaterkompanie von Enrico Belli Blanes und Francesco Ciotti an. Im folgenden Jahr wurde sie von Giovanni EmanuelLaut abweichender Biografie von Ernst Probst wurde sie vom Direktor des Konservatoriums, Lauro Rossi (1810–1885) entdeckt. Ernst Probst: Superfrauen 7 – Film und Theater. Verlag Ernst Probst, 2001, ISBN 3-935718-09-8, S. 153 f. für das Teatro dei Fiorentini in Neapel entdeckt. Ihre ersten größeren Erfolge hatte sie in zwei Shakespeare-Tragödien: als Desdemona in Othello und als Ophelia im Hamlet. Begeistert von dem jungen Talent, engagierte Emanuel sie für weitere Gastspielreisen des Theaters. Ihren Durchbruch als Schauspielerin hatte sie an der Seite von Giacinta Pezzana als Thérèse Raquin in Émile Zolas Bühnenadaption (1873) seines gleichnamigen Romans.
Wieder in Neapel begegnete sie dem Journalisten und Lebemann Martino Cafiero, mit dem sie eine kurze, aber intensive Liebesbeziehung hatte. Nur ein knappes Jahr später wurde die mittlerweile schwangere 21-Jährige von Cafiero verlassen; ihr Kind starb bei der Geburt und kurze Zeit später auch Cafiero.
1880 schloss sie sich der Schauspielertruppe von Cesare Rossi an, die sich gerade auf einer ihrer vielen Gastspielreisen durch Italien befand. Am 7. September 1881 heiratete Eleonora Duse ihren Schauspielerkollegen Tebaldo Marchetti, genannt „Checchi“. Genau vier Monate später, am 7. Januar 1882, kam die gemeinsame Tochter Enrichetta zur Welt.
Bald darauf erlitt die Schauspielerin einen Blutsturz, der ihre Gesundheit ernsthaft beeinträchtigte und sie vorübergehend ans Bett fesselte.Wie aus ihren Briefen hervorgeht, hatte Eleonora Duse zeitlebens eine angeschlagene Gesundheit und litt unter chronischen Lungenbeschwerden. Ihre kleine Tochter musste derweil bei einer Pflegefamilie untergebracht werden. Dennoch schaffte es Eleonora Duse, einen Auftritt der bereits weltberühmten Schauspielerin Sarah Bernhardt in Turin mitzuerleben. Bernhardt beeindruckte durch ihr exaltiertes Temperament auf der Bühne und polarisierte die Öffentlichkeit durch ihr amoralisches Privatleben. Trotz einer gewissen Bewunderung sah die ehrgeizige Duse in der vierzehn Jahre älteren Französin eine Rivalin und strebte kurzerhand danach, die Rollen der Bernhardt ins Italienische zu übertragen:
Die Entwicklung des eigenen Stils mini|Eleonora Duse. Undatierte Radierung von Franz von Lenbach mini|Vittorio Matteo Corcos: Porträt der Eleonora Duse, o. J. Als Eleonora Duse schließlich darauf bestand, die Glanzrolle der Bernhardt als Kameliendame im gleichnamigen Drama von Alexandre Dumas dem Jüngeren zu übernehmen, lehnte Schauspielleiter Cesare Rossi zunächst ab, weil er die Vergleichsmöglichkeiten mit der großen französischen Tragödin fürchtete. Eleonora Duse setzte sich jedoch über alle Vorbehalte hinweg und schaffte es, ihrer Interpretation der Kameliendame eine bemerkenswert moderne Gestalt zu verleihen, indem sie die Figur reduzierter anlegte als ihre Konkurrentin und die überzogen frivol wirkende Gestik der Bernhardt vermied. So feierte sie am 10. Januar 1883 in Turin mit ihrem ersten Auftritt in der umstrittenen Rolle einen Achtungserfolg.
In der Überzeugung, dass Schauspielkunst nicht erlernbar sei, sondern angeboren, entwickelte „die Duse“, wie sie mittlerweile von zeitgenössischen Kritikern genannt wurde, zunehmend ihre ganz eigene Methodik zu agieren. Die eher zierlich wirkende, dunkelhaarige Frau verließ sich ausschließlich auf ihr ausdrucksstarkes Gesicht, ihre Darstellungskraft und Gestik und verzichtete weitgehend auf künstliche Intonation, Masken, Requisiten und Schminke. Das damals gebräuchliche „Handbuch der Bühnenposen“, eine stereotype Anleitung, wie jede Emotion theatralisch umzusetzen sei, ignorierte sie völlig. Die Duse traf damit zunächst auf Unverständnis bei den Zuschauern. Diese neue, „moderne“ Art der Darstellung irritierte auch ihre Kritiker, und so rechtfertigte sie ihre Art zu spielen in zahlreichen Briefen. In einem Schreiben an den Theaterkritiker Icilio Polese Santarnecchi monierte sie:
Erste internationale Erfolge mini|Eleonora Duse in Antonius und Cleopatra (ca. 1888)
Gegen Ende 1883 bot der sizilianische Schriftsteller Giovanni Verga Cesare Rossi die Inszenierung des Volksstücks Cavalleria rusticana an; Vergas Novelle Cavalleria Rusticana diente später der gleichnamigen Oper Pietro Mascagnis als Vorlage (1890). Im Gegensatz zum konservativen Rossi begeisterte sich die progressive Eleonora Duse sofort dafür und übernahm spontan die Rolle des Bauernmädchens Santuzza. Die Uraufführung am 14. Januar 1884 in Turin wurde ein großer Erfolg des Schauspielerensembles und der Duse. Am 11. Mai 1884 gastierte die Gruppe in Mailand.
Bei einem Essen mit dem Bürgermeister der Stadt begegnete Eleonora Duse erstmals dem berühmten Dramatiker, Komponisten und Theaterkritiker Arrigo Boito. 1885 trat die Schauspielerin ihre erste Auslandstournee nach Südamerika an. Obwohl die Schauspielerin nur in ihrer Muttersprache spielte, wurde sie dank ihres ausdrucksstarken Spiels auch außerhalb Italiens vom Publikum wahrgenommen. In Rio de Janeiro notierte sie dazu:
In Südamerika verliebte sie sich in ihren Bühnenpartner Flavio Andò und trennte sich kurzerhand von ihrem Ehemann Tebaldo Checchi. Gleichzeitig erklärte sie Cesare Rossi ihren Ausstieg aus dessen Ensemble, um 1886 zusammen mit ihrem neuen Lebenspartner eine eigene Theatergruppe, die sie Compagnia della Città di Roma nannte, zu gründen. In Briefen an Rossi versuchte sie, ihre Selbstzweifel an dieser Entscheidung zu mildern:
Wenige Jahre später sollte sie Rossi in einem weiteren Brief bitten, wieder in seinem Ensemble spielen zu dürfen: „Bitte Rossi verstehen Sie mich recht, daß es nicht eine Anmaßung von mir ist, mich so anzubieten; vielleicht interessiert die Sache das Publikum nicht, aber mir wäre es lieb, mich wieder in die Reihen unter die alte Fahne zu stellen.“Briefe an Cesare Rossi, 26. November 1885 und Mai 1893
mini|links|120px|Arrigo Boito Die Liaison mit Andò währte nicht lange: Am 11. Februar 1887 trat die Duse mit ihrem neuen Ensemble in einer Komödie von Carlo Goldoni im Mailänder Theater Manzoni auf. Im Publikum saßen Giuseppe Verdi und sein Librettist Arrigo Boito. Boito, den die Duse später „den Heiligen“ nannte, übersetzte für sie unter anderem die Shakespeare-Werke Antonius und Cleopatra und Macbeth ins Italienische. Die 28-Jährige und der sechzehn Jahre ältere Dichter verliebten sich bald ineinander. Damit sollte eine langjährige und komplizierte Affäre beginnen, denn die Duse war verheiratet und eine Scheidung war im strenggläubigen Italien nicht möglich. Im Falle eines Auffliegens hätte die Schauspielerin das Sorgerecht für ihre Tochter an Tebaldo Checchi verlieren können und der Ruf des honorigen Schriftstellers Boito wäre ruiniert gewesen. Also fanden die Treffen der beiden stets heimlich statt. Für Eleonora, das ehemalige Künstlerkind, das ohne regelmäßige Schulbildung aufgewachsen war, stellte der belesene und eloquente Arrigo Boito einen väterlichen Liebhaber dar, der ihr literarisches Wissen vermittelte.
Auch künstlerisch ging es mit der Duse aufwärts: In den folgenden Jahren führten weitere Gastspiele sie nach Ägypten, Spanien, die USA, England, Österreich und nach Deutschland; sie wurden der Beginn ihrer internationalen Karriere.
mini|Eleonora Duse in La locandiera (1891) Am 9. Februar 1891 führte die Duse in der Titelrolle der Nora erstmals ein Bühnenstück Henrik Ibsens in Italien auf und erntete damit großen Beifall. Es folgte die Rolle der Mirandolina in Goldonis La locandiera.
Internationaler Durchbruch Wenige Wochen danach gastierte Eleonora Duse in Sankt Petersburg, weitere Auftritte folgten von November 1891 bis 1892. Der Dramatiker Anton Tschechow zeigte sich in Briefen an seine Schwester begeistert von der Diva und schrieb: „Welch’ eine wunderbare Schauspielerin! Ich habe noch nie zuvor etwas Gleichartiges gesehen.“Anton Pawlowitsch Tschechow: Briefe 1879–1904
Auch der Wiener Schriftsteller Hermann Bahr sah zusammen mit den beiden Schauspielern Friedrich Mitterwurzer und Josef Kainz in St. Petersburg eine Aufführung des Stücks La femme de Claude. Er war so beeindruckt, dass er dieses Erlebnis noch Jahre später „zu den stärksten Eindrücken“ seines Lebens zählte.Zitiert nach D. G. Daviau: Der Mann von Übermorgen. Hermann Bahr 1863–1934. ÖBV, Wien 1984, S. 27, ISBN 3-215-05093-5 Bahr schickte als Rezension eine Lobeshymne an die Frankfurter ZeitungHermann Bahr: Eleonora Duse, in: Frankfurter Zeitung, 9. Mai 1891, 1. Morgenblatt, 1–2; auch in Hermann Bahr: Russische Reise. Pierson, Dresden 1891, S. 116–125. und machte Duse damit in Mitteleuropa erst wirklich bekannt. Sein Text wurde in den Führer durch das Gastspiel von Eleonore Duse (1892) aufgenommen, der dazu diente, dem deutschen Publikum „das volle Verständnis und den vollen Genuß“ der italienisch vorgetragenen Stücke zu ermöglichen.Hermann Bahr: Führer durch das Gastspiel von Eleonore Duse. Mit einer einleitenden Studie von Hermann Bahr. Berlin: A. H. Fried 1892, 1–10. Das rühmende Vorwort (Eleonora Duse. Eine Studie) ist als Digitalisat herunterladbar unter Hermann Bahr: Texte, 1892 (PDF, 12 Seiten).
Daraufhin engagierte ein Wiener Theateragent Duse nach Wien. Kainz verschaffte ihr überdies ein Engagement am Lessing-Theater in Berlin. Kurze Zeit nach der Russland-Tournee erhielt sie eine Einladung nach Wien und gab dort am 20. Februar 1892 im Carl-Theater mit Dumas’ Kameliendame ihr erstes Gastspiel in Österreich: „… am ersten Abend spielte sie vor leerem Hause, den nächsten Tag war sie weltberühmt.“H. Kindermann: Hermann Bahr. Böhlau, Graz/Köln 1954, S. 47. 1893 folgten Auftritte in London und Berlin.
mini|links|120px|Gabriele D’Annunzio 1894 lernte sie den fünf Jahre jüngeren Dichter und Schriftsteller Gabriele d’Annunzio in Venedig kennen und lieben. Von diesem Zeitpunkt an wandte Duse ihre gesamte Kraft und ihr Kapital für d’Annunzio auf und versuchte, seine Stücke bekannt zu machen, wobei sie für die Inszenierungen ein Vermögen ausgab. Sie spielte nun fast ausschließlich seine Stücke, obwohl ihr die Rollen nicht lagen und diese auch beim Publikum wenig Anklang fanden.
mini|Autogrammkarte Eleonora Duse in New York 1896. Fotografie von Aimé Dupont