mini|Der Anfang von Origenes’ De principiis in einem karolingischen Manuskript des 10. Jahrhunderts: Liber primus Periarcon Origenis emendatum (Herzog August Bibliothek Cod. Guelf. 57 Weiss., fol. 3 r) De principiis (Originaltitel: „Über die Grundlagen“) ist ein Hauptwerk des kaiserzeitlichen christlichen Philosophen Origenes. Es wurde vor 231 in Alexandria verfasst. Die vier Bücher des koine-griechischen Werks sind vollständig nur in der lateinischen Übersetzung des Rufinus von Aquileia erhalten.
Textüberlieferung In Kanon 11 des Zweiten Konzils von Konstantinopel (553) wurde Origenes als Häretiker gebrandmarkt.Alfons Fürst: Origenesbilder in der Spätantike: Vom akademischen Freiheitsphilosophen zum Ketzer der Präexistenz und Apokatastasis. In: Alfons Fürst, Thomas R. Karmann (Hrsg.): Verurteilung des Origenes: Kaiser Justinian und das Konzil von Konstantinopel 553 (= Adamantiana, Band 15). Aschendorff, Münster 2020, S. 11–57, hier S. 35 f. Es ging dabei zwar weniger um Origenes’ eigene Lehren als um die Weiterentwicklung, die sie im ägyptischen und palästinischen Mönchtum genommen hatten. Aber das Ergebnis war, dass Werke des Origenes in der Regierungszeit Justinians von der kaiserlichen Polizei eingezogen und vernichtet wurden.Hubertus Drobner: Lehrbuch der Patrologie. Herder, Freiburg / Basel / Wien 1994, S. 120. Das wirkte sich besonders ungünstig auf die griechische Textfassung von De principiis aus. Letztmalig bezeugt ist ihre Existenz im 9. Jahrhundert, als der gelehrte Patriarch von Konstantinopel, Photios I., das Inhaltsverzeichnis daraus abschrieb. Ansonsten blieben vom griechischen Text von De principiis nur Zitate bei spätantiken christlichen Autoren, deren Einschätzung dadurch erschwert ist, dass Gegner wie Bewunderer des Origenes interessegeleitet zitierten.Origenes: Vier Bücher von den Prinzipien, hrsg. von Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 32 (Einführung).
Philokalie Besonderen Wert haben die Zitate aus De principiis in der von Basilius von Caesarea und Gregor von Nazianz als Anthologie in den 350er Jahren aus seinen Werken zusammengestellten Philokalie, die in rund 60 Handschriften überliefert wurde. Basilius und Gregor zitierten nämlich korrekt, wenn auch mit Kürzungen, und dies ermöglicht es, die Übersetzungsweise der beiden Lateiner, Rufinus von Aquileia und Hieronymus, einzuschätzen.Origenes: Vier Bücher von den Prinzipien, hrsg. von Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 35 f. (Einführung). Die Philokalie enthält zwei längere Zitate aus De principiis: über die menschliche Willensfreiheit und über die richtige Weise der Bibelinterpretation.Peter W. Martens: The Modern Editions of “Peri Archon”, 2020, S. 310; De principiis III,1 entspricht Philokalie 21 und De principiis IV,1–3 Philokalie 1,1–27.
Rufinus Vollständig erhalten ist der Text von De principiis nur in der Übersetzung, die Rufinus im Jahr 398 anfertigte. Er räumte in seinem Vorwort (Praefatio Rufini) selbst ein, dass er seine griechische Vorlage bearbeitet habe. Diese sei durch häretische Kopisten entstellt gewesen. Insbesondere in der Trinitätslehre habe er De principiis den Ansichten angepasst, die Origenes in anderen Werken vertrete. Von den „neuartigen“ Lehren bezüglich der Vernunftwesen ließ er einige aus. Auch drücke sich Origenes manchmal so knapp aus, dass Rufinus erläuternde Zusätze einfügte, entsprechend dem, was Origenes in anderen Werken zum Thema geäußert habe.Peter W. Martens: The Modern Editions of “Peri Archon”, 2020, S. 306 f.
Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp benutzten für ihre kritische Edition von De principiis (1976) folgende Manuskripte der Rufinus-Übersetzung:
A Codex Caroliruhensis (Augiensis) 160, 10. Jahrhundert W Codex Guelferbytanus 4141 (Weissenburgensis 57), 10. Jahrhundert B Codex Bambergensis B IV 27, 11. Jahrhundert C Codex Casinensis 343, 10.–11. Jahrhundert G Codex Parisinus Sangermanensis lat. 12125, 9. Jahrhundert M Codex Metensis 225, 10. Jahrhundert Ab Codex Abrincensis 66, 13. Jahrhundert S Codex Parisinus Sorbonicus lat. 16322, 13. Jahrhundert
Die letzten vier Handschriften gehören zu einer weit verbreiteten Textfamilie (γ), die auch den älteren Textausgaben von De principiis zugrunde liegt. Paul Koetschau zufolge bietet die andere Textfamilie (α), zu der er die Codices A, B und C zählte (WHans Butzmann: Die Weissenburger Handschriften (= Kataloge der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Neue Reihe, Band 10). Klostermann, Frankfurt am Main 1964, S. 193 f. (Online) wurde von ihm noch nicht ausgewertet), jedoch oft den besseren Text; außerdem wurde die Vorlage der Codices B und C einer gelehrten Bearbeitung unterzogen, die unter anderem Inhaltsangaben hinzufügte. Die von Koetschau übersehene Handschrift W wurde für die Edition von Görgemanns und Karpp neu hinzugezogen. Koetschau vermutete aufgrund von Besitzvermerken, dass den Hyparchetypen α und γ ein Archetypus zugrunde gelegen habe, der sich Mitte des 6. Jahrhunderts im Castellum Lucullanum bei Neapel befunden habe und später nach Monte Cassino gelangt sei. Diese Hypothese hat Zustimmung gefunden, ist aber nicht konsensual akzeptiert.Origenes: Vier Bücher von den Prinzipien, hrsg. von Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp, Darmstadt 1976, S. 36–39. (Einführung).
Hieronymus Ein Jahr nachdem Rufinus seine Übersetzung von De principiis veröffentlicht hatte, legte Hieronymus eine Gegenübersetzung vor, die lateinischen Lesern den unverfälschten Origenes präsentieren sollte. Sie blieb nicht erhalten. Einen Eindruck vermittelt der rund zehn Jahre später verfasste Brief an Avitus (Epistula 124), in dem Hieronymus die aus seiner Sicht häretischen Aussagen des Origenes zusammenstellte – manchmal als Zusammenfassung oder als Paraphrase, manchmal aber auch als wörtliches Zitat. Da Hieronymus den Text von De principiis fortlaufend durchging, lässt sich seine Übersetzung mehrfach mit der des Rufinus vergleichen, was zu Rückschlüssen auf die jeweils benutzte griechische Vorlage einlädt. Hieronymus bringt aber auch Origenes-Zitate, für die sich in Rufinus’ Übersetzung kein Gegenstück finden lässt. Hier könnte es sich um Textpassagen handeln, die Rufinus kürzte.Peter W. Martens: The Modern Editions of “Peri Archon”, 2020, S. 307–309.
Justinian Im Jahr 543 übersandte Kaiser Justinian dem Patriarchen von Konstantinopel einen umfangreichen Traktat gegen Origenes, der traditionell als „Brief an Menas“ (Epistula ad Menam) bezeichnet wird. Obwohl Justinian theologisch interessiert war, wurde diese Abhandlung wohl nicht von ihm persönlich, sondern von seinen kirchlichen Beratern erarbeitet.Alfons Fürst, Thomas R. Karmann (Hrsg.): Verurteilung des Origenes: Kaiser Justinian und das Konzil von Konstantinopel 553 (= Adamantiana, Band 15). Aschendorff, Münster 2020; Text des Traktats (griechisch mit deutscher Übersetzung) ebd., S. 170–233. Dieser Traktat beansprucht, 24 wörtliche Zitate aus De principiis zu enthalten; die Fundstelle wird aber nicht immer korrekt nachgewiesen. Justinians Traktat bringt anders als Hieronymus’ Brief die Zitate auch nicht in der Reihenfolge, in der sie in De principiis vorkommen. Für moderne Editoren von De principiis entstehen daraus einige Probleme: An manchen Stellen stimmt Justinians griechischer Text mit Rufinus’ lateinischer Übersetzung überein und scheint geradezu dessen griechische Vorlage gewesen zu sein. Bei Differenzen hat mal Justinian den kürzeren Text, mal Rufinus. Vor allem hat Justinian Zitate, die sich bei Rufinus nicht finden, die in einigen Fällen aber durch andere Textzeugen wie Hieronymus gestützt werden. „Die größte Herausforderung besteht hier, wie bei den anderen Textzeugen, zu entscheiden, welche der Zitate Justinians uns näher zum originalen Text von Peri Archon hinführen und welche uns von ihm wegführen. Wir können natürlich nicht voraussetzen, dass sie authentisch sind, einfach nur, weil sie griechisch sind.“Peter W. Martens: The Modern Editions of “Peri Archon”, 2020, S. 310. Die Prüfung erfordert sehr viel Umsicht, da es sich bei all diesen Zitaten um Formulierungen handelt, die zu Justinians Zeit heftig umstritten waren und wo natürlich auch denkbar ist, dass Origenisten den Text des Origenes so verändert hatten, dass dieser ihre späteren Anschauungen stützte. Aber wo Justinians Zitate als authentisch befunden werden, haben sie gegenüber Rufinus und Hieronymus den großen Vorteil, dass sie den griechischen Wortlaut bieten.Peter W. Martens: The Modern Editions of “Peri Archon”, 2020, S. 310.
Inhalt Gliederung Origenes’ De principiis wird gern als die erste christliche Dogmatik bezeichnet. Das Werk besitzt aber nicht die Stringenz einer mittelalterlichen Summa, sondern bietet eine lockere Abfolge einzelner Abhandlungen.Alfons Fürst: Origenes, in: RAC, Band 26 (2015), Sp. 531 f. Darum werden auch unterschiedliche Gliederungen vorgeschlagen. Traditionell wird De principiis in vier Bücher eingeteilt; Adolf von Harnacks Lehrbuch der Dogmengeschichte zufolge handle das erste Buch von Gott, das zweite Buch von der Welt, das dritte Buch von der Freiheit und das vierte von der Offenbarung.Adolf von Harnack: Lehrbuch der Dogmengeschichte, Band 1, 2. Auflage. Mohr Siebeck, Freiburg i. Br. 1888, S. 572. (Digitalisat) In der neueren Forschung überwiegt aber die Ansicht, dass die Verteilung der Textmenge auf vier Bücher praktischen Erwägungen folgte und für den Aufbau von De principiis nicht maßgeblich ist. Basilius Steidle erkannte 1940/41 in De principiis die Niederschrift von drei „Kursen“, die Origenes gehalten habe: eine Einführung (Buch I bis Buch II,3), eine Erweiterung und Vertiefung (Buch II,4 bis Buch IV,3) und einen abschließenden Kurs (Buch IV,4 bis Ende). Dabei werden Steidle zufolge die gleichen Themen durchgegangen, aber mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Steidle sah eine enge Beziehung zum Schulbetrieb des Origenes in Alexandria. Marguerite Harl schlug 1975 vor, dass De principiis eine Abfolge von 18 ursprünglich selbständigen Vorträgen sei. Paul Kübel dagegen zählte 16 Lehrvorträge, wobei zwei Gruppen (1 bis 5 und 6 bis 16) unterschieden werden können, die in der Abfolge der Themen übereinstimmen: Vater, Sohn, Geist, Vernunftwesen, Kosmos.Hier referiert nach: Lothar Lies: Origenes’ „Peri Archon“. Eine undogmatische Dogmatik, Darmstadt 1992, S. 15–19.
Im Vorwort (Praefatio) stellte Origenes den Aufriss seines Werkes vor, dem er in der Durchführung auch weitgehend folgte.Vgl. Paul Kübel: Zum Aufbau von Origenes’ De principiis, 1971, S. 36: „Die Genauigkeit eines modernen Inhaltsverzeichnisses hat die Praefatio nicht, aber daß Origenes hier eine Übersicht über die zu verhandelnden Themen geben will und daß in De principiis die Durchführung dieses Planes tatsächlich vorliegt, dürfte nicht zu bezweifeln sein.“ Demnach haben die Apostel der Christenheit eine Richtschnur des Glaubens (Regula fidei) überliefert, den Späteren aber die Aufgabe überlassen, diese einzelnen Lehren zu durchdenken und zueinander in Beziehung zu setzen, so dass ein „organisches Ganzes“ (series et corpus) erkennbar wird.Origenes: De principiis, Praef. 10. Origenes nannte acht einzelne Lehren der apostolischen Verkündigung:Origenes: De principiis, Praef. 4–8.
Gott, der Schöpfer, bezeugt im Alten und Neuen Testament. Jesus Christus, der Mensch geworden ist. Der Heilige Geist. Das Wesen der Seele, ihr Geschick im irdischen Leben und danach. Die Willensfreiheit. Teufel und Dämonen. Anfang und Ende der Welt: Schöpfung und Eschatologie. Heilige Schriften: Gott als ihr Urheber, mehrfacher Schriftsinn.
Trinität