Das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (vormals Astrophysikalisches Institut Potsdam, daher abgekürzt AIP) ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts und eine Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft. Es hat seinen Sitz in Potsdam-Babelsberg, ebenfalls dazu gehört das Sonnenobservatorium Einsteinturm und der Große Refraktor auf dem Telegrafenberg in Potsdam. Das Institut wurde 1992 als Nachfolger des Zentralinstituts für Astrophysik der Akademie der Wissenschaften der DDR gegründet. Die Geschichte dieser Brandenburger Forschungseinrichtung geht aber bis zur 1700 gegründeten Berliner Sternwarte und dem 1874 Astrophysikalischen Observatorium Potsdam zurück. Dem Institut und seinen Vorläufern gehörten einige der bedeutendsten Astrophysiker an.
Die Forschungsgebiete umfassen die Hauptfelder der Astronomie und Astrophysik, von der Sonnen- und Sternphysik über die Stern- und Galaxienentstehung bis hin zur Kosmologie. Eine wichtige Rolle spielen dabei die stellaren und kosmischen Magnetfelder (Magnetohydrodynamik) und die Gravitation als Einflussfaktoren in unterschiedlichen Größenskalen. Außerdem ist das Institut Partner des Large Binocular Telescope in Arizona, errichtet robotische Teleskopen auf Teneriffa und in der Antarktis, entwickelt astronomische Instrumentierung für Großteleskope wie dem VLT der ESO. Neben der Bodengebundenen Astronomie ist das Institut auch an Weltraumprojekten der Europäische Weltraumorganisation (z. B. Solar Orbiter) beteiligt und arbeitet auf dem Gebiet der E-Science.
Geschichte Zeittafel 1700 Einführung des sog. 'Verbesserten Kalenders' in den protestantischen Staaten Deutschlands 10. Mai 1700 Erlass des Kalenderpatents für die zu gründende Berliner Sternwarte 18. Mai 1700 Berufung Gottfried Kirchs zum Direktor der Sternwarte 11. Juli 1700 Gründung der Kurfürstlich-Brandenburgische Societät der Wissenschaften 1711 Errichtung des ersten Sternwartengebäudes 1832–1835 Bau der neuen Berliner Sternwarte durch Karl Friedrich Schinkel 1846 Entdeckung des Planeten Neptun durch Johann Gottfried Galle 1865 Berufung Wilhelm Julius Foersters zum Direktor 1874 Gründung des Astronomischen Recheninstituts 1874 Gründung des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam (AOP) 1876–1879 Bau des Hauptgebäudes des Astrophysikalischen Observatoriums auf dem Potsdamer Telegrafenberg 1881 erster Michelson-Versuch in Potsdam 1886 Entdeckung der Kanalstrahlen durch Eugen Goldstein 1888 Nachweis der Polhöhenschwankung durch Karl Friedrich Küstner 1888 erste fotografische Radialgeschwindigkeitsmessung durch Hermann Carl Vogel 1896 Versuche zum Nachweis der Radiostrahlung der Sonne durch Johannes Wilsing und Julius Scheiner am AOP mini|Der 1899 fertiggestellte „Große Refraktor“ 1899 Fertigstellung des Potsdamer Großen Refraktors 1904 Berufung von Karl Hermann Struve zum Direktor der Berliner Sternwarte 1909 Berufung von Karl Schwarzschild zum Direktor des AOP 1911–1913 Bau der Sternwarte in Babelsberg 1913 Umzug der Berliner Sternwarte nach Babelsberg 1913 Einführung der lichtelektrischen Fotometrie durch Paul Guthnick in Babelsberg 1915 Fertigstellung des Babelsberger Großen Refraktors 1921–1924 Bau des Einstein-Turmes auf dem Telegrafenberg 1924 Fertigstellung des 1,22-m-Spiegels in Babelsberg 1931 Angliederung der Sonneberger Sternwarte an die Sternwarte Babelsberg 1. Januar 1947 Übernahme von AOP und Sternwarte Babelsberg durch die Deutsche Akademie der Wissenschaften 1954 Beginn der Radiobeobachtungen in Tremsdorf 1960 Fertigstellung des 2-m-Spiegels in Tautenburg 1969 Gründung des Zentralinstituts für Astrophysik 1. Januar 1992 Beginn der Tätigkeit des Astrophysikalischen Instituts Potsdam (AIP), Karl-Heinz Rädler wird wissenschaftlicher Vorstand 1998 Günther Hasinger wird wissenschaftlicher Vorstand des AIP 2001 Klaus G. Strassmeier wird wissenschaftlicher Vorstand des AIP 2004 Matthias Steinmetz wird wissenschaftlicher Vorstand des AIP 2011 Das Institut wird von 'Astrophysikalisches Institut Potsdam' in 'Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP)' umbenannt. 2012 Einweihung des Sonnenteleskops GREGOR auf Teneriffa 2013 Große Jubiläumsfeier „100 Jahre Sternwarte Babelsberg“
Anfänge mini|295px|Erste Berliner Sternwarte in der Berliner Dorotheenstraße (1711)
Kurfürst Friedrich III. gründet am 11. Juli 1700 die Brandenburgische Societät. Zuvor war einer noch zu gründenden Sternwarte das Kalendermonopol erteilt und Gottfried Kirch am 18. Mai 1700 zu deren Direktor berufen worden. Die Sternwarte sollte mit den Gebühren für den von ihr berechneten und vertriebenen Grundkalender die Akademie finanzieren helfen, und sie tat dies tatsächlich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Grundkalender wurde noch bis 1991 an der inzwischen nach Babelsberg übersiedelten Sternwarte berechnet. Im Jahre 1711 wurde in der Berliner Dorotheenstraße ein erstes Sternwartengebäude errichtet, dem 1835 ein Neubau in der Lindenstraße folgte.
Die Entdeckung des Planeten Neptun im Jahre 1846 durch Johann Gottfried Galle machte die Berliner Sternwarte weltweit bekannt. Ebenso bedeutend waren die Entdeckung der Kanalstrahlen und der Nachweis der Polhöhenschwankung der Erde durch Karl Friedrich Küstner 1888. Die beiden letztgenannten wissenschaftlichen Großtaten fallen in die Zeit des Direktorats von Wilhelm Julius Foerster, der zugleich einen entscheidenden Anteil an der Errichtung der Observatorien in Potsdam hatte: an der Gründung des Astrophysikalischen Observatoriums auf dem Telegrafenberg im Jahre 1874 und an der Übersiedlung der Berliner Sternwarte nach Babelsberg, die 1913 vollendet wurde.
Die Gründung des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam mini|300px|rechts|Das Astrophysikalische Observatorium Potsdam wird heute nicht mehr astronomisch genutzt. Als Teil des Wissenschaftsparks Albert Einstein beherbergt es heute das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Foerster erkannte die von Gustav Kirchhoff und Robert Wilhelm Bunsen entwickelte Spektralanalyse als einer der ersten und regte 1871 in einer an den Kronprinzen gerichteten Denkschrift, in der er auf die Bedeutung und den praktischen Nutzen der Sonnenforschung einging, zunächst den Bau eines Sonnenobservatoriums an. Als Standort wurde der Telegrafenberg gewählt. Am 1. Juli 1874 wurde das Astrophysikalische Observatorium Potsdam (AOP) gegründet. Es wurden zunächst Sonnenbeobachtungen von einem Turm durchgeführt. Im Herbst 1876 begann der Bau des Hauptgebäudes, und im Herbst 1879 wurde dieses vollendet und seine Erstausstattung mit Instrumenten abgeschlossen. Die Leitung des AOP wurde einem Direktorium übertragen, das aus Wilhelm Julius Foerster, Gustav Kirchhoff und Arthur Auwers bestand. Im Jahre 1882 wurde Hermann Carl Vogel zum alleinigen Direktor des Observatoriums ernannt, das sich unter seiner Leitung stärker der Sternphysik zuwandte. Vogel gelang es als erstem, Radialgeschwindigkeiten von Sternen fotografisch zu messen, und er entdeckte so die spektroskopischen Doppelsterne.
Im Jahre 1899 wurde auf dem Telegrafenberg der Große Refraktor, der größte bis dahin gebaute Refraktor mit einem 80- und 50-Zentimeter-Doppelobjektiv von Steinheil auf einer Repsold-Montierung in einem Kuppelbau von 24 Meter Durchmesser fertiggestellt und mit einem Festakt in Gegenwart des Kaisers Wilhelm II. eingeweiht. Ein Jahrzehnt später wurde mit Karl Schwarzschild einer der bedeutendsten Astrophysiker dieses Jahrhunderts zum Direktor berufen. Schon in kurzer Zeit hat er grundlegende Beiträge zur Astrophysik und zu der gerade entstehenden Allgemeinen Relativitätstheorie geleistet.
Das AOP ist mit der Entwicklung der Relativitätstheorie in vieler Hinsicht verbunden. So führte Albert A. Michelson 1881 im Keller des Hauptgebäudes zum ersten Male jenen berühmten InterferometerversuchDas Michelson-Experiment in Potsdam zum Nachweis der Bewegung der Erde gegenüber dem Lichtäther durch, dessen „Misserfolg“ eine der Grundlagen für die 1905 von Einstein aufgestellte spezielle Relativitätstheorie darstellt.
Die Übersiedlung der Berliner Sternwarte nach Babelsberg mini|Alte Neue Berliner Sternwarte in der Lindenstraße Das schnelle Wachstum Berlins Ende des 19. Jahrhunderts hatte dazu geführt, dass die ursprünglich außerhalb der Stadt errichtete Berliner Sternwarte völlig umbaut und eine den Ansprüchen der Forschung genügende Beobachtungstätigkeit damit nahezu unmöglich geworden war. Schon Mitte der neunziger Jahre war daher unter anderem von Wilhelm Julius Foerster der Neubau einer Sternwarte außerhalb Berlins vorgeschlagen worden. Mit der Berufung Hermann von Struves als Nachfolger Foersters zum Direktor im Jahre 1904 nahm dieses Projekt konkrete Formen an.
Nach Probebeobachtungen durch Paul Guthnick im Sommer 1906 fiel schließlich die Entscheidung zugunsten des Standorts auf dem Babelsberg. Das Gelände, das ursprünglich zum Park Babelsberg gehörte, wurde kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Kosten für die neuen Gebäude (1,1 Millionen Goldmark) und für die instrumentelle Ausrüstung (450.000 Goldmark) konnten durch den Verkauf des Grundstücks der alten schinkelschen Sternwarte in Berlin, die später abgerissen wurde, gedeckt werden. Unter der Leitung von Baurat Hermann Eggert wurde im Juni 1911 mit der Errichtung der von Georg Thür entworfenen Gebäude begonnen, und bereits Anfang August 1913 konnte die Übersiedlung abgeschlossen werden.
mini|Der 65 cm Zeiss-Refraktor Die ersten neuen Instrumente kamen im Frühjahr 1914 hinzu. 1915 wurde die Aufstellung des 65-cm-Refraktors in Babelsberg vollendet, welches das erste astronomische Großinstrument der Firma Carl Zeiss Jena war. Die Fertigstellung des 120-cm-Spiegelteleskops zog sich infolge des Weltkriegs noch bis 1924 hin. Struve starb 1920 und konnte die Vollendung seines Lebenswerks nicht mehr erleben. Sein Nachfolger wurde Paul Guthnick, der 1913 mit der lichtelektrischen Fotometrie die erste objektive Methode zur Helligkeitsbestimmung von Sternen in die Astronomie eingeführt hatte. Mit der Fertigstellung des 120-Zentimeter-Spiegelteleskops – seinerzeit das zweitgrößte Fernrohr der Welt – war die Babelsberger Sternwarte das bestausgerüstete Observatorium Europas.
Die Weiterentwicklung der lichtelektrischen Fotometrie, insbesondere im Zusammenhang mit der Untersuchung des Lichtwechsels schwach veränderlicher Sterne, sowie spektroskopische Arbeiten am 120-cm-Spiegel machten die Babelsberger Sternwarte weltweit bekannt. Von 1921 bis 1938 war der Astrophysiker Hans Ludendorff Direktor des Observatoriums.
Anfang 1931 war die von Cuno Hoffmeister in Sonneberg gegründete Sternwarte als Außenstelle an die Sternwarte Babelsberg angegliedert worden. Die bis heute durchgeführte fotografische Himmelsüberwachung im Rahmen des „Sonneberger Felderplans“ ließ in über 60 Jahren die zweitgrößte astronomische Fotoplattensammlung der Welt entstehen. Dieses Archiv und die damit in Zusammenhang stehende Erforschung veränderlicher Sterne machten Sonneberg zu einem Begriff in der Astronomie.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die jüdischen Mitarbeiter vertrieben; es setzte der Niedergang der Astronomie in Potsdam und Babelsberg ein. Während des Zweiten Weltkriegs wurde kaum astronomisch geforscht.
Die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Die Potsdamer Sternwarte lag während der deutschen Teilung in der Nähe des Grenzgebietes. mini|200px|Einsteinturm auf dem Telegraphenberg heute, entworfen von Erich Mendelsohn mini|200px|Babelsberger 120-cm-Spiegelteleskop im Krim-Observatorium Der Wiederbeginn nach dem Kriege war sehr schwierig. Der Einsteinturm hatte beim Luftangriff am 14. April 1945 schwere Schäden erlitten, und in Babelsberg waren wertvolle Beobachtungsinstrumente, demontiert worden und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gegangen. So steht das 120-cm-Teleskop heute im Krim-Observatorium.