Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie (ART) (englisch: Attention Restoration Theory) behauptet, dass der Mensch sich besser von mentaler Anstrengung erholen kann, wenn er Zeit in der Natur verbringt oder sogar Szenen aus der Natur betrachtet. Sie findet Anwendung in der Umweltpsychologie, Architekturpsychologie und Arbeitspsychologie, aber auch in weiteren Feldern der Psychologie.Courtney E. Ackerman, MA. (13 Nov 2018), abgerufen am 20. Januar 2025 Die Theorie wurde von Rachel und Stephen Kaplan in den 1980er Jahren in ihrem Buch The experience of nature: A psychological perspective (deutsch: Die Erfahrung der Natur: Eine Psychologische Betrachtung)The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. By Kaplan S. in Journal of Environmental Psychology 1995, v.15, pp169-182. entwickelt und wurde seitdem von anderen Autoren sowohl im Bereich Medizin als auch für die Erholung von Aufmerksamkeitsermüdung als zutreffend befunden. Darüber hinaus gibt es aber auch kritische Stimmen gegenüber der Theorie.

Begriffsdefinition im deutschen Sprachraum Eine Vielzahl an Begriffen macht eine Einordnung und eine klare Abgrenzung der Begriffe schwierig.Dr. Christian Rupp Veröffentlicht am3. Mai 2013, abgerufen am 20. Januar 2025 Kaplan und Kaplan sprechen in ihrer Theorie von gerichteter (engl. directed attention) oder ungerichteter Aufmerksamkeit (engl. indirected attention).Kaplan, R.; Kaplan, S. (1989). The Experience of Nature: A Psychological Perspective. Cambridge University Press. ISBN 978-0-521-34139-4. Auf Grundlage der Definition hat der Begriff gerichtete Aufmerksamkeit Ähnlichkeiten zu den durchaus bekannten Begriffen willentlicher oder selektiver Aufmerksamkeit. Genauso verhält es sich mit dem Begriff der ungerichteten Aufmerksamkeit: Hier kann der Begriff der willentlichen Aufmerksamkeit als definitionsgleich angesehen werden.Prof. Dr. Fred Mast, Hinweisreizparadigma, abgerufen am 20. Januar 2025

Zwei Varianten von Aufmerksamkeit Berman et al. diskutieren die Grundlage der Theorie der Wiederherstellung der Aufmerksamkeit (ART). „ART basiert auf früheren Forschungsergebnissen, die zeigen, dass die Aufmerksamkeit in zwei Komponenten unterteilt werden kann: ungerichtete Aufmerksamkeit, bei der die Aufmerksamkeit durch inhärent interessante oder wichtige Reize gefangen genommen wird, und gerichtete Aufmerksamkeit, bei der die Aufmerksamkeit durch kognitive Kontrollprozesse gesteuert wird.“Berman, Mare G et al. "The Cognitive Benefits of Interacting with Nature", Psychological Science, Vol 19. Num 12. Michigan, 28 May 2008. Retrieved on 2012-09-16.

Gerichtete Aufmerksamkeit Unter gerichteter Aufmerksamkeit verstehen Kaplan und Kaplan die gesteuerte Zuwendung der Aufmerksamkeit auf bestimmte externe Reize.Cohen, R.A. (2011). Directed Attention. In: Kreutzer, J.S., DeLuca, J., Caplan, B. (eds) Encyclopedia of Clinical Neuropsychology. Springer, New York, NY. doi:10.1007/978-0-387-79948-3_1290 Dabei werden nur bestimmte Reize verarbeitet und weitergeleitet. Reize, welche nicht Ziel der gesteuerten Aufmerksamkeit sind, werden unterdrückt. Der Mensch muss sich anstrengen, um sich zu konzentrieren, den Ausdruck unangemessener Gefühle oder Handlungen zu verzögern und Ablenkungen zu vermeiden. Das heißt, er muss sich auf die übergeordnete Aufgabe konzentrieren und Ablenkungen vermeiden. Das Zuwenden auf bestimmte Reize ermöglicht ein konzentriertes Arbeiten und die Fokussierung auf die Aufgaben relevanten Reize. Dieser Vorgang bedarf einer willentlichen Anstrengung und kann dadurch mit der Zeit zu einer Ermüdung führen, der sogenannten Aufmerksamkeitsermüdung. Die Aufmerksamkeit kann nur eine bestimmte Zeit lang aufrechterhalten werden, ohne dass sie nachlässt, ein Gefühl, das von vielen als „müde“ oder „gestresst“ beschrieben wird. Die zu erfüllende Aufgabe löst dabei keine oder sehr wenig intrinsische Motivation für die Person aus und es handelt sich dabei um einen Top-down-Prozess. Ein klassisches Beispiel ist: Das Ausfüllen der Steuererklärung und im Hintergrund spielen Kinder in einer störenden Lautstärke.Ohly, H., White, M. P., Wheeler, B. W., Bethel, A., Ukoumunne, O. C., Nikolaou, V., & Garside, R. (2016). Attention Restoration Theory: A systematic review of the attention restoration potential of exposure to natural environments. Journal of Toxicology and Environmental Health, Part B, 19(7), 305–343. doi:10.1080/10937404.2016.1196155

In Peopleware, einem Buch über Büroarbeit, berichten Tom DeMarco und Tim Lister, dass Arbeitnehmer in einer Büroumgebung 15 Minuten brauchen, um diesen Zustand der fließenden Konzentration zu erreichen, und dass er durch eine Unterbrechung, z. B. durch einen Telefonanruf, in einem Moment zerstört werden kann.

Ungerichtete Aufmerksamkeit Im Gegensatz dazu steht die ungerichtete oder unwillentliche Aufmerksamkeit. Diese Art der Aufmerksamkeit wird nicht bewusst gesteuert und bedarf auch keiner willentlicher Steuerung. Es handelt sich dabei um einen kognitiven Bottom-up-Prozess, bei dem das Objekt der Aufmerksamkeit davor nicht im Fokus der psychologischen Aktivität stand. Nicht der Betrachter, sondern alleine die Eigenschaft des Objektes (z. B. plötzliches Auftreten, Intensität oder die reine Faszination) steuern die Aufmerksamkeit und lenken es auf das Objekt. Ein Beispiel: Ein Student lernt in einem Raum mit Fenster und seine Aufmerksamkeit wird auf den bunten Vogel gelenkt, der vorbei fliegt.Lanyu, D. (2024). Involuntary Attention. In: Kan, Z. (eds) The ECPH Encyclopedia of Psychology. Springer, Singapore. doi:10.1007/978-981-97-7874-4_1214

Die Aufgabe kann so faszinierend sein, dass sie eine „mühelose Aufmerksamkeit“ ermöglicht, oder sie kann genügend Spielraum bieten, um eine Interaktion ohne Langeweile aufrechtzuerhalten, oder sie kann einfach besser mit den Interessen einer Person vereinbar sein. Nach einer gewissen Zeit gerichteter Aufmerksamkeit entwickeln Menschen jedoch eine „Ermüdung der gerichteten Aufmerksamkeit“. Sie werden abgelenkt, reizbar und ungeduldig. Sie können ihre Aufgaben nicht mehr so effektiv erledigen.

Die Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie geht dabei davon aus, dass Aufmerksamkeit wiederhergestellt werden kann, indem man zu einer anderen Art von Aufgabe wechselt, die andere Teile des Gehirns beansprucht, wie in der bekannten Redewendung „Abwechslung ist so gut wie eine Pause“. Besonders im Fokus steht dabei der Wechsel von gerichteter Aufmerksamkeit hin zu ungerichteter Aufmerksamkeit, der diese Erholung ermöglichen soll.

Erholsame Umgebungen Wiederherstellung oder psychologische Wiederherstellung im Bereich der Umweltpsychologie ist die Wiederherstellung erschöpfter Ressourcen, die psychologisch (Aufmerksamkeit und Emotionen), physiologisch (Stress) und/oder sozial sein können. Dies ergibt sich aus der Interaktion mit einer restaurativen Umgebung, um negative Zustände in positive zu verwandeln.Hartig, T. (2004). Restorative environments. In C. Spielberger (Hrsg.): Encyclopedia of applied psychology (pp. 273–279). San Diego: Academic.Hartig, T. (2011). Issues in restorative environments research: Matters of measurement. In B. Fernández, C. Hidalgo, C. Salvador & M. J. Martos (Hrsg.): Psicología Ambiental 2011: Entre los estudios urbanos y el análisis de la sostenibilidad (pp. 41-66). Almería, Spain: University of Almeria & the Spanish Association of Environmental Psychology. Psychologische Wiederherstellung wird als die Fähigkeit beschrieben, die Wiederherstellung wahrnehmen zu können, und ein Beobachter die Eigenschaften einer Umgebung wahrnehmen kann, die die mentale Müdigkeit und den Stress einer Person lindern.Coles, R., & Keshavarz, N. (2006). The restorative potential of local urban environments-The impact of green infrastructure on the health and well-being of local residents. In K. Nilsson & B. Nielsen (Hrsg.): Urban forestry for human health and wellbeing. Documento presentado en la reunión COST-E39 Research Conference y ASEM Second Symposium on Urban Forestry, Copenhagen, Dinamarca.

Die Aufmerksamkeit-Erholungs-Theorie beschreibt dabei eine Reihe von Eigenschaften, die eine Umgebung haben muss, um erholsam zu sein.

Faszination Dabei unterscheiden Kaplan und Kaplan zwischen harter Faszination, also einer sehr fesselnden Faszination, welche es nicht ermöglicht, seine eigenen Gedanken zu reflektieren oder in sich zu kehren. Im Gegensatz dazu steht die weiche Faszination. Der stimulierende Reiz ist dabei nicht so groß und bietet dem Betrachter die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken zu reflektieren oder in sich zu kehren.

Beide Arten der Faszination sind für eine verbesserte Regeneration geeignet. Doch vor allem die weiche (softe) Faszination soll die Regeneration verbessern. Dabei steigert die weiche Faszination eher das Reflektieren und die harte Faszination bekämpft eher die Langeweile. Somit ist weiche Faszination besser für die Regeneration geeignet, da es uns ermöglicht abzuschalten. Erholende Umgebungen müssen ausreichend faszinierende Reize bieten, um die indirekte Aufmerksamkeit auszulösen. Dabei kann die Fähigkeit einer Umgebung, Staunen in den Menschen zu erzeugen, der gerichteten Aufmerksamkeit eine Pause verschaffen, während die unwillkürliche Aufmerksamkeit an ihre Stelle tritt. Natürliche Umgebungen sind reich an „sanften Faszinationen“, über die der Mensch mit „müheloser Aufmerksamkeit“ nachdenken kann, wie z. B. Wolken, die über den Himmel ziehen, Blätter, die in einer Brise rascheln, oder Wasser, das in einem Bach über Felsen sprudelt.

Abgeschiedenheit Dabei geht es nicht um das physische Weg-Sein, sondern um das psychische Empfinden, sich von seiner normalen Umgebung oder Gedanken entfernen zu können. Ein Gefühl, das objektiv oder subjektiv sein kann, z. B. kann eine Person weit weg von einem Ort sein oder ihre Gedanken vom Alltag und den Sorgen loslassen.

Ausdehnung Diese Eigenschaft bezieht sich auf die Qualität einer regenerativen Umgebung. Dabei geht es zum einen um die Ausdehnung einer Umgebung, welche ein komplettes Eintauchen in die Umgebung ermöglicht. Sowie zum anderen darum, dass die Umgebung keine ungewöhnlichen oder überraschenden Merkmale aufweist. Dabei ist nicht zwingend eine Vertrautheit mit der Umgebung gemeint, sondern die Ähnlichkeit der Umgebung mit bisher bekannten Umgebungen. Das führt dazu, dass kein Gefühl der Unsicherheit, Unwohlsein oder Verwirrtheit auftritt. Die Verbindung zwischen den einzelnen Elementen einer Umgebung; das Gefühl, durch die Umgebung reisen zu können, um die darin enthaltenen Informationen zu suchen.

Kompatibilität Der letzte Punkt ist die Kompatibilität der Umgebung mit den Wünschen der Personen. Damit ist gemeint, dass eine Umgebung den Erholungswünschen einer Person gerecht werden muss. Die Kompatibilität ist dann höher wenn eine Person die gewünschte erholende Aktivität ausführen kann. Dabei zählen alle Merkmale einer Umgebung, die den Vorlieben und Zielen einer Person entsprechen.

Da natürliche Umgebungen oft hohe Ausprägungen in allen diesen Eigenschaften haben, gehen Kaplan und Kaplan davon aus, dass besonders natürliche Umgebungen die Regeneration von Aufmerksamkeitsermüdung steigern.

Aufmerksamkeitsermüdung