Erlösung ist ein Zentralbegriff in einigen Religionen, der ihr jeweiliges letztgültiges Ziel bezeichnet, den einzelnen Menschen, die Menschheit und/oder die Welt von allem Negativen zu befreien. Er wird ohne einheitliche Bedeutung besonders in Christentum, Judentum und Islam verwendet. Erlösung bezeichnet dabei eine eher passiv erfahrene Befreiung vom Leid, im Gegensatz zur aktiv herbeigeführten Erleuchtung, die bspw. Hinduismus und Buddhismus betonen.
Begriffe Das Verb erlösen im Sinne von befreien (, bzw. , ) bezog sich in der Antike auf den Freikauf und die folgende Freilassung von Sklaven, womit ihre Sklaverei beendet wurde. Um die Bewahrung von Menschen und Dingen, durch machtvoll eingreifendes Helfen zu beschreiben, wurde im Griechischen das Wort rhyomai () verwandt. Erlösen im Sinne von retten wurde durch das Verb sozo () ausgedrückt; es bedeutete, dass Menschen aus einer drohenden Lebensgefahr herausgerissen wurden, z. B. im Krieg, bei einer Seefahrt oder während einer Krankheit. Das zugehörige Substantiv ist Soter (), das den Retter, den Heiland bezeichnet. Im Hebräischen wird der Erlöser Messias (; ) genannt, der alles Unheil beenden wird. „Die Erwartung des Messias wird von den Juden mit der Erlösung Israels aus allem Unheil verbunden.“ Im Arabischen ist der Retter der Mahdi (), der in der Endzeit Bosheit und Unterdrückung auf der Welt beseitigen wird. „Wenn Bosheit und Unterdrückung Überhand nehmen, werde der Mahdi, ein Mann aus der Familie Mohammeds, erscheinen und den Glauben erneuern.“ In Sanskrit wird Moksha ( m.) benutzt, um die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten (Samsara) zu bezeichnen, indem dann das Nirwana erreicht wird.
Judentum Grundlage für das Selbstverständnis des Volkes Israel ist folgendes: Neben der Verheißung an die Erzväter und dem Bund mit Abraham ist die Erinnerung an die einstmals erfolgte Befreiung des Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft grundlegend.
Israel hat später seine Geburtsstunde so verstanden: als eine Erwählung, Errettung und Erlösung des Volkes, die dem einen Gott mit dem unaussprechlichen Namen „JHWH“Name Gottes, der in der Hebräischen Bibel mehr als 6.800-mal erwähnt wird zugeschrieben wird. Die Bedeutung dieses Namens Gottes, die Mose bei seiner Berufung vor dem brennenden Dornbusch erhielt, ist: ehje ascher ehje ( ). Die griechische Übersetzung der Hebräischen BibelSeptuaginta genannt, weil sie nach der Legende von 70 Übersetzern erarbeitet wurde übersetzt: ‚Ich bin der Seiende‘ (). Das Verb hajah () heißt in erster Linie ‚sein‘, kann aber auch „dasein, sich ereignen, geschehen“ bedeuten. Vor allem aber ist es mit dem Tetragrammaton stammverwandt. Und da ein Verb im Hebräischen über keine klaren Zeitformen verfügt, kann man zum Beispiel übersetzen: ‚Ich bin da, als der ich da bin‘, oder: ‚Ich bin da, als der ich dasein werde‘, oder – wie der bekannte jüdische Übersetzer der Hebräischen Bibel, Martin Buber übersetzt: ‚Ich werde dasein, als der ich dasein werde.‘ Hier wird Gottes Willenserklärung verheißend angekündigt: Gottes dynamisches Dasein, Gegenwärtigsein, Wirksamsein. „Jahwe“ heißt also: ‚Ich werde da sein, präsent, leitend, helfend, stärkend, befreiend!‘
So gehört es zu den wesentlichen „Eigenschaften JHWHs“, ein rettender Gott zu sein. Rettungserfahrungen prägen die Traditionen, durch die sich das Volk Israel konstituiert und bewahrt weiß. Bestimmte Rettungserfahrungen waren das o.a. Exoduswunder und die Rückführung aus dem „Exil“.
Das Schema ist das Glaubensbekenntnis des Judentums, die Proklamation des ethischen Monotheismus: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig!“ ( ) Dieser Satz, der regelmäßig in der Liturgie vorkommt, ist auch das Bekenntnis, das der sterbende Jude mit seinem letzten Atemzug abzulegen versucht.Jakob J. Petuchowski: Das Judentum (= Die Religionen der Menschheit. Band 27). W. Kohlhammer, Stuttgart 1994, ISBN 3-17-010269-9. S. 424.
Laut Talmud (Sefer HaMitzwot von Maimonides) finden sich 613 „Mitzwot“ in der Thora, die ein Jude verpflichtet ist einzuhalten. Diese setzen sich aus 248 Geboten und 365 Verboten zusammen. Maimonides stellte auch die 13 Glaubenssätze zusammen, die viele Juden zusammen mit den Zehn Geboten täglich lesen.
Im Achtzehnbittengebet wird – von orthodoxen Juden viermal täglich – für das Kommen eines goél, das heißt eines „Erlösers“ oder „Messias“ gebetet. Die Erwartung des Messias wird von den Juden mit der Erlösung Israels aus allem Unheil verbunden. Die griechische Bezeichnung „Messias“ steht für das hebräische Wort „Maschiach“ (), das übersetzt so viel bedeutet wie „der Gesalbte“ und ursprünglich den herrschenden König beschreibt. „Christus“ ist das lateinische Pendant zu „Maschiach“. Einige Reformgemeinden verwenden stattdessen den Begriff „Geullah“ (). Der Prozess der Erlösung wird im Allgemeinen mit dem Ausdruck Tikkun oder Tikkun Olam (), der Verbesserung der Welt, also der Verbesserung von Gottes Schöpfung durch Menschenhand, bezeichnet und bezieht sich stets auf das Diesseits. Die Idee des Tikkun spielt in der Kabbala eine bedeutende Rolle und wurde vor allem von Isaak Luria und seinen Schülern im 16. Jahrhundert weiter entwickelt und erhielt in modernen Strömungen des Judentums neue Bedeutungsbeilegungen.
Christentum
Erlösung bezeichnet in christlicher Tradition primär ein Handeln Gottes zugunsten erlösungsbedürftiger Menschen. Dieses Thema wird in der christlichen Theologie von der Soteriologie, der Lehre von der Erlösung (oder Errettung), behandelt. Der Begriff wird dort meist als Gegenbegriff zu Sündhaftigkeit und Verlorenheit genannt; Erlösung steht in enger Verbindung mit anderen christlichen Zentralbegriffen wie Rettung, Errettung, Heil, Befreiung, Neuschöpfung, Gnade und Versöhnung.
Historische Debatten Die Lehre von der Erlösung, die Soteriologie, ist seit jeher eines der bedeutsamsten theologischen Felder. Dass Gott in der Person und im Werk Jesu Christi endgültig zum Heil des Menschen gehandelt hat, ist die Grundbotschaft des Neuen Testamentes. Bereits in der Urkirche tauchte die Frage auf, ob Heiden zunächst zum Judentum konvertieren müssten, um Christen zu werden. Dies hatte das Apostelkonzil in Jerusalem abgelehnt (siehe ). In den Briefen des Apostels Paulus ist das Heil von Heiden wie Juden durch die Nachfolge Jesu Christi eines der zentralen Themen. Paulus machte die Erlösung an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi fest. Sie sind für ihn der Inbegriff des Evangeliums , nach dem Jesus Christus für unsere Sünden starb und um unserer Rechtfertigung willen (vgl. ) auferweckt wurde. Paulus vertrat die Ansicht, dass Erlösung für alle, die an Christus glauben, möglich sein würde.
In den folgenden Jahrhunderten tauchten auch Lehren auf, die entweder das Angewiesensein der Menschen auf die Gnade Gottes ablehnten (Pelagianismus) oder aber bestimmte Menschengruppen vom Heil ausschließen wollten, wie beim Donatismus. Sie wurden mehrfach als Häresien (Irrlehren) verurteilt, ebenso wie die Lehre, dass letztendlich alle Menschen ohne Ausnahme und unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder nicht, die göttliche Erlösung erfahren und in die paradiesische Gemeinschaft mit Gott eingehen (Allversöhnung).
Augustinus entwickelte im 4. und 5. Jahrhundert die für die Westkirche nachhaltige Erbsündenlehre. Jeder Mensch ist nach dieser Lehre seit dem Sündenfall von seiner Zeugung an mit einem Makel behaftet, der unter anderem zur Trennung von Gott im Leben und im Tod führt oder die Neigung zur Sünde (Konkupiszenz) bewirkt. Der Mensch wird nach dieser Lehre vom Makel der Erbsünde durch die Kraft der Taufe, die der Heilstat Jesu Christi am Kreuz entspringt, gereinigt und dadurch in die volle Gemeinschaft mit Gott aufgenommen. Augustinus nahm dabei an, dass ungetaufte Kinder wegen ihres Behaftetseins mit der Erbsünde auf keinen Fall in den Himmel – also in die Gemeinschaft mit Gott nach dem Tod – kommen könnten. Dieser Teil seiner Lehre wurde vom katholischen Lehramt jedoch wegen der vielerorts missverständlichen Verwendung des Begriffes Taufe nicht übernommen.
In der Reformation gelangte die Soteriologie erneut ins Zentrum der theologischen Debatten. Martin Luther verkündete die Lehre, wonach der Mensch „allein durch den Glauben“ (sola fide) gerettet werde. „Nicht durch gute Taten, nicht durch Buße, Wallfahrten, erst recht nicht durch Geldzahlungen, sondern allein durch den Glauben an Gott („sola fide“) und dank der vergebenden Gnade Gottes („sola gratia“) wird der Mensch von seinen Sünden erlöst.“ Calvin lehrte wiederum die „doppelte Prädestination“, nach der Gott einen Teil der Menschen zum Heil, einen anderen Teil zur Verdammnis auserwähle, ohne dass diese selbst etwas dazu beitragen oder etwas dagegen tun könnten. „Die Erwählten erlangen ewige Seligkeit, die Verworfenen dagegen ewige Verdammnis. Das sei Gottes unabänderlicher Ratschluss, der seit Beginn der Schöpfung feststehe. Daher spricht man auch von der "Lehre von der doppelten Prädestination"“. Christus ist nach dieser Lehre nur für die Geretteten gestorben, nicht jedoch für alle Menschen. Eine von der Grundidee her ähnliche Lehre verkündete der Jansenismus im 17. Jahrhundert. Sie besagte, dass der Mensch deswegen sündigt, weil er nicht genug Gnade von Gott erhalten hat, um der Sünde zu widerstehen.
Heutige konfessionelle Unterschiede Katholische und orthodoxe Kirchen Nach der Lehre der nicht reformierten Kirchen (katholische Kirche, orthodoxe Kirche, orientalische Kirchen) dient die von Christus eingesetzte und daher heilige Kirche durch ihre Sakramente als Werkzeug der göttlichen Gnade, ohne welche der Mensch nichts Gutes im Sinne des Heiligen Geistes vollbringen kann. Der Empfang der Taufe oder der implizite oder explizite Wunsch danach („Wunschtaufe“) ist heilsnotwendig. Der Empfang der göttlichen Gnade in den Sakramenten ermöglicht es dem Menschen, gottgefällig zu leben und das ewige Heil zu erlangen. Gleichzeitig ist es dem Menschen aber immer möglich, sich aus freien Stücken von Gott abzuwenden und dadurch das Heil zu verfehlen.
Es bestehen erhebliche Unterschiede zwischen der östlichen und der westlichen kirchlichen Tradition, etwa in der Betrachtung der Erbsünde (die in der westlichen Tradition eher mit einem Makel, in der östlichen eher mit dem Tod assoziiert wird) oder in der Frage der menschlichen Natur (im Westen wird die menschliche Natur als mangelhaft, die Erlösung als übernatürlich betrachtet; im Osten dagegen gilt die menschliche Natur als gut, die Erlösung wird als Wiederherstellung des verlorenen Naturzustandes angesehen). Im Osten spielt zudem die Erlösung der gesamten Schöpfung durch Christus eine zentralere Rolle in der Spiritualität als im Westen. Zudem ist die Neigung, die Frage zu beantworten, wer zum Heil gelangen kann, in der katholischen Kirche deutlich ausgeprägter als in den Ostkirchen (siehe extra ecclesiam nulla salus).
Die Soteriologie der nichtreformatorischen Kirchen zieht generell immer auf der einen Seite die Freiheit des Menschen in Betracht, andererseits aber auch die Allmacht und die Freiheit Gottes in der Auserwählung jener, die gerettet werden. Dabei sind eine Reihe von Herangehensweisen möglich. Selbst innerhalb der katholischen Kirche existiert eine Anzahl soteriologischer Positionen nebeneinander (Thomismus, Molinismus, Augustinismus).
Kirchen und Gemeinschaften der Reformation