mini|400px|Die Ergebnisse der Reichstagswahl nach Wahlkreisen. Die Nummerierung der Wahlkreise entspricht der der Tabelle. Die Reichstagswahl 1884 war die Wahl zum 6. Deutschen Reichstag. Sie fand am 28. Oktober 1884 statt.
Die Wahlbeteiligung lag bei knapp über 60 % und damit wieder höher als bei der Reichstagswahl 1881.
Geschichte Der Wahlkampf stand im Zeichen der beginnenden Kolonialpolitik, die die Unterstützung von Reichskanzler Otto von Bismarck gefunden hatte und von den Konservativen und der Nationalliberalen Partei befürwortet wurde. Bismarck bezeichnete im September 1884 gegenüber Karl Heinrich von Boetticher „die ganze Kolonialgeschichte“ als „Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen“.Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien. 7. Auflage, Schöningh, Paderborn 2018, S. 61. Friedrich Engels kommentierte in einem Brief an Eduard Bernstein, Bismarck habe „mit dem Kolonialschwindel einen famosen Wahlcoup gemacht. Darauf fällt der Philister hinein, ohne Gnade und massenhaft“.Johannes Kunisch: Bismarck und seine Zeit. Duncker & Humblot, Berlin 1992, S. 213. Das erwies sich als Fehlprognose: Trotz der Popularität der Kolonialpolitik gewann die Deutschkonservative Partei (DkP) keine Stimmen dazu. Die Nationalliberalen konnten nach herben Verlusten bei den vorhergehenden Wahlen wieder mehr Mandate gewinnen. Aber die regierungsfreundliche Mehrheit, auf die Bismarck gehofft hatte, kam nicht zustande. Der Kanzler musste weiterhin mit wechselnden Mehrheiten regieren.Heinrich August Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik. C.H. Beck, München 2000, S. 252.
Die Deutsche Fortschrittspartei und die Liberale Vereinigung hatten sich zur Deutschen Freisinnigen Partei zusammengeschlossen. Zusammen mit der Deutschen Volkspartei gewannen sie aber nur 74 Mandate; bei der vorherigen Reichstagswahl hatte das linksliberale Lager noch 115 Abgeordnete gestellt. Das war auch der eher skeptischen Haltung zur Kolonialpolitik geschuldet.
Trotz der anhaltenden Behinderung durch das Sozialistengesetz konnten die Sozialdemokraten ihre Mandatszahl von 12 auf 24 verdoppeln. Das Zentrum behauptete sich unterdessen als stärkste Fraktion.
Immer stärker wurden die Verzerrungen sichtbar, die das Mehrheitswahlrecht mit sich brachte. Da es seit der Reichstagswahl 1871 keine Neuabgrenzung der Wahlkreise gegeben hatte, waren durch Wanderungsbewegungen Städte unter- und ländliche Gebiete überrepräsentiert. Dies schadete vor allem den in den Städten stärkeren Linksliberalen und den Sozialdemokraten. So kam die Freisinnige Partei insgesamt auf 17,6 % der Stimmen und damit auf 67 Sitze (16,9 %), während die Deutschkonservative Partei mit 15,2 % der Stimmen 78 Mandate (19,6 %) errang. Die Sozialdemokraten hatten mit 9,7 % der Stimmen 24 Mandate (6,0 %) gewonnen, die Deutsche Reichspartei erreichte mit nur 6,9 % der Stimmen aber 28 Mandate (7,1 %).
Ergebnisse
Politische RichtungParteienWählerstimmenSitze im Reichstagin Mio. Anteilggüb. 1881absolut Anteilggüb. 1881Konservative Deutschkonservative Partei (DKP)0,86115,2 %−1,1 %78 19,6 %+22 Deutsche Reichspartei (DRP)0,388 6,9 %−0,6 %28 7,1 % ±0 Liberale Rechts- Nationalliberale Partei (NLP)0,99717,6 %+5,0 %51 12,8 % +5 Links- Deutsche Freisinnige Partei (DFP)0,99717,6 %−3,2 %671) 16,9 %−39 Deutsche Volkspartei (DtVP)0,096 1,7 %−0,3 % 7 1,8 % −2 Katholiken Zentrumspartei1,28222,6 %−0,6 %99 24,9 % −1 Sozialisten Sozialdemokraten (SAP) 0,550 9,7 %+3,6 %242) 6,0 %+12 Regionalparteien, Minderheiten Deutsch-Hannoversche Partei (DHP)0,096 1,7 %−0,1 %11 2,8 % +1 Polen0,203 3,6 %−0,2 %16 4,0 % −2 Dänen0,014 0,3 %±0,0 % 1 0,3 % −1 Elsaß-Lothringer0,166 2,9 %−0,1 %15 3,8 % ±0 Sonstige0,013 0,2 %−0,1 %-- ±0 Gesamt 5,663 100 % 397 100 %
Anmerkungen
In fünf Fällen gewann ein Kandidat gleichzeitig zwei Wahlkreise. In einem solchen Fall konnte das Mandat nur für einen der beiden Wahlkreise angenommen werden und in dem anderen Wahlkreis wurde eine Nachwahl durchgeführt.
1)Carl Braun gewann sowohl den schlesischen Wahlkreis Sagan als auch den sächsischen Wahlkreis Döbeln. Er nahm das Mandat in Döbeln an. Eugen Richter gewann sowohl den Wahlkreis Berlin 5 als auch den westfälischen Wahlkreis Hagen. Er nahm das Mandat in Hagen an. Heinrich Rickert gewann sowohl den Wahlkreis Danzig-Stadt als auch den Wahlkreis Brandenburg an der Havel. Er nahm das Mandat in Brandenburg an.
2)Wilhelm Blos gewann sowohl den Wahlkreis Braunschweig-Stadt als auch den Wahlkreis Reuß älterer Linie. Er nahm das Mandat in Braunschweig an. Wilhelm Hasenclever gewann sowohl den Wahlkreis Berlin 6 als auch den Wahlkreis Breslau-Ost. Er nahm das Mandat in Breslau an.
Das Ergebnis der Deutschen Freisinnigen Partei (DFP) wird mit den addierten Ergebnissen der Deutschen Fortschrittspartei und der Liberalen Vereinigung von 1881 verglichen.
Gewählte Abgeordnete nach Wahlkreisen
mini|Wahlkampf zu den Reichstagswahlen. Aus der Zeitschrift Die Gartenlaube (1884). In jedem der insgesamt 397 Wahlkreise wurde nach absolutem Mehrheitswahlrecht ein Abgeordneter gewählt. Wenn kein Kandidat im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichte, wurde eine Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Kandidaten durchgeführt. In den folgenden Tabellen werden die Wahlkreissieger und ihre im amtlichen Endergebnis genannte Parteistellung angegeben.
Preußen Königreich PreußenProvinz Ostpreußen – Regierungsbezirk Königsberg1Memel, HeydekrugHelmuth Karl Bernhard von MoltkeDKP2Labiau, WehlauWerner von Gustedt-LablackenDKP3Königsberg-StadtJulius MöllerDFP4Fischhausen, Königsberg-LandAugust von DönhoffDKP5Heiligenbeil, Preußisch-EylauAlfred von TettauDKP6Braunsberg, HeilsbergPeter SpahnZentrum7Preußisch-Holland, MohrungenRudolph WichmannDKP8Osterode i. Opr., NeidenburgLudwig RoseDKP 9Allenstein, RößelRudolph BorowskiZentrum10Rastenburg, Friedland, GerdauenUdo zu Stolberg-WernigerodeDKP Provinz Ostpreußen – Regierungsbezirk Gumbinnen1Tilsit, NiederungAlbrecht von SchlieckmannDKP2Ragnit, PillkallenAlbert von SperberDKP3Gumbinnen, InsterburgOtto SaroDKP4Stallupönen, Goldap, DarkehmenMax BergmannDKP 5Angerburg, LötzenLudwig von StaudyDKP6Oletzko, Lyck, JohannisburgEduard MaubachDKP 7Sensburg, OrtelsburgMax von RedeckerDKP Provinz Westpreußen – Regierungsbezirk Danzig1Marienburg, ElbingBernhard von PuttkamerDKP2Danzig LandArchibald von GramatzkiDKP3Danzig StadtHeinrich RickertDFP4Neustadt (Westpr.), Putzig, KarthausAnton von KalksteinPole5Berent, Preußisch Stargard, DirschauMichael von KalksteinPoleProvinz Westpreußen – Regierungsbezirk Marienwerder1Marienwerder, StuhmWaldemar MuellerDRP2Rosenberg (Westpr.), LöbauRodrigo zu Dohna-FinckensteinDKP3Graudenz, Strasburg (Westpr.)Ignacy von LyskowskiPole4Thorn, Kulm, BriesenMichael von SczanieckiPole5SchwetzFranz August von GordonDKP6Konitz, TuchelWladislaus von WolszlegierPole7Schlochau, FlatowWilhelm SchefferDKP8Deutsch-KroneKarl von Gamp-MassaunenDRPBerlin1Alt-Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Friedrichstadt-NordLudwig LoeweDFP2Schöneberger Vorstadt, Friedrichsvorstadt, Tempelhofer Vorstadt, Friedrichstadt-SüdRudolf VirchowDFP3Luisenstadt diesseits des Kanals, Neu-CöllnAugust MunckelDFP4Luisenstadt jenseits des Kanals, Stralauer Vorstadt, Königsstadt-OstPaul SingerSAP5Spandauer Vorstadt, Friedrich-Wilhelm-Stadt, Königsstadt-WestEugen RichterDFP6Wedding, Gesundbrunnen, Moabit, Oranienburger Vorstadt, Rosenthaler VorstadtWilhelm HasencleverSAPProvinz Brandenburg – Regierungsbezirk Potsdam1WestprignitzSiegfried von SaldernDKP2OstprignitzHermann von GraevenitzDRP3Ruppin, TemplinHugo von Saldern-Ahlimb-RingenwaldeDKP4Prenzlau, AngermündeFriedrich von Wedell-MalchowDKP5OberbarnimEdwin von HackeDFP6Niederbarnim, LichtenbergArnold LohrenDRP7Potsdam, Osthavelland, SpandauFritz SchneiderDFP8Brandenburg an der Havel, WesthavellandHeinrich RickertDFP9Zauch-Belzig, Jüterbog-LuckenwaldeHermann KropatscheckDKP10Teltow, Beeskow-StorkowNicolaus von HandjeryDKPProvinz Brandenburg – Regierungsbezirk Frankfurt1Arnswalde, FriedebergPaul von BrandDKP2Landsberg (Warthe), SoldinGeorge Dietz von BayerDKP3Königsberg (Neumark)Johann LübenDFP4Frankfurt (Oder), LebusGerhard StruveDFP5Oststernberg, WeststernbergKarl von Waldow und ReitzensteinDKP6Züllichau-Schwiebus, CrossenOtto UhdenDKP7Guben, LübbenHeinrich zu Schoenaich-CarolathDRP8Sorau, ForstNikolaus WittDFP9Cottbus, SprembergDanko von FunckeDKP10Calau, LuckauOtto von ManteuffelDKPProvinz Pommern – Regierungsbezirk Stettin1Demmin, AnklamHelmuth von MaltzahnDKP 2Ueckermünde, Usedom-WollinOswald von RittbergDKP3Randow, GreifenhagenAlexander von der OstenDKP4StettinMax BroemelDFP5Pyritz, SaatzigHermann von SchöningDKP6Naugard, RegenwaldeWilhelm von FlüggeDKP7Greifenberg, KamminErnst Matthias von KöllerDKPProvinz Pommern – Regierungsbezirk Köslin1Stolp, Lauenburg in PommernWilhelm Joachim von HammersteinDKP 2Bütow, Rummelsburg, SchlaweAdolf von MassowDKP3Köslin, Kolberg-Körlin, BublitzAugust von GerlachDKP4Belgard, Schivelbein, DramburgConrad von KleistDKP5NeustettinHermann von BusseDKPProvinz Pommern – Regierungsbezirk Stralsund1Rügen, Stralsund, FranzburgHans DelbrückDRP2Greifswald, GrimmenGraf Carl von BehrDRPProvinz Posen – Regierungsbezirk Posen1PosenStephan CegielskiPole2Samter, Birnbaum, Obornik, Schwerin (Warthe)Stephan von KwileckiPole3Meseritz, BomstHans Wilhelm von Unruhe-BomstDRP4Buk, Schmiegel, KostenLudwig von MycielskiPole5KröbenCasimir von ChlapowskiPole6Fraustadt, LissaPaul von RheinbabenDRP7Schrimm, SchrodaLudwig Edler von GraevePole8Wreschen, Pleschen, JarotschinTheophil MagdzinskiPole9Krotoschin, KoschminLudwig von JazdzewskiPole10Adelnau, Schildberg, Ostrowo, Kempen in PosenFerdinand von RadziwillPoleProvinz Posen – Regierungsbezirk Bromberg1Czarnikau, Filehne, Kolmar in PosenAxel von ColmarDKP2Wirsitz, Schubin, ZninLeo von SkorzewskiPole3BrombergHermann von GerlichDKP4Inowrazlaw, Mogilno, StrelnoJoseph von Kosciol-KoscielskiPole5Gnesen, Wongrowitz, WitkowoJulian von ChelmickiPoleProvinz Schlesien – Regierungsbezirk Breslau1Guhrau, Steinau, WohlauGuido von KesselDKP 2Militsch, TrebnitzHermann von HatzfeldtDRP3Groß Wartenberg, OelsWilhelm von KardorffDRP4Namslau, BriegWilhelm von Heydebrand und der LasaDKP5Ohlau, Strehlen, NimptschSilvius von GoldfusDRP6Breslau-OstWilhelm HasencleverSAP7Breslau-WestJulius KräckerSAP8Neumarkt, Breslau-LandVictor I. Herzog von RatiborDRP9Striegau, SchweidnitzPaul von KulmizDRP10WaldenburgCarl von WinckelmannDFP11Reichenbach, NeurodeFelix PorschZentrum12Glatz, HabelschwerdtKarl von HueneZentrum13Frankenstein, MünsterbergJohann von Harbuval-Chamaré-StolzZentrumProvinz Schlesien – Regierungsbezirk Oppeln1Kreuzburg, Rosenberg O.S.Christian Kraft zu Hohenlohe-ÖhringenDKP