Saodat Ismailova (* 1981 in Taschkent) ist eine usbekische Filmemacherin. Ihre Filme, Dokumentationen, Videoinstallationen und Multimedia-Performances beleuchten häufig die Geschichte und kulturelle Identität der Menschen ihres Heimatlandes im postsowjetischen Zentralasien, indem die Künstlerin sich auf das Wissen ihrer Vorfahren und epische Folkloregeschichten stützt. Die Werke von Saodat Ismailova wurden international sowohl bei Film- als auch bei Kunstveranstaltungen gezeigt.
Leben Saodat Ismailova war die Tochter eines Kameramanns, der Filme für das usbekische Kino drehte. Mit ihrer Großmutter, die Tochter eines Geistlichen in Kasachstan, teilte Ismailova 21 Jahre lang ein Zimmer und wurde von deren Geschichten aus weiblicher Perspektive angeregt.
Von 1997 bis 2002 studierte Saodat Ismailova Film und Fernsehen am Staatlichen Institut der Künste in Taschkent und Fernsehen und wurde von Regisseuren aus den 60er und 70er Jahren wie Sergei Iossifowitsch Paradschanow und Andrei Arsenjewitsch Tarkowski inspiriert. 2005 bis 2007 schloss Saodat Ismailova ein Masterstudium an.
2008 gründete Ismailova die Produktionsfirma MAP, die sich der Entwicklung des jungen zentralasiatischen Kinos widmet.
Von 2015 bis 2017 studierte Saodat Ismailova an der Kunstschule Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains in Lille.
Im Jahre 2021 gründete Saodat Ismailova in Taschkent die Forschungsgruppe Davra, die sich der Erforschung, Dokumentation und Verbreitung zentralasiatischer Kultur und mittelasiatischen Wissens widmet.
Seit 2002 lebt Saodat Ismailova abwechselnd in Paris und Taschkent.
Werk Die Filme von Saodat Ismailova sind geprägt von langen, ruhigen und langsamen Einstellungen, in denen die Kamera häufig in einem meditativen Stil über leere, bergige Landschaften blickt. Die Filme nehmen dabei oft Bezug auf alte Märchen und religiöse Rituale.
2004: Aral: Fishing in an Invisible Sea, DokumentationHierbei handelt es sich um eine Dokumentation über Fischer, die ein schwindendes Gewässer zwischen Kasachstan und Usbekistan bewohnen. Dabei spricht der Film nicht über Politik oder Ökologie, sondern über den Überlebenswillen der dort lebenden Menschen. 2013: Zukhra, Biennale di Venezia, Venedig, 32-minütige VideoinstallationBei diesem Film handelt es sich um das Porträt einer usbekischen Frau, die bewegungslos in der Dämmerung im Bett liegt und sich die Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes in Erinnerung ruft. Der Film wurde nicht auf einer Leinwand gezeigt, sondern auf einem Stück Stoff, das schwankte, als die Luft im Raum es hin und her wehte. Der Film wurde 2022 in die Kollektion des Stedelijk Museums in Amsterdam aufgenommen. 2014: 40 Days of SilenceDieser Film auf Tadschikisch ist ein Drama über das Leben von vier Generationen von Frauen unter einem Dach in Usbekistan, die sich gegenseitig Trost zusprechen und versuchen, ihr Schicksal zu meistern. 2014–2019: 1889, Digitaldruck, Almaty Museum of Arts, Almaty 2014–2019: 1904, Digitaldruck 2014–2019: 1924, Digitaldruck 2014–2019: 1949, Digitaldruck 2016: Chillpiq, KurzfilmDieser Film begleitet die Künstlerin und andere usbekische Frauen bei der spontanen Durchführung eines Fruchtbarkeitsrituals. Die Frauen spazieren um einen Friedhof in Karakalpakstan, einer autonomen Republik im Nordosten Usbekistans. Zusammen erinnern sie an die Charaktere eines weit verbreiteten Mythos, QYRQ QYZ, der den Bau der Stätte auf die letzte Schlacht von vierzig Amazonen gegen die Perser zurückführt. Im Film wird ein verlassener Fahnenmast aus Metall, ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit, zum Ort der Erinnerung. Durch Zitate löst der Film die Grenzen zwischen Mythologie und Gegenwart auf. 2016: Stains of Oxus, 23-minütige Dreikanal-Videoinstallation 2017: The Haunted, 24-minütige VideoinstallationDas Werk ist dem vom Aussterben bedrohten Kaspischen Tigers gewidmet. In dem Film schneidet Saodat Ismailova Szenen aus ihrer Heimat Usbekistan, wo der Tiger zuletzt gesehen wurde, zusammen mit „Geisterarchiven“, nämlich Erinnerungen, die in Interviews und Träumen gesammelt wurden. Die Partitur der in Oslo lebenden Komponistin Camille Norment vereint Aufnahmen einer Glasharmonika und Ismailovas eigener Stimme und erinnert an den Tiger, deren tiefe Frequenzen angeblich ihre Opfer hypnotisieren. 2017:Two Horizons, 24-minütige Zweikanal-Videoinstallation 2020: Her Five LivesDieser Film wurde für das Asian Film Archive produziert. In nur 13 Minuten zeichnet Saodat Ismailova anhand von Bildern aus usbekischen Filmen den Fortschritt der Frauen in ihrem Heimatland im vergangenen Jahrhundert nach – von der Unterdrückung durch das Patriarchat über die Befreiung im Kommunismus bis zur sexuellen Verwirklichung während der Perestroika. Der Film beginnt mit körnigen Aufnahmen von Frauen, die während der Stummfilmzeit Treppen hinuntergeworfen wurden, und endet mit Bildern, die Ismailovas „40 Days of Silence“ entlehnt sind. 2020: Her Right, KurzfilmIn diesem Film ruft Saodat Ismailova das Schicksal usbekischer Frauen in Erinnerung, die durch ihre durch das kommunistische Regime ab 1927 zunehmend repressiver durchgesetzte Entschleierung zu Opfern von Femiziden durch den autoritären Backlash ihrer Familien wurden. Der Film erinnert an die 1924 ins Leben gerufene politische Emanzipationsbewegung muslimischer Frauen unter dem kommunistischen Regime für das Recht, ihre Burka abzulegen. Die Kampagne hatte dramatische Folgen für die usbekischen Frauen, die zwischen traditionellen gesellschaftlichen Normen und der sowjetischen Staatsideologie gefangen waren. Der Film ist dem Gedenken an jene Frauen gewidmet, die ihr Leben für die Freiheit der heutigen usbekischen Frauen geopfert haben. Zentrales Kampfwort für die von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion geplante Emanzipierung der Frauen wurde „Hujum“, zu Deutsch „Angriff“, gemeint als Attacke auf alte, tradierte Lebensweisen. Durch die Zusammenführung von Ausschnitten aus seltenen Filmen von Latif Fayziyev, Ali Chamrajew, Shukhrat Abbasov und anderen sowie einer Partitur der in London geborenen Musikerin Seaming To kommentiert das Werk auch die Rolle, die das Kino im anhaltenden Kampf der Frauen um Selbstbestimmung spielt. 2022: Bibi Sheshanbe 2022: Chilltan, Fridericianum, KasselDas Wort chilltan stammt aus dem Persischen und bedeutet „40 Körper“ oder „40 Wesen“, die keinem bestimmten Geschlecht angehören. Inspiriert von diesem Motiv kombiniert Saodat Ismailova’s Arbeit Film, Performance und Environment in einer Reihe miteinander verbundener Räume im Keller des Fridericianums. Über ihre Installation hinaus hat Saodat Ismailova Künstlerinnen aus unterschiedlichen zentralasiatischen Ländern eingeladen, die im Kollektiv DAVRA zusammenkamen. Auch hier wiederholt sich das Motiv der Zahl 40: Über 40 Tage hinweg organisierten 18 Künstlerinnen aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan öffentliche Veranstaltungen mit Musik, Tonskulpturen und Film im Rahmen des Programms. 2022: Chillahona, 37-minütige Videoinstallation und StickereiDieses Dreikanalvideo wurde in unterirdischen Kammern in der Nähe von Heiligengräbern in Taschkent gedreht. Diese Kammern zur Meditation wurden oft neben den Gräbern lokaler Heiliger in Zentralasien errichtet. Heute werden sie von der lokalen Bevölkerung zur Selbstisolation genutzt. Die Zelle hat die Form einer achtflügeligen Kuppel und besteht aus drei Ebenen, die sich in den drei Kanälen des Films widerspiegeln. Der erste Bildschirm dokumentiert Menschen, die das Chillahona besuchen. Der zweite Screen zeigt die Gläubigen bei der Durchführung ihrer Rituale und Gebete, während der dritte den Besuch einer besorgten jungen Frau und ihren Moment der Selbstisolation nachzeichnet. Neben den Videos hängt eine traditionelle Stickerei, die die weibliche Kosmologie darstellt und an Schutz, Heilung und Fruchtbarkeit erinnert. Der weiße Stoff wird mit farbigem Licht beleuchtet. Saodat Ismailova arbeitet hier an der Grenzlinie realer und imaginärer Räume und greift anhand epischer Folkloregeschichten und dem Wissen ihrer Vorfahren auf die spezifische kulturelle Identität und Geschichte Zentralasiens zurück. Bei dem Film handelt es sich im Wesentlichen um eine abstrakte Nacherzählung der zentralasiatischen Version der Aschenputtel-Erzählung. In der Lesart der Künstlerin wird die weibliche Protagonistin nicht durch die Ehe, sondern durch ihre eigenen Entscheidungen befreit.
Gruppenausstellungen
2005: Fabrica goes East, Taschkent 2013: 55. Biennale di Venezia, Venedig 2013: Lost to the Future: Contemporary Art from Central Asia, LASALLE College of the Arts, Singapur 2014: 6th Tashkent International Biennale of Contemporary Art, Taschkent 2014: Encounter on the Silk Road, Xinjiang Viennale of Arts, Xinjiang 2015: Faces of Disappearance, Neue Galerie im Höhmannhaus, Augsburg 2017: Museum für zeitgenössische Kunst, Tromsø 2017: Séances spéciales, Frac Franche-Comté, Besançon 2017: Neon Paradise. Shamanism from Central Asia, Mailand 2018: Phantom Stories: Leitmotifs of Post-Soviet Asia, Kunsthalle Lund, Lund 2018: Qyrq Qyz, Studio national des arts contemporains Le Fresnoy, Tourcoing 2018: Chillpiq, Musee du Quai Branly, Paris 2018: Russian Zen, Shiryaevo Biennale of Contemporary Art, Schyrjajewe 2018: Duo exhibition: Carlos Casas / Saodat Ismailova, Spazio Punch, Venedig 2018: Starting from the Desert. Ecologies on the Edge, 2nd Yinchuan Biennale, MOCA, Yinchuan 2019: Central Russian Zen, Momentum, Berlin 2019: An Opera for Animals, Para Site, Hongkong und Rockbund Art Museum, Shanghai 2019: Screening, Baltic Explores Climate Emergency, Baltic Centre for Contemporary Art, Gateshead 2021: Planted in the Body, MeetFactory, Prag 2021: Zukhra. Restospective of Saodat Ismailova’s Films, Tsentr Voznesenskogo, Moskau 2020: FemAgora Festival Central Asia, online 2022: 59. Biennale di Venezia, Venedig 2022: documenta fifteen, Kassel 2022: Revisiting the Jungle Book, Israel-Museum, Jerusalem 2022: Korkut, Biennial of Sound Art and Contemporary Music, Staatliches Qastejew-Museum der Künste, Almaty 2023: Sharjah Biennial 15, Schardscha
Einzelausstellungen
2014: Saodat Ismailova: Celestial Circles, Neue Galerie im Höhmannhaus, Augsburg 2017: The Haunted, Tromsø Kunstforening, Tromsø 2018: Le Projet Qyrq Qyz et les quarante jeunes filles, interdisziplinäre Multimedia-Performance, Musée du quai Branly, ParisDie Geschichte der vierzig Kriegerinnen des Titels wird von einer rein weiblichen Musikgruppe, der Aga Khan Music Initiative, erzählt, die traurige Melodien auf traditionellen Instrumenten spielt und vor dem Filmhintergrund der eindringlichen, kargen Landschaften Karakalpakstans singt. 2018: Qyrq Qyz, Brooklyn Academy of Music, New York 2018: Syncretic Verses, Ilchom-Theater, TaschkentDieses Werk beschreibt spirituelle Praktiken der Region anhand von Fotografien, Videoinstallationen und Skulpturen.
2019: Q’org’on Chirog’, Centre for Contemporary Art Tashkent, Taschkent 2019: Light on the Hill, Centre for Contemporary Art Tashkent, Taschkent 2019: Saodat Ismailova "Qo'rg'on Chiroq", Centre for Contemporary Art Tashkent, Taschkent 2021: Saodat Ismailova: Menim ismim kim edi?, Aspan Gallery, Almaty 2021: What was my name?, Installation mit Pferdehaar und Neon, Aspan Gallery, Almaty 2022: Saodat Ismailova, Centre Georges-Pompidou, Paris 2023: EYE Film Instituut Nederland, Amsterdam 2023: Double Horizon, Le Fresnoy, Tourcoing 2023: Saodat Ismailova: 18.000 Worlds, Eye Filmmuseum, AmsterdamDies ist die erste große Retrospektive von Saodat Ismailova. 2024: Schirn Kunsthalle, Frankfurt 2024–2025: Saodat Ismailova - A seed under our tongue, HangarBicocca, Mailand
Filmfestivals
2004: Torino Film Festival, Turin 2004: Milano Film Festival, Mailand 2005: International Film Festival Rotterdam, Rotterdam 2005: Visions du Réel, Nyon 2005: One World Human Rights Festival, Prag