mini|„Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180) Die sieben freien Künste (lateinisch septem artes liberales; kurz auch artes liberales, seltener auch studia liberalia) sind ein in der Antike entstandener Kanon von sieben Studienfächern. Aus diesen freien Künsten bestand traditionell die einem freien Mann ziemende Bildung, ihre Siebenzahl ist aber erst in der Spätantike bezeugt. Im mittelalterlichen Lehrwesen galten sie als Vorbereitung auf das Studium an den Fakultäten für Theologie, Jurisprudenz und Medizin.
Umfang und Gliederung Die freien Künste waren so bezeichnet, um sie gegenüber den praktischen Künsten (Artes mechanicae) als höherrangig zu bewerten. Seneca schreibt in seinem 88. Brief: Quare liberalia studia dicta sint vides: quia homine libero digna sunt („Du siehst, warum die freien Künste so genannt werden: weil sie eines freien Menschen würdig sind“). Als freier Mann galt, wer nicht zum Broterwerb arbeiten musste. Somit konnten nur solche Beschäftigungen würdig sein, die keine Verbindung mit Erwerbstätigkeit hatten.Paul Michel: Ignorantia exilium hominis. In: Martin H. Graf und Christian Moser (Hrsg.): Strenarum lanx. Beiträge zur Philologie und Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Festgabe für Peter Stotz zum 40-jährigen Jubiläum des Mittellateinischen Seminars der Universität Zürich, Zug 2003. Man unterschied bei den freien Künsten das Trivium (Dreiweg) der sprachlich und logisch-argumentativ ausgerichteten Fächer, welche die Voraussetzung für jede Beschäftigung mit der (lateinischen) Wissenschaft bilden, und das weiterführende Quadrivium (Vierweg) der mathematischen Fächer.
Zum Trivium gehörten: Grammatik: Lateinische Sprachlehre und ihre Anwendung auf die Werke der klassischen Schulautoren Rhetorik: Redeteile und Stillehre, ebenfalls mit Beispielen aus den Schulautoren Dialektik bzw. Logik: Schlüsse und Beweise auf der Grundlage des Organons
Zum Quadrivium gehörten: Arithmetik: Zahlentheorie (Zahlbegriff, Zahlenarten, Zahlenverhältnisse) und z. T. auch praktisches Rechnen Geometrie: euklidische Geometrie, Geographie, Agrimensur Musik: Musiktheorie und Tonarten unter anderem als Grundlage der Kirchenmusik Astronomie: Lehre von den Sphären, den Himmelskörpern und ihren Bewegungen, unter Einschluss der Astrologie (Auswirkungen auf die sublunare Sphäre und den Menschen). Bis in das 18. Jahrhundert bildeten Astrologie und Astronomie ein Gebiet, das beide Bezeichnungen tragen konnte. Innerhalb des Gebietes wurde wiederum zwischen beiden Teilgebieten unterschieden.Sybille Paulus, 2005: Wissenschaftliche Textsorten in der italienischen Renaissance: der Sprachwechsel aus dem Lateinischen in der astronomischen, meteorologischen und kosmologischen Literatur. Band 131 von Script Oralia. Gunter Narr Verlag. ISBN 3-8233-6165-1, ISBN 978-3-8233-6165-7. 434 Seiten. S. 51.
mini|Seite aus dem Tübinger Hausbuch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Von links nach rechts die sieben freien Künste mit der Zuordnung zu den sieben Wandelgestirnen, den sieben Wochentagen und den sieben Planetenmetallen:Geometrie: Saturn – Samstag – BleiLogik (anstatt der Dialektik): Jupiter – Donnerstag – ZinnArithmetik (ars metrica): Mars – Dienstag – EisenGrammatik: Sonne – Sonntag – GoldMusik: Venus – Freitag – KupferPhysik (anstatt der Astronomie): Merkur – Mittwoch – QuecksilberRhetorik: Mond – Montag – Silber
Der im 5. Jahrhundert lebende römische Schriftsteller Martianus Capella verfasste De nuptiis Philologiae et Mercurii, das als Lehrbuch der sieben Künste dienen sollte. In dieser Tradition wurden die sieben Künste personifiziert in Form von weiblichen Allegorien und häufig mit folgenden Attributen dargestellt: Grammatik – Rute Rhetorik – Tafel und Griffel; oder auch Lorbeerkranz Dialektik – Schlange oder Hundekopf Arithmetik – Rechenbrett Geometrie – Zirkel, Staubtafel oder Dreieckslineal Musik – Musikinstrument Astronomie – Astrolabium
Eine Sonderstellung nahm eine im 8./9. Jahrhundert publizierte, unter anderem von Alkuin und Hrabanus Maurus zur „Physica“ erweiterte Aufteilung des Quadriviums in die sieben Künste Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie, Astrologie, Mechanik und Medizin ein.Hans H. Lauer: Klostermedizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 758–764, hier: S. 760.
Für die einzelnen Disziplinen existiert ein Merkvers in Hexametern: Gram loquitur, Dia vera docet, Rhe verba colorat, Mus canit, Ar numerat, Geo ponderat, As docet astra. Übersetzung (mit Auflösung der Abkürzungen):
Geschichte Antike Die griechische Tradition bildete in der Antike noch keinen Kanon der freien Künste bzw. „Künste der Freien“ für die freien BürgerHelmut Gebelein: Das Element Feuer in Haushalt und Familie. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Sigmaringen 1991, ISBN 978-3-7995-4156-5, S. 137–151, hier: S. 141–142. heraus. Die vier mathematischen Fächer wurden jedoch bereits von Platon in der Politeia und in den Nomoi im Zusammenhang mit der Ausbildung des idealen Staatsmannes nächst der Philosophie als diejenigen Lehrgegenstände angeführt, die zur Vernunfterkenntnis führen, wobei sich Platon seinerseits bereits auf die Pythagoreer bezieht. Aristoteles unterscheidet drei eines freien Mannes würdige Lebensweisen ( bíoi), die sich alle im Bereich des Schönen abspielen: im Genuss und Verzehr des körperlich Schönen, im Ausüben schöner Taten innerhalb der Polis ( bíos politikós) sowie im Erforschen und Schauen schöngeistiger Dinge ( bíos theoretikós).Hannah Arendt: Vita activa oder vom tätigen Leben. 3. Auflage. R. Piper, München 1983, ISBN 3-492-00517-9, S. 19 (zum Stichwort Lebensweisen). Selbst der bíos theoretikós hatte einen politischen Hintergrund, da es die „Polis“ war, die hier effektiv, durchgreifend, dominant, bestimmend und erfolgreich wirkte. „Theoros“ hieß der Vertreter, den griechische Städte zu den öffentlichen Festspielen entsandten.Jürgen Habermas: Erkenntnis und Interesse. In: Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. 4. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt, Edition 287, 1970 (11968), [1965 Merkur]; S. 146 zu Stw. „Theoros“. Aristoteles verstand Politik als Fortsetzung der Ethik, folglich als die Lehre vom guten und gerechten Leben. Er sah keinen Gegensatz zwischen der in den Nomoi des Platon aufgestellten Verfassung und dem Ethos des bürgerlichen Lebens.Jürgen Habermas: Die klassissche Lehre von der Politik in ihrem Verhältnis zur Sozialphilosophie. In: Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien. 5. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978 (= stw. Band 243), ISBN 978-3-518-27843-7, S. 48–49.
Die freien Künste (artes liberales), entstammend der enkyklios paideia der Sophisten, erfuhren eine enzyklopädische Behandlung erstmals in den Disciplinae des römischen Gelehrten Varro im 1. Jahrhundert v. Chr. Bei Varro kommt aber ebenso wie bei Cicero und Vitruv die Siebenzahl noch nicht vor; vielmehr behandelt er im 8. und 9. Buch auch Medizin und Architektur.
In den hellenistischen Gymnasien wurden die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer nicht unterrichtet, und auch im städtischen Unterrichtswesen der römischen Kaiserzeit gehörten sie nicht zum Lehrstoff. Außerberuflicher Unterricht in diesen Fächern wurde nur in Philosophenschulen angeboten und war daher nur einem kleinen Prozentsatz der Bevölkerung zugänglich. Galenos hielt die freien Künste für die Ausbildung von wirklichen Ärzten für erforderlich.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 12–14. Als fester Kanon von sieben Fächern sind die freien Künste erst in der Spätantike (bei Augustinus und Martianus Capella) bezeugt. Für diese Autoren bestand der Zweck des Wissenserwerbs in den sieben Fächern nicht in schulischer Allgemeinbildung; vielmehr war die Zielrichtung eine philosophische bzw. religiöse Vorbereitung der Seele auf den Aufstieg in die intelligible Welt nach der Lehre des Neuplatonismus bzw. in den Bereich der göttlichen Dinge im christlichen Sinne.Ilsetraut Hadot: Arts libéraux et philosophie dans la pensée antique, 2. Auflage, Paris 2005; Ilsetraut Hadot: Martianus Capella, Mittler zwischen griechisch-römischer Antike und lateinischem Mittelalter. In: Arbogast Schmitt/Gyburg Radke-Uhlmann (Hrsg.): Philosophie im Umbruch, Stuttgart 2009, S. 15–33; Konrad Vössing: Schule und Bildung im Nordafrika der römischen Kaiserzeit, Bruxelles 1997, S. 575 ff. Martianus Capella hebt ausdrücklich hervor, dass Medizin und Architektur nicht zum Kanon gehören. Auch Isidor von Sevilla erklärt in seinen Etymologien, dass die Medizin nicht zu den freien Künsten gehöre, da sie als secunda philosophia deren Studium für den Arzt voraussetze.Hans H. Lauer: Klostermedizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 758–764; hier: S. 760.
Mittelalter Dem Mittelalter wurden die sieben freien Künste in enzyklopädischer Form vor allem durch Martianus Capella vermittelt, in dessen Lehrgedicht Von der Hochzeit Merkurs und der Philologie diese Künste als Brautjungfern auftreten und ihr Lehrwissen als Hochzeitsgaben ausbreiten, sowie durch Cassiodor und durch Isidors Einarbeitung des Lehrstoffs in seine Etymologiae. Hinzu kamen in einzelnen Fächern als grundlegende Lehrwerke der Antike etwa für die Grammatik die Ars minor und Ars maior des Donatus, für die Rhetorik die (fälschlicherweise) Cicero zugeschriebene Rhetorica ad Herennium, für die Arithmetik und Musik die beiden Institutiones von Boëthius und für die Dialektik dessen Übersetzungen und Kommentare zu Schriften aus dem aristotelischen Organon.
Der Unterricht in den Artes liberales stand als ein Propädeutikum zwischen dem Elementarunterricht (Lesen und Schreiben mit elementaren Lateinkenntnissen, Rechnen, Singen) und den eigentlichen wissenschaftlichen Studien, bei denen im Frühmittelalter die Theologie den ersten Rang hatte. Den Stoff der Artes oder Teile davon vermittelten zunächst die Kloster-, Dom- und Kathedralschulen sowie städtische Bildungseinrichtungen und freie Magister. Mit der Entstehung der Universitäten wurde die Artistenfakultät (Facultas Artium) als eine der vier Fakultäten (zusammen mit Theologie, Recht, Medizin) in das Studium Generale integriert und wurde damit zur Vorläuferin der Philosophischen Fakultät, unter deren Namen sie zum Teil schon seit dem 15. Jahrhundert weitergeführt wurde.
Bereits im Lehrbetrieb der scholastischen Artistenfakultäten veränderte sich der Lehrstoff der Artes liberales erheblich und nahm vor dem Hintergrund neuer Übersetzungen der Schriften des Aristoteles und seiner arabischen Kommentatoren vor allem philosophische Inhalte auf. Rhetorik und Musik traten in den Hintergrund, desgleichen Grammatik, sofern sie nicht im Rahmen der Beschäftigung mit den modi significandi als eine Art Sprachlogik weitergeführt wurde, während die Dialektik an Bedeutung gewann und die im weitesten Sinn naturwissenschaftlichen Artes zu einem Studium in theoretischer (Physik, Metaphysik) und praktischer Philosophie (Ethik, Ökonomie, Politik) ausgebaut wurden.