mini|Schmuckblatt des Lieds von 1870 An mein Vaterland (in einer späteren Version: An das Vaterland, alternative Liedtitel: Ans Vaterland, Mein Heimatland, Incipit: «O mein Heimatland! O mein Vaterland!») ist ein 1843 entstandenes und 1846 erstmals erschienenes patriotisches Gedicht von Gottfried Keller. Es wurde 1848 von Wilhelm Baumgartner vertont. Bis zur Einführung des Schweizerpsalms als offizieller Landeshymne 1961 galt das Lied als eine der inoffiziellen Nationalhymnen der Schweiz. Wie auch Rufst du, mein Vaterland wurde es oft bei Staatsakten gesungen.

Text

Druckfassungen Der Text liegt in zwei leicht divergierenden autorisierten Druckfassungen vor. Die erste erschien 1846 in Gedichte, die zweite 1883 in den Gesammelten Gedichten. Varianten sind kursiv hervorgehoben.

An mein Vaterland (Fassung 1846)

O mein Heimatland! O mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb’ ich Dich! Schönste Ros’, ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, Königsglanz mit Deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob Dir vergaß: Wie war da der Bettler stolz auf Dich!

Als ich fern Dir war, o Helvetia! Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; Doch wie kehrte schnell es sich in Freud’, Wenn ich Einen Deiner Söhne sah!

O mein Schweizerland, all’ mein Gut und Hab’! Wenn dereinst mein banges Stündlein kommt, Ob ich Schwacher Dir auch Nichts gefrommt: Nicht versage mir ein stilles Grab!

Werf’ ich ab von mir dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott dem Herrn: «Lasse strahlen Deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland!» An das Vaterland (Fassung 1883)

O mein Heimatland! O mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb’ ich dich! Schönste Ros’, ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, Königsglanz mit deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob dir vergaß, Wie war da der Bettler stolz auf dich!

Als ich fern dir war, o Helvetia! Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; Doch wie kehrte schnell es sich in Freud’, Wenn ich einen deiner Söhne sah!

O mein Schweizerland, all’ mein Gut und Hab! Wann dereinst die letzte Stunde kommt, Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, Nicht versage mir ein stilles Grab!

Werf’ ich von mir einst dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott dem Herrn: «Lasse strahlen deinen schönsten Stern Nieder auf mein irdisch Vaterland!»

Entstehung mini|Gottfried Keller

O mein Vaterland ist eines der frühesten überlieferten Gedichte Kellers. Er schrieb es am 13. September 1843, mit 24 Jahren, im ersten Schreibbuch (Ms. GK 3) nieder. Zwei Ereignisse in Kellers Leben waren massgeblich für die Entstehung des Gedichtes.

Im April 1840 war er, 20-jährig, hoffnungsvoll nach München im Königreich Bayern aufgebrochen, um sich als Maler zu etablieren. Zweieinhalb Jahre später, im November 1842, musste er unverrichteter Dinge, mittellos und niedergeschlagen wieder nach Zürich zurückkehren. Der Eindruck des Scheiterns und einer vertanen Jugend nagte schwer an seinem Selbstbewusstsein. Dies spiegelt sich in jenen Versen wider, wo sich das lyrische Ich als «arm», «Bettler» und «Schwacher» inszeniert. Die Erfahrung des Fremdseins in einer Monarchie fernab seiner heimischen Republik verarbeitete Keller in der zweiten und dritten Strophe.

Im Juli 1843 las Keller zum ersten Mal Anastasius Grüns Schutt. Dichtungen (1835) und Georg Herweghs Gedichte eines Lebendigen (1841), pathetische, überladene Vormärzlyrik, die er fortan begeistert imitierte und die ihn zur politischen Radikalisierung animierte. Sie prägte auch Duktus und Habitus von An mein Vaterland.

Keller nahm an den politischen Entwicklungen der Regenerationszeit regen Anteil. Bereits 1839 war er anlässlich des Züriputsches den Liberalen zur Hilfe geeilt. 1844 und 1845 nahm er an den Zürcher Freischarenzügen gegen Luzern teil. Er war damals noch gläubig, was sich in der letzten Strophe zeigt. Erst 1849 vollzog er durch seine Bekanntschaft mit Ludwig Feuerbach seine «Wende zur Diesseitigkeit».

Keller nahm An mein Vaterland 1846 in seine erste Sammlung Gedichte auf. Das Gedicht bildet hier den Auftakt zur Gruppe Schweizerisches (in der Abteilung Vermischte Gedichte), deren sechs weitere Gedichte, wie sich Walter Morgenthaler ausdrückte, «wenig Erbauliches zur Sprache bring[en]». Waldstätte richtet sich höhnisch gegen die vier Urschweizer Kantone, die dem Konservatismus verfallen seien und nun «wie vier Leichen» dalägen. In Loyolas wilde verwegene Jagd wettert Keller gegen die Jesuiten, in Pietistenwalzer gegen das «paradiesisch[e] Gesindel» der Pietisten, im Apostatenmarsch gegen die konservativen Kantone. Den Kranz schliessen zwei Gelegenheitsgedichte: Auf Martin Distelis Tod besingt den am 18. März 1844 verstorbenen liberalen Polemiker Martin Disteli, Bei Robert Steigers Befreiung und Ankunft in Zürich den Luzerner liberalen Politiker Jakob Robert Steiger, der für seine Teilnahme an den Freischarenzügen zunächst zum Tode verurteilt wurde, dann fliehen konnte und in Zürich frenetisch empfangen wurde. Beide sind voller Schmähungen gegen die Konservativen. Inmitten dieser geifernden Polemik nimmt sich An mein Vaterland als «Widerspruch» und Kontrast aus, solcherlei Spannungen sind aber typisch für die gesamte Sammlung.

Für die 1883 erschienenen Gesammelten Gedichte strich Keller Waldstätte, Pietistenwalzer und Bei Robert Steigers Befreiung. Apostatenmarsch, Auf Maler Distelis Tod und Loyolas wilde verwegene Jagd (als Jesuitenzug) verlagerte er in die Abteilung Pandora (Antipanegyrisches). An mein Vaterland (nun als An das Vaterland), das damals bereits eines seiner beliebtesten Gedichte war, stellte er wiederum der 22 Gedichte umfassenden Abteilung Festlieder und Gelegentliches voran, «die der Harmonie das Wort zu reden scheinen, aber tatsächlich die ihnen innewohnenden Ambivalenzen nur notdürftig verdecken».

Form Das Gedicht besteht aus fünf (in den Auftaktversen variierten) Vierzeilern mit 5-hebigem Trochäus und durchgehend männlicher Kadenz. Die Strophenform erschien erstmals im Biedermeier der 1830er Jahre. Weil sie «keine fliessende Bewegung ermöglicht, denn die Betonungen am Versende und Versanfang hemmen den Zeilensprung», wurde sie nie wirklich populär und vornehmlich «zum Ausdruck der Ruhe, Schwere und Müdigkeit, der Trauer, Klage und Sehnsucht» verwendet.Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. Hanser, München 1980, S. 282. Mit Paarreim führte sie Anastasius Grün im Gedicht Die Leidtragenden (1833) ein, die Entdeckung ihrer «besonderen lyrischen Ausdrucksmöglichkeiten» war aber den Schweizern Keller (in Abendlied) und C. F. Meyer (in Schwüle) vorbehalten. Mit Kreuzreim führte sie Keller selbst im Gedicht Winternacht (1851) ein, blieb aber vorerst ohne Nachfolger. Erst 1887 wurde die Strophe von Heinrich Hart in Nachdichtungen des persischen Poeten Feisi wiederaufgenommen.Horst Joachim Frank: Handbuch der deutschen Strophenformen. Hanser, München 1980, S. 284. Die Variante mit umarmendem Reim, die An mein Vaterland zugrunde liegt, ist so selten, dass sie in Horst Joachim Franks Standardwerk Handbuch der Strophenformen nicht erwähnt wird. Keller verstärkte den Eindruck der metrischen Starre zusätzlich, indem er in den ersten Versen jeweils eine pentameterartige Zäsur einfügte: x́ x x́ x x́ || x́ x x́ x x́ x́ x x́ x x́ x x́ x x́

x́ x x́ x x́ x x́ x x́

x́ x x́ x x́ x x́ x x́O mein Heimatland! || O mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb’ ich Dich!

Schönste Ros’, ob jede mir verblich,

Duftest noch an meinem öden Strand!

Handschriftliche Fassung Die handschriftliche Fassung enthielt zwischen der vierten und fünften Strophe zwei weitere Strophen, die für den Druck gestrichen wurden. Ausserdem waren nur die Binnenverse gereimt, für den Druck wurden die Aussenverse zwecks eines zusätzlichen Reims umgeschrieben. In der zweiten und dritten Strophe gelang das einigermassen elegant und ohne grosse inhaltliche Zugeständnisse, in den anderen drei ergaben sich ungelenke Konstrukte.

Um einen Reim auf Vaterland zu generieren, schrieb Keller die Schlussverse der ersten Strophe: «Heller Stern, wenn jeder mir verblich[,] / leuchtest mir noch Trost und Hoffnung zu», zu: «Schönste Ros’, ob jede mir verblich, / Duftest noch an meinem öden Strand!», um. Nun ist Strand zwar seit dem 17. Jahrhundert als poetische Metapher «für den Ort außerhalb des eigentlichen Elementes, des Lebens usw.» belegt und gerade der öde Strand galt als «besonders poetisch», Autoren verblieben bei weiterer Ausgestaltung aber in der Regel in der Meeresmetaphorik, so Goethe in Trauerloge von 1816 mit Dünen und Stürmen («An dem öden Strand des Lebens, / Wo sich Dün auf Düne häuft, / Wo der Sturm im Finstern träuft, / Setze dir ein Ziel des Strebens») oder Tieck in der Erzählung Das grüne Band von 1792 mit einem Schiffbruch («Die Welt […] ist mir ein öder Strand, an den mich ein unglücklicher Schiffbruch warf»). Die duftende, «schönste» Rose bei Keller ist dabei inkohärent. Ausserdem beliess Keller das Verb verbleichen, das in der Bedeutung «Glanz und Helligkeit verlieren und allmählich unsichtbar werden» eine feste Kollokation zu Himmelskörpern wie Mond und Sternen, nicht aber zu Blumen bildet.

Um einen Reim auf Grab zu generieren, änderte Keller den ersten Vers der vierten Strophe: «O mein Schweizerland! du mein Vaterland!», zu: «O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab». Die Inversion des stehenden Ausdrucks Hab und Gut wirkt unnatürlich und hat nur wenig Parallelen bei anderen Autoren. Die prominenteste findet sich in Goethes Gedicht Begräbnis, wo ebenfalls etwas ungelenk auf Grab gereimt wird («Ein Mägdlein trug man zur Tür hinaus / Zu Grabe; / Die Bürger schauten zum Fenster heraus, / Sie saßen eben in Saus und Braus / Auf Gut und Habe.»)

In der letzten Strophe brauchte es einen Reim zu Vaterland, mit dem das Gedicht zyklisch schliesst. Zu diesem Zweck änderte Keller den Nebensatz im ersten Vers: «Wann aus Grabesnacht ich einst aufersteh’», zu: «Werf’ ich ab von mir dies mein Staubgewand». Damit kreierte er eine unschöne Inversion (mit regulärer Syntax: «Werfe ich (dies) mein Staubgewand von mir ab»). Das «Staubgewand» wirkt gesucht. Es bezeichnet ursprünglich ein mit Staub bedecktes oder zum Schutz gegen den Staub verwendetes Gewand und hier im übertragenen Sinne den menschlichen Körper, «welcher gleichsam das irdische Gewand der unsterblichen Seele bildet». Schliesslich wird auch ein ganz anderes Bild eingeführt und die Todesmetapher aus der vorangegangenen Strophe einfach wiederaufgenommen («Wenn dereinst mein banges Stündlein kommt»), wohingegen das Gedicht in der handschriftlichen Fassung in der Auferstehung am Jüngsten Gericht kulminiert.

Inhalt