mini|Darstellung von Yuknoom Ch'een II. als Ballspieler auf Block VIII der Hieroglyphentreppe von La Corona. Die Darstellung bezieht sich auf ein gemeinsames Ballspiel mit Sak Maas von La Corona im Jahr 635. Yuknoom Ch'een II. (auch Yuknoom der Große; * 11. September 600;Die Daten sind im gregorianischen Kalender angegeben. † wahrscheinlich Anfang 686) war ein Maya-König aus der Kaan-Dynastie, der von 636 bis 685 oder 686 regierte. Er war der erste König aus der Kaan-Dynastie, der von Calakmul aus herrschte.
Yuknoom Ch'een II. setzte sich 636 in einem Bürgerkrieg als neuer König der Kaan-Dynastie durch und verlegte den Sitz der Dynastie weg vom vorherigen Machtzentrum Dzibanché. Das neue Zentrum Calakmul wurde insbesondere durch die Errichtung eines großen königlichen Hofs stark verändert. Unter Yuknoom Ch'eens Herrschaft dominierte die Kaan-Dynastie große Teile des Maya-Tieflands und kontrollierte so wichtige Handelsrouten in das Hochland von Guatemala und in die Ebene von Tabasco. Im Süden und Westen weitete er seine Hegemonie u. a. auf Cancuén und Moral Reforma aus, die an zentralen Punkten der Handelsrouten lagen. Den Rivalen Tikal konnte er in mehreren Konflikten in zwei verfeindete Fraktionen spalten und weitgehend isolieren. In Naranjo setzte er 682 die Tochter eines verbündeten Herrschers als neue Regentin ein.
Quellenlage Yuknoom Ch'een II. ist nur aus in der Maya-Schrift verfassten Texten aus der Späten Klassik (ca. 600–900 n. Chr.) bekannt. Quellen in anderen mesoamerikanischen Sprachen (z. B. Nahuatl) oder gar spanischsprachige Aufzeichnungen früher Konquistadoren über ihn liegen nicht vor. Bei den Texten, die ihn erwähnen, handelt es sich überwiegend um öffentliche Inschriften, insbesondere auf Stelen, teilweise aber auch auf anderen öffentlichen Monumenten wie etwa Hieroglyphentreppen oder Altären. Daneben gibt es zum Teil auch kleinere Objektquellen wie beschriebene Keramiken oder Jadeobjekte. Wahrscheinlich existierten in der Späten Klassik zudem Codices mit historischen Aufzeichnungen. Sie sind allerdings, wenn es sie gegeben haben sollte, nicht mehr erhalten, da sie in dem feuchten Klima zerfallen sind oder später von spanischen Priestern wie Diego de Landa gezielt vernichtet wurden.
Da sowohl öffentliche Inschriften als auch beschriebene Kleinobjekte im Auftrag der Eliten entstanden, spiegeln die verfügbaren Quellen eine offizielle Geschichtsschreibung aus der Sicht des Herrscherhauses des jeweiligen Stadtstaates wider, in dem die Inschriften und die Kleinobjekte erstellt wurden. Die Texte berichten daher häufig über zentrale Ereignisse in dem Leben der Herrscher (Geburt, Thronbesteigung, Tod), militärische Erfolge (aber nur selten Misserfolge) gegen andere Stadtstaaten, diplomatische Kontakte zu anderen Herrschern (z. B. gemeinsames Ballspielen) sowie Feste (religiöse Feste, Opferungen) und Periodenenden (z. B. das Ende von Zwanzigjahresperioden), die der jeweilige Herrscher des Stadtstaates begangen hat. Motivationen und Hintergründe der Ereignisse bleiben gewöhnlich unerwähnt und unterliegen daher den Deutungen der Forschung. Viele Ereignisse sind nur aus retrospektiven Erwähnungen bekannt, die teils erst Jahrzehnte nach dem Ereignis aufgeschrieben wurden.
mini|Hieroglyphentreppe in Dos Pilas Besonders an Yuknoom Ch'een II. im Vergleich zu den meisten anderen Maya-Herrschern ist, dass lesbare Quellen weitestgehend nicht aus seinem eigenen Stadtstaat Calakmul, sondern aus anderen Stadtstaaten stammen. Yuknoom Ch'een II. ließ zwar zahlreiche beschriebene Stelen in Calakmul errichten, aber weil sie aus Kalkstein bestehen, sind sie in dem feuchten Klima des Maya-Tieflands stark verwittert und deshalb nur selten noch lesbar. Da Texte aus anderen Stadtstaaten Yuknoom Ch'een II. nur dann erwähnen, wenn er z. B. aufgrund diplomatischer Kontakte relevant für den eigenen Stadtstaat ist, bieten die Quellen weitaus mehr Informationen über die Außenpolitik als über Ereignisse innerhalb des Stadtstaats Calakmul (z. B. Feste). Für die Ereignisse, die zu Yuknoom Ch'eens Herrschaftsantritt führten, ist die wichtigste Quelle die Hieroglyphentreppe von Naranjo, die 642 von K'an II., einem engen Verbündeten von Yuknoom Ch'een II., in Caracol errichtet wurde. Nach einer Niederlage Caracols gegen Naranjo im Jahr 680 wurde diese Hieroglyphentreppe abmontiert und zum Teil in andere Städte gebracht. Fragmente wurden zuerst 1905 in Naranjo, später auch in Caracol, Ucanal und zuletzt 2016 in Xunantunich gefunden. Über die Konflikte mit Tikal berichten vor allem die Hieroglyphentreppen 2 und 4 von Dos Pilas und andere Monumente in dieser Stadt, die von Yuknoom Ch'eens Vasall Bajlaj Chan K'awiil bzw. dessen Nachfolger in den 680er und 690er Jahren errichtet wurden. Darüber hinaus berichten viele Inschriften aus der kleinen Stadt La Corona, die ebenfalls enge Beziehungen zu Yuknoom Ch'een II. hatte, über dessen Leben.
Das Leben von Yuknoom Ch'een II. ist erst etwa ab den 1980er Jahren mit der zunehmenden Entzifferung der Maya-Schrift erschlossen worden. Neue Funde wie z. B. 2016 in Xunantunich und Neuinterpretationen bekannter Inschriften können den Forschungsstand teilweise stark verändern. Zu den Forschern, die zu der Rekonstruktion von Yuknoom Ch'eens Leben beigetragen haben, zählen u. a. Simon Martin, Nikolai Grube, David Stuart und Christophe Helmke.
Namen und Titel
Namen mini|Schreibung von Yuknoom Ch'een in Maya-Hieroglyphen als yu[ku] CH'EEN-na In zeitgenössischen Inschriften wird der Herrscher Yuknoom Ch'een genannt. Der Namensbestandteil Yuknoom (mit Silbenzeichen geschrieben als yu[ku-]no-maSilbenzeichen werden hier mit Minuskeln und Logogramme mit Majuskeln transliteriert. Infigierte Zeichen stehen in eckigen Klammern. oder einfach nur yu[ku]) ist wahrscheinlich ein von dem Verb yuk „erschüttern“ abgeleitetes Nomen Agentis und bedeutet „Erschütterer“, während Ch'een (logographisch als CH'EEN bzw. mit einem phonetischen Komplement -na als CH'EEN-na geschrieben) „Höhle“ oder „Tempel“ bedeutet. Somit bedeutet der Name wahrscheinlich „Höhlenerschütterer“ oder „Tempelerschütterer“. Dieser Name weist auf die Zugehörigkeit des Namensträgers zu der Kaan-Dynastie hin. Yuknoom ist ein häufiger Namensbestandteil in dieser Dynastie, der u. a. auch in den Namen des vorhergehenden Herrschers Yuknoom Ti' Chan (um 619) sowie der nachfolgenden Herrscher Yuknoom Yich'aak K'ahk' (686–698) und Yuknoom Took' K'awiil (698–731) vorkommt. Bereits im fünften Jahrhundert gab es darüber hinaus einen anderen Herrscher aus der Kaan-Dynastie mit dem Namen Yuknoom Ch'een. In der modernen Forschung wird der Yuknoom Ch'een des 7. Jahrhunderts daher in Abgrenzung zu dem früheren Herrscher gleichen Namens als Yuknoom Ch'een II. oder (infolge seiner langen und erfolgreichen Regierungszeit) auch als Yuknoom der Große bezeichnet.
Die Inschriften erwähnen für die Zeit von 630 bis 636 einen Yuknoom „Head“ (mit einer unklaren Lesung des zweiten Namensbestandteils), dessen militärische Erfolge in diesen Jahren offenbar in enger Verbindung zu der Thronbesteigung von Yuknoom Ch'een II. im Jahr 636 stehen. Es ist keine Inschrift bekannt, die Yuknoom „Head“ und Yuknoom Ch'een II. als unterschiedliche Akteure kennzeichnet. Der Mayanist Simon Martin mutmaßt daher, dass Yuknoom „Head“ ein alternativer Name von Yuknoom Ch'een II. vor dessen Thronbesteigung sein könnte.
Titel mini|Wichtige Titel in Maya-Hieroglyphen mini|Emblemhieroglyphe der Kaan-Dynastie Yuknoom Ch’een II. trägt in den Inschriften gewöhnlich den Titel „göttlicher König (k’uhul ajaw) von Kaanu’l“, die sogenannte Emblemhieroglyphe, die ihn als Gottkönig aus der Kaan-Dynastie ausweist. Das Hauptzeichen dieser Emblemhieroglyphe, das die Kaan-Dynastie von anderen Maya-Dynastien unterscheidet, ist ein Schlangenkopf (das Logogramm KAAN für „Schlange“) mit einer Fischflosse (dem Silbenzeichen ka-, das als phonetisches Komplement dient) davor. Zusätzlich zu dieser Emblemhieroglyphe trägt er häufig den exklusiveren und höherrangigen Titel kaloomte’. Der Kaloomte’-Titel wird oft durch eine Himmelsrichtung näher bestimmt. Während einer seine Vorgänger den Titel „Kaloomte’ des Ostens“ (elk’in kaloomte’) trug, bezeichneten sich die Kaan-Herrscher in Calakmul ab Yuknoom Ch'een II. als „Kaloomte’ des Westens“ (ochk’in kaloomte’).
Die beiden grundlegenden Titel „König“ (ajaw) und „Kaloomte’“ werden teilweise auch durch Alters- oder Ortsangaben ergänzt. So bezeichnet ein Text aus Zapote Bobal Yuknoom Ch'een II. am Ende seiner Regierungszeit als „5-K’atun-König“ (ho’ winikhaab ajaw), d. h. als einen König, der in dem fünften K'atun (= 20 × 360 Tage) seines Lebens (also mindestens 78 Jahre alt) ist. Ein Panel aus Cancuén bezeichnet ihn als „Kaloomte’ von Calakmul“ (uxte’ tuun kaloomte').
Leben Herkunft und frühe Jahre (ca. 600–611 n. Chr.) mini|Tempel der Eule in Dzibanché, dem Sitz der Kaan-Dynastie in Yuknoom Ch'eens Kindheit mini|Karte des Maya-Tieflands Yuknoom Ch'een II. wurde am 11. September 600 geboren. Es gibt keine sicheren Informationen darüber, wer seine Eltern waren. Wahrscheinlich war Yuknoom Ch'een II. nicht der Sohn des 630 verstorbenen Königs Tajoom Uk'ab K'ahk', dessen Blutlinie mit seinem Tod möglicherweise ausstarb. Die unter Yuknoom Ch'een II. errichtete Stele 33 in Calakmul verknüpft sein Geburtsdatum mit einem Kalenderjubiläum im Jahr 593 und verschiedenen weiteren Ereignissen unter dem etwas früheren Herrscher „Scroll Serpent“ aus der Kaan-Dynastie, der von 579 bis mindestens 611 regierte. Das ist von Simon Martin als Hinweis gedeutet worden, dass Yuknoom Ch'een II. ein Sohn von „Scroll Serpent“ und dessen Frau war, deren noch nicht sicher lesbarer Name als eine Hand mit Seerose geschrieben wird.
Wie sein mutmaßlicher Vater „Scroll Serpent“ beansprucht Yuknoom Ch'een II., aus der Kaan-Dynastie zu stammen. Bei seiner Geburt lag der Sitz dieser Dynastie wahrscheinlich in der relativ weit nördlich gelegenen Stadt Dzibanché im Süden des heutigen mexikanischen Bundesstaats Quintana Roo. Im 6. Jahrhundert war Dzibanché zum wohl mächtigsten Stadtstaat des Maya-Tieflands aufgestiegen, der u. a. 562 das zuvor mächtige Tikal vernichtend geschlagen hatte. In dieser Zeit kontrollierte die Kaan-Dynastie mehrere Vasallenstaaten, darunter Naranjo und Caracol. Kurz vor Yuknoom Ch'eens Geburt (599) und ein weiteres Mal in seiner Kindheit (611) griff Dzibanché unter „Scroll Serpent“ das weit entfernte Palenque an. Dabei handelt es sich um die Angriffe mit der größten Entfernung von dem Sitz einer Dynastie, die aus dem Maya-Tiefland bekannt sind.
Politische Instabilität und Herrschaftsantritt (ca. 611–636 n. Chr.) mini|„Sternenkrieg“ gegen Naranjo. Mit diesen Glyphen wird die vernichtende Niederlage Naranjos gegen Yuknoom „Head“ im Jahr 631 geschrieben. Nach dem Tod von „Scroll Serpent“ zwischen 611 und 619 scheint es zu einer Phase der politischen Instabilität gekommen zu sein. Bis 636 gab es mindestens drei unterschiedliche Herrscher aus der Kaan-Dynastie, die jeweils nur wenige Jahre regiert zu haben scheinen. Darüber hinaus verstarb 615 der loyale Vasallenherrscher Ajnumsaaj Chan K'inich, der seit 546 unter der Oberherrschaft der Kaan-Dynastie über Naranjo geherrscht hatte. In der Folge löste sich Naranjo zwischen 615 und 626 von der Hegemonie der Kaan-Dynastie. 626 siegte das weiterhin loyale Caracol wohl im Auftrag der Kaan-Dynastie über Naranjo. 627 erlitt Naranjo eine weitere Niederlage in einem Ort namens Tzam, an der auch ein zu diesem Zeitpunkt nicht regierendes Mitglied aus der Kaan-Dynastie namens Yuknoom „Head“ beteiligt war. Erst 631 besiegte Yuknoom „Head“ Naranjo endgültig und ordnete es wieder in das Vasallensystem der Kaan-Dynastie ein. Nach Christophe Helmke und Sergei Vepretskii kämpften bei diesem Sieg Truppen aus Calakmul an der Seite von Yuknoom „Head“.