Ein Stampfrohr, veraltet Stampftrommel, Stoßtrommel, Klangrohr, Aufschlagrohr, englisch stamping tube, französisch bâton de rythme, ist eine einseitig an der Unterseite geschlossene Röhre aus Bambus, seltener aus einer Kalebasse („Schlagkürbis“) oder aus Holz, die senkrecht auf den Boden oder auf eine andere Fläche gestampft wird und rhythmische Schläge produziert. Anders als ein nur als Perkussionsinstrument dienender Stampfstock wird bei einem Stampfrohr die Luft im Innern in Schwingungen versetzt, sodass ein heller oder dumpfer Ton von bestimmter Höhe entsteht. Mehrere Musiker mit unterschiedlich gestimmten Stampfrohren können diese als Melodieinstrument einsetzen: je länger die Röhre, desto tiefer der Ton. Stampfrohre werden in der zeremoniellen Musik oder zur Unterhaltung für die Begleitung von Gesängen und Tänzen hauptsächlich in Ozeanien, Südostasien, Afrika, in der Karibik und in Südamerika verwendet.
Instrumentenkundlich gehören Stampfrohre primär zu den Aufschlagidiophonen. Sie unterscheiden sich von beidseits offenen Rohren, die, mit einer elastischen Platte auf die obere Offnung geschlagen, einen dumpfen Ton von bestimmter Höhe erzeugen und wegen der direkten Anregung der Luftsäule in der Röhre unabhängig von der Hornbostel-Sachs-Systematik primär den Explosivaerophonen zugeordnet werden können.
Eng verwandt mit dem Stampfrohr ist die in Melanesien auf eine Wasseroberfläche aufgeschlagene Wassertrommel, die auch Stampftrommel genannt wird. mini|Bambusstampfrohr tongatong auf der philippinischen Insel Luzon
Herkunft mini|Kirikoraha-Zeremonie der Veddas für ein gutes Gelingen der Jagd. Tanz der Männer um einen in den Boden gesteckten Jagdbogen, bei dem sich die Tänzer mit den Händen auf verschiedene Körperteile schlagen. Sri Lanka, 1911 Am Beginn der musikalischen Äußerung stand nach Curt Sachs (1943) der aus Wörtern entwickelte Gesang, dessen Melodie zwischen zwei Tönen pendelt. Als nächste Strukturierung des Gesangs wurde ein regelmäßiger rhythmischer Puls eingeführt.Curt Sachs: The Rise of Music in the Ancient World. East and West. W.W. Norton & Co., New York 1943, S. 32, 45
Das älteste rhythmische Ausdrucksmittel des Menschen ist das Händeklatschen. Allgemein stehen Schlagen auf den eigenen Körper und Stampfen mit den Füßen am Beginn der Instrumentalmusik. Tänzer, Sänger oder deren Publikum sorgen so für die einfachste rhythmische Begleitung. Der britische Seefahrer und Geograph Frederick William Beechey erlebte in den 1820er Jahren einen abendlichen Tanz auf Tahiti in Französisch-Polynesien, bei dem die in einer Reihe aufgestellten Tänzer mit den Füßen auf den Boden stampften und sich mit den Händen auf die Schenkel klopften, bevor sie sich in einem kriegerisch aussehenden Tanz wild zu drehen begannen.Frederick William Beechey: Narrative of a Voyage to the Pacific and Beering’s Strait, to Co-operate With the Polar Expeditions Performed in His Majesty’s Ship Blossom Under the Command of Captain F. W. Beechey R. N. in the Years 1825, 1826, 1827, 1828. 2 Bände, Colburn & Bentley, London 1831, S. 303 Eine korinthische Vasenmalerei aus dem Antiken Griechenland (um 600 v. Chr.) zeigt Tänzer, die mit einer Hand auf ihr Gesäß schlagen. Bei einem bis in die 1890er Jahre zu beobachtenden Zeremonialtanz der zu den kanadischen First Nations gehörenden Slavey bewegte sich ein Tänzer um ein Feuer und schlug sich mit der Tatze des soeben getöteten Bären auf sein Gesäß. Häufiger war die Kombination aus stampfenden Schritten und Schenkelklopfen zur rhythmischen Begleitung von Tänzen oder Liedern.Theodore A. Seder, 1952, S. 3 Mehrere Männer der Veddas in Sri Lanka schlugen sich beim Bogentanz, bei dem sie um einen in den Boden gesteckten Jagdbogen herumschritten, abwechselnd mit den Händen auf den Bauch, die Oberschenkel und das Gesäß. Dieser pantomimische Kirikoraha-Zeremonialtanz sollte für die Jäger das Wohlwollen der Geister sichern.Charles Gabriel Seligman, Brenda Zara Seligman: The Veddas. University Press, Cambridge 1911, S. 218–223; Foto Tafel XXXIII, Abb. 2 Eine als Sitztanz ausgeführte Form des Hula auf Hawaii war der pa’i-umauma (aus pa’i, „schlagen“ und umauma, „Brust“), bei dem die Tänzer energisch den Oberkörper bewegten, sich auf die Brust schlugen und sangen.Nathaniel Bright Emerson: Unwritten Literature of Hawaii. The Sacred Songs of the Hula. Government Printing Office, Washington 1909, S. 202 Über Brustschlagen mit den Handflächen bei Tänzen wird auch von anderen pazifischen Inseln und bei Indianern in Amerika berichtet.Theodore A. Seder, 1952, S. 5
Das Stampfen mit den Füßen ist unmittelbarer mit den Körperbewegungen beim Tanzen verbunden als das Händeklatschen. Ritualtänze können durch Stampfen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und durch Gesang bei den Teilnehmern eine große emotionale Intensität hervorrufen. Das weit verbreitete ritualisierte Fußstampfen gehörte häufig zu Initiationszeremonien. Bei der Pubertätszeremonie der Larrakia, einer Aborigines-Gruppe im nordwestlichen Australien, stoßen die Mädchen anhaltende Schreie aus und stampfen bei einem Gruppentanz. Auch bei der Corroboree-Zeremonie der Aborigines wird mit den Füßen gestampft. Bei einem Kriegstanz in Neuseeland sollte das Stampfen die Beteiligten vor der Schlacht in Angriffsstimmung versetzen. Krieger der Tsonga im südlichen Afrika stampften im Rhythmus während der Amtseinführung eines Häuptlings und schlugen zugleich mit einem Stock auf ihren Kampfschild, der mit einer als Trommelmembran fungierenden Tierhaut bespannt war.
Rhythmisches Fußstampfen begleitete allgemein Gesänge und Tänze bei zeremoniellen Anlässen. So schlagen beispielsweise Tänzer an der Nordküste Westneuguineas und auf der vorgelagerten Insel Biak bis heute bei einem Typ von zeremoniellen Tanzliedern (wor)Wor Cultural Traditions of Biak, Papua. West Papua Voice, 11. Mai 2024 Sanduhrtrommeln. Bei einem anderen, früher bei Heilungszeremonien aufgeführten Typ von Tanzliedern (mon) bewegten sich die Sänger und Tänzer auf einer Bambusplattform, während der Heilungspriester in Trance verfiel. Einwohner der Insel Misool vor der Südküste Westneuguineas stampften ähnlich rhythmisch auf einer Bambusplattform. Mehrere Völker im südlichen Bezirk Sorong stampften mit leicht gebeugten Knien in gleichbleibendem Tempo auf einer Plattform von einem auf das andere Bein.Vida Chenoweth: Irian Jaya Province of Indonesia. In: Garland Encyclopedia, Band 9, 1998, S. 581f Dies verweist auf entsprechende doppelte Schlagfolgen im Wechsel, die häufig mit zwei unterschiedlich langen Stampfrohren produziert werden.
Neben dem rhythmischen gibt es auch ein außermusikalisches Fußstampfen. Für die nordamerikanischen Indianer teilt Theodore A. Seder (1952) das außermusikalische Fußstampfen in vier funktionelle Kategorien ein: mini|Gummistiefel-Stampftanz in Südafrika mini|Stampftanz Zapateo im mexikanischen Bundesstaat Tabasco Fußstampfen als symbolische Aktion mit magischer Bedeutung in einem Ritual, etwa als Reinigungshandlung vor der Kontaktaufnahme mit jenseitigen Mächten. Im Rahmen von Traditionsveranstaltungen ein als Brauchtum praktiziertes Fußstampfen, dessen ursprünglich magische Bedeutung verloren gegangen ist. Magische Rituale der Eskimo an der Beringstraße, die in einem Zusammenhang mit Nahrungsmitteln stehen. Fußstampfen als Teil eines pantomimischen Spiels zur Unterhaltung, wenn etwa die Bewegung eines Bären oder Bisons nachgeahmt werden soll.Theodore A. Seder, 1952, S. 7–10
Schlagen erfolgt aus einer Drehbewegung des Arms oder der Hand und Stampfen ist ein lineares Stoßen. Körperschläge, also rhythmisches Stampfen mit dem Körper und Schläge gegen den Körper, zählt Curt Sachs (1928) zum kulturellen „Urbesitz“ seit der Steinzeit.Curt Sachs, 1928, S. 7
Mit Stöcken in den Händen, die auf Gegenstände schlagen, und mit Stampfrohren, die anstelle der Füße auf den Boden gestampft oder mit Holzstangen, die auf ein Brett gestampft werden, lassen sich die körperlichen und rhythmischen Möglichkeiten erweitern.Vgl. Jaap Kunst: Ethno-Musicology. A study of its nature, its problems, methods and representative personalities to which is added a bibliography. Martinus Nijhoff, Den Haag 1955, S. 49–51 Relikte archaischer Methoden zur Rhythmuserzeugung sind mit den Händen auf ihre Lederhose klatschende Tänzer beim oberbayrischen Schuhplattler, der Stepptanz mit harten Schuhsohlen, der spanisch-lateinamerikanische Tanz Zapateado (spanisch, „mit dem Fuß stampfen“, in Mexiko zapateo). der Gummistiefel-Tanz, bei dem südafrikanische Tänzer mit Gummistiefeln stampfen und die ebenfalls zur klanglichen Verstärkung der Tanzschritte über die Kontinente hinweg seit prähistorischer Zeit an den Füßen umgebundenen Rasseln, die in Indien ghungru genannt werden und zu den meisten indischen Tanzstilen gehören.Klaus P. Wachsmann: Die primitiven Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 16
Mit Stöcken geschlagene archaische Perkussionsinstrumente, die regional bis heute gebraucht werden, sind das in Europa und Asien weit verbreitete, hängende oder am Boden liegende Schlagbrett und die bis zur Schlitztrommel ausgereifte Form. Die Stockschläge auf ein am Boden liegendes Schlagbrett werden lauter, wenn das Brett über eine Erdgrube gelegt wird, die als Resonanzraum dient. Eine Erdgrube steht als Resonanzraum bei der Erdtrommel am Beginn der Membranophone, außerdem sorgt sie für die Klangverstärkung bei der Erdzither und beim Erdbogen, den entwicklungsgeschichtlich ältesten Saiteninstrumenten.
Stampfbretter sind aus einigen tropischen Regionen in Afrika und Asien sowie von pazifischen Inseln und aus Brasilien bekannt. Der nur in Indonesien vorkommende Stampftrog lesung, der aus einem zu einem Trog ausgehöhlten Baumstamm besteht, ist eine Kombination aus Stampfbrett und Schlitztrommel. Mehrere Frauen stampfen mit Holzstangen an mehreren Stellen auf den lesung und produzieren rhythmische Muster in unterschiedlichen Tonhöhen.
Häufig wurde die Erdgrube mit einer festen Baumrinde als Membran abgedeckt. Auch ein Stampfbrett kann zur Klangverstärkung über ein Erdloch gelegt werden. Ein Tänzer der Modoc, einem Indianervolk in Kalifornien, stampfte bei gewissen Ritualtänzen rhythmisch barfuß auf einem solchen Brett, das über eine quadratische Grube von etwa 60 Zentimetern Seitenlänge gelegt war.Sibyl Marcuse, 1975, S. 17 Dieses als magisches Ritual, um Wirbelstürme fernzuhalten, praktizierte Fußstampfen ist in Verbindung mit Händeklatschen in Kalifornien auch von den Nisenan und den Shasta überliefert.Theodore A. Seder, 1952, S. 6 Bei den Igbo in Nigeria gehört zu den rhythmisch komplexen Tänzen auch der Nzaukwu nabi, eine besondere Stampfschrittfolge.John Picton: African dance: Dance posture. Encyclopedia Britannica, 26. Juli 2017. Der englische Naturforscher Henry B. Guppy sah in den 1880er Jahren auf den zu den Salomonen im Pazifik gehörenden Treasury-Inseln eine Gruppe von etwa 40 Frauen und Mädchen, die um eine Erdgrube in ihrer Mitte tanzten. Zwei Frauen stampften den Tanzrhythmus auf einem über die Grube gelegten Brett. Eine Variante des Brettstampfens ist das Tretpedal papa hehi auf Hawaii, ein kleines Brett, das mittig über einen Rundstab gelegt wird. Dieser dient als Achse, auf der das Brett beim Darauftreten abwechselnd nach vorn und hinten auf den Boden schlägt. Es produziert einen Rhythmus zur Gesangsbegleitung.
mini|hochkant|Längs gespaltener Bambus. Erkennbar sind normalerweise die Röhre verschließende Wachstumsknoten (Nodien)