Die Burg Plesse, auch Plesseburg oder Ruine Plesseburg genannt, ist eine mittelalterliche Burgruine rund 7 Kilometer nördlich von Göttingen in Südniedersachsen. Seit 1946 befindet sie sich im Eigentum des Landes Niedersachsen, seit 1978 steht sie unter Denkmalschutz.

Lage Die Ruine der Spornburg steht im äußersten Nordwestteil des Göttinger Waldes. Sie befindet sich auf einem etwa 350 Meter hohen Bergsporn, dem Südwestausläufer des 386 Meter hohen Wittenberges. Dieser liegt im Landkreis Göttingen östlich des Fleckens Bovenden, oberhalb und östlich von dessen Ortsteil Eddigehausen. Die Burg liegt am Fernwanderweg Solling-Harz-Querweg. Ein paar Kilometer westlich verlaufen in Süd-Nord-Richtung ein Abschnitt der etwa 200 m tiefer im Leinegraben fließenden Leine sowie die Verkehrswege B3 (alte Trasse und Neubautrasse), Bundesautobahn 7 und die Bahnstrecken Hannover-Göttingen und Hannover-Würzburg.

Baubeschreibung mini|Aussicht vom Bergfried der Burg Plesse auf Eddigehausen und das Leinetal – im Vordergrund der kleine Turm Die Burg Plesse wurde auf einem Felsen aus hellem Muschelkalk errichtet. Der ursprünglich 30 Meter hohe Bergfried wurde 1542 aus Angst vor seinem Einsturz bei Kanonenbeschuss auf 23 Meter gekürzt. Sein Durchmesser (auf der Höhe des Burghofes) beträgt 15,26 Meter, die Stärke der Turmmauern 4,24 Meter.Moritz (Hrsg.): Ein feste Burg – die Plesse. 2000, S. 73.Burg Plesse bei Burgenarchiv.de. Der untere Bereich des Bergfrieds ist aus regelmäßigen Steinquadern errichtet und stammt noch aus dem 12. Jahrhundert. Das darüber liegende, unregelmäßige Bruchsteinmauerwerk und der Zinnenkranz wurden bei den Restaurierungen des 19. Jahrhunderts ergänzt. Daneben existiert noch der 22 Meter hohe kleine Turm, der mit einem Durchmesser von gut 7 Metern erheblich schlanker ist und mit 2,25 Meter Mauerstärke im unteren Bereich weniger wehrhaft. Dieser Turm wurde als Wartturm an der exponiertesten Stelle des Bergsporns errichtet und wird auch als „Sydekum“ (Sieh’ dich um) bezeichnet. Der Zutritt zu beiden Türmen war ursprünglich nur über eine Pforte in etwa 10 Meter Höhe möglich.Peter F. Lufen: Baudenkmale in Niedersachsen: Band 5.2: Landkreis Göttingen Altkreis Münden. Hannover 1993, ISBN 3-87585-251-6, S. 95f, (Digitalisat) Der Bergfried kann heute über eine Innentreppe als Aussichtsturm bestiegen werden und bietet einen guten Ausblick auf Eddigehausen und das Leinetal. Erhalten und im 19. und 20. Jahrhundert restauriert worden sind außer den beiden Türmen der Burggraben, das untere (äußere) Tor, das mittlere Tor mit Pforthaus und auf der Hauptburg das sogenannte „Steinhaus“ und die Ruine der Kapelle. Auch von den Außenmauern sind erhebliche Reste erhalten – so die Mauer des „Caningartens“ in der Vorburg und Teile der Eckbastionen „Eichsfeld“ und „Catzengarten“.Ralf Busch: Die Burg Plesse. In: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern. Band 16: Göttingen und das Göttinger Becken. Mainz 1970, S. 169 ff.

Der Brunnen der Burg Plesse ist Gegenstand zahlreicher Sagen und Legenden. Einer Überlieferung zufolge soll vom Brunnen aus ein unterirdischer Gang zur Quelle Mariaspring geführt haben. Tatsächlich gab es einen Gang, über den Akten aus dem Jahre 1802 berichteten. Dieser Gang wurde im Ort Eddigehausen, der unterhalb der Burg liegt, gefunden und verband die Burg mit dem Keller eines Wohnhauses der Domäne. Archäologisch ist bis heute kein Brunnen auf dem Gelände der Burg nachweisbar.

Ganz anders stellt sich aber das Wissen über den Brunnen in den Schriftquellen seit dem 16. Jahrhundert dar. Es wird – von Zeit- und Ortszeugen – über die enorme Tiefe des Brunnenschachtes berichtet (nach heutigen Berechnungen etwa 150–170 Meter), über die Schwierigkeiten des Wasserhebens mit Eimer, Kette und Tret-Rad, dann über modernisierende Einbauten (Einbau der „Kunst mit dem Krummen Zapfen“ unter Landgraf Wilhelm IV. von Hessen) im 17. Jahrhundert. Nach der Auflassung der Burg 1660 ist der Brunnen im (schriftlich genannten) „Bornhaus“ weiter zugänglich. Noch in den Reiseführern des 19. Jahrhunderts wird die Lage des Bornhauses genau verortet und nun berichtet, dass viele Besucher Steine in den Brunnenschaft werfen, um seine Tiefe zu erkunden; so wird der Brunnen nach und nach „verfüllt“. Nach den Restaurierungsarbeiten unter König Georg V. von Hannover 1853–1862 wird der Brunnen und auch die Lage des Bornhauses nicht mehr erwähnt. Es ist aus den schriftlichen Überlieferungen mit großer Sicherheit zu erschließen, dass sich das Bornhaus im sogenannten Mittelhof, direkt hinter dem „Pforthaus“ (Mittleres Tor) auf der rechten Seite befunden hat. Es handelt sich dabei aber nicht um das hier noch vorhandene „Gewölbe“, dieses ist eine Tank-Zisterne des 12. Jahrhunderts/um 1200. Das Bornhaus hat auf dieser Seite des Mittelhofes (also) im Berich zwischen der inneren Pforthaus-Mauer und der Tank-Zisterne gelegen. Einen Überblick zum Forschungsstand (1991) gibt der Aufsatz im Kleinen Plesse-Lesebuch.

Im Innenhof des nahegelegenen Vorwerks Deppoldshausen befindet sich ein 100 m tiefer Brunnen, der 1937 auf 130 m vertieft wurde. Es wird zu Unrecht vermutet, dass es sich bei diesem Brunnen um den Brunnen der Burg Plesse handelte.Andreas Hartwig: Der sagenumwobene Plessebrunnen. Arbeitsgemeinschaft für Karstkunde Harz e. V. (argekh.de), abgerufen am 22. Mai 2021. - Ein Wassertransport von Deppoldshausen zur rund 2 Kilometer entfernten Burg Plesse erscheint allerdings unwahrscheinlich. Heinrich Lücke brachte den Brunnen in Deppoldshausen mit Vorwerks-Neubauten von 1838 in Verbindung;Heinrich Lücke: Burgen, Amtssitze und Gutshöfe rings um Göttingen. Selbstverlag des Verfassers; zweite vermehrte Auflage, Clausthal-Zellerfeld 1969, S. 73–77, hier S. 76 f.

Von der Burg Plesse sind zahlreiche historische Ansichten bekannt.Jens-Uwe Brinkmann: Ansichten der Burg Plesse. In: Göttinger Tageblatt. 2010.

Geschichte Schenkung Bischof Meinwerks 1015 In seiner berühmten posthum verfassten Lebensgeschichte über den Paderborner Bischof Meinwerk – der „Vita Meinwerci episcopi Patherbrunnensis“ – berichtet Abt Konrad von Abdinghof des Paderborner Klosters Abdinghof um 1160, dass der Bischof Meinwerk am 15. September 1015, dem Tag der Weihe der Domkirche zu Paderborn, seiner Kirche die Burg Plesse aus seinen Immedinger Erbgütern im Stammesherzogtum Sachsen übertragen habe.Franz Tenckhoff (Hrsg.), Vita Meinwerei Episcopi Patherbrunnensis (Das Leben des Bischofs Meinwerk von Paderborn) (= Monumenta Germaniae Historica (MGH), Scriptores rerum Germanicarum. Band 59), Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1921 (unveränderter Nachdruck Hannover 1983). vom 28. Dezember 2012 auf der Internetpräsenz des Göttinger Tageblatts, abgerufen am 6. Juli 2013. Weiter erhielt danach die Bischofskirche tausendeinhundert Hufenmansus = Hufe = 8–20 ha, eine regional unterschiedliche Größe unter dem Vorbehalt, dass von einem Teil dieser Güter, deren Genuss seiner Mutter auf Lebenszeit verbleiben sollte, neue Kirchen zu stiften seien.Dolle: Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). 1998, Nr. 1 Diese Quelle wird von Forschern unterschiedlich bewertet. Die einen nehmen die Vita Meinwerci als Beleg dafür, dass die Burg Plesse schon 1015 bestanden habe,Robert Scherwatzky: Geschichte der Herrschaft Plesse. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen, Band 78 (1913), Seite 299–342 andere heben hervor, dass Meinwerk alte Rechtstitel des Bistums Paderborn an der Burg absichern wollte, und außerdem bei der Größe des geschenkten Grundbesitzes „stark überhöht“ habe:Last: Die Burg Plesse. 1975, S. 27. Die Flächen „von Minden bis in das Magdeburgische hinein“.Bertheau: Die Wanderungen des niedersächsischen Adels nach Mecklenburg und Vorpommern. 1915, S. 366–367.

Grafen von Winzenburg als Erbauer der Burg Heinrich der Löwe beherrschte das geschichtliche Interesse in einem Maße, dass Parteigänger und Gegner wie die Grafen von Winzenburg lange Zeit nicht hinreichend zur Geltung kamen. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts – in nur zwei Generationen – gelang ihnen ein machtpolitischer Aufstieg, ehe ihre Bedeutung wieder erlosch. Hermann I. von Winzenburg (* um 1083; † 1138), Graf von Formbach und Vogt von Stift Göttweig, scheint durch seine Mutter Mathilde von Reinhausen in Südniedersachsen zu erheblichen Besitzungen gekommen zu sein. Ein Vorteil den seine SöhneWolfgang Petke: Stiftung und Reform von Reinhausen und die Burgenpolitik der Grafen von Winzenburg im hochmittelalterlichen Sachsen. In: Peter Aufgebauer im Auftrag des Vereins „Freunde der Burg Plesse e. V.“ (Hrsg.): Burgenforschung in Südniedersachsen. Buchverlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2001, S. 65–96, 68. Hermann II. von Winzenburg (* 1110; † 1152) und Heinrich von Assel (* 1115; † 1146) geltend zu machen wussten. Diese zweite Winzenburger Generation gehörte zeitweilig zu den starken Gegnern des Welfenherzogs und erbaute möglicherweise zwischen 1122 und 1128 auf Paderborner Gebiet die Burg Plesse. Im Vergleich zu Urkunden und anderen Quellen über die spätere Herrschaft Plesse, sind nur wenige verlässliche Daten zur Geschichte der hochmittelalterlichen Burg vorhanden. Wie für die meisten Burgen aus früher Zeit ist auch für die Plesse das Gründungsdatum nicht überliefert. Martin Last vermutet, dass es schon zu Beginn des Investiturstreites 1077/78 gewesen sein könnte.Last: Die Burg Plesse. 1975, S. 52. Die Burg wurde mehrfach verändert. Allerdings sprechen burgen-baugeschichtliche Fakten dagegen, dass die Anlage – so wie wir sie kennen – schon im Jahr 1015 errichtet war. Vielleicht wusste Abt Konrad von Abdinghof jedoch mehr als wir heute belegen können, nämlich dass es schon zu Zeiten Bischof Meinwerks einen Vorgängerbau an jener StelleLast: Die Burg Plesse. 1975, S. 28; Bernotat 1986, S. 25–30. gab, „urbs, qui Plesse dicitur“.

Hermann I. von Winzenburg