mini|hochkant|Bächle am Münsterplatz
Die Freiburger Bächle („Bächlein“, Bach mit der alemannischen Diminutiv-Endung -le) sind ein Wahrzeichen der Stadt Freiburg im Breisgau. Seit dem Mittelalter urkundlich belegt, finden sich die mit Wasser der Dreisam gespeisten, künstlich angelegten Wasserläufe in den meisten Straßen und Gassen der Altstadt. Die Gesamtlänge der Bächle beträgt 15,9 Kilometer, von denen 6,4 Kilometer unterirdisch verlaufen.
Geschichte mini|hochkant|Urkunde Graf Konrads von Freiburg (1238), in der die Freiburger Bächle erwähnt werden mini|hochkant|Rohr links neben dem Predigertor zur Überleitung des Bächlewassers über den Stadtgraben. Hinter dem Tor befindet sich das Kloster der Dominikaner. Dahinter erkennt man die Linde des Stadtteils Unterlinden. Die Führung der Bächle in der Mitte der Straßen (Gosse) ist gut zu erkennen. Ausschnitt aus dem Plan Die Statt Freÿburg von Matthäus Merian mini|hochkant|Gerinne eines frühen Bächle aus rotem Sandstein. Im Spätmittelalter im Freiburger Predigerkloster als Latrinenüberlauf wiederverwendet.
Die erste urkundliche Erwähnung der Bächle stammt aus dem Jahr 1220. Damals gab Graf Egon I. von Freiburg dem Tennenbacherhof die Nutzung eines Feldes einschließlich Bewässerung durch ein Bächle zum Erblehen.Gerhard Endriß: Von den Freiburger Stadtbächle. In: Nachrichtenblatt der öffentlichen Kultur- und Denkmalpflege im Regierungsbezirk Südbaden. 5. Jg., 1954, Nr. 7/10. Ein weiterer Hinweis auf die Bächle findet sich in einer Urkunde aus dem Jahr 1238, in der Graf Konrad den Dominikanern den Hofstättenzins für ihr an der Stadtmauer errichtetes Predigerkloster erlässt.
Einige Archäologen schließen aus dem Ergebnis von Grabungen im Stadtgebiet, dass die Struktur der Bächle schon hundert Jahre früher als deren urkundliche Erwähnung, also bereits 1120 zur Zeit der Gründung Freiburgs existierte. Da die Siedlung als Vorläufer der Stadt Freiburg unterhalb des Schlossbergs auf dessen Schotterkegel errichtet worden war, bot sich wegen des natürlichen Gefälles der Ablagerungen die Anlage künstlicher Wasserläufe zur Bewässerung etwa von Weideland an.Villinger, S. 48 ff.Berent Schwineköper: Historischer Plan der Stadt Freiburg im Breisgau (vor 1850). Wagner, Freiburg im Breisgau 1975, S. 14.
Um das Jahr 1180Haumann: Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau. S. 111. kam es dann im Stadtgebiet zu Aufschüttungen einiger Straßenniveaus mit Kiesschichten von bis zu drei Meter Dicke.Villinger, S. 48. Da es sich dabei nicht wie in vielen anderen Siedlungen um einen Schutz gegen Hochwasser handelte (das Flussbett der Dreisam liegt wesentlich tiefer als die Stadt), wird heute vermutet, dass mit dieser aufwendigen Baumaßnahme das Niveau des Bächlesystems insgesamt höher gelegt wurde, um auch die entstehenden Vorstädte bei ausreichendem Gefälle mit Wasser versorgen zu können. So richten sich Häuser aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts an einem niedrigen Straßenniveau aus, alle Neubauten nach 1175 aber an einem höheren.Matthias Untermann: Archäologische Beobachtungen zu den Freiburger Altstadt-Straßen und zur Entstehung der „Bächle“. In: Schau-ins-Land. 114, 1995, S. 9–26 (archiv.ub.uni-heidelberg.de PDF). Diese Aufschüttungen machten die Erdgeschosse vieler Gebäude von der Straße aus unbegehbar, sodass Häuser entweder höher gelegt oder deren nun ebenerdige Obergeschosse kurzerhand mit Haustüren versehen wurden. So überstieg die Anzahl der Neubauten um das Jahr 1175 die durch das natürliche Stadtwachstum üblicherweise zu erwartende Anzahl, vermutlich auch weil die Höherlegung genutzt wurde, um Holz- durch Steinbauten zu ersetzen.
Die Bächle waren Teil des dualen Wasserversorgungssystems Freiburgs: Die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser erwies sich als schwierig, da sich das Grundwasser in rund Tiefe befindet und die wenigen Tiefbrunnen nur für Notfälle ausreichten. Zudem verunreinigte das Abwasser aus den zahlreichen Latrinen und Sickergruben, die in den kiesigen Untergrund eingegraben waren. Man leitete Quellwasser vom Fuß des Brombergs im Osten der Wiehre über hölzerne Wasserleitungen, die Deicheln nach Freiburg und speiste damit städtische Laufbrunnen. Dieses System reichte für die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser aus, deckte jedoch nicht den Bedarf an Brauchwasser und zum Tränken der Tiere innerhalb der Stadtmauern. Hierfür zweigte man zusätzlich Wasser der Dreisam ab und leitete es in Runzen durch die Stadt. Neben Kanälen wie dem heutigen Gewerbekanal gehörten dazu auch die Bächle. Da der Begriff Runze lange Zeit sowohl für Bächle als auch für Kanäle genutzt wurde, lassen sich in historischen Quellen beide Anlagen nicht immer exakt unterscheiden.
Die Bächle leiten seit jeher das Regenwasser aus der Stadt und transportieren dabei auch allerlei Schmutz. Damit tagsüber die Bächle ein positives Bild der Stadt boten, durften in ihnen bereits seit dem 14. Jahrhundert „Ärgernis erregende Stoffe“ nicht vor Einbruch der Dunkelheit entsorgt werden.Nußbaumer, S. 43. Ratsverordnungen im 16. Jahrhundert verboten später gänzlich die Entsorgung fester Stoffe mittels der Bächle:
Nach ihrem Weg durch die Stadt wurden die Bächle zum Bewässern von Feldern eingesetzt. Das Wasser wurde mittels hölzerner Brücken (Kähner) über den Stadtgraben in die Felder geleitet. Das „gebrauchte“ Bächlewasser erhöhte als nährstoffreicher Dünger massiv den Wert der Felder. Die Bächle schwemmten den Schnee aus der StadtBadischer Architekten- und Ingenieur-Verband: Freiburg im Breisgau. Die Stadt und ihre Bauten. Freiburg 1898, S. 116–118 (). und verlängerten damit die Vegetationsperiode im Frühjahr. Bei Trockenheit sicherten sie den Fortbestand der Ernte.Nußbaumer, S. 44.
mini|hochkant|Marktgasse – Eines der wenigen Bächle, die straßenmittig verlaufen
Wie heute nur noch in der Marktgasse zu sehen ist, verliefen die Bächle ursprünglich in Straßenmitte. Sie wurden mit dem massiven Anstieg der Einwohnerzahl im 19. Jahrhundert als Hindernis für den dadurch ebenfalls angestiegenen Verkehr betrachtet. Zwischen 1840 und 1851 verlegte man sie an den Rand der Straße und deckte einen Großteil mit Holz- bzw. EisenplattenScheck/Zeller S. 34. ab oder fasste sie in Steinrinnen und Röhren.Haumann: Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau. S. 114. Dies wurde von einem Teil der Bevölkerung negativ aufgenommen:
Die Freiburger wollten nicht auf die Bächle verzichten. Es wurden bis 1858 sogar neue Bächle angelegt, so zum Beispiel in der Roß-, Engel- und der Kasernengasse und am Holzmarktplatz. Die Amtszeit von Otto Winterer sah weitere Bächle in Stadt- und Tennenbacherstraße sowie die Offenlegung einiger verdeckter Bächle.Nußbaumer, S. 47. Die Planer der Freiburger Straßenbahn ignorierten den eingeholten Rat des Oberingenieurs der damaligen Straßenbahn Hamburg, der im Jahr 1899 „die Führung des Gleises am Bach entlang … unter keinen Umständen empfehlen“ konnte.Viktor Kuntzemüller: , in: Freiburger Almanach. 38, 1987.
Neben der Deckung des Brauchwasserbedarfs und der Bewässerung der Wiesen ermöglichten die Bächle eine bessere Versorgung mit Löschwasser als die Tief- und Laufbrunnen. Die Brunnen hatten kein Reservoir, doch der Zufluss der Bächle konnte bei Bedarf rasch erhöht werden, und die Läufe ließen sich zur besseren Wasserentnahme stauen. Für diese Aufgabe mussten die Bewohner in Oberlinden laut Brandordnung von 1692Brandordnung von 1692: Ordnung / wann Feuer außgehet / wie sich Ein Jeder in Freyburg zu verhalten. (Volltext [Wikisource]). jedes Jahr zum 1. Mai Personen aus ihrer Mitte bestimmen, die dann durch die Stadt mit Stellbrettern versorgt wurden. Im Jahr 1713, vor der Belagerung durch die französische Armee, waren dies beispielsweise 46 Haushalte.Himmelsbach, S. 103. Die Feuerordnung aus dem Jahr 1838 fixierte erneut die wichtige Rolle der Bächle. Sie fordert die Brunnenmeister auf, „das Wasser in den Brunnen und Stadtbächlein sogleich nach der Gegend des Brandes [zu] richten“.Feuer Polizei-Ordnung für die Großherzogliche Badische Hauptstadt Freiburg. 1838, § 63 (Volltext [Wikisource]). Da so direkt am Ort des Brandes Löschwasser vorhanden war, mussten keine langen Eimerketten zur nächsten Wasserstelle gebildet werden.Scheck/Zeller S. 30.
Mit der Modernisierung des Trink- und Abwassernetzes nach 1850Scheck/Zeller S. 52. und dem Aufbau von Hydranten nahm im ausgehenden 19. Jahrhundert die Bedeutung der Bächle als Löschwasserquelle ab. Sie halfen jedoch auch im folgenden Jahrhundert Brände zu löschen, als der britische Bombenangriff vom 27. November 1944 (Operation Tigerfish) Teile der Innenstadt völlig zerstört hatte. Zeitzeugen berichten, dass nach dem Angriff die Bächle mit ihrem Wasser gelegen kamen, da die Gewerbebäche verschüttet und mit den zerstörten Wasserleitungen die Hydranten unbrauchbar waren.Nußbaumer, S. 42 (f.). Ohne das Wasser der Bächle wäre es vermutlich nicht gelungen, das Gebiet Oberlinden, das historische Kaufhaus, das Wentzingerhaus sowie weitere Gebäude zu retten.Jörg Lange: Die Dreisam – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Lavori Verlag, 2007, ISBN 978-3-935737-54-8, S. 92.
mini|Bächle in der Salzstraße vor dem Landgericht. Links die Schienen der Straßenbahn, rechts der Gehweg für die Fußgänger
Bereits im November 1945 forderte Bürgermeister Wolfgang Hoffmann die Reinigung der Bachläufe zur Wiederinbetriebnahme der Bächle. Da die Bächle aber durch die Räumarbeiten oft im Fluss gehindert waren bzw. diese erschwerten, dauerte es bis zum Anfang der 1950er Jahre, bis sie wieder durch die wiederaufgebaute Stadt flossen.
mini|hochkant|Das Bächle an der Neuen Messe (2009)
An der Neuen Messe, die im Jahr 2000 in Freiburg eröffnet wurde, sollte ein Bächle fließen, doch die Idee drohte anfangs aus Kostengründen zu scheitern. Deshalb wurden Freiburger Bürger und Unternehmen als Sponsoren eingeladen, für jeweils 500 DM einen Meter Bächle zu finanzieren. So fließt auch an einem Ort, der über zwei Kilometer vom Stadtkern entfernt ist, ein Bächle, das vollkommen unabhängig von denen in der Innenstadt ist.
Die aktuelle Fassung vom 8. Mai 2007 der Gehwegreinigungssatzung der Stadtverwaltung Freiburg vom 19. Dezember 1989 erwähnt die Stadtbächle an mehreren Stellen: In Fußgängerbereichen und in verkehrsberuhigten Bereichen gelten u. a. als Gehwege die durch Stadtbächle oder Straßenrinnen abgegrenzten seitlichen Flächen. Bächle müssen von Schneeanhäufungen freigehalten und Kehricht darf nicht in sie geschüttet werden.Satzung der Stadt Freiburg i. Br. über das Reinigen, Schneeräumen und Streuen auf den Gehwegen (Gehwegreinigungssatzung) (PDF; 47 kB) vom 19. Dezember 1989 in der Fassung der Satzungen vom 23. November 1999, vom 16. April 2002, vom 25. Januar 2005, vom 8. Mai 2007 und vom 25. Januar 2011, Zugriff am 30. Juni 2012.
Am 15. September 2012 veranstaltete der Reha Verein Freiburg, in dessen Werkstatt hölzerne Bächleboote für Kinder gefertigt werden, das „1. Freiburger Bächleboot Rennen“.
Im Rahmen des Umbaus von Friedrich- und Rotteckring für eine neue Stadtbahnlinie wurden dort neue Bächle angelegt, die Ende 2018 in Betrieb gingen.
Begriff
Die Wortbildung Bächle stammt aus dem 20. Jahrhundert: Im Oberrheinalemannischen Dialekt, wie er in Freiburg gesprochen wird, bildet man einfache Verkleinerungen im Normalfall mit dem Morphem {-li}.Harald Noth: Alemannisches Dialekthandbuch vom Kaiserstuhl und seiner Umgebung (German Edition). Schillinger, ISBN 978-3-89155-151-6, S. 450. Allerdings haben sich die alemannischen Dialekte zumindest in den Städten im Laufe der Zeit abgeschliffen und es entstand eine „großräumige, einheitliche Variante“. So wurde aus dem Bächli das Bächle.Sven Meyer: Raus aus den dunklen Stuben In: Der Sonntag. 13. Juni 2008, Zugriff am 25. April 2009.
Infrastruktur
mini|hochkant|Ausleitung des Wassers für die Bächle aus dem Gewerbekanal mini|hochkant|Bächlestollen am Schlossberg mini|hochkant|Anfang des Bächlenetzes am Schwabentor mini|hochkant|Bächleputzer der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg