mini|Dinah Nelken bei einem Besuch in der Majakowski-Galerie, West-Berlin (Kurfürstendamm), 1. Februar 1980, Foto: Jürgen Henschel Dinah Nelken, auch Bernhardine Ohlenmacher-Nelken (* 16. Mai 1900 in Charlottenburg als Bernhardine Katharina Anna SchneiderStA Charlottenburg II, Geburtsurkunde Nr. 1341/1900; † 14. Januar 1989 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin, Journalistin und Drehbuchautorin.

Leben Bernhardine Schneider wurde als Tochter von Catherine (Käte) Hyan und Bernhard Bruno Eugen Schneider geboren. Ihre Mutter stammte aus der alteingesessenen Berliner Hugenottenfamilie Hyan. Ihr Onkel (und Vorbild) war Hans Hyan, ein Berliner Schriftsteller, Gerichtsreporter und Kabarettist. Der Vater kam aus einer alten Berliner Handwerkerfamilie, war zeitweise Schauspieler und wurde später Kaufmann. Er starb 1935 in Berlin. Dinah Nelkens Bruder Rolf Gero Schneider (auch nur Rolf Gero, genannt „Rolli“) kam am 6. August 1903 zur Welt.

Bernhardine Schneider besuchte ein Lyzeum. Im Januar 1918 heiratete sie den 17 Jahre älteren geschiedenen Chemiker und Unternehmer Fritz Nelken.StA Berlin IX, Heiratsurkunde Nr. 8/1918 Im Jahr darauf wurde ihr gemeinsamer Sohn Peter (1919–1966) geboren. Die Ehe wurde 1921 geschieden. Peter Nelken wuchs zunächst bei seinen Großeltern auf. Nach dem Tod seiner Großmutter 1928 kam er in das Kinderheim der Reform-Psychologin Annemarie Wolf in Berlin-Frohnau. Der Protestant Fritz Nelken wurde wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt, am 19. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert und dort drei Tage später ermordet.

Spätestens im Zuge der Novemberrevolution wandte sich Nelken der sozialistischen Bewegung zu. Während des Umsturzes scheint sie 1919 kurzzeitig das Presse- und Postwesen der Industriestadt Eberswalde geleitet zu haben. Wieder in Berlin begann sie Kurzgeschichten für die in Berlin erscheinenden Zeitungen B.Z. am Mittag, Tempo, Uhu, die BIZ („Berliner Illustrirte Zeitung“) und Die Dame sowie Reklametexte, Gedichte, Drehbücher und Romane zu schreiben. 1920 wurde Nelken Mitglied des Deutschen Schriftsteller-Verbandes. Ab 1921 konnte sie mit der journalistischen Arbeit ihren Lebensunterhalt sichern. Im Rückblick (1977) schrieb Nelken, dass sie damals „zu der Schar junger Journalisten [gehörte], die sich in der Konditorei Jädicke gegenüber dem Ullstein-Verlag die ersten fünfzig Pfennig für den Morgenkaffee pumpen, nachmittags im Romanischen Café die zweiten und in der Zwischenzeit von einer Redaktion zur anderen laufen, um zu verkaufen, was sie schreiben.“

In ihrem ersten Roman Die Erwachenden (1925) stellte sie junge selbstbewusste und berufstätige Frauen in den Mittelpunkt. Die Publikation ist in keinem Bibliothekskatalog verzeichnet.

Das Kabarett „Die Unmöglichen“ Gemeinsam mit dem Feuilletonisten Pem (Paul Marcus) und ihrem Bruder gründete Nelken 1928 das politisch-literarische Kabarett „Die Unmöglichen“. Die Premiere fand am 13. April 1928 im Tanzlokal Toppkeller, einem bekannten lesbischen Treffpunkt, in der Schwerinstraße in Berlin-Schöneberg statt; Dinah Nelken hatte hierfür Texte verfasst. Die Aufführung war anscheinend sehr wild und klamaukig; der Pianist wurde mit Wasserpistolen beschossen.

Die B.Z. am Mittag vom 23. Mai 1928 kommentierte: „Kein Nepp […] kein Eintritt […] und das Publikum schreit […] schreit vor Vergnügen.“ Erich Kästner war wenig begeistert: „Daß ich dieses Unternehmen ablehne, hat nichts, wirklich nichts mit Prüderie zu tun. Wenn diese jungen Leute etwas zu sagen, wenn sie Talent und, für einen Groschen wenigstens, Charakter hätten, ließe sich ihnen vieles nachsehen. Aber sie sind hemmungslos unbegabt und ohne jeden Funken Gesinnung.“

Nach kurzer Zeit musste das Kabarett wegen eines behördlichen Verweises umziehen. Es fand im berühmten Homosexuellen-Lokal Eldorado in der Lutherstraße 31 eine neue Bühne.Klaus Budzinski, Reinhard Hippen: Metzler Kabarett Lexikon, Metzler Verlag, Stuttgart 2016, S. 403

Ende der 1920er und frühe 1930er Jahre Mitte der 1920er Jahre wohnte Nelken in einer Atelier-Wohnung am Hohenzollerndamm in Berlin-Wilmersdorf. Zum Ende des Jahrzehnts zog sie in die Künstlerkolonie Wilmersdorf, die wegen der dort unter prekären Verhältnissen lebenden Schriftsteller und Künstler auch „Hungerburg“, wegen ihrer politischen Orientierung „roter Block“ bzw. „rote Tintenburg“ genannt wurde. Dort mietete sie 1932 am Südwestkorso 45 (5. Stock Atelierwohnung) bei der Künstlerin Elena Liessner-Blomberg und deren Gatten Albrecht Blomberg ein Zimmer, wie sich deren Tochter Katja Moore später erinnerte („Anfangs hat Dinah Nelken bei uns gewohnt, im kleinen Zimmer, mit ihrer Schreibmaschine und ihrem Grammophon. Sie war anders als unsere Mutter, lebhaft, unternehmungslustig. Sie hat u.a. für eine Mode-Zeitschrift geschrieben.“).

1932 verarbeitete sie ihre Erfahrungen in der Künstlerkolonie im Schlüsselroman Eineinhalb Zimmer Wohnung; das Buch erschien 1933 im Leipziger Wilhelm Goldmann-Verlag in der Reihe „Die neuen blauen Goldmann-Bücher“.

Nelken lebte seit dieser Zeit mit dem Buchhändler und Kommunist Heinrich Ohlenmacher (12. Oktober 1900–5. Dezember 1956) zusammen. Ohlenmacher wurde nach dem Reichstagsbrand 1933 verhaftet und ins KZ Esterwegen gebracht. Nelken selbst blieb unbehelligt. Sie schrieb zu dieser Zeit vor allem Drehbücher; 1935 entstanden der deutsche Film Der junge Graf (Produktion Anny Ondra-Carl Lamac-Film Berlin) und in Holland die Filmkomödie Fientje Peters, Poste restante (1935, Regie: Victor Janson) und Hilde Petersen postlagernd (1935, Regie: Victor Janson, Robert Neppach Filmproduktion Berlin).

Wien Als Nelkens Lebensgefährte Heinrich Ohlenmacher 1936 aus dem KZ entlassen wurde, gingen die beiden gemeinsam mit Rolf Gero Schneider zuerst nach Prag und von dort nach Wien. Ihren Sohn Peter hatte Nelken in England in Sicherheit gebracht. In Wien entstanden weitere Drehbücher,Gero, Rolli. In: Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß: Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933–1945. Band 2. Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. K. G. Saur, München 1999, ISBN 3-598-11375-7, S. 299. so für die Filme Eine Frau wie Du (1939, Regie: Viktor Tourjansky) und Das Abenteuer geht weiter (1939, Regie: Carmine Gallone), beide Bavaria Film, München.

ich an Dich (1938) Im Frühjahr 1938 erschien im Berliner Verlag Gustav Weise der heiter-ernste Briefroman ich an dich. Ein Roman in Briefen. Mit einer Geschichte und ihrer Moral für Liebende und solche, die es werden wollen. Das Buch hatte großen Erfolg; von ihm wurden bis 1945 insgesamt 200.000 Exemplare verkauft. Das verdankte sich nicht zuletzt der originellen Gestaltung, die Nelkens Bruder Rolf Gero Schneider – Zeichner, Grafiker, Bühnenbildner und Ausstellungsgestalter – beigesteuert hatte: „Eine unpaginierte Ansammlung maschinengeschriebener Briefe auf blauem, gelbem, weißem Papier, dazu eingeklebt [eine] Kinokarte mit Rendezvousversprechen, [eine] Liebeserklärung auf Zeltschein, [ein] Flugschein der Deutschen Lufthansa, Reichsposttelegramme, [ein] Gartenpartyfoto und Federzeichnungen – gewissermaßen ein Familienalbum, obendrein nicht gebunden, sondern mit einer Kordel zusammengehalten.“

Noch im selben Jahr wurde das Buch unter dem Titel Eine Frau wie Du verfilmt; Regie führte Viktor Tourjansky, die Hauptrollen waren mit Brigitte Horney und Joachim Gottschalk besetzt. Das Drehbuch hatte Dinah Nelken gemeinsam mit Emil Burri, Peter Francke verfasst. Die Premiere fand am 16. Dezember 1939 im Berliner Kino Capitol im Zoo statt.

1940 veröffentlichte der Wiener Wallishausser-Verlag ein Plagiat von ich an Dich unter dem Titel Mein vielgeliebter Mann. Roman zweier Herzen im Kriege. Verfasst hatte das Buch die Autorin Maria Barbara Alsegger (Pseudonym von Gisa Gruber), die Nelkens und Schneiders Ideen in Kriegspropaganda verwandelte. 1945 verklagte Dinah Nelken den Verlag erfolgreich auf Zahlung von Schadensersatz.

Jugoslawien Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wich Dinah Nelken mit ihrem Lebensgefährten und dem Bruder Rolf Gero nach Zagreb in Jugoslawien aus. Ein 1940 gestellter Antrag auf die Zuteilung von Reisemitteln für ein Buch über Dalmatien wurde von den deutschen Behörden abgelehnt.Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null. Berlin 2016, S. 298. Ihren Lebensunterhalt sicherten zu dieser Zeit die Tantiemen aus ihren Buchpublikationen. Als Deutschland im April 1941 Jugoslawien überfiel und die Wehrmacht Zagreb bombardierte, floh Dinah Nelken mit Heinrich Ohlenmacher auf die dalmatinische Insel Korčula, die zwar seit dem 6. April 1941 vom faschistischen Italien annektiert war, wo aber keine Kampfhandlungen drohten. Anscheinend gab es in dieser Zeit Kontakte zu jugoslawischen Partisanen.

Italien Im März 1943 reisten Nelken, Ohlenmacher und Schneider auf Einladung des Verlegers Arnoldo Mondadori nach Meina am Lago Maggiore, um dort für dessen Verlag Mondadori zu arbeiten. Der Verlagssitz war 1942 kriegsbedingt von Mailand nach Verona und dann nach Arona verlegt worden. Nelkens Bruder lernte dort die Verlagsangestellte Valeria Novelli (geb. Neumann) aus Triest kennen; die beiden wurden ein Paar und heirateten nach der Befreiung Italiens in Rom.

Nach dem Sturz Mussolinis und der anschließenden Besetzung Italiens durch die deutschen Truppen flohen die vier in mehreren Etappen nach Rom. Dort lebten sie versteckt vom Dezember 1943 bis zur Befreiung der Stadt durch die alliierten Streitkräfte im Juni 1944. Dinah Nelken und Heinrich Ohlenmacher wohnten anschließend vorübergehend in der Via dell’Oca in der Nähe der Piazza del Popolo. Im Sommer 1945 zogen die beiden gemeinsam mit dem Ehepaar Rolf Gero Schneider und Valeria Novelli sowie deren Tochter Nicoletta in zwei Ateliers im Park des Künstlerhauses Villa Massimo. Die Einrichtung gehörte bis zur Befreiung dem deutschen Staat und war nun Sitz der UNRRA, für die die vier arbeiteten. Nelken und Ohlenmacher bewohnten bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland 1950 das Atelier Nr. 10, ihr Bruder und seine Frau blieben bis Sommer 1957 in der Nr. 9.

Rückkehr nach Deutschland Eine sofortige Rückkehr nach Deutschland war weder vorgesehen noch möglich. Am 5. April 1946 schrieb Nelken aus Rom an ihren Sohn Peter, dass sie es „nicht sehr eilig habe, den Kampf mit und gegen die Menschen aufzunehmen, die Majdanek und Auschwitz gemacht oder auch nur geduldet haben“. 1950 durften Nelken und Ohlenmacher nach Deutschland ausreisen; vorher hatten die West-Alliierten dem Kommunisten Ohlenmacher die Ausreisegenehmigung verweigert. Das Paar hatte 1947 im Standesamt auf dem Kapitol geheiratet, weshalb sie 1950 erst in Ohlenmachers Geburtsstadt Wiesbaden zurückkehren mussten. Ab 1951 lebten sie in West-Berlin, besaß aber auch einen ständigen Passierschein zum Aufenthalt in Ost-Berlin.

West-Berlin In West-Berlin versuchte Nelken an ihre Erfolge der Vorkriegszeit anzuknüpfen. 1952 erschien bei Hoffmann&Campe der von Rolf Gero gestaltete Tagebuchroman Ich an mich. Ein Roman für Liebende und solche, die es bleiben wollen. Das Buch wurde unter dem Titel Tagebuch einer Verliebten von der Magna-Film München verfilmt. Das Drehbuch verfassten Emil Burri und Johannes Mario Simmel, Regie führte Josef von Báky. Die Hauptrollen spielten Maria Schell und O. W. Fischer. Die Uraufführung fand am 19. Oktober 1953 im Kino Marmorhaus in Berlin statt.

Ihre Erfahrungen in Jugoslawien flossen in den anfangs nur in der DDR veröffentlichten Roman Spring über deinen Schatten, spring! (1956, Verlag der Nation) ein, der von den menschlichen Herausforderungen im Partisanenkampf gegen die deutschen Besatzer erzählt. Das Buch wurde ab 1962 unter dem Titel Geständnis einer Leidenschaft (Verlag der Nation: 1962, Fischer-Taschenbuchverlag: 1983, in tschechischer Übersetzung 1984) in einer anscheinend auf Wunsch zuständiger Stellen in der DDR überarbeiteten Fassung erneut publiziert.