mini|Franziska Gräfin zu Reventlow, um 1900 Franziska Gräfin zu Reventlow (geboren am 18. Mai 1871 in Husum;Brigitta Kubitschek: Franziska Gräfin zu Reventlow – Leben und Werk. 1998, S. 577. gestorben am 26. Juli 1918 in Locarno, Schweiz) war eine deutsche Schriftstellerin, Übersetzerin und Malerin. Sie wurde berühmt als „Skandalgräfin“ oder „Schwabinger Gräfin“ der Münchner Bohème und als Autorin des Schlüsselromans Herrn Dames Aufzeichnungen (1913).

Ihr vollständiger Geburtsname lautet Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine Gräfin zu Reventlow. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie unter der Verfasserangabe F. Gräfin zu Reventlow. Seit der Werkausgabe von 1925 erscheint sie in Buchtiteln und Literatur als Franziska Gräfin zu Reventlow oder Franziska zu Reventlow (siehe auch Namensfragen).

Leben mini|Das Schloss vor Husum, Blick auf die gartenseitigen Fassaden des südlichen Seiten- und des Mittelflügels

Reventlow wurde als fünftes von sechs Kindern des preußischen Landrats Ludwig Graf zu Reventlow (1824–1893) und dessen Frau Emilie, geb. Gräfin zu Rantzau (1834–1905), im Schloss vor Husum geboren, damals der Amtssitz des Landrats. Ihr Bruder Ernst Reventlow (1869–1943) war Marineoffizier, Schriftsteller, Journalist sowie deutschvölkischer und später nationalsozialistischer Politiker. Die Familie unterhielt freundschaftliche Beziehungen zu dem Schriftsteller Theodor Storm, damals Amtsrichter in Husum, und zur Familie des späteren Mitbegründers der Soziologie in Deutschland Ferdinand Tönnies.

In ihrem autobiografischen Roman Ellen Olestjerne (1903) beschreibt Reventlow die strenge Erziehung zur „höheren Tochter“ und zum jungen „Fräulein“ durch die Familie und das Altenburger Magdalenenstift, ein Mädchenpensionat in Thüringen, aus dem sie 1887 nach nur einem Schuljahr ausgeschlossen wurde. Vorübergehend bei ihrer Tante Fanny Gräfin zu Rantzau auf Kloster Preetz untergebracht, erhielt sie privaten Malunterricht von Julie Heine.Jürgen Vogler: Schleswig-Holstein gestern. 50 Geschichten über Vergessenes und Kurioses. Books on Demand, Norderstedt 2021, ISBN 978-3-7534-2752-2, S. 116 (Google Books) Nach der Pensionierung des Vaters zog die Familie 1889 nach Lübeck.

1890 trotzte sie ihren Eltern den Besuch des Roquetteschen privaten Lehrerinnenseminars ab, das sie 1892 mit der „Befähigung für den Unterricht an höheren und mittleren Mädchenschulen“ abschloss. Eine berufsvorbereitende Ausbildung war für eine adlige junge Frau zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich.

Durch ihren Freundeskreis, der sich als „Ibsen-Club“ zusammenfand und den „eine Aura von Geheimnis und Skandalträchtigkeit umgab“,Alken Bruns: Kultfigur und Bürgerschreck. Ibsenrezeption in Lübeck um 1890. In: Wolfgang Butt, Bernhard Glienke (Hrsg.): Der nahe Norden: Otto Oberholzer zum 65. Geburtstag; eine Festschrift. Frankfurt am Main; Bern; New York; Nancy: Lang 1985, ISBN 978-3-8204-5349-2, S. 125–138, hier S. 1125. wurde sie früh mit der modernen gesellschaftskritischen Literatur und den Schriften Nietzsches bekannt. Als ihre Eltern 1892 den heimlichen Liebesbriefwechsel mit ihrem lübischen Freund Emanuel Fehling (1873–1932) entdeckten, wurde sie zur „Besserung“ bei einer Pastorenfamilie auf dem Land, in Adelby bei Flensburg, untergebracht. Von dort floh sie 1893 zu Bekannten nach Wandsbek und überwarf sich dadurch für immer mit ihrer Familie. Der Besuch ihres im gleichen Jahr sterbenden Vaters wurde ihr verwehrt. In Wandsbek lernte sie ihren späteren Verlobten, den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke, kennen, der ihr im Sommer desselben Jahres einen Aufenthalt in München als Studentin an der Malschule von Anton Ažbe finanzierte. Lübke und Reventlow heirateten 1894. mini|Die „Madonna mit dem Kinde“ – Franziska Gräfin zu Reventlow mit Sohn Rolf, 1898

Die Ehe erwies sich für Reventlow als Sprungbrett in die Freiheit. Als sie sich 1895 erneut nach München begab, um ihr Malstudium fortzusetzen, zerbrach die Ehe (Trennung 1895, Scheidung 1897), und Reventlow führte ein eigenständiges, wenn auch von dauernder finanzieller Not und Krankheit sowie mehreren Fehlgeburten gekennzeichnetes Bohèmeleben. Militär, Bürokratie, Aristokratie, den geld- und fortschrittsgläubigen, nationalistischen wilhelminischen Gründergeist, dem ihr Bruder Ernst anhing, verachtete sie ebenso wie die Erziehung junger Frauen zu „höheren Töchtern“.Richard Faber, Susanne Lanwerd: Kybele-Prophetin-Hexe: religiöse Frauenbilder und Weiblichkeitskonzeptionen. Verlag Königshausen & Neumann, 1997, ISBN 3-8260-1350-6, so S. 166.

Am 1. September 1897 wurde ihr Sohn Rolf († 12. Januar 1981 in München) geboren; den Namen des Vaters verschwieg sie zeitlebens.Im Geburtsdokument wird der Maler Stefan Kalinschey formal als Vater benannt, siehe Sabine Kneib: Else und Rolf Reventlow – zwei politisch engagierte Journalisten; es gibt jedoch keine amtliche Vaterschaftsanerkennung. Ihren Unterhalt verdiente Reventlow zum Teil mit literarischen Übersetzungen für den Albert Langen Verlag und mit kleineren schriftstellerischen Arbeiten für Zeitschriften und Tageszeitungen (etwa für Die Gesellschaft, Simplicissimus, Neue Deutsche Rundschau, Frankfurter Zeitung, Münchner Neueste Nachrichten). Außerdem hatte sie nach etwas Schauspielunterricht 1898 ein kurzes Engagement am Theater am Gärtnerplatz und spielte vorübergehend im Akademisch-Dramatischen Verein des jungen Otto Falckenberg. Im Übrigen schlug sie sich mit Gelegenheitsjobs als Prostituierte, Sekretärin, Aushilfsköchin, Versicherungsagentin, Messehostess, Glasmalerin u. a. durch. Nicht wenige Einkünfte verdankte sie schließlich der Schnorrerei und den Spenden ihrer männlichen Bekanntschaften. mini|Die Kosmiker (v. l. n. r.): Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Stefan George, Albert Verwey

Ihre Erfahrungen mit der Münchner Künstlerszene – vor allem mit dem „Kosmiker“-Kreis um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler, denen sie ihres unehelichen Kindes und ihrer erotischen Freizügigkeit wegen als „heidnische Madonna“ und „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ galt – verarbeitete sie in ihrem humoristischen Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen. Sie pflegte außerdem Umgang mit Oscar A. H. Schmitz, Theodor Lessing, Friedrich Huch, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky (dessen Malschule sie 1906 besuchte),Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 86f. Frank Wedekind und zahlreichen anderen Exponenten der „Münchner Moderne“, etwa dem Bildhauer Adolf von Hildebrand. Über diese Zeit, unter anderem über ihre zahlreichen Seitensprünge, erzählt sie in ihren Tagebüchern. Mit ihrem Sohn Rolf unternahm sie Reisen unter anderem nach Samos (1900 mit Albert Hentschel), Italien (1904, 1907) und Korfu (1906/1907).

mini|Grabstein von „Contessa Francesca Reventlow“ in Locarno

Im Oktober 1910 verließ sie München und lebte die folgenden Jahre in Ascona am Lago Maggiore, wo ihre „Schwabinger Romane“ entstanden. 1911 ging sie eine Scheinehe mit dem kurländischen Baron Alexander von Rechenberg-Linten (* 1868) ein, dessen Erbe von einer standesgemäßen Ehe abhing; sie verlor das so erworbene Vermögen von 20.000 Mark jedoch schon 1914 durch einen Bankenkrach. In diesem Zusammenhang stand sie 1914 unter anderem im Briefwechsel mit den Eheleuten Friedel und Friedrich Kitzinger, der Jurist war.Horst Baier, Mario Rainer Lepsius, Wolfgang Schluchter und Johannes Winckelmann: Max-Weber-Gesamtausgabe. Abteilung II: Briefe. Band 8. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 2013, Hintergrundinformationen – Digitalisat, ISBN 3-16-147920-3, S. 438. 1916 zog sie nach Muralto am Lago Maggiore, nur wenige Kilometer von Ascona entfernt.

Am 26. Juli 1918 starb Franziska zu Reventlow im Alter von siebenundvierzig Jahren in einer Klinik in Locarno an den Folgen eines Fahrradsturzes. Die Grabrede hielt der Schriftsteller Emil Ludwig. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof der Kirche Santa Maria in Selva in Locarno.

Werk und Rezeption Charakterisierung mini|Franziska zu Reventlow, porträtiert 1901/02 von Marie von Geysow

Während Reventlows eigentliche künstlerische Ambitionen in der Malerei zu keinem nennenswerten Œuvre geführt haben, hat sie durch ihre schriftstellerischen Nebentätigkeiten ein einzigartiges Beispiel humoristisch-satirischer Literatur und ein wertvolles kulturgeschichtliches Zeugnis der Schwabinger Bohème hinterlassen. Ihre Romane und Novellen werden bis heute verlegt und gelesen.

Ihr autobiografischer Erstlingsroman Ellen Olestjerne (1903) kann noch als Bekenntnis- und Selbstfindungsbuch nach einem typischen Muster der Zeit (vgl. etwa Gabriele Reuters Aus guter Familie von 1895) gelten. Sie schrieb ihn auf Anregung (und fast möchte man sagen: unter Aufsicht) von Ludwig Klages als eine Art Eintrittskarte in den Kreis der „Befreiten“ (wie man die Bohémiens in München damals nannte) und verwendete dabei authentische Tagebucheinträge und den Liebesbriefwechsel mit Fehling aus ihrer Jugend in Lübeck. Später distanzierte sie sich allerdings von ihrem Erstlingswerk – und schon 1904 auch vom Kosmiker-Kreis in ihrem Schwabinger Beobachter.

mini|Fotografie aus dem Jahr 1905

Mit ihren eher novellistisch angelegten Romanen und Erzählungen der 1910er Jahre betrat sie völlig neues Terrain. Der hier verwendete humoristische, artifiziell-leichte Plauderstil wurde handwerklich vorbereitet durch ihre Übersetzung von über vierzig meist französischen Gesellschaftsromanen (u. a. von Marcel Prévost) und durch die Witze, die sie für fünf Mark das Stück für das Satireblatt Simplicissimus schrieb. In den „Amouresken“ Von Paul zu Pedro (1912) stellte sie in Form eines Briefromans à la Liaisons Dangereuses eine Art Typenlehre erotischer Begegnungen in der Bohème auf. Ihr berühmtestes Buch ist der Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil (1913), in dem die Streitigkeiten zwischen den auseinanderbrechenden „Fraktionen“ des Kosmiker-Zirkels mit dem Pathos eines Revolutionsberichts ironisch konterkariert werden. Der Roman bezieht sein humoristisches Potential vor allem aus der künstlich-naiven Sprecherposition des neutralen Beobachters „Herrn Dame“ (dahinter verbirgt sich der spätere Heidelberger Psychiater Hans Walter Gruhle). In Der Geldkomplex (1916) schließlich – nach der Titelseite „Meinen Gläubigern zugeeignet“ – lieferte Reventlow (wiederum in Briefform) eine schwankhaft-komische Reflexion auf die pekuniäre Dimension des Bohèmelebens und zugleich eine Parodie auf die Psychoanalyse. Kleinere Erzählungen des Schwabing-Genres erschienen zusammengefasst 1917 unter dem Titel Das Logierhaus zur Schwankenden Weltkugel und andere Novellen in der Reihe „Langens Markbücher“.

In Reventlows letztem Roman Der Selbstmordverein macht sich trotz aller Ironie auch ein melancholischer Zug bemerkbar, der einer allgemeineren Stimmung in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg entsprach, als die ehemaligen Bohème-Kreise Münchens und Berlins sich mehr und mehr zu reformatorisch-sektiererischen Zirkeln in Rückzugsgebieten (Monte Verità) wandelten oder zur politischen Aktion (Räterepublik) bekannten. Der Roman blieb unvollendet (als Fragment ediert 1925).

Annette Kolb erzählt in ihrem Buch Zarastro (1921) von einer Begegnung mit Reventlow ein Jahr vor deren Tod im Mai 1917:

Wirkungsgeschichte