Der Nanga Parbat, auch als Diamir bekannt, ist ein Achttausender im Westhimalaya und mit Höhe der neunthöchste Berg der Erde. Er liegt in Gilgit-Baltistan, dem früher als Northern Areas bezeichneten pakistanischen Teil der umstrittenen Region Kaschmir. Der Nanga Parbat ging als „Schicksalsberg der Deutschen“ in die Geschichte ein. Durch die Plattenkollision zwischen der eurasischen und der indischen Kontinentalplatte wächst er um 7 mm pro Jahr und ist somit der am schnellsten wachsende Berg der Welt.

Der Name Nanga Parbat () geht über Hindi zurück auf Sanskrit .Manfred Mayrhofer: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen. Band 2, 1996. Der Name Diamir bedeutet ‚König der Berge‘. Aufgrund der hohen Zahl an verunglückten Bergsteigern wird der Nanga Parbat vor Ort auch „Killer Mountain“ genannt (siehe Balkendiagramm weiter unten).

Geographie Am Ende des westlichen Himalaya im nördlichen, pakistanisch kontrollierten Teil von Kaschmir gelegen, ist er die größte sichtbare, freistehende Massenerhebung der Erde. Der Höhenunterschied zum 25 km entfernten Industal (und Karakorum Highway) beträgt etwa 7000 m. Die gegen Süden gelegene Wand (Rupal-Flanke) ist mit 4500 m die höchste Gebirgswand der Erde. Der Berg besteht hauptsächlich aus Graniten und Gneisen. Klimatisch ist er in eine thermische Doppelzone eingebettet.

Gipfel des Nanga Parbat Gipfel Höhe (m) Nanga Parbat 8125 Nanga Parbat Schulter (Nordschulter) 8070 Nanga Parbat Südgipfel (Südschulter) 8042 Nanga Parbat Vorgipfel 7910 (unbenannt) 7816 Nanga Parbat Nordgipfel II 7785 Nanga Parbat Silberzacken (Ostgipfel) 7597 Nanga Parbat Nordostgipfel 7530 Rakhiot Peak 7070

Besteigungsgeschichte mini|300px|„Killer Mountain“: Die Todesrate des Nanga Parbat bis 1990 ist mit 77 Prozent die höchste aller Achttausender (Todesrate = Anteil verunglückter Bergsteiger zur Gesamtanzahl derer, die den Berg in Angriff genommen haben). Der Nanga Parbat gilt unter Alpinisten als einer der anspruchsvollsten Achttausender und mithin als einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge der Erde. Im Gegensatz zum Mount Everest sind selbst auf der konventionellen, „einfachen“ Normalroute (Kinshofer-Route) extrem lawinen- und steinschlaggefährdete Steilhänge zu durchqueren. Bis Ende 2009 gab es 326 erfolgreiche Besteigungen, darunter 22 Frauen, und vier Bergsteiger, die zum zweiten Mal auf dem Gipfel standen. Dem stehen 68 Todesfälle gegenüber. Die Wahrscheinlichkeit, am Nanga Parbat ums Leben zu kommen, ist statistisch somit höher als am Mount Everest.

Erster Besteigungsversuch Den ersten Besteigungsversuch des Berges unternahm 1895 der damals beste Kletterer Großbritanniens, Albert F. Mummery. Mummery war ein erfahrener Bergsteiger und hatte schon einen sehr schwierigen Riss am Grépon (Mummeryriss) erklettert und das Matterhorn als Erster über den Zmuttgrat bestiegen. Er bewältigte die Diamirseite des Berges nachweislich bis zu einer Höhe von ca. 6600 Metern und blieb dann verschollen. Er gilt daher als der erste Bergsteiger, der bei einem Besteigungsversuch am Nanga Parbat ums Leben kam. Zugleich markiert seine Unternehmung den Beginn des ernsthaften Bergsteigens an Achttausendern.

1930er-Jahre: „Schicksalsberg der Deutschen“ mini|Deutsche am Nanga Parbat von Fritz Bechtold Am Anfang der 1930er-Jahre, während der Weltwirtschaftskrise, wurden im Deutschen Reich in Rückgriff auf eine lange Geschichte im alpinen Bergsport die Bemühungen, mit Erstersteigungen im Himalaya sportlichen Ruhm zu erzielen, erheblich gesteigert. Da das Gebiet des Himalaya jedoch unter britischer Hoheit stand, konnten die britischen Behörden den deutschen Expeditionen den Zugang verwehren. Das Ziel der deutschen Anstrengungen wurde daraufhin der am westlichsten gelegene Achttausender – der Nanga Parbat. Der Nanga Parbat galt als „deutscher“ Gipfel im Himalaya neben dem „englischen“ Mount Everest, dem „italienischen“ K2 und der „französischen“ Annapurna.

In den 1930er-Jahren fiel ein Großteil der deutschen Himalaya-Bergsteigerelite dem Berg zum Opfer. Zunächst scheiterte die Deutsch-Amerikanische Himalaya-Expedition 1932 unter der Leitung von Willy Merkl mit einem Ersteigungsversuch. Während der zwei Jahre später folgenden, großangelegten Deutschen Nanga-Parbat-Expedition 1934, bei der die Österreicher Erwin Schneider und Peter Aschenbrenner eine Höhe von 7895 m erreichten, starb zunächst Alfred Drexel beim Aufbau der Lager an einem Lungenödem. Später kamen Willy Merkl, wiederum Expeditionsleiter, und die schon vorher einer breiten Öffentlichkeit bekannten deutschen Bergsteiger Willo Welzenbach und Uli Wieland sowie mehrere Sherpas am Südostgrat des Berges auf über 7000 m Höhe im Schneesturm ums Leben. Diese Tragödie hatte zur Folge, dass der Nanga Parbat durch die von den Nationalsozialisten gleichgeschaltete Presse zum „Schicksalsberg der Deutschen“ ausgerufen wurde.

Im Jahr 1936 wurde die Deutsche Himalaja-Stiftung gegründet. Ziele dieser Organisation waren die Beschaffung von Geldmitteln, der Aufbau von Wissen sowie die Sammlung alpinistischer Energien zur Erforschung des Himalaya, insbesondere der Erstbesteigung des Nanga Parbat.

Die von Karl Wien angeführte große Deutsche Nanga-Parbat-Expedition 1937 hatte zum Ziel, das Bergsteiger-Drama von 1934 aufzuarbeiten. Die Besteigung folgte der bereits klassischen Route, hatte aber wieder mit erheblichen Schneefällen zu kämpfen und konnte sich dennoch bis ins Lager IV unter der Rakhiot-Flanke vorarbeiten, das am 14. Juni besetzt wurde. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni fegte eine gewaltige Lawine durch das Hochlager und begrub neben Wien auch Hartmann, Fanghauser, Müllritter, Sepp, Göttner und Pfeffer sowie neun Träger.

Eilig wurde eine Bergungsexpedition organisiert – nun bereits die 4. Expedition der Deutschen an diesen Berg. Paul Bauer, Karl von Kraus und Fritz Bechtold, die schon einen Monat später zwischen dem 18. und 21. Juli 1937 das weggefegte Lager IV erreichten, brachten Gewissheit. Bei den Toten fand man die Tagebücher, die Einzelne bis zum letzten Tag geführt hatten.

Die darauffolgende neu konzipierte 5. Expedition im Jahr 1938 erreichte nicht die Höhe von 1934, dafür wurden die Leichen von Willy Merkl und des Sherpas Gay-Lay gefunden. Letzterer war trotz der Möglichkeit, abzusteigen, bei Willy Merkl geblieben, was von der NS-Propaganda als heroische Opferbereitschaft bis in den Tod dargestellt wurde.

Im Sommer 1939 erfolgte eine neuerliche deutsche Erkundungsexpedition zur Nordwestseite (Diamir-Flanke) des Berges. Da während der Rückreise der Mannschaft der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden die Teilnehmer (unter anderem die Österreicher Peter Aufschnaiter und Heinrich Harrer) interniert, weil sie sich in Indien und mithin auf britischem Territorium befanden. Das folgende Schicksal Heinrich Harrers und Peter Aufschnaiters wird in Harrers weltberühmt gewordenem Buch Sieben Jahre in Tibet (verfilmt 1997) beschrieben.

Erstbesteigung 1953 mini|Der obere Teil der Rakhiot-Wand mit dem darüberliegenden Silberplateau (links) und dem Hauptgipfel

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm 1953 Karl Herrligkoffer, der Halbbruder Willy Merkls, die Leitung einer neuen Expedition zum Berg. Nachdem bis dahin 31 Menschen am Berg gestorben waren, gelang am 3. Juli 1953 schließlich dem Tiroler Hermann Buhl bei dieser Expedition die Erstbesteigung des Nanga Parbat bei außergewöhnlich günstigen Witterungsbedingungen.Pointdexter, Joseph: Zwischen Himmel und Erde. Die 50 höchsten Gipfel. Könemann, Köln 1999, ISBN 3-8290-3561-6, S. 24.

Buhl startete vom letzten Lager auf knapp 6900 m Höhe seinen Aufstieg zum Gipfel und erreichte diesen ohne Verwendung einer Sauerstoffflasche, aber nach Einnahme von Pervitin, in einem damals für unmöglich gehaltenen 41-stündigen Alleingang. Seine Besteigung wurde innerhalb der damaligen Mannschaft und vor allem von Expeditionsleiter Herrligkoffer nur widerwillig gewürdigt, weil Buhl sich nicht an alle Vorgaben der Expeditionsleitung gehalten hatte, sondern im entscheidenden Moment entgegengesetzte Entscheidungen getroffen hatte, die zum Erfolg führten.

1960er und 1970er Jahre Im Jahr 1962 durchstiegen die Bayern Toni Kinshofer (1934–1964), Siegfried Löw (1933–1962) und Anderl Mannhardt (* 1939) erstmals die Diamir-Flanke. Dies war die zweite Besteigung des Nanga-Parbat. Kinshofer und Mannhardt erlitten schwerste Erfrierungen und Löw stürzte beim Abstieg tödlich ab. Der Aufstieg über die Diamir-Flanke war die erste Neuroute an einem Achttausender. Zu einer Zeit, als noch nicht alle 14 Achttausender (erst)bestiegen waren, erregte diese Leistung große internationale Aufmerksamkeit. Expeditionsleiter war wieder Karl Herrligkoffer, der von 1953 bis 1975 insgesamt acht Expeditionen zum Berg leitete.

mini|links|Südwand des Nanga Parbat vom Deosai-Plateau aus gesehen

Die Südtiroler Brüder Günther und Reinhold Messner durchkletterten 1970 zum ersten Mal die gesamte, äußerst schwierige Rupal-Wand (Südwand), die höchste Steilwand der Erde. Sie entschieden, über die Diamirwand auf der Westseite abzusteigen. Damit gelang die erste Überschreitung des Nanga Parbat – und nach dem Mount Everest 1963 erst die zweite Überschreitung eines Achttausenders überhaupt. Beim Abstieg kam Günther Messner ums Leben, wobei Zeitpunkt und Todesursache nicht geklärt sind.sterbliche Überreste wurden in den Jahren 2000, 2005 und 2022 gefunden.

Einen Tag später durchstiegen der Tiroler Felix Kuen und der Bayer Peter Scholz ebenfalls den obersten Teil der Rupal-Wand und stiegen über dieselbe Wand wieder ab.

1971 gelang einer tschechoslowakischen Mannschaft die bislang einzige Wiederholung der Buhlroute. Ivan Fiala und Michal Orolin erreichten den Gipfel am 11. Juli 1971. Ihren Teamkameraden Jozef Psotka, Arno Puškáš und Ivan Urbanovič gelang am selben Tag die Erstbesteigung des Südostgipfels und des Vorgipfels.

Im Jahr 1976 wurde der oberste Teil des Mazeno-Grats von den Österreichern Hanns Schell, Robert Schauer, Hilmar Sturm und Siegfried Gimpel erstbegangen.

Zwei Jahre später gelang Reinhold Messner eine erneute Besteigung, wobei er als erster Mensch überhaupt einen Achttausender von der Basis bis zum Gipfel im Alleingang bewältigte. Er erreichte den Gipfel nach drei Tagen Aufstieg am Nachmittag des 9. August 1978.Der letzte Berg Bericht auf zeit.de, 29. Juni 2000, über eine geplante Nanga-Parbat-Expedition von Messner, mit Rückblick auf die Besteigung von 1978. Er beging dabei sowohl im Auf- sowie im Abstieg eine neue Route in der Diamirflanke. Seine Aufstiegsroute wurde bis heute niemals wiederholt.

1980er- und 1990er-Jahre mini|Diamirflanke des Nanga Parbat

Einer erneuten Herrligkoffer-Expedition zur Rupalwand gelang 1982 die komplette Durchsteigung des Südostpfeilers. Der Schweizer Ueli Bühler erreichte als erster Mensch den Südgipfel (8042 m), an dem die beiden Seilschaften von 1970 vorbei geklettert waren, stieg aber dann nicht weiter bis zum Hauptgipfel empor.

1984 bestieg die Französin Liliane Barrard als erste Frau den Nanga Parbat. Sie erreichte den Gipfel gemeinsam mit ihrem Ehemann Maurice Barrard.siehe auch englische Wikipedia. Eine polnisch-mexikanische Seilschaft um Jerzy Kukuczka durchstieg 1985 den Südostpfeiler und erreichte am 13. Juli den Hauptgipfel.

1990 gelang dem Südtiroler Hans Kammerlander zusammen mit seinem Schweizer Partner Diego Wellig die erste Skibefahrung des Nanga Parbat, nachdem sie auf der klassischen Kinshofer-Route durch die Diamirflanke aufgestiegen waren. Vom Nebengipfel, der sogenannten Nordschulter auf 8070 m, fuhren sie in der Nähe der Aufstiegslinie ab, mussten aber einige Male die Ski ablegen und abklettern bzw. abseilen, um Felsstufen oder Blankeispassagen zu überwinden. Sie mussten auf 6100 m eine Biwaknacht einlegen und erreichten am nächsten Tag ihr Basislager wieder.Hans Kammerlander: Bergsüchtig 2009. 6. Auflage. Piper, München 2007