Die okzitanische Sprache oder das Okzitanisch (okzitanisch occitan [] / lenga d’òc [], ) ist neben Französisch die zweite romanische Sprache, die sich in Gallien aus dem Vulgärlatein entwickelt hat. Die Varietäten (Dialekte) des Okzitanischen, das im Gegensatz zum Französischen über keine einheitliche Schriftsprache verfügt, werden hauptsächlich im südlichen Drittel Frankreichs und einigen kleineren Gebieten in unmittelbarer Nachbarschaft gesprochen.Dazu gehören auf dem Territorium Spaniens die nordwestkatalanische Region Val d’Aran und im Norden Italiens einige piemontesische Alpentäler. Hinzu kommen durch Auswanderung entstandene Sprachinseln im Süden Italiens (Guardia Piemontese), Nordamerika (Valdese in North Carolina) und Südamerika (Colonia Valdense in Uruguay). In den Waldensersiedlungen Süddeutschlands sind die okzitanischen Sprachinseln im 20. Jahrhundert verschwunden. Vgl. Ernst Hirsch: Beiträge zur Sprachgeschichte der württembergischen Waldenser. Stuttgart: Kohlhammer, 1962; Laura Schroeder: Les petjades occitanes dels valdesos a Alemanya. In: Aitor Carrera Baiget, Isabel Grifoll (Hrsg.): Occitània en Catalonha: de tempses novèls, de novèlas perspectivas. Actes de l'XIen Congrès de l'Associacion Internacionala d'Estudis Occitans. (Lhèida, del 16 al 21 de junh de 2014). Barcelona: Generalitat de Catalunya, departament de Cultura. 2017. Biblioteca técnica de política lingüística, 21. Documents occitans, ISBN 978-84-393-9567-6. Online lesen.
Als Amtssprache ist Okzitanisch nur in Spanien, und zwar im Val d’Aran und seit 2010 auch in der ganzen autonomen Gemeinschaft Katalonien, in seiner aranesischen Variante anerkannt.
Okzitanisch zählt zu den vom französischen Staat 1999 mit Einschränkungen in Bildung, Medien und Selbstverwaltung anerkannten Regional- und Minderheitensprachen gemäß der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.
Das Okzitanische bzw. seine regionalen Mundarten und Schriftsprachen wurden in früheren Jahrhunderten in französischen wie ausländischen Schriften verallgemeinernd auch als Gaskognisch und Provenzalisch oder fälschlicherweise auch als Mundarten (patois) des Französischen bezeichnet.
Okzitanisch war (manchmal auch unter der Bezeichnung provenzalisch, in der deutschen Romanistik „altprovenzalisch“) eine der führenden Literatursprachen Europas im Hochmittelalter.
mini|500px|Demonstration für Okzitanisch als Schul- und Amtssprache am 22. Oktober 2005 in Carcassonne
Etymologie des Begriffes mini|„Occitanische Sprache” in Rezension zu: “Recueil de Poëtes Gascons avec le dictionnaire de la langue Toulousaine. Part I, II & III à Amsterdam; 1700” In Monathlicher Auszug aus allerhand neu-heraußgegebenen nützlichen und artigen Büchern. Hrsg. J. Gg. von Eckart. Hannover: Förster. October MDCC. Okzitanisch ist von òc, der okzitanischen Bejahungspartikel, abgeleitet, die aus dem Neutrum hochŏc war im Vulgärlateinischen an die Stelle von ĭd „dieses“ getreten (In den sogenannten Reichenauer Glossen belegt). („dieses“) des lateinischen Demonstrativpronomens hic („dieser“) entstanden ist. Unter den galloromanischen Sprachen werden die Varietäten des Okzitanischen als Langue d'oc von der oder den Langue(s) d’oïl Nordfrankreichs abgegrenzt. Letztere sind nach der altfranzösischen Bejahungspartikel oïl benannt, die vom lateinischen hoc ille abgeleitet ist.Zugrunde liegt die Verkürzung einer Antwort, die als Bejahung der Frage „Hat er dies gemacht?“ diente: „Ja, er hat dies gemacht.“ Aus diesem hoc ille fecit wurde o il, das schließlich oïl geschrieben wurde. Diese Formel war auch mit anderen Personalpronomen (ich, du, sie etc.) möglich: o je, o tu, o el(l)e etc. Da jedoch die 3. Person am häufigsten vorkam, hat sich „ja, er (hat)“ als allgemeine Bejahungsformel, deren ursprüngliche Bedeutung in Vergessenheit geriet, durchgesetzt. S. Hans Rheinfelder: Altfranzösische Grammatik. 2. Teil: Formenlehre. 1. Auflage, Max Hueber Verlag, München 1967, S. 118. Im Okzitanischen wurde die Formel ohne Pronomen verwendet: daher oc = „ja“.Zur lautlichen Entwicklung zu neufranzösisch oui [wi] s. Hans Rheinfelder: Altfranzösische Grammatik. 1. Teil: Lautlehre. 3. durch einen Anhang ergänzte Auflage, Max Hueber Verlag, München 1963, S. 44 und 354. Von der Sprachbezeichnung langue d’oc kommt auch der Name der Region Languedoc, die jedoch nur einen Teil des okzitanischen Sprachgebietes bildet.
Die heute übliche deutsche Bezeichnung der südfranzösischen Sprache als Okzitanisch ist vom okzitanischen oder französischen Wort occitan abgeleitet. Dieses geht auf die seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts belegten mittellateinischen Begriffe lingua occitana oder occitanica zurück.Der Gebrauch dieser beiden lateinischen Bezeichnungen war (im Unterschied zum mittellateinischen Begriff lingua oc) auf die lateinische Kanzleisprache beschränkt und verlor sich am Ende des Mittelalters, um erst seit dem 17. Jahrhundert im Latein einiger weniger Gelehrter, die sich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigten, wiederbelebt zu werden. Im Französischen erscheinen zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals vereinzelte Belege für die Bezeichnungen occitan (1819) und occitanique (1802), aber erst mit der programmatischen Wiederbesinnung auf eine „okzitanische“ Kultur und Sprache, besonders seit der Gründung der Ligue Occitane im Jahr 1897, fand das Wort occitan allmählich Eingang in den Sprachgebrauch.Die Einteilung der romanischen Sprachen anhand ihrer Bejahungspartikel findet sich bereits bei Dante Alighieri, der in seiner Schrift De vulgari eloquentia anhand der Bejahungspartikeln sì, òc und oïl drei Hauptzweige der romanischen Sprachen unterschied. Dabei bestimmte er allerdings sì (von lateinisch sic) ausschließlich als Merkmal des Italienischen, unter Vernachlässigung z. B. des Spanischen, während er die Sprecher der lingua oc wiederum als „Spanier“ (Yspani) bezeichnete (Dve I, viii, 5), obwohl er in seiner Schrift im Weiteren dann hauptsächlich südfranzösische und nicht etwa katalanische oder „spanische“ Trobadors als Vertreter der Dichtung in lingua oc anführt.
Okzitanisch als romanische Sprache der Galloromania
Dialektale Gliederung Das Okzitanische ist eine eigenständige galloromanische Sprache, die sich im südlichen Gallien ausgebildet hat, während in der nördlichen Hälfte des Landes das Französische entstand. Seine Varietäten sind keine Mundarten (patois) des Französischen, wie selbst in Frankreich oft irrtümlich angenommen wird. mini|hochkant=2.5|Karte der Sprachen und Dialekte Frankreichs; in Rottönen im Süden: die Varietäten des Okzitanischen
Das Okzitanische, das im Mittelalter eine eigene literarische Blüte hervorbrachte (Troubadour-Lyrik) und später, insbesondere seit Beginn der Neuzeit, durch zentralisierende Tendenzen in der Entwicklung des Königreiches Frankreich in den Schatten des Französischen, der Sprache des Hofes und der königlichen Verwaltung, geriet, gliedert sich in Varietäten, die sich in drei Gruppen zusammenfassen lassen: Nordokzitanisch Limousinisch (im Limousin) Auvergnatisch (in der Auvergne) Vivaro-alpinisch (im südlichen Teil der französischen Alpen und im Piemont) Südokzitanisch Languedokisch (im Languedoc) Provenzalisch (in der Provence) mit den Unterdialekten (fr. sous-dialectes) Provençau Maritim, von Marseille bis Antibes Rodanenc, am und im Rhônetal Nissart um Nizza Gaskognisch, in der Gascogne. Dazu gehört auch das Aranesische im Val d’Aran. Aufgrund seines Systemabstandes zu den anderen okzitanischen Dialekten wurde das Gaskognische schon im Mittelalter zuweilen als eigene Sprache angesehen.s. Gerhard Rohlfs: Le Gascon. Études de philologie pyrnénéenne. Max Niemeyer Verlag, Halle 1935. Kurt Baldinger: La position du gascon entre la Galloromania et l'Iberoromania. In: Revue de linguistique romane (RLiR). Bd. 22, 1958. S. 241–292.
Sprachgeschichte: Ursprung, Blütezeit, Verfall und Wiederbelebung
Das Okzitanische entwickelte sich aus dem Vulgärlatein des südlichen Gallien. Die Unterschiede in der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung zwischen dem Süden und dem Norden Galliens in der Spätantike und dem Frühmittelalter spiegeln sich in der unterschiedlichen Sprachentwicklung wider. Unter anderem wurden die Varietäten des Südens im Gegensatz zu denen des Nordens kaum von altfränkischen Einflüssen geprägt. Sie veränderten sich auf lautlichem Gebiet weniger schnell und bewahrten so eine größere klangliche Ähnlichkeit mit den übrigen romanischen Sprachen.
Bis zum 12. Jahrhundert bildeten sich auf der Grundlage der sprachlichen Varietäten, die im Raum des heutigen Frankreich aus dem Vulgärlatein entstanden waren, zwei verschiedene Kultursprachen heraus. Nördlich der Loire entwickelte sich das Französische, weiter südlich das Okzitanische. Dieses spielte als Literatursprache (vor allem der Trobadordichtung) im 12. und 13. Jahrhundert eine wichtige Rolle, die nicht auf die Adelshöfe Südfrankreichs beschränkt blieb, sondern auch in Nordspanien, vor allem in Katalonien, und in Italien der Literarisierung der dortigen romanischen Dialekte vorausging oder diese nachhaltig prägte.
Der Albigenserkreuzzug (1209–1229) beendete die Hochzeit der kulturellen Blüte Okzitaniens. Doch bereits im Jahr 1323 entstand eine Bewegung zur Renaissance der okzitanischen Literatur: In Toulouse gründete sich der Gai Saber, ein bürgerlicher Dichterkreis, der sich zum Ziel setzte, die nach den Verheerungen der Albigenserkriege bedrohte Tradition der okzitanischen Dichtung weiterzuführen. Bis ins 16. Jahrhundert und teilweise darüber hinaus behielt das Okzitanische den Status einer Schrift- und Literatursprache, deren Hauptkonkurrent auf lokaler Ebene zunächst vor allem das Lateinische war.
Im Zuge der von König Franz I. mit dem Edikt von Villers-Cotterêts (1539) begonnenen Vereinheitlichung von Justiz und Verwaltung in den französischen Kronlanden, zu denen weite Teile des okzitanischen Sprachraums seit dem Ende der Albigenserkriege gehörten, wurde die „französische Muttersprache“ („langage maternel francoys“) zur alleinigen Urkunden- und Verwaltungssprache erhoben. Diese Maßnahme richtete sich zunächst gegen das Lateinische und ließ die Verwendung weiterer Volkssprachen neben dem Französischen in der Verwaltung einzelner Provinzen durchaus zu,Nach heutigem Erkenntnisstand war mit „francoys“ nicht Französisch im Sinne der französischen Sprache, sondern die Muttersprache der Franzosen im Gegensatz zum Lateinischen gemeint. Eine Reihe weiterer Dokumente, die den Gebrauch okzitanischer Varietäten in einzelnen Provinzen explizit zuließen, belegt dies. wendete sich langfristig aber auch gegen das Okzitanische und alle anderen in den Ländern der französischen Krone verbreiteten Sprachen. Wirkte sich das Edikt zunächst nur auf den Sprachgebrauch der staatlichen Organe, die Verwaltung und das Gerichtswesen aus, so verloren Okzitanisch und die anderen Regionalsprachen vor allem seit der Französischen Revolution im Laufe des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, da nun die gesamte Bevölkerung in das politische Leben des Zentralstaates, insbesondere in das von diesem organisierte Bildungswesen, das sich ausschließlich des Französischen bediente, einbezogen wurde. Vor allem die zentralistische Schulpolitik von Jules Ferry um 1880 trug zur Verdrängung des Okzitanischen (sog. Vergonha) bei. Das Französische galt seit der Aufklärung, deren Hauptwerke in dieser Sprache abgefasst wurden, als Sprache der „clarté“ (Klarheit) und „raison“ (Vernunft); diese Vorstellung wurde von den Revolutionären und den Instanzen der Französischen Republik übernommen.