Das ehemalige Witwenhaus befindet sich am Franckeplatz 5 in Glaucha, Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt.
Geschichte Am 19. Oktober 1706 kaufte August Hermann Francke den Gasthof „Zum Raubschiff“, auch bekannt als „Glücksschiff“ (1701), für 2400 Taler.Franckesche Stiftungen: Die Stiftungen August Hermann Francke's in Halle: Festschrift zur zweiten Säcularfeier seines Geburtstages, Fußnote S. 172. Auf Anregung von Frau von Gersdorf bereits einige Jahre zuvor sollte eine Stiftung für „unverheiratete oder verwitwete Frauenzimmer adeligen und bürgerlichen Standes“ gegründet werden, die auch „für Kinder vornehmen Standes“ Sorge tragen sollte. Diese Stiftung kam damals jedoch nicht in Halle zustande, da Frau von Gersdorf sich schließlich an Altenburg wandte, um dort eine ähnliche Einrichtung ins Leben zu rufen.
Am 23. Januar 1703 bot der Geheimerat von Chalkowski in Berlin 3000 Taler an, um „drei christlichen Weibspersonen an hiesigem Orte und bei hiesigen durch Gottes Segen gemachten guten Anstalten, jeder Person 60 Taler jährlich zu gewähren, damit sie ihr Leben in fleißiger Wahrnehmung ihrer Seelen-Wohlfahrt zubringen könnten“. Daraufhin konnte schließlich der Plan umgesetzt werden, in Halle ein Witwenhaus einzurichten.
Für dieses Vorhaben wurde das 1706 erworbene Gebäude, das zuvor als Schule für Waisenkinder genutzt worden war, umgebaut, sodass vier zunächst nur adelige Fräulein darin aufgenommen werden konnten. Jede von ihnen hatte eine Kleinwohnung mit eigener Stube und Kammer. Zunächst war es als „Erziehungsanstalt“ für Mädchen aus Adelskreisen gedacht. Die Damen speisten gemeinsam. Zu ihrem Unterhalt erhielten sie die 6 % Zinsen aus dem Stiftungskapital von ursprünglich 3000 Talern, das 1713 auf 5000 Taler erhöht wurde.Franckesche Stiftungen: Die Stiftungen August Hermann Francke's in Halle: Festschrift zur zweiten Säcularfeier seines Geburtstages, Fußnote S. 172ff
Stifter des Frauenzimmerstifts war jedoch nicht wie allgemein angenommen wird Francke, sondern Carl Hildebrand von Canstein.AFSt/H C 794 : 48
Wegen fehlender Mittel musste das gemeinsame Speisen bereits 1716 eingestellt werden, und die Bewohnerinnen waren fortan selbst für ihre Verpflegung verantwortlich. Auf Grund der geringen Auslastung des Frauenzimmerstifts wurde 1719 sogar darüber nachgedacht den Betrieb einzustellen.Staatsbibliotheik Berlin Nachlass August Hermann Francke 10,2/7: 212 (= Schreiben vom 29. August 1719 des Johann Daniel Herrnschmidt an August Hermann Francke worin sich dieser gegen eine Schließung des Frauenzimmerstifts ausspricht) Man entschied sich dagegen und nahm stattdessen verwitwete Damen aus dem Adelsstand auf. Bis 1760 trug das Waisenhaus die Kosten für den Unterhalt der Einrichtung. Nach Prüfung der dem Waisenhaus entstehenden Lasten wurde beschlossen, den Kaufpreis des Gebäudes von 2400 Talern vom Stiftungskapital abzuziehen. Die Zinsen aus dem verbleibenden Kapital von 2600 Talern wurden nun für den Unterhalt der Witwen und unverheirateten „Jungfrauen bürgerlichen Standes“ ausgezahlt. Der Zustrom adeliger Damen endete, und das Witwenhaus nahm zunehmend bürgerliche Frauen auf.Franckesche Stiftungen: Die Stiftungen August Hermann Francke's in Halle: Festschrift zur zweiten Säcularfeier seines Geburtstages, Fußnote S. 288 ff.
Nachdem 1826 ein Teil des Witwenhauses verkauft worden war, ebbte auch der Zustrom bürgerlicher Witwen ab. Die Wohnungen wurden kaum noch von Witwen beansprucht. Einzelne Wohnungen wurden nun auch für andere Zwecke vermietet. 1863 wurde das Gebäude schließlich komplett vermietet und nicht länger als Witwenhaus genutzt. Seit den 1920er Jahren befindet sich im Gebäude die „Buchhandlung des Waisenhauses“, die jedoch seit 1931 nicht mehr Teil der Franckeschen Stiftungen ist.
Architektur Der ehemalige Gasthof ist ein zweieinhalbgeschossiger Krüppelwalmdachbau mit leicht vorkragendem Obergeschoss. Das Erscheinungsbild des im 16. Jahrhundert errichteten Gebäudes ist durch Umbauten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sowie im 18. Jahrhundert barock geprägt. Das Erdgeschoss dient als gemauerter Sockel für die beiden Obergeschosse, die profilierte Balkenköpfe aufweisen.Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt. Band 4: Stadt Halle, S. 133. Das Gebäude wurde im Jahr 2012 saniert.
Denkmalschutz Das Gebäude steht als Baudenkmal unter Denkmalschutz und mit der Erfassungsnummer 094 56652 im Denkmalverzeichnis von Sachsen-Anhalt.Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt (PDF; 9,9 MB) – Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage zur schriftlichen Beantwortung (der Abgeordneten Olaf Meister und Prof. Dr. Claudia Dalbert; Bündnis 90/Die Grünen) – Drucksache 6/3905 vom 19. März 2015 (KA 6/8670), PDF-Seite 1593–1594, abgerufen am 5. Dezember 2024.
Literatur Directorium der Franckeschen Stiftungen (Hrsg.): Die Stiftungen August Hermann Francke’s in Halle. Festschrift zur zweiten Säcularfeier seines Geburtstages, Buchhandlung des Waisenhauses, 1863. Stadt Halle (= Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt; 4), erarbeitet von Holger Brülls und Dorothee Honekamp, Fliegenkopf Verlag, Halle (Saale) 1996, ISBN 3-910147-62-3.
Siehe auch Witwenhaus (Oettingen) Witwenhaus (Ansbach) Predigerwitwenhaus (Potsdam)
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturdenkmal in Halle (Saale) Kategorie:Erbaut im 16. Jahrhundert Kategorie:Umgenutztes Bauwerk in Halle (Saale) Kategorie:Renaissancebauwerk in Halle (Saale) Kategorie:Frauengeschichte (Deutschland) Kategorie:Christentum in Halle (Saale) Kategorie:August Hermann Francke