Der Mordfall Ben Barka ist ein französischer Kriminalfall des Jahres 1965.Quelle für die Abschnitte über Vorgeschichte, Chronologie, Ermittlungen und Staatsaffäre ist (wenn nicht im Einzelnen anders angegeben) Bernard Violets Buch L’Affaire Ben Barka (s. Literatur). Am 29. Oktober 1965 wurde der marokkanische Oppositionspolitiker Mehdi Ben Barka in Paris auf offener Straße entführt und vermutlich noch am 29. oder am 30. Oktober in dem Pariser Vorort Fontenay-le-Vicomte ermordet. Aufgrund der politischen Implikationen – der Entführung und Ermordung eines ausländischen Politikers auf französischem Boden, der Beteiligung französischer Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter an einer Entführung sowie des kriminellen Agierens hoher marokkanischer Staatsrepräsentanten innerhalb Frankreichs – entwickelte sich der Mordfall schnell zu einer Staatsaffäre.Den Begriff „Staatsaffäre“ benutzen z. B. Der Spiegel, schon vom 11. September 1966 und sehr viel später Die Welt vom 21. Juli 2001. Abgerufen am 2. Dezember 2024. Der tatsächliche Ablauf der Mordtat und der Verbleib der Leiche wurden nie zweifelsfrei geklärt und die Hintergründe des Mordfalls sorgen bis heute für zahlreiche Buchpublikationen, TV-Features und filmische Adaptionen.

Die Vorgeschichte Nachdem ihm und der von ihm geführten UNFP (Union Nationale des Forces Populaires) vorgeworfen worden war, eine Verschwörung gegen die Monarchie und ein Attentat auf König Hassan II. geplant zu haben, lebte Ben Barka seit dem Juni 1963 dauerhaft im Exil, vorwiegend in Genf und Kairo. Im März 1964 wurde er in einem Hochverratsprozess – in Abwesenheit – zum Tode verurteilt.

Seit Anfang der 1960er Jahre war Ben Barka mehrfach Ziel von geplanten, jedoch fehlgeschlagenen Entführungen und Attentaten, zuletzt Anfang 1965 in Genf.

Im Sommer 1965 nahm der französische Journalist Philippe Bernier Kontakt auf zu Ben Barka, den er bereits in den 1950er Jahren während seiner Tätigkeit in Marokko kennengelernt hatte. Inzwischen lebte Bernier wieder in Frankreich und arbeitete an den Vorbereitungen eines Filmprojekts über die Dekolonisation. Ben Barka zeigte sich interessiert an einer Mitarbeit und schlug als Titel Basta!„¡Basta!“ (im Deutschen sinngemäß: „Genug!“ oder „Es reicht!“), ein Ausruf, den Fidel Castro und Che Guevara häufig benutzten, Guevara z. B. in seiner Rede am 11. Dezember 1964 vor der UNO-Vollversammlung: „Porque esta gran humanidad ha dicho ¡Basta! y ha echado a andar.“ („Denn die große Menschheit sagte ‹Genug!› und begann sich zu wandeln.“) vor. Als Produzenten des Films zog Bernier Georges Figon hinzu. Figon war ein Mann mit krimineller Vergangenheit und immer noch guten Beziehungen ins Milieu, inzwischen aber Verleger der „Presses Européennes“, der sich auch in den intellektuellen Kreisen des Rive Gauche bewegte. Schließlich wurden als vorgesehener Regisseur des Werks der bei Cinéasten hoch angesehene Georges Franju und als Autorin des Kommentars Marguerite Duras gewonnen. Bernier und Figon trafen sich im September und Anfang Oktober 1965 zu Vorbesprechungen mit Ben Barka in Kairo und in Genf, und man vereinbarte ein erstes gemeinsames Arbeitstreffen mit Franju; es sollte stattfinden am Mittag des 29. Oktober 1965 in der Pariser „Brasserie Lipp“.

mini|Tafel zur Erinnerung an die Entführung Mehdi Ben Barkas am 29. Oktober 1965 vor der Brasserie Lipp

Chronologie 29. Oktober 1965 – 9:00. Ben Barka kommt aus Genf am Pariser Flughafen Orly an. Er begibt sich von Orly aus mit einem Taxi zu einer Nebenstraße der Champs-Élysées, wo er in der Wohnung eines Freundes seine Koffer abstellt, und dann zu Fuß zum Rond-point des Champs-Élysées, wo er sich mit dem marokkanischen Studenten Thami El-Azemouri trifft. Gemeinsam fahren sie zu dem verabredeten Treffen mit Bernier, Figon und Franju in der „Brasserie Lipp“. – 12:15. Da sie etwas verfrüht in Saint-Germain-des-Prés eintreffen, gehen sie noch ein paar Minuten die benachbarten Straßen auf und ab und dann zurück zum Boulevard Saint-Germain. Zwischen dem „Drugstore Publicis“ und der „Brasserie Lipp“ stellen sich ihnen zwei Männer in den Weg, die sich als Polizisten ausweisen können: Louis Souchon und Roger Voitot. Sie behaupten, Repräsentanten der französischen Politik wollten mit Ben Barka sprechen, und drängen ihn in einen bereitstehenden PKW, der dann schnell in die Rue de Rennes abbiegt und fortfährt. Zurück bleibt Thami El-Azemouri. – Es ist die letzte Situation, in der Ben Barka von unbeteiligten Zeugen gesehen wurde, so dass alle Aussagen zum weiteren Geschehen ausschließlich von seinen Entführern oder an seiner Ermordung Beteiligten stammen.

30. Oktober 1965. Erste Informationen über eine Entführung – oder auch eine Verhaftung – Ben Barkas erreichen die Pariser Medien. Quelle dieser ersten Informationen sind Mehdi Ben Barkas Bruder Abdelkader und ein weiterer Marokkaner, mit denen er für den Abend des 29. Oktober für einen Theaterbesuch verabredet war. Der Augenzeuge der Entführung Thami El-Azemouri wendet sich zunächst nicht selbst an die Polizei. Seine Schilderungen erreichen Abdelkader Ben Barka über seine Frau, Anne Azemouri, und über UNFP-Leute in Paris, die das Vertrauen El-Azemouris genießen.

31. Oktober 1965. Abdelkader Ben Barka erstattet wegen der Entführung seines Bruders bei der Pariser Polizei Anzeige gegen Unbekannt, und ihm wird mitgeteilt, in den Händen der Pariser Polizei befinde sich sein Bruder jedenfalls nicht.

1. November 1965. Die ersten Zeugenaussagen von Georges Franju und Philippe Bernier werden aufgenommen. Der ebenfalls als Zeuge gesuchte Georges Figon ist nicht auffindbar – und wird es bis zum 17. Januar 1966 bleiben.

2. November 1965. Als Ermittlungsrichter wird Louis Zollinger eingesetzt. Bereits die ersten Befragungen der mit dem Fall betrauten Polizisten ergeben: Ein Mitarbeiter des französischen Auslandsgeheimdienstes SDECE, ein gewisser Antoine Lopez, ist in den Fall involviert, und es hat einen Kontakt zwischen Lopez und dem marokkanischen Innenminister Mohammed Oufkir gegeben. Figons Anwalt teilt mit, sein Mandant habe ihm offenbart, dass Ben Barka in eine Figon bekannte Villa in einem Vorort von Paris gebracht worden sei; Figon sei davon ausgegangen, dass es um ein vom SDECE organisiertes Treffen zwischen Ben Barka und französischen Politikern gegangen sei.

3. November 1965. Thami El-Azemouri, Augenzeuge des Geschehens am Boulevard Saint-Germain, macht bei der Polizei seine Aussage. – Und am Nachmittag stellt sich, gedrängt von dem „Brigade mondaine“-Mann Souchon, am Quai des Orfèvres Antoine Lopez den Fragen der Polizei. Seine Aussagen werden der erste große Schritt bei den Ermittlungen. Er benennt Ort und Besitzer der fraglichen Villa – es ist das Haus von Georges Boucheseiche, gelegen in Fontenay-le-Vicomte – und er bestätigt die Mitwirkung des marokkanischen Innenministers, Mohammed Oufkir, und des Direktors der Sicherheitspolizei, Ahmed Dlimi, an der Angelegenheit. – Der Pariser Polizeipräfekt Maurice Papon informiert den französischen Innenminister Roger Frey über den Inhalt von Lopez’ Aussagen.

4. November 1965. Frey seinerseits informiert Premierminister Pompidou.

5. November 1965. Im Auftrag des französischen Außenministeriums treffen in Fès Philippe Malaud und Botschafter Robert Gillet den marokkanischen König Hassan II. Neben der Beschwerde über das Agieren von Oufkir und Dlimi in Frankreich, ist es ihr Anliegen, den gegenwärtigen Aufenthaltsort von Ben Barka zu erfahren, denn zu diesem Zeitpunkt geht man auf französischer Seite noch davon aus, er wäre „nur“ entführt – nicht ermordet – worden. Hassan II. zeigt sich allerdings uninformiert über die Geschehnisse, in Marokko jedenfalls sei Ben Barka nicht. – In der französischen Presse mehren sich indessen Stimmen, die bezweifeln, dass Ben Barka noch am Leben ist.„s’il est encore en vie“ („wenn er noch am Leben ist“) schreibt z. B.: ; und am folgenden Tag heißt es „les bruits les plus pessimistes“ („die pessimistischsten Gerüchte“) bei:

7. November 1965. Der in Paris studierende El Ghali El Mahi wird festgenommen. Es soll sich um einen Mittelsmann zwischen Boucheseiche und Oufkir handeln. Er gibt zu, Oufkir am 30. Oktober in Orly getroffen zu haben, mit der Entführung aber habe er nichts zu tun.

Dezember 1965. Befragungen des Direktors des SDECE, Paul Jacquier, sowie des Vorgesetzten von Antoine Lopez, Marcel Le Roy-Finville, durch den Ermittlungsrichter Zollinger. Interne Papiere des SDECE belegen, dass der Geheimdienst an Vorbereitungen zu einem „Treffen“ zwischen Ben Barka und Oufkir seit Mai 1965 arbeitete; in einem Bericht von Lopez hieß es, in Marokko werde eine „Rückkehr“ Ben Barkas angestrebt, für die man notfalls auch „unorthodoxe Methoden“ anwenden könne.Aus Lopez’ Bericht wird wörtlich zitiert in dem TV-Film Qui a tué Ben Barka? (s. Weblinks): „récupération de Ben Barka par des procédés non orthodoxes“; Timecode: 17:08–17:28.

10. Januar 1966. Mehr als zwei Monate nach der Entführung Ben Barkas, mehr als zwei Monate, in denen Georges Figon Interviews gab und sogar von Paris Match am Quai des Orfèvres fotografiert wurde, für die Polizei aber unauffindbar geblieben war, erscheint im Nachrichtenmagazin L’Express sein Bericht „J'ai vu tuer Ben Barka“ („Ich sah, wie Ben Barka ermordet wurde“).Der Text im Wortlaut in: Obwohl der Wahrheitsgehalt von Einzelheiten des Berichts fragwürdig schien, gab es von nun an keinen Zweifel mehr an Ben Barkas Tod.

14. Januar 1966. Aussage von Louis Souchon (er ist Mitarbeiter der „Brigade mondaine“ und einer der zwei Männer, die Ben Barka am 29. Oktober 1965 auf dem Boulevard Saint-Germain abgefangen und ins bereitstehende Auto gedrängt haben) vor dem Ermittlungsrichter. Er sagt aus, dass er am späten Abend des 28. Oktober Antoine Lopez (nicht nur Mitarbeiter des SDECE, sondern gelegentlich auch Informant der „Brigade mondaine“) am Flughafen Orly getroffen habe. Dieser habe ihm versichert, die geplante Aktion werde von höchster Seite gedeckt, wörtlich: „Foccart est au parfum“ (sinngemäß: „Foccart ist eingeweiht“ – Jacques Foccart war damals enger Berater von Staatspräsident de Gaulle).

17. Januar 1966. Georges Figon, der sich mehr als zwei Monate einem Verhör entzogen hat, wird von der Polizei tot in einem Studio in der Rue des Renaudes aufgefunden. Die Ermittler gehen von einem Suizid aus.

Die Ermittlungen