Das COM-B-Modell ist ein psychologisches Rahmenwerk zur Verhaltensänderung, das drei notwendige Komponenten für das Auftreten eines Verhaltens (Behavior) vorschlägt. Durch die Bewertung von Fähigkeiten (Capability), Gelegenheiten (Opportunity) und Motivation (Motivation) können Führungskräfte, politische Entscheidungsträger und Verhaltenswissenschaftler verstehen, warum ein bestimmtes Verhalten auftritt und wie gezielte Interventionen entwickelt werden können, die zu einer effektiven Veränderung führen.Michie, S., van Stralen, M. M. & West, R. (2011). The behaviour change wheel: a new method for characterising and designing behaviour change interventions. Implementation science, 6, 42. https://doi.org/10.1186/1748-5908-6-42/
Theoretischer Hintergrund Das COM-B-Modell wurde 2011 von Susan Michie, Maartje van Stralen und Robert West entwickelt, um ein umfassenderes Rahmenwerk für das Verständnis und die Beeinflussung von Verhaltensänderungen zu schaffen. Zu dieser Zeit gab es zahlreiche Modelle zur Verhaltensänderung, doch viele waren entweder zu eng gefasst oder zu komplex, um praktisch in unterschiedlichen Kontexten angewendet zu werden. Michie und ihre Kollegen beabsichtigten ein alternatives Modell zu entwickeln, welches inhaltlich breit gefächert und flexibel sein sollte. Die Entwicklung des COM-B-Modells erfolgte im Kontext zur Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit und dort insbesondere bei der Entwicklung von Interventionen in der Raucherentwöhnung und der Förderung von körperlicher Aktivität.
Das COM-B-Modell ist Teil des umfassenderen Behavior Change Wheel (BCW), das Michie, van Stralen und West 2011 entwickelten und 2014 in einem Buch veröffentlichten.S. Michie, M. M. van Stralen & R. West (2014). The Behaviour Change Wheel: A Guide to Designing Interventions. London: Silverback Publishing. ISBN 978-1-912141-00-5/ Das BCW entstand aus der Erkenntnis, dass es nicht ausreicht, lediglich die Faktoren zu verstehen, die Verhalten beeinflussen, also Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation. Es war auch ein systematischer Ansatz erforderlich, um Interventionen zu entwerfen, die diese Faktoren gezielt adressieren können. Das Behavior Change Wheel integriert das COM-B-Modell mit einer Taxonomie von Interventionsfunktionen und politischen Kategorien, um einen strukturierten Ansatz für die Entwicklung von Verhaltensänderungsinterventionen zu bieten. Im Laufe der Jahre wurde das COM-B-Modell in zahlreichen Studien und Interventionen angewendet, von der Verbesserung individueller Verhaltensweisen in klinischen Umgebungen bis hin zur Förderung der öffentlichen Gesundheit.
Komponenten des COM-B-Modells Das COM-B-Modell zur Verhaltensänderung nennt Fähigkeiten (C), Gelegenheiten (O) und Motivation (M) als drei Schlüsselfaktoren, die Verhalten (B) verändern können. Fähigkeiten beziehen sich auf die psychologischen und physischen Möglichkeiten einer Person, an einer Aktivität teilzunehmen. Gelegenheiten beziehen sich auf externe Faktoren, die ein Verhalten ermöglichen. Schließlich bezieht sich Motivation auf die bewussten und unbewussten kognitiven Prozesse, die Veränderungen lenken und inspirieren.
Fähigkeiten Fähigkeit (Capability) im Kontext des COM-B-Modells bezieht sich darauf, ob wir das Wissen, die Fähigkeiten und die Kompetenzen besitzen, um ein Verhalten auszuführen. Dies umfasst die psychologische Fähigkeit, einschließlich mentaler Zustände, Wissen und Fertigkeiten, sowie die physische Fähigkeit. Um beispielsweise eine Person dazu zu bringen, sich in der Lage zu fühlen, ein Verhalten auszuführen oder ein Ziel zu erreichen, kann die Durchführung einer Schulung, die das Lernen unterstützt, das Gefühl der Fähigkeit stärken.
Gelegenheiten Gelegenheit (Opportunity) im Kontext des COM-B-Modells bezieht sich auf externe Faktoren, die die Ausführung eines Verhaltens ermöglichen. Dazu gehören physische Gelegenheiten, Gelegenheiten, die durch die Umgebung bereitgestellt werden, sowie soziale Gelegenheiten. Um beispielsweise die Möglichkeit zu schaffen, ein Verhalten wie neue Ernährungsgewohnheiten zu beginnen, könnten kostenlose Ernährungskurse hilfreich sein.
Motivation Motivation im Kontext des COM-B-Modells bezieht sich auf die inneren Prozesse, die Entscheidungsfindung und Verhalten beeinflussen. Laut dem Modell gibt es zwei Hauptkomponenten: reflektierte Motivation (der bewusste Prozess des Planens) und automatische Motivation (automatische Prozesse wie Impulse und Hemmungen). Um die Motivation zu verbessern, kann es beispielsweise hilfreich sein, ein gewünschtes Verhalten von etwas, das man tun muss, in etwas zu verwandeln, das man tun möchte, indem man zur Reflexion über die Vorteile dieses Verhaltens anregt.
Die COM-B-Komponenten interagieren durch positive und negative Rückkopplungsschleifen und schaffen so dynamische Verhaltenssysteme. Das Verhalten einer Person wird sich ändern, wenn die oben genannten potenziellen Hebel für Veränderung erfolgreich umgesetzt werden. Das Modell erkennt an, dass Verhalten von vielen Faktoren beeinflusst wird und dass eine Verhaltensänderung durch die Anpassung mindestens einer dieser Komponenten bewirkt wird. Das COM-B-Modell ist besonders wichtig, wenn es um Interventionsmethoden geht, da Intervenierende sicherstellen müssen, dass das erlernte Verhalten nachhaltig bleibt. Um seine Anwendung zu erleichtern, wird das COM-B-Modell oft in Verbindung mit dem Behavior Change Wheel verwendet, das Kategorien von Interventionen identifiziert, die eingesetzt werden können, um gewünschte Verhaltensweisen in einer Zielgruppe zu fördern.
Rahmenwerk für Verhaltensänderungen Rahmenwerke (Frameworks) für Verhaltensänderungen bilden das Fundament der angewandten Verhaltenswissenschaft. Sie werden von Verhaltenswissenschaftlern für politische Entscheidungsträger und Führungskräfte der Wirtschaft entwickelt. Diese Zusammenfassungen neuester Erkenntnisse zur Entscheidungsfindung sind unverzichtbar, um Forschungsergebnisse in öffentlichen und privaten Bereichen anzuwenden. Frameworks destillieren Strategien zur Beeinflussung menschlicher Entscheidungen in einfache, einprägsame Gedächtnisstützen oder Akronyme. Dadurch wird es möglich, komplexe theoretische Einsichten darüber, wie Menschen denken und handeln, in die Praktiken von Organisationen in allen Branchen und Umgebungen einzubringen.
Es gibt sehr viele Frameworks, jedoch wird gerade das COM-B besonders häufig eingesetzt. Gründe hierfür sind: Eine umfangreiche Literatur belegt seine Wirksamkeit. Es ist sehr breit gefächert und kann daher in vielen verschiedenen Kontexten und Bereichen angewendet werden. Es ist mit einem umfassenderen Werkzeugkasten verbunden, dem sogenannten Behavior Change Wheel, welches ermöglicht mit COM-B zu beginnen und zu sehr konkreten, evidenzbasierten Interventionsdesigns zu erhalten.
Stärken und Schwächen des Modells Modell-Stärken Das COM-B-Modell erkennt an, dass Verhalten von vielen Faktoren beeinflusst wird, und ermöglicht einen umfassenden Ansatz zur Verhaltensänderung. Es berücksichtigt beispielsweise auch Faktoren außerhalb des Individuums (Gelegenheit). COM-B ist fundiert und evidenzbasiert. COM-B bietet einen strukturierten Ansatz zur Identifizierung von Barrieren für Verhalten und kann auf verschiedenen Komplexitätsniveaus dargestellt werden. Dies macht es besonders nützlich, um Beteiligte mit unterschiedlichen Bildungshintergründen einzubeziehen. Modell-Schwächen Obwohl das Modell für die systematische Kategorisierung und Replikation von Interventionen zur Verhaltensänderung gelobt wird, haben einige Autoren argumentiert, dass COM-B die Variabilität von Verhalten ignoriert, indem es auf Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation reduziert wird. COM-B ist ein akademisches Modell, das hauptsächlich im Kontext von Gesundheitsverhalten verwendet wird. Seine Anwendung in anderen Bereichen kann weniger einfach sein. Obwohl das Grundprinzip von COM-B einfach ist, kann es schwierig werden, das Modell zu erklären, sobald man in die verschiedenen Schichten der Komplexität einsteigt.
Erweiterungen des COM-B-Modells Für ein noch detaillierteres Verständnis des Verhaltens, welches man ändern möchte, kann das COM-B-Modell durch das Theoretical Domains Framework (TDF; Theoretisches Domänenmodell) erweitert werden.Michie, S., Johnston, M., Abraham, C., Lawton, R., Parker, D., & Walker, A. (2005). Making psychological theory useful for implementing evidence based practice: A consensus approach. Quality and Safety in Health Care, 14(1), 26–33. https://doi.org/10.1136/qshc.2004.011155/Cane, J., O’Connor, D., & Michie, S. (2012). Validation of the theoretical domains framework for use in behaviour change and implementation research. Implementation Science, 7(1), 37. https://doi.org/10.1186/1748-5908-7-37 Das TDF umfasst 14 detaillierte Domänen, die für Verhaltensänderungen wesentlich sind, und verknüpft diese mit den verschiedenen COM-B-Komponenten, um zusätzliche Einblicke zu bieten. Beispielsweise identifiziert das TDF innerhalb der Komponente der psychologischen Fähigkeit vier relevante Domänen: Wissen, kognitive Fähigkeiten, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Entscheidungsprozesse sowie Verhaltensregulation. Nachdem man die Hindernisse für das Verhalten entweder auf der grundlegenden Ebene (COM-B) oder mit einem höheren Grad an Detail und Komplexität (TDF) diagnostiziert hat, kann man diese Erkenntnisse mit dem Behavior Change Wheel (BCW) kombinieren. Das BCW verknüpft jede COM-B-Komponente mit Interventionsfunktionen, die gemäß der Evidenz wahrscheinlich Einfluss auf diese Komponenten haben. Außerdem hilft das BCW, die Arten von politischen Maßnahmen zu identifizieren, die für die effektive Umsetzung dieser Interventionen genutzt werden können. Beispielsweise kann man bei der Überwindung von Barrieren in der reflektierten Motivation Strategien wie Bildung, Überzeugung, Anreize oder Zwang anwenden. Im Werkzeugset, das mit COM-B verbunden ist, gibt es auch eine umfassende Taxonomie von Behavior Change Techniques (BCTs; Verhaltensänderungstechniken), die genutzt werden kann, um den Inhalt einer Intervention genauer zu spezifizieren.Michie, S., Richardson, M., Johnston, M., Abraham, C., Francis, J., Hardeman, W., ... & Wood, C. E. (2013). The Behavior Change Technique Taxonomy (v1) of 93 hierarchically clustered techniques: Building an international consensus for the reporting of behavior change interventions. Annals of Behavioral Medicine, 46(1), 81–95. https://doi.org/10.1007/s12160-013-9486-6 BCTs sind die „aktiven psychologischen Zutaten“ einer Intervention, die entweder einzeln oder in Kombination mit anderen BCTs eingesetzt werden können, um Verhalten zu ändern. Durch die Kombination aller mit COM-B verbundenen Werkzeuge erhalten wir ein robustes und handlungsorientiertes Modell, das auf progressive Weise mit zunehmender Komplexität aufgebaut wird, um von der Diagnose bis zum Interventionsdesign, der Politikgestaltung und der Implementierung zu gelangen.
Anwendungsbereiche COM-B im Gesundheitswesen