mini|Robin-Hood-Denkmal von James Woodford vor dem Schloss in Nottingham

Robin Hood [] ist der zentrale Held mehrerer spätmittelalterlicher bis frühneuzeitlicher englischer Balladenzyklen, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu der heutigen Sage formten. Als legendenhafte Figur spielt er in der englischen Folklore und Literatur eine bedeutende Rolle. Die Handlungen der frühen Balladen wurden fortwährend umgedichtet und weiterentwickelt, auch neue Balladen wurden hinzuerfunden. So wird Robin Hood in den ältesten schriftlichen Quellen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts noch als gefährlicher Wegelagerer einfacher Herkunft geschildert, der vorzugsweise habgierige Geistliche und Adlige ausraubt. Im Zuge seiner Auseinandersetzungen mit Feinden kommt es auch zu mittelalterlich-grausamen Praktiken. Später wird er immer positiver dargestellt. Die Dichtung macht ihn zum enteigneten angelsächsischen Adeligen und zum gegen die Normannen kämpfenden angelsächsischen Patrioten. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts wandelte sich die Figur auch zum Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, die als Urtypus des „edlen Räubers“ den Reichen nimmt und den Armen gibt. Die Existenz Robin Hoods als reale historische Figur ist nicht belegt.

Laut den mittelalterlichen Balladen betreibt Robin Hood, der als herausragender Bogenschütze beschrieben wird, sein Räuberhandwerk mit Merry Men, „fröhlichen Gefährten“, unter anderem Little John, Bruder (Friar) Tuck und Will Scarlet. Sie sind Geächtete und verstecken sich vor dem Gesetz – in Gestalt des Sheriffs von Nottingham – im Sherwood Forest und Barnsdale Forest. Später kommen noch Robins romantische Liebe zu Maid Marian, die als adlige Dame beschrieben wird und sich Robin Hood und seiner Bande anschließt, sowie der Barde Allan a Dale (auch Alan-a-Dale genanntgeschrieben unter anderem auch Allen-a-Dale, Allan-a-Dale, Allin-a-Dale und Allan A’Dayle.) hinzu. In späteren Umformungen der Legende erscheint Robin Hood häufig als Zeitgenosse von König Richard Löwenherz und Gegenspieler von dessen als ungerechter Herrscher beschriebenem Bruder Johann Ohneland. Der abenteuerliche Stoff blieb bis heute populär. Er wurde in Dramen, Romanen und Opern, seit dem 19. Jahrhundert auch in der Jugendliteratur und seit dem 20. Jahrhundert auch in diversen Filmen und Fernsehserien aufgegriffen.

Entstehung und frühe Entwicklung der Legende

Frühe Erwähnungen Robin Hoods Robin Hood war im 13. Jahrhundert ein in England gebräuchlicher Spitz- oder Beiname, der als Synonym für „Gesetzesbrecher“ benutzt wurde. In den Jahren von 1261 bis 1296 taucht dieser Beiname im ganzen Land sieben Mal in verschiedenen Quellen auf. Darin sieht die heutige Forschung einen Beleg, dass Balladen über die Taten Robin Hoods bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts im Volk verbreitet waren.Wood: Merrie Englande: the Legend of Robin Hood. In In Search of England. S. 74. Der älteste schriftliche Hinweis auf die Existenz solcher Balladen stammt aus einer um das Jahr 1377 von William Langland verfassten Sammlung volkstümlicher Gedichte mit dem Titel The Vision of Piers Plowman. In einem der Gedichte brüstet sich ein die Trägheit (Sloth) symbolisierender Priester, dass er sich zwar kaum an das Vaterunser erinnern kann, dafür aber Verse über Robin Hood auswendig kennt:

I kan nought parfitly my Paternoster as the preest it singeth but I kan rhymes of Robyn hood and Randolf Earl of Chestre

Der englische Dichter Geoffrey Chaucer scheint sich für die Gestalt des Teufels in seiner Friar’s Tale auf Robin Hood als Vorbild zu stützen. 1439 wurde dem Parlament eine Petition zur Festnahme eines Räubers namens Piers Venables aus Aston in Derbyshire übergeben, der sich – wie einst Robin Hood – mit vielen Übeltätern in die Wälder geflüchtet habe.

Während keine spätmittelalterlichen englischen Historiker Robin Hood erwähnen, finden sich in drei schottischen Geschichtswerken dieses Zeitraums Hinweise auf den Balladenhelden und seinen Gefährten Little John. Ihre Quellen sind unbekannt. Der stark proschottisch eingestellte Andrew Wyntoun erwähnt in seiner um 1420 verfassten Reimchronik die beiden Geächteten in einem vierzeiligen Eintrag unter den Jahren 1283–1285 und gibt ihnen damit als erster Historiker eine zeitlich fixierte Einordnung. Er begrüßt offensichtlich deren Taten, da sie sich gegen englische Beamte richteten. Die Geächteten hätten sich laut seiner Darstellung südlich der schottischen Grenze im Inglewood Forest bei Carlisle und im Barnsdale Forest aufgehalten und seien allgemein gepriesen worden. Es zeigen sich hier Ähnlichkeiten zwischen Robin Hood und dem 1297/98 gegen die Engländer operierenden schottischen Freiheitskämpfer William Wallace.Andrew James Johnston: Robin Hood, 2013, S. 76 f.; Wyntouns Robin-Hood-Passage mit Kommentar auf der TEAMS Middle English Texts Website

Walter Bower berichtet in seiner in den 1440er-Jahren entstandenen und auf John Forduns Werk aufbauenden Scotichronicon unter dem Jahr 1266 über Robin Hood. Die Notiz folgt unmittelbar auf den Bericht über die Niederlage des aufständischen Simon de Montfort, als dessen Anhänger Robin Hood und sein Gefährte Little John dargestellt werden. Robin Hood wird von Bower als „berühmter Mörder“ (famosus siccarius) charakterisiert, der vom „dummen Volk“ in Tragödien und Komödien (damit sind wohl Balladen gemeint) gefeiert worden sei. In der Folge erzählt Bower eine Anklänge an frühe Balladenstoffe aufweisende Geschichte von Robin Hood, laut welcher dieser trotz Warnungen vor einem Angriff des Sheriffs die vorzeitige Beendigung einer von ihm im Wald zelebrierten Messe abgelehnt und danach einen überraschenden Sieg über seine Feinde errungen habe. Hier erscheint der Geächtete als Verteidiger der Kirche.Bowers Robin-Hood-Passage mit Kommentar auf der TEAMS Middle English Texts Website

Der weniger antienglisch eingestellte John Major verlegt in seiner Historia majoris Britanniae (1521) als Erster die Notiz über Robin Hood und Little John in die Zeit der Gefangenschaft des englischen Königs Richard Löwenherz beim deutschen Kaiser Heinrich VI. von 1192 bis 1194. Er zeichnet Robin Hood recht positiv als humanen Räuberhauptmann, dessen Heldentaten in ganz England besungen worden seien, doch fehlt noch das spätere Porträt des Geächteten als Kämpfer gegen Prinz John. Nach Majors Beschreibung war Robin Hood ein Beschützer der Armen und Frauen, der nur Reiche beraubt und die den Äbten abgenommene Beute Bedürftigen gegeben habe. Damit ist der schottische Renaissance-Humanist der Erste, der das bei den ältesten greifbaren, nicht allzu lange vor seinem Geschichtswerk entstandenen Balladen noch fehlende Motiv der Umverteilung der von Reichen erbeuteten Schätze an Arme durch Robin Hood erwähnt. Major erweitert so das bereits in den frühen Balladen angedeutete Gerechtigkeitsempfinden Robin Hoods um eine ökonomisch-soziale Dimension und lässt ihn die von den reichen Klöstern nicht mehr in ausreichendem Maß durchgeführte Armenfürsorge wahrnehmen, ohne ihn jedoch schon zu einem Sozialrevolutionär zu machen.Andrew James Johnston: Robin Hood. 2013, S. 77ff.; Majors Robin-Hood-Passage mit Kommentar auf der TEAMS Middle English Texts Website

Älteste Robin-Hood-Balladen mini|hochkant|A Gest of Robyn Hode in der National Library of Scotland

Ausführlich dargestellt wird die Volkserzählung von Robin Hood in spätmittelalterlichen Balladen, deren älteste erhaltene Beispiele jedoch erst über zwei Jahrhunderte nach dem Einsetzen der Legendenbildung niedergeschrieben wurden. Nur diese frühesten Balladen kommen für die Forschung als einigermaßen authentische Quellen über den ältesten Kern der Legende in Frage. Aus etwa dem Jahr 1450 stammt dabei die älteste, nur in Fragmenten erhaltene Ballade Robin Hood and the Monk („Robin Hood und der Mönch“). Die älteste vollständig erhaltene Ballade Robin Hood and the Potter („Robin Hood und der Töpfer“) wurde gegen 1500 schriftlich fixiert. Anerkannt wichtigster Quellentext für die heutige Forschung zur spätmittelalterlichen Überlieferung ist die erstmals etwa 1500 bis 1510 in Antwerpen gedruckte und später auch in England aufgelegte Balladensammlung A Gest of Robyn Hode („Die Geschichte von Robin Hood“), von der drei Exemplare im Original erhalten geblieben sind. A Gest of Robyn Hode geht auf eine ältere Vorlage zurück, deren Datierung nicht sicher ist; vermutet werden Zeiträume um das Jahr 1390 oder 1450, wobei das spätere Datum meist als wahrscheinlicher gilt. Die Gest liefert durch Aneinanderreihung damals umlaufender Einzelepisoden eine grob chronologisch konstruierte „Vita“ des Helden.

In dem 1765 veröffentlichten Werk Zeugen altenglischer Dichtung (Reliques of Ancient English Poetry) überlieferte der irische Bischof Thomas Percy (1729–1811) drei weitere und möglicherweise ins 15. Jahrhundert zu datierende Balladen mit den Titeln Robin Hood’s Death (Robin Hoods Tod), Robin Hood and Guy of Gisborne (Robin Hood und Guy von Gisborne) sowie die Ballade Robin Hood and the Curtal Friar (Robin Hood und der Mönch mit kurzer Kutte).

Das Bild Robin Hoods in den frühesten Balladen Viele Eigenschaften, die das populäre Bild Robin Hoods bis heute prägen, werden ihm schon in den ältesten erhaltenen Balladen zugeschrieben oder sind zumindest ansatzweise vorhanden. Er lebt als Räuberhauptmann mit seinen Gefährten Little John, Will Scarlet und Much, dem Müllersohn als Geächteter unter anderem im Sherwood Forest (Nottinghamshire); häufiger werden seine Handlungen jedoch anfangs in Barnsdale (South Yorkshire) angesiedelt. Er widersetzt sich dem repressiven Jagdverbot in den königlichen Forsten und ist Feind der als korrupt und habgierig beschriebenen weltlichen und geistlichen Oberschicht, aus der seine bevorzugten Opfer stammen. Charakterisiert wird er als lustig, tollkühn, listig sowie als ausgezeichneter Kämpfer und Bogenschütze. Obwohl er der Feind der Kleriker ist, erscheint er als sehr fromm, insbesondere als Verehrer der Jungfrau Maria. Seine größten Gegner sind der Sheriff von Nottingham und der Abt des Benediktinerklosters St. Mary’s in York. Das Bild des englischen Königs wird jedoch (typisch für Volkserzählungen) im Gegensatz zu dem des Adels positiv gezeichnet.

Robin Hood behandelt die einfachen Leute, insbesondere die Frauen, freundlich, doch fehlt in den frühen Balladen noch das heute so bekannte Motiv, dass er seine Räubereien zugunsten der Verteilung seiner Beute an die arme Landbevölkerung begeht. Bei Konfrontationen mit dem Sheriff und dessen Männern geht es häufig äußerst gewalttätig zu. Nicht nur wird der Sheriff schließlich durch Pfeilschüsse getötet, sondern auch der Kopfgeldjäger Guy of Gisborne enthauptet, sein Kopf wird auf einem Pfeil aufgespießt und seine Gesichtszüge werden entstellt.

Durch die Unzugänglichkeit der Verstecke in den Wäldern, den gekonnten Umgang mit Waffen, Listenreichtum und geschickte Verkleidung können die ihrem Anführer treu verbundenen Geächteten den Kampf mit der Obrigkeit bestehen. Nach einem vorübergehenden Dasein in königlichen Diensten endet Robin Hoods Abenteuerleben durch den Verrat einer Frau, der Priorin von Kirklees, die ihn während eines Aderlasses heimtückisch verbluten lässt. In Kirklees soll er auch begraben sein.

Zusammenfassung der Gest of Robin Hood mini|hochkant|Darstellung des Sheriffs von Nottingham aus dem Jahr 1912; Buchillustration

Die Gest of Robin Hood ist der längste und anerkannt zuverlässigste Quellentext für die älteste Überlieferung der Geschichten rund um Robin Hood. Unterteilt ist die Gest in acht „fyttes“, was etwa mit „Liedern“ zu übersetzen ist; sie besteht aus insgesamt 456 vierzeiligen Strophen.