HaMachteret haJehudit ( „Jüdischer Untergrund“), kurz Machteret, war die von den Medien geprägte Bezeichnung einer von 1978 bis 1984 bestehenden terroristischen Vereinigung von Israelis mit engen Beziehungen zur Siedlerbewegung Gusch Emunim; die Mitglieder hatten teils militärischen Hintergrund. Sie ist identisch mit dem harten Kern der militanten Untergrundorganisation Teror neged teror ( „Terror gegen Terror“), abgekürzt TNT, die nach Ermittlungen der israelischen Sicherheitskräfte aus vier Zellen bestand, deren aktivste und größte nach ihrem Anführer Menachem (Jorem) Livni als Livni-Zelle bezeichnet wurde. Während ihres Bestehens verübte bzw. plante die Terrorzelle Anschläge gegen palästinensische Bürgermeister, eine islamische Hochschule und mehrere Busse und betrieb dabei die Vorbereitungen für ihr Hauptziel: den Felsendom auf dem Tempelberg in die Luft zu sprengen.
Vorgeschichte Die drei Führungspersönlichkeiten des Jüdischen Untergrunds waren Menachem Livni (geboren 1950), Jeschua Ben Schuschan (1946–2018) und Jehuda Etzion (geboren 1951).Geburtsdaten: Alan B. Krueger: What Makes a Terrorist: Economics and the Roots of Terrorism. Princeton University Press, Princeton 2007, S. 40–43; Todesdatum Ben Schuschan: RIP Rabbi Yeshua Ben Shushan. In: Arutz Sheva, 7. September 2018. mini|Felsendom (1972) Als ehemaliger Oberstleutnant einer Pioniereinheit besaß der Ingenieur Livni professionelle Kenntnisse über den Umgang mit Sprengstoffen. Ben Schuschan war Rabbiner mit kabbalistischen Interessen und galt als Meisterschüler von Zwi Jehuda Kook.Joseph Croitoru: Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten, München 2021, S. 228; S. 201. Aviad Rubin: Bounded Integration: The Religion-State Relationship and Democratic Performance in Turkey and Israel. State University of New York Press, Albany 2020, S. 201. Im Sechstagekrieg war Ben Schuschan Offizier der Eliteeinheit Sajeret Schaked gewesen. Im Jom-Kippur-Krieg war er als Kommandeur eines Fallschirmjäger-Bataillons eingesetzt und wurde im Nahkampf schwer verwundet. Nach dem Krieg war er Offizier in einem Bataillon der Territorialverteidigung (Hagmar) von Judäa und Samaria.RIP Rabbi Yeshua Ben Shushan. In: Arutz Sheva, 7. September 2018. Als Kabbalist hielt Ben Schuschan den Felsendom nicht nur für einen Gräuel, sondern auch für ein Zentrum energetischer Strahlung, die den Muslimen und Arabern Kraft gebe. Würde der Felsendom zerstört, dann würden die Feinde Israels entmachtet.Gideon Aran: Contemporary Jewish Mysticism and Palestinian Suicide Bombing. In: Boaz Huss, Marco Pasi, Kocku von Stuckrad (Hrsg.): Kabbalah and Modernity. Brill, Leiden 2010, S. 389–414, hier S. 409 f.
Etzion gehörte zu den Mitgründern der Westbank-Siedlung Ofra. Er war, bzw. ist ein eigenständiger religiös-zionistischer Denker, der zwar der Siedlerbewegung Gusch Emunim angehörte, aber weniger durch die dort tonangebende Jeschiwa Merkas HaRaw Kook geprägt wurde. Stattdessen orientierte sich Etzion an den Schriften von Schabtai Ben Dov.Motti Inbari: Jewish Fundamentalism and the Temple Mount. State University of New York Press, Albany 2009, 51 f. Ben Dov, ein Mitglied der paramilitärischen Terrororganisation Lechi, sah den Zionismus nach der Staatsgründung in einer Sinnkrise. Anstelle einer parlamentarischen Demokratie sollte Israel laut Ben Dov eine Theokratie sein, die auf folgenden Prinzipien aufgebaut wäre: eine „hebräische Moralität der Kriegsführung“, abgelöst von europäisch-christlichen, humanistischen und pazifistischen Einflüssen, die Erwähltheit des jüdischen Volkes, dessen Mitglieder sich in ihrer Lebensführung am Ideal des Religionsgesetzes (Halacha) orientieren sollten, einen Staat, der durch einen Sanhedrin geleitet, und dessen Wirtschaftssystem den Kriterien der Tora (Jubeljahr) folgen würde. Die arabische Bevölkerung sollte vor die Wahl gestellt werden, entweder auszuwandern oder zum Judentum zu konvertieren und zu bleiben; sollte sie aber Krieg wählen, sollte sie keine Gnade finden, auch wenn sie sich ergäbe.Motti Inbari: Jewish Fundamentalism and the Temple Mount. State University of New York Press, Albany 2009, 61 f.
Im Gespräch mit Ari Shavit erläuterte Etzion rückblickend, dass er den Tempelberg als „Kristallisationspunkt“ für die von Ben Dov und ihm erhoffte Transformation Israels in eine Theokratie sah: „Die Moscheen auf dem Tempelberg stellen eine Verunglimpfung des Volkes Israels und seiner Geschichte sowie eine Demütigung Gottes dar. Wenn wir sie in die Luft jagten, könnten wir zum Himmel durchbrechen.“Ari Shavit: Mein gelobtes Land: Triumph und Tragödie Israels. Bertelsmann, München 2013, S. 305. mini|Menachem Begin und die israelische Delegation in Camp David (1978) Die Rückgabe der Sinai-Halbinsel an Ägypten infolge des Camp-David-Abkommens von 1978 war für viele Mitglieder von Gusch Emunim ein schwerer Rückschlag. Aus ihrer Sicht hatte Menachem Begin die Überzeugungen seiner Wählerschaft nicht vertreten. Als Reaktion gründete sich am 1. November 1978 die Partei Banai (später Techija). Ebenfalls in Reaktion auf Camp David radikalisierten sich Meir Kahane und seine Anhängerschaft in Kirjat Arba, mit der Folge eskalierender Konflikte mit der palästinensischen Bevölkerung in der Nachbarstadt Hebron. Und unbemerkt von der israelischen Öffentlichkeit gründete sich als dritte Reaktion auf Camp David etwa zeitgleich der Jüdische Untergrund. Ben Schuschan und Etzion verfolgten dabei bis 1980 nur ein Ziel: die Zerstörung des Felsendoms, die zugleich auch das Ende des Friedensprozesses zwischen Israel und Ägypten bedeuten würde, mit der Folge, dass die Sinaihalbinsel bei Israel verbliebe. Schrittweise vergrößerten die beiden den Kreis der Mitwisser, indem sie vertrauenswürdige Freunde einweihten. Ende 1982 waren alle Vorbereitungen für den Anschlag auf dem Tempelberg abgeschlossen; die Ausführung wurde aber immer wieder verschoben, weil keiner der dazu befragten Rabbiner das Projekt guthieß.Ehud Sprinzak: The Emergence of the Israeli Radical Right, 1989, S. 175–177. Außerdem traten Spannungen im Führungstrio auf. Während Ben Schuschan und Etzion aus religiösen Gründen die Zerstörung des Felsendoms als Hauptziel vorantreiben wollten, war Livni stark daran interessiert, wie die israelische Öffentlichkeit die Terrorakte der Zelle bewertete und analysierte die Berichterstattung der Medien. Er kam zu dem Schluss, dass die Mehrheit zwar Vergeltungsaktionen gegen Palästinenser begrüßte, einen Anschlag auf den Felsendom aber nicht. Nicht nur eine militärische Eskalation könnte die Folge sein, sondern auch der Wiederaufbau des Felsendoms durch den Staat Israel auf internationalen Druck hin, was aus Sicht Livnis und einiger weiterer Mitglieder einen schweren Frevel darstellte.Ami Pedahzur, Arie Perliger: Jewish Terrorism in Israel, New York 2011 (ePUB ohne Seitenzählung)
Anschläge 2. Juni 1980 mini|Neue Wohneinheiten in Kirjat Arba (1973) Am 2. Mai 1980, einem Schabbat, griffen palästinensische Terroristen eine Gruppe von Jeschiwa-Studenten aus der Siedlung Kirjat Arba in Hebron mit Maschinengewehren und Handgranaten an. Sie töteten vier Studenten, 16 wurden verwundet. Die israelische Regierung reagierte, indem sie den Bürgermeister und den Qādī von Hebron sowie den Bürgermeister von Halhul wegen Befürwortung des Terrors nach Jordanien auswies. Unter den Siedlern wurde diese Strafmaßnahme als zu schwach angesehen, und eine Gruppe von Siedlern aus Kirjat Arba und Ofra um Menachem Livni und Jehuda Etzion plante einen Vergeltungsangriff.Moshe Hellinger, Isaac Hershkowitz, Bernard Susser: Religious Zionism and the Settlement Project: Ideology, Politics, and Civil Disobedience, Albany 2018, S. 88.
Mitglieder der Livni-Zelle, deren Zentrum sich in Kirjat Arba befand, hatten als Reservisten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte Zugang zu Waffen; im Rahmen eines Regionalen Verteidigungsprogramms hatten sie nämlich die Möglichkeit, ihren Reservedienst nahe bei den Siedlungen, in denen sie wohnten, zu absolvieren. Darüber hinaus verschafften sie sich Minen, welche das syrische Militär auf den Golanhöhen zurückgelassen hatte. Am frühen Morgen des 2. Juni 1980 explodierte ein Sprengsatz in der Altstadt (Kasbah) von Hebron, der elf Palästinenser, darunter vier Kinder, verletzte. Etwas später machte sich der Bürgermeister von Ramallah, Karim Chalaf, auf den Weg zu seinem Büro; als er den Zündschlüssel drehte, löste er damit eine Explosion aus. Familienangehörige brachten ihn ins Krankenhaus. Bei einer Notoperation wurde sein rechter Fuß amputiert. Eine Dreiviertelstunde später wurde Bassam Shakaʾa, der Bürgermeister von Nablus, in gleicher Weise das Opfer eines Autobombenanschlags; nach fünfstündiger Notoperation mussten ihm beide Beine knieabwärts amputiert werden. Auf die Nachricht von diesen beiden Anschlägen hin ließ der Kommandeur der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte in der Westbank, Brigadegeneral Benjamin Ben-Eliezer, die Autos aller palästinensischen Bürgermeister überprüfen. An der Garage Ibrahim Tawils (El-Bireh) wurde ein Sprengsatz entdeckt, und ein Bombenentschärfer des israelischen Militärs erblindete durch die Explosion beim Öffnen der Garagentür. Dies waren nicht die einzigen Anschläge, die sich die Livni-Zelle für diesen Tag vorgenommen hatte. Die Terroristen, die einen Sprengsatz im Auto von Ahmed Hamzi Natshe in Bethlehem anbringen sollten, konnten aber sein Fahrzeug nicht finden, und das Auto von Ibrahim Dakkak stand nicht am gewohnten Platz in Ost-Jerusalem, da Dakkak überraschend nach Jordanien gefahren war. Die Sprengsätze waren so berechnet, dass sie die Opfer nicht töten, sondern lebenslang verstümmeln und so zu einem abschreckenden Beispiel machen sollten.Terror Against Terror, in: Encyclopedia of the Israeli-Palestinian Conflict. Band 3, Boulder / London 2010, S. 143–144; Ami Pedahzur, Arie Perliger: Jewish Terrorism in Israel, New York 2011, S. 39–41.
26. Juli 1983 Am 7. Juli 1983 wurde der Jeschiwa-Student Aharon Gross auf dem Weg zu den Patriarchengräbern von Hebron niedergestochen und starb. Schaʾul Nir, der mit Gross befreundet gewesen war, überzeugte Menachem Livni davon, eine Vergeltungsaktion durchzuführen, die so brutal ausfallen sollte, dass Palästinenser künftig von Angriffen auf jüdische Siedler abgeschreckt würden. Als Ziel wurde die Islamische Hochschule an der Universität Hebron ausgewählt. Nir (geboren 1954) war wie Livni Ingenieur. Er kaufte für die Gesellschaft zur Förderung jüdischer Siedlung in Hebron Wohnungen auf und kannte daher die Immobilien in der Altstadt gut, was für die Planungen nützlich war. Außerdem gewann er einen weiteren Freund von Gross, den Sportlehrer Usia Scharabaf, für den Anschlag. Scharabaf war ein Schwiegersohn von Mosche Levinger und eine Führungspersönlichkeit der Siedler in Kirjat Arba. Jehuda Etzion dagegen wurde in die Pläne Livnis und Nirs nicht einbezogen und missbilligte sie im Nachhinein – auch weil er sich in seiner Rolle als Anführer in Frage gestellt sah.Moshe Hellinger, Isaac Hershkowitz, Bernard Susser: Religious Zionism and the Settlement Project: Ideology, Politics, and Civil Disobedience, Albany 2018, S. 89 f. Geburtsdatum und Beruf Nirs: Alan B. Krueger: What Makes a Terrorist: Economics and the Roots of Terrorism. Princeton University Press, Princeton 2007, S. 42.