Tungeln ist eine aus etwa 1476 Einwohnern bestehende Ortschaft der Gemeinde Wardenburg im Landkreis Oldenburg (Niedersachsen).
Geographische Lage Tungeln liegt an der Hunte und der Lethe etwa auf halber Strecke zwischen Oldenburg und Wardenburg. Das Siedlungsgebiet erstreckt sich im Wesentlichen entlang der drei Hauptverkehrsachsen. Hierzu zählen die Oldenburger Straße (L 870), die von Oldenburg-Kreyenbrück über Tungeln nach Wardenburg verläuft, die Oberlether Straße (K 149) in Richtung Oberlethe sowie die Hundsmühler Landstraße (K 124) nach Hundsmühlen.
Nordwestlich des Ortskerns in Richtung Hundsmühlen befindet sich der 2,3 Hektar große Vogelbusch. Das Wäldchen ist als Naturdenkmal geschützt. An der Südgrenze zu Wardenburg befindet sich der Tillysee. mini|Ortseingangsschild in Tungeln von Richtung Oldenburg (2026) Obwohl Tungeln zu den ältesten Dörfern der Gemeinde Wardenburg zählt, wird das heutige Ortsbild vor allem durch die seit dem 20. Jahrhundert entstandenen Wohnsiedlungen geprägt. Die Ortschaft gliedert sich in drei Bereiche. Südlich der Oberlether Straße liegt der historische Ortskern beiderseits der Oldenburger Straße. Nördlich der Oberlether Straße erstrecken sich westlich und östlich der Oldenburger Straße ausgedehnte Wohngebiete, die durch den Vorfluter Hallwiesen und Freiflächen voneinander getrennt werden.
Geschichte
Frühe Geschichte mini|hochkant|Ortsplan um 1710 von Traugott Schreber Das heutige Tungeln entwickelte sich aus einem an der Hunte gelegenen und bereits in der Steinzeit genutzten Siedlungsplatz. Als „Tungloh“ wird es im Jahr 1160 im Zusammenhang mit einer Mühle erstmals urkundlich erwähnt.
Der Ortsname Tungeln könnte sich von den Begriffen „Tunge“ oder „Tange“ ableiten, die eine Landzunge zwischen Gewässern bezeichnen, hier zwischen Hunte und Lethe. Die Endung „-loh“ geht möglicherweise auf das niederdeutsche Wort für Wald beziehungsweise Gehölz zurück.Gemeinde Wardenburg MarketingForum e. V.: Geschichten: 1160 | TungelnFrank Speckmann, Art . Tungeln. In: Oldenburgisches Ortslexikon. Band 2: L–Z: Archäologie, Geografie und Geschichte des Oldenburger Landes. Isensee, Oldenburg 2011, ISBN 978-3-89995-757-0, S. 1003. Es gibt jedoch auch die Auffassung, dass Tungeln vom Begriff Züngeln bzw. Schlängeln abgeleitet sein könnte, was auf die durch Tungeln fließende Lethe zurückzuführen ist, die im Bereich des Ortes einige Biegungen vollzieht.Vgl. Stammtafel der Familie von Tungeln, 1999 (pdf, 25. Oktober 2010), Stammbaum von Tungeln ab 742 n. Chr.
Am 25. März 1691 verwüstete ein Feuer einen erheblichen Teil des Dorfes. Aus den ursprünglichen Waldbauern wurden im Laufe der Jahrhunderte Heidebauern. Aufgrund der geringen Bodenqualität und des hohen Grundwasserstands dominierten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Grünlandwirtschaft sowie der Anbau von Roggen.
Eine Schule in Tungeln wird erstmals 1735 erwähnt.
Ausbau des Dorfes im 19. und 20. Jahrhundert Eine Gastwirtschaft im Dorf wurde erstmals 1802 erwähnt. Ein Jahr später waren 27 Gebäude in Tungeln erfasst. Im Jahre 1820 wurde für die etwa 40 bis 50 Schulkinder in Tungeln ein Schulgebäude errichtet. Einen Höhepunkt erreichte die landwirtschaftliche Entwicklung um 1860, als rund um den alten Ortskern 38 Höfe und etwa 260 Einwohner gezählt wurden. Sie gründeten 1885 eine landwirtschaftliche Genossenschaft zur gemeinsamen Be- und Entwässerung von Wiesen und Feldern.mini|hochkant|Begrüßung in Tungeln (2014) Um 1900 errichtete Karl Hinz eine Windmühle in Tungeln. Der 1904 von Gerhard Heinrich Pörtner erbaute Tungeler Krug wurde 1906 unter der Leitung von Fritz Tiarks eröffnet und entwickelte sich zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Dorfes. Während der Kaiserzeit war in der Gastwirtschaft zudem ein Kolonialwarengeschäft untergebracht.
In der ersten Hälfte der 1920er Jahre gehörte Tungeln zu den ersten Ortschaften im Gemeindegebiet, die an das Stromnetz angeschlossen wurden. Grundlage hierfür war ein Vertrag zwischen der Gemeinde und der Stadt Oldenburg, mit dem sich die Stadt zur Versorgung des Dorfes mit elektrischer Energie verpflichtete.
Tungeln im Nationalsozialismus (1933 bis 1945) Zwischen dem heutigen Tillysee und der Oldenburger Straße befand sich an der Grenze zu Wardenburg von 1937 bis 1945 der Tungeler Schießstand. Das Gelände war bereits 1934 von der Wehrmacht von ortsansässigen Landwirten erworben worden. Der Schießstand diente vor allem der Schießausbildung von Wehrmachtssoldaten aus Oldenburg. Ab dem 27. August 1939 nutzten ihn auch Angehörige der Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS).
Im Zweiten Weltkrieg wurde auch in Tungeln Zwangsarbeit eingesetzt. Unter anderem waren zehn Männer und vier Frauen, überwiegend aus der Ukraine, in zwei Baracken auf dem Betriebsgelände der Firma Schütte untergebracht.
Ab Herbst 1944 wurde am Stadtrand von Oldenburg und somit auch in Tungeln ein Sperrriegel mit Infanteriestellungen und Straßensperren errichtet. Im April 1945 wurde die Windmühle des Ortes durch Artilleriebeschuss zerstört, da Windmühlen oftmals von deutschen Soldaten als Beobachtungspunkt und Flakstellung genutzt wurden. Sie wurde nach Kriegsende nicht wieder aufgebaut.
Deutsche Soldaten sprengten am 29. April 1945 in Tungeln die Brücken über Lethe und Hunte, um den alliierten Vormarsch auf Oldenburg zu behindern. Zu den zerstörten Bauwerken gehörte auch die Thies-Brücke, eine Zugbrücke über die Hunte, die über lange Zeit als Dorfwahrzeichen galt.
Am 1. Mai 1945 besetzten kanadische Truppen Wardenburg und den Tungeler Schießstand. Am selben Tag gingen die Tungeler Einwohner Georg Brand, Erich Dannemann und Diedrich Friedeberg den kanadischen Soldaten mit einer weißen Fahne entgegen und teilten ihnen mit, dass sich keine deutschen Soldaten mehr im Ort befanden. Damit endeten die Kampfhandlungen auch in Tungeln.
Jüngere Vergangenheit seit 1945 mini|Symbol für die Ortschaft Tungeln auf der Skulptur „Gemeindebaum“, geschaffen 2006 von Daniel Hübner Am 15. November 1958 wurde im Tungeler Krug von 17 Männern des Dorfes der Ortsverein gegründet. Erster Vorsitzender wurde der Initiator Rudolf Stolle. Seitdem engagiert sich der Verein ehrenamtlich für die Gestaltung des Dorflebens.
Zwischen 1966 und 1970 wurde in der Tungeler Marsch das Klärwerk errichtet. Es dient seitdem als zentrale Abwasserbeseitigungsanlage der Gemeinde und hat daher ein überörtliches Einzugsgebiet.
Im August 1985 wurde im ehemaligen Schulgebäude eine Kindertagesstätte mit 50 Betreuungsplätzen eingerichtet. Seit der Schließung der Dorfschule besuchen die Schulkinder aus Tungeln die Schulen in Hundsmühlen oder Wardenburg. In den folgenden Jahren wurde das Betreuungsangebot kontinuierlich ausgebaut. Eine Kinderkrippe besteht im Ort seit September 2008.
Kontroverse um den Robert-Dannemann-Weg In Tungeln ist eine Straße nach dem aus dem Ort stammenden Politiker Robert Dannemann benannt. Seit 2021 wird seine Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus verstärkt öffentlich diskutiert. Anlass hierfür waren historische Forschungen des aus Westerstede stammenden Historikers Lorenz Peiffer, der anhand von Unterlagen des Bundesarchivs nachwies, dass Dannemann bereits 1933 der NSDAP beitrat und kurz darauf Mitglied der Sturmabteilung (SA) wurde. Peiffer gelangte zu dem Ergebnis, dass Dannemann als politisch zuverlässiger Funktionsträger in das nationalsozialistische Herrschaftssystem eingebunden war.
Die Umbenennungsdebatte fand überregional Beachtung. Die Holocaustüberlebende Michaela Vidláková unterstützte eine Umbenennung und appellierte in einer öffentlichen Stellungnahme an einen verantwortungsvollen Umgang mit historischen Ehrungen.
Die Forschungsergebnisse führten in Westerstede zu einer Neubewertung der Person Robert Dannemanns. Im Sommer 2021 beschloss der Rat der Stadt, die nach ihm benannte Robert-Dannemann-Schule umzubenennen. Als Reaktion auf die öffentliche Debatte beauftragte die Gemeinde Wardenburg die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit der historischen Untersuchung von zwölf nach Personen benannten Straßen, deren Namensgebende während der Zeit des Nationalsozialismus lebten oder wirkten. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass sowohl Robert Dannemann als auch sein Vater Diedrich Dannemann aufgrund ihrer politischen Biografien als problematische Namensgeber einzustufen sind.
Die weitere Beratung wurde an den Ausschuss für Hoch- und Tiefbau verwiesen, dessen Diskussionen im Nachhinein von der lokalen Presse als intransparent kritisiert wurden. Im Jahr 2023 wurde sich darauf verständigt, den Straßennamen beizubehalten und stattdessen am Straßenschild einen QR-Code anzubringen, die auf Informationen zur historischen Einordnung von Dannemann verweisen. Eine Umbenennung der Straße erfolgte ausdrücklich nicht.
Demographie Zwischen 2005 und 2024 stieg die Einwohnerzahl von Tungeln um 450 Personen an, was 46 Prozent der bisherigen Bevölkerung ausmacht. Ursächlich hierfür ist unter anderem die Ausweisung neuer Wohngebiete. Aufgrund der Nähe zur Stadt Oldenburg entwickelt sich der Ort zu einem bevorzugten Wohnstandort. Im Jahr 2024 erreichte die Einwohnerzahl mit 1.426 Personen einen neuen Höchststand. Damit entfielen 8,4 Prozent der Gesamtbevölkerung der Gemeinde Wardenburg auf Tungeln.
Auch die Altersstruktur der Bevölkerung veränderte sich zwischen 2005 und 2024 deutlich. Während die Zahl der Kinder und Jugendlichen sowie der 19- bis 31-Jährigen zunahm, verzeichneten die mittleren Altersgruppen nur geringe Zuwächse und verloren anteilig an Bedeutung. Den stärksten Anstieg wiesen die über 65-Jährigen auf. Ihre Zahl erhöhte sich von 141 auf 319 Personen, wodurch sich ihr Anteil an der Ortsbevölkerung mehr als verdoppelte. Insgesamt spiegelt die Entwicklung sowohl das anhaltende Bevölkerungswachstum als auch den demografischen Wandel wider.
Tourismus und Kultur
Sport mini|Vereinsheim der Kanuabteilung vom SV Tungeln an der Hunte (2026) Der Sportverein Tungeln e.V. wurde im Jahr 1904 gegründet und ist heute in den Sparten Fußball- und Kanusport aktiv. Die erste Herrenmannschaft spielte in der Saison 2008/09 in der Kreisliga Oldenburg Land des Niedersächsischen Fußballverbandes. Nachdem die Gemeinde den Sportplatz in Tungeln im Jahr 2011 veräußert hatte und das Gelände anschließend bebaut wurde, verlor der Verein seine eigene Sportstätte. Seitdem nutzt der Sportverein den Sportplatz im benachbarten Hundsmühlen. Am Ortsausgang in Richtung Oldenburg-Kreyenbrück unterhält die Kanuabteilung ein eigenes Vereinsgelände unmittelbar an der Hunte.
Vereine In Tungeln besteht ein ehrenamtlicher Ortsverein, der gemeinsam mit dem Sportverein Tungeln jährlich eine Maifeier mit Maibaumsetzen und Tanz in den Mai veranstaltet. Darüber hinaus organisiert der Ortsverein im Jahresverlauf zahlreiche weitere Veranstaltungen für verschiedene Altersgruppen. Hierzu zählen unter anderem das Tannenbaumschreddern, Motorradtouren, Kranzbinden, ein Doppelkopfturnier, ein Herbstkaffee sowie die Beteiligung an der Umweltaktion „Saubere Landschaft“.
Im September 1981 schloss der 1962 gegründete Pfadfinderstamm Parzival e.V. einen Vertrag über die Nutzung eines Geländes am Ortseingang an der Hunte. Seitdem befinden sich dort das Vereinsheim mit Zeltplatz. Am 27. August 2001 wurde das Pfadfinderheim infolge eines Schwelbrandes vollständig zerstört. In den folgenden Jahren errichtete der Verein mit dem „Haus am Fluss“ ein neues Vereinsheim. Im Jahr 2014 entschied das Land Niedersachsen, den bislang vom Verein gepachteten Teil des Zeltplatzes zu veräußern. Der Pfadfinderstamm finanzierte den Erwerb des Grundstücks durch einen Sponsorenlauf um das Zwischenahner Meer. Der Stamm Parzival zählt deutschlandweit zu den größten Gruppen im Bund der Pfadfinder*innen e.V. (BdP). Das „Haus am Fluss“ wird daher regelmäßig für Veranstaltungen und Zeltlager genutzt und beherbergt dabei auch Pfadfindergruppen aus anderen Regionen Deutschlands sowie aus dem Ausland.
Kulinarische Spezialitäten