Einer Mutter Sohn ist ein Gesellschaftsroman der Schriftstellerin Clara Viebig aus dem Jahr 1905. Die Autorin greift hier ein für sie neues, ungewöhnliches Motiv auf: die Adoption eines Kindes durch ein ungewollt kinderloses Ehepaar und diverse Probleme und Umstände, welche alle Beteiligten betreffen.
Inhalt In den drei Romanteilen ist die Geschichte der missglückten Adoption eines Jungen aus einer bitterarmen Familie aus einem Dorf im Hohen Venn nachgezeichnet.
Jean-Pierre Solheid wird als Säugling gegen einen hohen Geldbetrag an das wohlhabende Berliner Industriellenehepaar Käte und Paul Schlieben abgegeben. Seine Mutter Lisa Solheid, die eine kleine Landwirtschaft betreibt, trifft diese Entscheidung schweren Herzens, da sie als Witwe kaum Mittel hat, ihre Kinder durchzubringen. Der Vater hatte in einer Maschinenfabrik im benachbarten Belgien gearbeitet und war, da er beim Schmuggeln von Lebensmitteln gestellt worden war, an der Grenze erschossen worden. Der Mutter fällt der Verlust ihres Kindes nicht leicht. Dies zeigt sie, als die zunächst emotional kaum beteiligte Frau beim Abschied den Adoptiveltern voller Zorn ein Beil nachschleudert.
Während dem Ehepaar Schlieben zunächst eine glückliche Zeit mit dem Kleinkind beschert ist, so wird der Umgang mit dem Jungen im Laufe der Zeit immer problematischer. Er entspricht weder in der Schule noch im sozialen Leben den Ansprüchen seiner Adoptiveltern und der bürgerlichen Umgebung, in die er hineinverpflanzt worden ist. Die fehlende Aufklärung über die Herkunft des Jungen löst bei dem Heranwachsenden eine tiefe Identitätskrise aus. Käte, die strikt dagegen ist, dem Jungen seine Herkunft zu offenbaren, hatte seinen Taufnamen ›Jean-Pierre‹ gegen den Namen ›Wolfgang‹ eingetauscht.
Die Reihe der Erziehungsfehler, die den Jungen zugrunde richten werden, beginnt mit dem Besitzanspruch der Zieheltern gegenüber dem Kind, das zwar im Wohlstand lebt und verwöhnt wird, aber keiner einheitlichen Erziehungsmaxime unterworfen ist. Wolfgang spielt lieber mit den Portierskindern als mit den Kindern aus dem reichen Villenviertel und fühlt sich glücklich in der Natur, wo er nicht den unterschiedlichen Regeln seiner Adoptiveltern gehorchen muss.
Wolfgang erlebt, wie in der Dienstherrschaft und bei den Nachbarn getuschelt wird. Man schleudert ihm ins Gesicht, er habe in dem Herrschaftshaus nichts zu suchen. Wolfgangs Rebellion verstärkt sich, als er von fremder Seite erfährt, dass er nicht das leibliche Kind seiner Pflegeeltern ist. Auf den Wunsch des Adoptivvaters in dessen Firma integriert, entwickelt sich der Junge zu einem Taugenichts. Die Handlung endet mit dem Tod des etwa zwanzigjährigen jungen Mannes, der seit geraumer Zeit an einem Herzfehler leidet.
Das Motiv der Adoption in der Literatur Das Motiv der Adoption und die Frage nach wahrer Mütterlichkeit sind bereits in biblischer Zeit, im salomonischen Urteil über die wahre Mutterschaft, Gegenstand der Literatur. In den Epochen von Realismus und Naturalismus werden verschiedene Aspekte dieser Motive erneut aufgegriffen und dargestellt.
Guy de Maupassant gestaltet das Thema in seiner Novelle ›Aux champs‹, 1883, aus der Sicht des Kindes. Guy de Maupassant: Aux champs, in: Contes de la Bécasse, Paris: Rouveyre et Blond, 1883. Zwei bettelarme Bauernfamilien werden vor die Wahl gestellt, einem wohlhabenden kinderlosen Ehepaar ein Kind gegen gutes Geld zu überlassen oder das Kind zu behalten und weiterhin arm zu bleiben. Während eine Familie dieses Ansinnen aus Liebe zu ihrem Jungen vehement ablehnt, stimmt die andere Familie dem zu. Mit der erhaltenen Unterstützung lebt sie seitdem in guten Verhältnissen, wird aber im Dorf geächtet. Jahre später kehrt das adoptierte Kind aus wohlhabender junger Mann zurück. Daraufhin macht der in Armut aufgewachsene Junge seinen Eltern Vorwürfe, sie hätten ihm, aus ihrer Affen-liebe heraus, seine Zukunft verbaut. Anschließend verlässt er die Eltern und das Dorf. – Bei Maupassant scheint die Adoption des Kindes aus prekären Verhältnissen gelungen zu sein, wodurch er auf das Primat der Erziehung vor der Vererbung.Auch thematisiert Maupassant in "Le papa de Simon" die geistige Vaterschaft eines Mannes, der selbst ohne Vater aufgewachsen ist; in ›Le père‹ geht es um einen Mann, der seine schwangere Geliebte verlässt, später den Kontakt mit seinem Kind herstellen will, aber eine Beziehung nicht führen kann.
Marie von Ebner-Eschenbach greift 1887 in ihrem spätrealistischen Roman ›Das Gemeindekind‹ die Frage nach den bestimmenden Koordinaten im menschlichen Leben auf.Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind, Berlin: Pätel 1893. Hier wird der Junge eines verbrecherischen Ehepaares aus ärmsten Verhältnissen auf Gemeindekosten großgezogen. Als es ihm, trotz starken Gegenwindes, aus eigener Kraft gelingt, zu einer geachteten Existenz zu gelangen, kann er sich hierdurch die Achtung seiner Mitmenschen erringen. – Ebner-Eschenbach beantwortet die Frage nach der Formung der Persönlichkeit eines Menschen mit der Fähigkeit, sein Leben an ideellen Wertvorstellungen auszurichten. Damit stellt sie, ebenfalls im Kontrast zum deterministischen Naturalismus, die menschliche Selbstmotivation vor die Vererbung.
F. (Fanny) Ottmer veröffentlicht 1896 die Novelle „Das Adoptivkind.“F. Ottmer (Pseudonym für Ottilie Benedikt bzw. ›Frau K. E. Franzos‹): Das Adoptivkind und andere Novellen, Berlin: Concordia 1896. Eine kinderlose Ehefrau ertrotzt gegen den Willen ihres Ehemannes die Adoption eines Mädchens aus prekären Verhältnissen. Während sie in ihrer neuen Aufgabe ihre Lebenserfüllung sieht und in Mutterliebe aufgeht, schiebt sie ihren Gatten zur Seite. Dieser steht dem Kind gleichgültig gegenüber und flüchtet sich in eine frühere Liebe. Spannungen zwischen den Ehepartnern und die späte Offenbarung ihrer eigentlichen Herkunft führen zur scheiternden Entwicklung der jungen Frau. – Ottmer verdeutlicht, dass eine Erziehung im Kreuzfeuer elterlicher Kämpfe zum Scheitern führen muss, während die Vererbung eine untergeordnete Rolle spielt. Darüber hinaus gestaltet sie die Problematik einer Ehe, in der sich der Adoptionswunsch zum Streitthema auswächst.Der Vollständigkeit halber werden zwei spätere Werke genannt: Die Tragikomödie Die Ratten von Gerhart Hauptmann aus 1911, in der ein kinderloses Ehepaar einer Dienstmagd ihr Kind abkauft, die ihre späteren Ansprüche auf das Kind mit einem gewaltsamen Tod bezahlt, sowie das Stück Der Kaukasische Kreidekreis von Bertolt Brecht aus 1944, in dem es, in Anlehnung an die biblische Geschichte, beim Streit um ein Kind um den wahren Kern der Mutterschaft geht. Adoption und Elternschaft in Viebigs Werk Viebigs Einer Mutter Sohn zeigt Schnittpunkte mit Maupassant wie auch mit Ottmer. Bei allen dreien sind Kinderlosigkeit und die ärmliche Herkunft des Kindes für eine Adoption ursächlich. Letztlich zeichnen die Erziehungsfähigkeiten der Adoptiveltern verantwortlich für das Gelingen oder Misslingen dieser Aktion. Darüber hinaus thematisieren Ottmer und Viebig den eigennützigen Wunsch der Frau nach Selbstverwirklichung durch ein Kind. Auch gestalten beide die Probleme eines Ehepaars, das uneins über die Annahme eines fremden Kindes ist. Nach der Veröffentlichung ihres Romans greift Viebig das Thema der Adoption mehrfach auf.
Ihr Schauspiel Das letzte Glück aus 1909 stellt, ähnlich dem späteren ›Kaukasischen Kreidekreis‹ von Bertolt Brecht, den Streit um das Recht an einem Kind in den Mittelpunkt.Clara Viebig,: Das letzte Glück, Berlin: EFL 1909; dies.: Das letzte Lied (Erweiterung v. ›Das letzte Glück‹) Berlin: EFL 1909. Die leibliche Mutter überlässt das Kleinkind dem Vater, der mittlerweile eine andere Frau geheiratet hat. Plötzlich besinnt sich die leibliche Mutter auf das Recht an ihrem Kind. Es entbrennt ein Streit über den Wert der leiblichen Mutterschaft, der nicht entschieden wird, da das Kind tödlich verunglückt. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob sich wahre Mütterlichkeit durch Blutsbande oder die Liebe zum Kind zeigt. Viebig tendiert zu Letzterem.
In der Novelle Der Vater aus 1914 ist, ähnlich wie bei Ebner-Eschenbach, die „Gemeinschaftsadoption“ eines Jungen durch eine Dorfgemeinschaft nachgezeichnet.Clara Viebig: Der Vater, in: Heimat, Berlin: Fleischel 1914 (29-82). Viele Dorfburschen haben sich mit seiner Mutter, einer Magd, eingelassen, und man will das Kind fördern. Dieses wohlgemeinte Ansinnen misslingt, da der Junge die unterschiedlichen Vaterfiguren für seine Belange ausnutzt. Als er später auf die schiefe Bahn gerät, ersticht ihn der wahre Vater, der seinem Sohn die Schande des Zuchthauses ersparen will. Viebig plädiert für eine stringente Erziehung.
Im Roman Der einsame Mann aus 1924 geht es, ähnlich wie in Maupassants Novelle ›Le papa de Simon‹, um die Aufopferung eines ältlichen Mannes für ein Kind. Clara Viebig: Der einsame Mann, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1925. Weil der Alte das Kind liebt und ihm nahe sein will, heiratet er dessen jugendliche Mutter, obwohl sie unter seinem Stand ist und er sie verabscheut. Im Mittelpunkt steht das Opfer des Mannes aus Liebe zum Kind.
In der Novelle „Das Kind“ aus 1926 ist die glückliche Adoption eines Säuglings nachgezeichnet, den eine junge Frau weggegeben hat.Clara Viebig: Das Kind, in: Westermanns Monatshefte, H. 844, 12/1926, S. 439–452. Die Tochter aus gutem Hause hat als Lazaretthelferin im Krieg einen Soldaten kennen- und liebengelernt. Er fällt im Krieg, die werdende Mutter verheimlicht den Eltern das Kind und gibt es zur Adoption frei. Jahre später heiratet sie einen verständnisvollen Mann, dem sie sich anvertraut. Ein Treffen mit der mittlerweile dreizehnjährigen Tochter misslingt jedoch. Die Frau kann mit der Jugendlichen wenig anfangen. Diese lehnt ihre leibliche Mutter ab und steht zu ihrer Adoptivmutter. Den Schwerpunkt der Handlung bildet die Reue der jungen Frau, die aufgrund gesellschaftlichen Druckes ihr Kind zur Adoption freigegeben hat.
Ferner kann Viebigs Roman Die mit den tausend Kindern, 1927 diesem Themenbereich zugeordnet werden. Clara Viebig: Die mit den tausend Kindern, Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1929. Er handelt von der geistigen Mutterschaft einer Lehrerin zu ihren Schülerinnen in einem Berliner Brennpunkt, die sogar bereit ist, ihr eigenes Lebensglück zu vernachlässigen. Vgl. Andrea Müller: Mutterfiguren und Mütterlichkeit im Werk Clara Viebigs, Marburg: Tectum 2002, Kap. 2.2.3. Der Themenkreis von Adoption und Elternschaft bildet in Viebigs Werk eine wichtige Komponente, mit der sie sich immer wieder beschäftigt.
Zu Einer Mutter Sohn Im Laufe der Rezeption des Romans werden mehrere Problembereiche diskutiert, die in der Gesellschaft virulent sind:
Inwiefern die gescheiterte Adoption auf falschen Erziehungsmaximen der Eltern beruht, ob die ›erkaufte‹ Adoption bzw. die ›künstliche Elternschaft‹ egoistischen Motiven entspringe und gegenüber der leiblichen Mutter wie dem adoptierten Kind moralisch vertretbar sei, ob Kinderlosigkeit von Paaren insbesondere ein Problem der Frau sei, als deren Lebenserfüllung seinerzeit die Familiengründung angesehen wird, ob der Roman ein Exempel für die naturalistische Vererbungslehre sein soll.
Erste Publikations- und Rezeptionswelle Der Roman erscheint 1905 in Fortsetzungen in den Unterhaltungsblättern ›Über Land und Meer‹ und im ›Vorwärts‹. 1906 startet er als Buchausgabe mit 20 Auflagen. Eine erneute Veröffentlichungswelle setzt 1911 mit der Aufnahme in Viebigs Werkausgabe ›Ausgewählte Werke‹ ein. Diese zieht sich bis zur 40. Auflage einer erweiterten Ausgabe der ›Ausgewählten Werke‹ im Jahr 1922. Zudem sind drei Abdrucke in zwei Zeitungen und einer Monatsschrift nachgewiesen. Im Ausland stößt der Roman ebenfalls auf Interesse. Er wird ins Schwedische, Niederländische, Dänische und Englische übersetzt und in Buchform sowie als Fortsetzungsroman veröffentlicht.