Der Mordfall Gilles Andruet ist ein französischer Kriminalfall des Jahres 1995. Gilles Andruet war seit 1982 Internationaler Meister im Schach, der in den Jahren 1984 bis 1988 in der deutschen Schachbundesliga für den SV 03/25 Koblenz gespielt hatte. Er wurde in der Nacht vom 21. auf den 22. August 1995 ermordet. Die juristische Aufarbeitung des Falles führte letztlich zu keiner Verurteilung des oder der Täter oder der Auftraggeber des Mordes.

Die Vorgeschichte Nachdem Gilles Andruet 1988 die französische Schachmeisterschaft gewonnen hatte, wandte er sich mehr und mehr verschiedenen Glücksspielen, insbesondere dem Black Jack, in Spielcasinos zu. Mit einem ausgeklügelten Spielsystem und aufgrund seiner phänomenalen Gedächtnisleistung machte er anfänglich so hohe Gewinne beim Black Jack, dass er bald Zutrittsverbot in vielen Casinos erhielt. Er wechselte zum Roulette, wo ihm jedoch seine außerordentlichen Fähigkeiten nicht mehr von Nutzen waren, und die Folge waren hohe Verluste und Verschuldungen bei Freunden und Bekannten. Nachdem Andruet ungedeckte Schecks eingereicht hatte, verhängten die französischen Banken gegen ihn ein sogenanntes „interdit bancaire“;Definition des „interdit bancaire“ bei gocardless.com. Abgerufen am 16. November 2024 (französisch). er erhielt keine weiteren Kredite mehr und konnte bei keiner französischen Bank ein neues Konto einrichten.

Anfang August 1995 kam Gilles Andruet nach dem Verkauf einer der Familie gehörenden Immobilie in den Besitz eines Verrechnungsschecks über 398.000 Francs. Allerdings war dieser Scheck, da er über kein eigenes Konto mehr verfügte, für ihn zunächst wertlos. Er wandte sich an einen Mann, den er im Spielcasino von Enghien-les-Bains kennengelernt hatte: Joseph Liany. Mit dessen Sohn, Franck Liany, als Mittelsmann gelang es Andruet, bei der Pariser Niederlassung eines marokkanischen Bankhauses ein Konto zu eröffnen. Jener Franck Liany erhielt Vollmacht auf das Konto.

Die letzte bekannte Person, die Gilles Andruet noch lebend gesehen hatte, war vermutlich seine Freundin Yolanda Z.In den Quellen finden sich unterschiedliche Schreibweisen; Le Monde vom 14. November 2003 gibt den Namen der Zeugin als „Jolanta Zieba“ an. Am späten Abend des 21. August 1995 fuhr er mit seinem PKW bei dem Restaurant der „L’Entrecôte“-Kette vor, in dem sie arbeitete, und wechselte aus dem Wagen heraus ein paar Worte mit ihr. In dem Wagen saßen außer Andruet noch drei weitere Personen.

Chronologie 22. August 1995. Am frühen Morgen des 22. August 1995 entdeckt eine Gärtnerin am Ufer des kleinen Flusses Yvette in Saulx-les-Chartreux, gelegen im Département Essonne, die Leiche eines Mannes, die in eine weiße Matratzenauflage voller Blutflecken eingewickelt ist. Das Opfer war mit einem Baseballschläger niedergeschlagen worden, der vermutlich tödliche Schlag hatte seinen Kehlkopf zerschmettert.

24. August 1995. Unweit des Fundortes der Leiche entdecken örtliche Gendarmen einen PKW, einen Ford Sierra, der Blutspuren aufweist. Im Handschuhfach des Wagens finden sie Ausweispapiere, mit denen sich schnell die Identität des Toten ermitteln lässt: Der Tote ist der als Schachspieler bekannt gewordene Gilles Andruet, Sohn des Automobil-Rennfahrers Jean-Claude Andruet.Die Angaben zum 22. und 24. August 1995 gemäß

25. August 1995. Andruets Guthaben bei der marokkanischen Bank wird komplett abgehoben.

Anfang 1996. Yolanda Z. identifiziert Joseph Liany als einen der PKW-Insassen vom 21. August 1995.

14. August 1996. Loïc Simon, der als Kellner im Restaurant „Golf de l’Étoile“ gearbeitet hatte, begeht Suizid. – Im November 2001 berichtete ein ehemaliger Mitarbeiter des „Golf de l’Étoile“ gegenüber der Polizei von Aussagen, die er Loïc Simon zuschrieb. Danach soll Simon erklärt haben, einen Schachspieler mit einem Baseballschläger getötet zu haben – auf Joseph Lianys Bitte und in Anwesenheit von Sacha Rhoul – im Gegenzug für eine versprochene Geldsumme. Da Simon bereits 1996 verstorben war, konnten die Ermittler ihn zu diesen Angaben nicht mehr befragen.

April 2001. Ein auf der Matratzenauflage gefundenes Haar wird mittels einer mitochondrialen DNA-Analyse untersucht. – Das dabei ermittelte Profil war sowohl mit Joseph Liany als auch mit Sacha Rhoul vereinbar, da beide derselben mütterlichen Linie angehören. Eine individuelle Zuordnung zu einer der beiden Personen war mit dieser Analyse jedoch nicht möglich.

Die Tatverdächtigen und ihre Beziehungen zueinander

Sacha Rhoul, zum Zeitpunkt des Mordes 24 Jahre alt, war Geschäftsführer des in der Nähe des Arc de Triomphe gelegenen Restaurants „Golf de l’Étoile“.

Joseph Liany, zum Zeitpunkt des Mordes 45 Jahre alt, war ein Geschäftsmann und Gewohnheitsspieler („joueur invétéré“). Seine Schwester Sylvia ist die Mutter von Sacha Rhoul, Joseph Liany also dessen Onkel.

Franck Liany ist der Sohn von Joseph; er arbeitete im Restaurant seines Cousins Sacha Rhoul, dem „Golf de l’Étoile“.

Loïc Simon war ebenfalls im „Golf de l’Étoile“ beschäftigt.Alle Informationen zu den vier Personen gemäß

Die Prozesse 2003 Im November 2003, mehr als acht Jahre nach dem Mord an Gilles Andruet, fand vor dem „Cour d’assises“ (Geschworenengericht) von Evry im Département Essonne der erste Prozess gegen Beschuldigte statt. Angeklagt waren Joseph Liany und sein Sohn Franck. Im Vorfeld des Prozesses war es gegen die Zeugin Yolanda Z. zu Bedrohungen und Aggressionen gekommen; während des Prozesses beschuldigten sich Joseph und Franck Liany gegenseitig der unmittelbaren Mittäterschaft, was den Staatsanwalt zu der Äußerung veranlasste: „Diese beiden wollen uns von Beginn an zum Narren halten ... ein Zirkus.“ („Ces deux-là se moquent de nous depuis le début ... c’est du cirque.“) – Das Urteil: Joseph Liany wurde – als Mittäter des Mordes – zu einer 15-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt, sein Sohn Franck – wegen „aus Mord resultierender Besitzaneignung“ („recel de produit d’un meurtre“) – zu einer 7-jährigen Freiheitsstrafe.Zu den Bedrohungen und Aggressionen gegen Yolanda Z.: Zur Äußerung des Staatsanwalts und zum Urteil:

2006 Nach Joseph Lianys Berufung gegen das Urteil von 2003 wurde der Fall im März 2006 vor dem „Cour d’assises d’appel“ des Départements Val-de-Marne erneut verhandelt. Im Mittelpunkt stand erneut seine mögliche Beteiligung. Zu den gegen ihn angeführten Umständen gehörten die Aussage der Kellnerin Yolanda Z., die erklärt hatte, ihn am Abend des 21. August 1995 im Wagen mit Gilles Andruet erkannt zu haben, sowie Franck Lianys Aussage, er habe seinem Vater das nach Andruets Tod vom Konto abgehobene Geld übergeben. Gemäß einem Bericht von Le Parisien stammte die Matratzenauflage, in die Andruets Leiche eingewickelt worden war, vermutlich aus Joseph Lianys Wohnung; die Betten dieser Wohnung seien zwei Tage nach der Tat entsorgt und ersetzt worden. Im Raum stand weiterhin seine bereits seit 2001 – mit Verweis auf das mit beiden Männern vereinbare mitochondriale DNA-Profil – erhobene Beschuldigung seines Neffen Sacha Rhoul. Die Staatsanwaltschaft beantragte die Bestätigung des Urteils aus 2003, Joseph Lianys Verurteilung zu 15 Jahren Haft. Am 17. März 2006 sprach das Gericht ihn nach nahezu sechsstündiger Beratung frei; der Freispruch wurde rechtskräftig.

Sacha Rhoul lebte und arbeitete seit 1998 in Marokko. Nachdem er ab 2001 infolge neuer Ermittlungsergebnisse in den Fokus der Ermittlungen geraten war, wurde er 2002 förmlich beschuldigt; die französischen Behörden erließen einen Haftbefehl gegen ihn. Mehrere französische Medien werteten seinen weiteren Aufenthalt in Marokko anschließend als Versuch, sich der französischen Justiz zu entziehen.; Anfang April 2006 wurde er in einem gesonderten Verfahren in seiner Abwesenheit wegen Mordes zu fünfzehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

In den Folgejahren war es Gilles Andruets Vater, Jean-Claude Andruet, der seine Bemühungen nicht aufgab, Sacha Rhoul der gegen ihn verhängten Haftstrafe zuzuführen. Im Jahr 2009 wandte sich sein Anwalt an den Pariser Generalstaatsanwalt: Andruet sei bereit, so weit zu gehen wie Kalinka Bamberskis Vater im Fall von Dieter Krombach, d. h. Sacha Rhoul aus Marokko nach Frankreich zu entführen.„Mon client s’interroge sur l’opportunité d’adopter la méthode Dieter Krombach.“; gemäß Tatsächlich führte dies zu diplomatischen Aktivitäten, und Frankreich erwirkte einen Internationalen Haftbefehl gegen Rhoul. Im Februar 2010 wurde Rhoul in Marokko in Haft genommen und im März 2010 an Frankreich ausgeliefert.

Sylvia Rhoul meldete sich zu Wort. Nicht ihr Sohn Sacha sei der Auftraggeber des Mordes gewesen, sondern ihr Bruder, der 2006 freigesprochene Joseph Liany.„Mon fils est incapable de tuer quelqu’un ... c’est mon frère qui a mandaté Loïc Simon.“; gemäß – Bis zum erneuten Prozess gegen Sacha Rhoul – diesmal in dessen Anwesenheit – sollte es weitere fast vier Jahre dauern.

2014

Schließlich kam es im Januar 2014 vor dem „Cour d’assises“ des Départements Essonne zum dritten Prozess wegen des mittlerweile mehr als achtzehn Jahre zurückliegenden Mordes an Gilles Andruet.

Der Generalanwalt Rémi Crosson du Cormier erklärte, „alles drehe sich um Sacha Rhoul“ („tout tourne autour de Sacha Rhoul“). Zugleich gelangte er zu dem Schluss, dass Sacha Rhouls Beteiligung an der Tat nicht nachgewiesen sei und keinerlei Anhaltspunkte für eine mögliche logistische oder finanzielle Rolle vorlägen.

Unter Hinweis auf den rechtskräftigen Freispruch Joseph Lianys erklärte der Generalanwalt: „Wenn es eine Ungerechtigkeit gegeben hat, darf man nicht noch eine schaffen“ („s’il y a eu une injustice, il ne faut pas en créer une autre“). Anschließend forderte er die Geschworenen ausdrücklich auf: „Sprechen Sie ihn frei!“ („Acquittez-le !“).

Nach weniger als zwei Stunden Beratung folgte das Geschworenengericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft und sprach Sacha Rhoul am 30. Januar 2014 frei.

Sein Verteidiger Éric Dupond-Moretti erklärte anschließend, es handle sich nicht um einen Freispruch im Zweifel, sondern um einen Freispruch „aufgrund völliger Unschuld“ („au bénéfice d’une totale innocence“).

TV-Filme 2009: Karl Zéro: Mort d’un flambeur (in der Serie Les Faits Karl Zéro auf dem Kanal 13ème Rue). 2014: Bernard Faroux: Gilles Andruet - Échecs et mort (präsentiert von Frédérique Lantieri; in der Serie Faites entrer l’accusé auf France 2).Gilles Andruet - Échecs et mort in der IMDb (abgerufen am 16. November 2024).

Literatur Sarah Finger: Le meurtre du joueur d'échecs. Éditions 10/18, Paris 2026, ISBN 978-2-264-08731-7.

Einzelnachweise

Kategorie:Mordfall Kategorie:Kriminalfall in Frankreich Kategorie:Kriminalfall 1995