Das Scientific Diving Center (SDC) der Technischen Universität Bergakademie Freiberg ist ein ISO-zertifiziertes Forschungs- und Ausbildungszentrum, das sich auf wissenschaftliches Tauchen spezialisiert hat. Es wurde im Jahr 2001 gegründet und hat seither ca. 250 Studenten, Mitarbeiter und Wissenschaftler anderer Universitäten und Einrichtungen zum wissenschaftlichen Forschen unter Wasser ausgebildet. Das SDC ist eines der führenden wissenschaftlichen Taucheinrichtungen in Europa und widmet sich der Organisation und Durchführung von Forschungsprojekten und Bildungsprogrammen auf verschiedenen Gebieten der Unterwasserforschung. So war es 2020 Ausrichter der 6. European Conference on Scientific Diving.

Geschichte 1992: Tauchsport wird Teil des Universitätssports an der TU Bergakademie Freiberg 1996: Einführung der Lehrveranstaltung „Aquatische Ökosysteme“ 2001: Gründung des CMAS Scientific Diving Center Freiberg und Beginn der Ausbildung nach internationalen CMAS-Standards 2024: weltweit erste offiziell zertifiziert Institution für die Ausbildung zum „Scientific Diver“ und „Advanced Scientific Diver“ gemäß den ISO-Standards 8804-1 und 8804-2

Wissenschaftliche Tauchausbildung mini|Ausbildungsübersicht Das Scientific Diving Center der TU Bergakademie Freiberg bietet eine umfassende Ausbildung für wissenschaftliches Tauchen an, die sowohl Studierende und Universitätsangehörige der TU Bergakademie Freiberg als auch externe Teilnehmer anspricht. Die Ausbildung erfolgt gemäß den ISO-Normen 8804-1 und 8804-2 und wurde 2024 durch die Austrian Standards als erste Organisation weltweit zertifiziert.

Die Ausbildung beinhaltet theoretische und praktische Module. Inhalte umfassen wissenschaftliche Methoden und Arbeiten in Geowissenschaften, Biologie, Umweltwissenschaften, Ingenieurwesen und anderen Disziplinen. Der Unterricht erfolgt durch Vorlesungen, Praxistraining im Pool und Freigewässerübungen, bei denen Taucher Methoden wie Kartierung, Probenahme und Messung von Parametern anwenden. Externe Teilnehmer können an Blockkursen und Exkursionen teilnehmen, um ebenfalls die Qualifikation zum ISO-zertifizierten „Scientific Diver“ oder „Advanced Scientific Diver“ zu erlangen.

Forschungsschwerpunkte Das SDC Freiberg führt interdisziplinäre Forschung auf dem Gebiet der Unterwasserwissenschaften durch, wobei die Schwerpunkte der Forschung in folgenden Bereichen liegen: mini|Wissenschaftlicher Taucher während der Gesteinsprobenahme

Geologie, Hydrogeologie und Wasserchemie Das Scientific Diving Center der TU Bergakademie Freiberg ist eng mit der Tradition der Universität im Bereich der Geo-, Natur- und Ingenieurwissenschaften verbunden. Das SDC entstand in diesem wissenschaftlich und historisch geprägten Umfeld, um die etablierten geowissenschaftlichen und aquatischen Forschungen der Universität auf den Unterwasserbereich auszuweiten. Im Laufe der Jahre haben Absolventen des SDC zahlreiche Projekte und Studien durchgeführt, die sich insbesondere der Methoden der Mineralogie, Festgesteinsgeologie, Sedimentologie, Wasserchemie und Isotopengeochemie sowie Gaschemie bedienten. In diesem Kontext wurden insbesondere auch Mess- und Probenahmemethoden für den Unterwassereinsatz erprobt und entwickelt. Ein Beispiel für die Unterwasserforschung ist die Untersuchung hydrothermaler Aktivitäten im Mittelmeerraum. Im Zeitraum von 2006 bis 2018 fanden jedes Jahr 14-tägige Exkursionen nach Panarea mit jeweils 15 bis 25 wissenschaftlichen Tauchern statt, um unterschiedliche Untersuchungen am Unterwasservulkan von Panarea (Äolische Inseln, Italien) durchzuführen:

mini|Hydrothermale GasaustritteKartierung und Vermessung hydrothermaler Features und deren zeitlichen Veränderungen Freilegung und Dokumentation von tektonisch-hydrothermal geprägten Strukturen am Meeresboden Messung von Temperaturen an hydrothermalen Gas- und Wasseraustritten In situ-Bestimmung von pH und ORP-Werten an hydrothermalen Austritten Probenahmen von hydrothermalen Fluiden Charakterisierung hydrothermaler Algen- und Bakterien-Matten Hydrothermale Erzbildungen und Bildung von Strukturen durch hydrothermale Zementation und Verkrustungen Kontinuierliches Volumenstrom-Monitoring von hydrothermalen Gasaustritten Einfluss der hydrothermalen Exhalationen auf Seegraswiesen (Posidonia)

Die Arbeiten am Unterwasservulkan Panarea haben dabei wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der zeitlichen Veränderungen von Quantität und Qualität der hydrothermalen Fluide und über die Interaktion von Gesteinen und hydrothermalen Fluiden unter extremen Bedingungen geliefert.

mini|Wissenschaftlicher Taucher mit einer Bodenprobe

Beprobung subhydrischer Böden Das SDC Freiberg forscht an subhydrischen Böden, die besondere Anforderungen an Probenahme und Dokumentation stellen. Die Entnahme horizontstabiler und ungestörter Proben ermöglicht es, bodenbildende Prozesse und Horizonte präzise zu erfassen und zu beschreiben.

Der Einsatz wissenschaftlicher Taucher ist hierbei entscheidend, da sie als speziell geschulte Fachleute die Probenahme sicher und effektiv unter Wasser durchführen. In Kooperation hat das SDC ein Probenahme- und Transportkonzept entwickelt, das präzise und stabile Entnahmen ermöglicht. Diese Methoden haben neue Erkenntnisse über subhydrische Böden und ihre Ökosysteme erbracht.

Entwicklung von Unterwassermessgeräten Das SDC entwickelt und verbessert Geräte zur Messung von Temperatur, Wasserqualität, Volumenströmen und zur Probenahme von Sedimenten, Wasser und biologischen Proben (Biota) unter Wasser. In den Werkstätten der TU Bergakademie Freiberg werden maßgeschneiderte Prototypen und Gehäuse gefertigt, die spezifische Untersuchungsanforderungen erfüllen. Für diesen Einsatz müssen Messgeräte extrem robust und präzise arbeiten, an die speziellen Anforderungen des Unterwassereinsatzes angepasst sein und bei Langzeitmessungen verlässlich funktionieren. So wurden u. a. folgende Geräte entwickelt:

Das FSVG (Flowmeter for Submarine Vulcanic Gas Emission), das die Messung vulkanischer Gasvolumenströme ermöglicht, wurde für das komplexe Vulkansystem der Äolischen Inseln entwickelt und liefert kontinuierlich Langzeitdaten, die für die Überwachung vulkanischer Aktivität und Erdbebenprognosen unverzichtbar sind. In mehreren Qualifizierungsarbeiten entstanden Messsysteme, die einfach montierbar und wartungsarm sind und den Unterwasserbedingungen standhalten.

Eine weitere Entwicklung ist ein Air-Lift-System („Unterwasserstaubsauger“) für wissenschaftliche Taucher. Unabhängig von Kompressoren auf Begleitschiffen ermöglicht dieses mobile System, Sedimente effizient zu entfernen, ohne empfindliche geologische Strukturen zu beschädigen. Dieses System wurde erfolgreich in deutschen Seen und im hydrothermalen System von Panarea, Italien, eingesetzt und hat sich als vielseitiges Werkzeug in der sedimentologischen Forschung bewährt. mini|Kleines Schiffswrack mini|3D-Tiefenprofil eines Schiffswracks

Vermessung und Kartierung Das SDC ist in die Vermessung und Kartierung von Unterwasserstandorten involviert und erstellt detaillierte Karten und Modelle von Gewässerstrukturen. Eine zentrale Methode ist die Kartierung entlang eines Unterwasser-Transektes, eine seit vielen Jahren bewährte Methode, welche sowohl in der Forschung genutzt als auch in der Tauchausbildung des SDC vermittelt wird. Darüber hinaus werden GPS-Bojen zur präzisen Georeferenzierung genutzt, da die Bojen GPS-Daten von der Wasseroberfläche bereitstellen und so die exakte Lokalisierung der Unterwasserdaten ermöglichen. Hierfür wird die u. a. die Photogrammetrie eingesetzt. Dieses mathematische Verfahren nutzt verschiedene Blickwinkel zur präzisen Ausrichtung und Rekonstruktion realer Objekte. Dabei wird zunächst eine Vielzahl an überlappenden Bildern mithilfe von Schlüsselpunkten zueinander ausgerichtet und anschließend zur Erzeugung einer dichten Punktwolke verwendet. Diese Punktwolke dient als Grundlage für ein unstrukturiertes Gitter, das schließlich mit kleinen Bildausschnitten (Textur) überzogen wird, um ein realistisches Modell zu schaffen.

Durch Georeferenzierung und Skalierung entsteht ein reales 3D-Abbild unzugänglicher Unterwasserstrukturen, das sich für Vermessungen und weitere Untersuchungen nutzen lässt. Diese Methode findet Anwendung in der Dokumentation, Vermessung und Kartierung von Unterwasserobjekten wie Wracks, Bauwerken, Riffen und Statuen. Zudem ist die Photogrammetrie wichtig für das Monitoring von Riffstrukturen, die Arbeitsplanung und als Basis für die Sammlung und Zuordnung von Probenahme- und Messpunkten.

Untersuchung von Bauwerken Bauwerke in Gewässern sind besonderen Belastungen ausgesetzt, weshalb ihre Inspektion und Zustandsbewertung komplexer und aufwendiger sind als bei frei zugänglichen Strukturen. Umgebungsbedingungen wie die Strömung, Sedimentablagerungen und chemische Eigenschaften des Wassers wirken sich stärker auf den Bauwerkszustand aus und erschweren Inspektionen. Um den Arbeitsaufwand für wissenschaftliche Taucher zu reduzieren, testet das SDC im Projekt RoBiMo innovative Techniken zur Effizienzsteigerung. mini|Schema des Projektes RoBiMo mini|Schwimmplattform für das Gewässermonitoring

Monitoring aquatischer Lebensräume Das SDC führt umfassende Zustandsanalysen von marinen und limnischen Lebensräumen durch. Diese Untersuchungen umfassen sowohl biotische als auch abiotische Umweltfaktoren, wie die chemische und biologische Zusammensetzung von Gewässern sowie die Analyse des Zustands von Riffsystemen. Ziel ist es, präzise Daten über die Gewässergüte und die Ökosysteme zu sammeln, um fundierte Aussagen über die Veränderungen in aquatischen Lebensräumen zu ermöglichen. Die interdisziplinäre ESF-Nachwuchsforschergruppe RoBiMo hatte das Ziel, Binnengewässer mithilfe eines autonom fahrenden Schwimmroboters in 3D zu analysieren. Die Validierung der Daten erfolgte durch in-situ Messungen und Probenahmen, die von wissenschaftlichen Tauchern durchgeführt wurden, um geowissenschaftliche Auswertungen der Wasserqualität und limnischer Prozesse zu ermöglichen. Das SDC war an der Entwicklung von Messtechniken beteiligt sowie Photogrammetrie-basierte Beprobungen zur Sammlung von Trainingsdaten für KI-Algorithmen.

Wasseraufbereitung von Binnengewässern Die Wasseraufbereitung von Binnengewässern ist ein zentrales Thema im Umwelt- und Gewässerschutz, da viele Binnengewässer von Eutrophierung und Schadstoffbelastungen betroffen sind. Besonders Düngemittel, die aus der Landwirtschaft in Flüsse und Seen gelangen, führen zu einer erhöhten Nährstoffkonzentration, was ein übermäßiges Algenwachstum zur Folge hat. Diese Algenblüten verringern den Sauerstoffgehalt im Wasser und gefährden die biologische Vielfalt, was langfristig die Wasserqualität stark beeinträchtigen kann. Moderne Wasseraufbereitungstechnologien setzen daher auf eine Reduktion dieser Nährstoffeinträge und bieten neue Lösungsansätze zur Reinigung und Wiederherstellung von Gewässerökosystemen.

Das Projekt CleanLake, das im Juni 2024 gestartet wurde, verfolgt das Ziel, ein innovatives Wasseraufbereitungssystem zu entwickeln, das speziell auf die Bedürfnisse von Binnengewässern ausgerichtet ist. Innerhalb eines dreijährigen Projektzeitraums mit vier internationalen Partnern werden neue sorptive Materialien entwickelt, die aus industriellen Nebenprodukten wie Flugasche und Kohleabraum hergestellt werden. Diese Materialien binden gezielt Stickstoff- und Phosphorverbindungen und verringern so den Düngemitteleintrag in Gewässern. Dadurch wird die Eutrophierung effektiv reduziert und die Wasserqualität nachhaltig verbessert. Nach Erschöpfung ihrer Bindekapazität können die sorptiven Materialien recycelt und zu Düngemitteln mit kontrollierter Nährstofffreisetzung verarbeitet werden, was ein nachhaltiges Kreislaufwirtschaftskonzept unterstützt.

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