Am Südhang ist der Titel einer vor dem Ersten Weltkrieg entstandenenEs werden verschiedene Publikationsdaten genannt: Österreichische Rundschau. Hrsg.: Alfred Freiherr von Berger, Clumecky Glossy, Oppenheimer. 1911, Band XXVI, H 1-3. (Wikipedia-Artikel Keyserling), 1914 (https://de.wikisource.org/wiki/Eduard_von_Keyserling), 1915 (Benno v. Wiese) Novelle von Eduard von Keyserling. Erzählt wird der durch ein bevorstehendes Duell belastete einwöchige Aufenthalt des Leutnants Karl Erdmann von West-Wallbaum bei seiner Familie im Landhaus am Südhang. Dort führen die Liebesverstrickungen der umworbenen Daniela von Bardow zu einem tragischen Ende. Inhalt Landidylle Die Novelle beginnt mit Karl Erdmann von West-Wallbaums Ankunft im elterlichen Landhaus, wo er seinen Urlaub von der Garnison verbringen will. Er ist gerade Leutnant geworden und hat „das Gefühl, als sei etwas Neues in ihm; das ihn zu einem andern macht[-], zu einem, der mehr Recht auf Liebe, Bewunderung und alles Gute der Welt hat[-] als der frühere Karl Erdmann.“ Er geht davon aus, dass seine Familie dies versteht, denn das sei es ja, „was das Leben zu Hause so weich und verwöhnend“ mache, „dass man sich so mühelos einander“ verstehe. „Menschen, die einander leicht verstehen, wissen, dass sie einander leicht verwunden können“. Daher komme „vielleicht in das Leben dort zu Hause die köstliche Behutsamkeit des Umgangs“, die ihm „stets die Empfindung [gibt], als sei er etwas sehr Kostbares, das zart angefasst werden muss[-]“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1. https://www.projekt-gutenberg.org/keyserlg/suedhang/suedhang.html Von dieser Erwartung ausgehend sollen es für Karl „zwei ganz sorglose Monate“ werden, „denn die Schulden hatte er schon gebeichtet“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1.
Die ersten Ferientage verlaufen, von einer Entenjagd am See unterbrochen, gleichförmig mit spätem Frühstück, Spaziergängen durch den altmodischen Obst-Garten mit den „Düften der Rosen“, der reifen Pflaumen und Birnen und durch den Gemüsegarten „mit den scharfen Gerüchen der Sellerie- und der Zwiebelpflanzen“, dem Warten auf die Mahlzeiten, Beobachten der Birnen erntenden Kinder, des eifrigen Dienstpersonals und der arbeitenden Bauern, Langeweile und Müdigkeit, Gespräche in der Bohnenlaube, Bowl auf der Gartentreppe: „Man [sitzt] da zusammen in der Dämmerung der nordischen Sommernacht, die schwer von Düften [ist]“.
Die Feriengesellschaft besteht außer dem Dienstpersonal, Aristides Dorn, dem Hauslehrer Leos, und Fräulein Undamm, der Gouvernanten Heidas, nur aus wenigen Familienmitgliedern und einem Gast: Daniela von Bardow. Die geschiedene schöne Freundin der Hausherrin ist Mittelpunkt der sie bewundernden Männer, die sich, wie Graf Lynck ironisch bemerkt,Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 2. als Windmühlenflügel um sie drehen: Hauptmann Botho, Karls älterer Bruder, Legationsrat Graf Ottomar von der Lynck, der Verlobte seiner Schwester Oda, sogar der jüngere Bruder, der fünfzehnjährige Leo, und v. a. dessen Hauslehrer Dorn. Eifersüchtig beobachtet Karl, dass Frau v. Bardow diese Verliebten offenbar ernster als ihn nimmt: „[S]ie ruht[-] nicht eher, als bis der Zauber der Sommernacht für alle Männer um sie her voll von ihr [ist]. Nur mit ihm hat[-] sie heute noch nicht gesprochen.“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1.
Duell Ein Störfaktor der Idylle ist das in einer Woche bevorstehende Duell Karls, eine Ehrenpflicht gegen einen „betrunkenen Referendar, der sich Redensarten gegen das Regiment erlaubt hat[-]“. Diesen Zweikampf versucht er einerseits zu verharmlosen: Es ist für ihn eine „unvermeidliche[-] Geschäftssache, die abgemacht werden muss[-], nicht anders“,Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1. und mit der man in seinen Kreisen unaufgeregt diszipliniert umgeht. Nur muss sie vor den Frauen und Kindern geheim gehalten werden, damit die Ferienstimmung nicht verdorben wird. Andererseits gehört das Duell in seinem Bewusstsein zu den Ereignissen dieses Sommers dazu und gibt dem Bild dieses Sommers, „der Gestalt Karl Erdmanns doch ein eigenes, ein wenig mystisches Licht“. Aber es soll seine Freude nicht stören: „Er würde nichts anderes zu tun haben, als im alten Garten umherschlendern, auf den Wiesen liegen, von seiner Mutter und seinen Schwestern sich verwöhnen lassen, des Vaters gute Zigarren rauchen und ungestört dieses süße Gefühlvolle in sich gewähren lassen, wie es nur in den alten elterlichen Landhäusern“ gedeiht, wo sich seltsamerweise „jedes kleine Ereignis mit einer Gefühlsatmosphäre [umgibt], die es groß und farbig erscheinen [lässt] wie der durch Abenddünste aufsteigende Mond“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1.
Nur drei Männer sind über das Ereignis informiert. Karls Vater, sein Bruder und sein Schwager leisten ihm Beistand, übernehmen die Verhandlung mit der Gegenseite und organisieren Termin, Ort und den Ablauf. Sie loben seine Pflichterfüllung für seine Garnison und bescheinigen ihm ein „korrektes“ professionelles Verhalten und er ist „stolz darauf, so einer auserwählten Klasse von Menschen zu gehören“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1. Aber die möglichen Folgen des Schusswechsels tauchen doch immer wieder in seinen Gedanken auf: „Das Bewusstsein, dass dieses Treiben hier ruhig fort[geht], wenn er drüben in der Garnison [ist], das [ist] beruhigend und angenehm, aber zu denken, dass, wenn er überhaupt nicht mehr wäre – nach dem Duell vielleicht – alles hier so weiter[gehe], dieser Gedanke [ist] unerträglich, fast demütigend“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 2. Er spürt eine „seltsame Unruhe, die ihm jetzt im Blute [sitzt], als könnte er etwas versäumen, als müsste etwas geschehen, etwas getan werden. Es [ist] ihm, als hätte er die Aufgabe, etwas sehr Wichtiges seines Lebens zu erleben, und sei ungeduldig, dass die Sache nicht schnell genug vorwärts[gehe].“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 3
Als sich durch eine Unachtsamkeit die Nachricht bei den Feriengästen verbreitet, versuchen alle die Stimmung äußerlich hochzuhalten und tabuisieren das Thema. Nur der Hauslehrer Dorn spricht ihn in der Nacht vor dem Duell, in einer Situation der Eifersucht auf Daniela, darauf an. Für den bürgerlichen Angestellten ist es „eine in ihrer Art fein erfundene Einrichtung“. Sie erreiche ihren Zweck, sie drapiere: „Die Todesmöglichkeit als Dekoration“ für Leute, die den Alltag nicht vertragen können: „Aber das ist nun die Regel dieses Lebens hier, immer ausschmücken, und da muss denn so etwas Dramatisches Effekt machen, Todesgefahr ist eine Art bengalischer Beleuchtung. Dagegen kommt natürlich ein einfacher Werktagsmensch wie ich nicht auf.“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 7.
Karl, der in der Nacht vor der Abreise zum Duellort von Daniele „geliebt und beweint wurde“, reist am nächsten Morgen mit Botho und Graf Lynck „fröhlich seiner ritterlichen Pflicht entgegen[-]“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 8. und spricht am Abend vor seinem Duell in der Wildhüterei mit dem jungen Arzt Ulich über den Tod und den Sinn des Duells. Als sie das „große Rauschen des Waldes langatmig und ernst“ hören, denkt er darüber nach, ob „es sich in dem großen Rufen dort oben um anders wichtige Sachen handelt, als [sie] hier treiben“, und der Doktor ergänzt begeistert: „Sie schauen uns zu […] die Bäume und die Sterne und die ganze große Natur. Wir sitzen hier wie auf einer kleinen mystischen Lichtinsel […] alles ist hier mystisch. Wenn wir bedenken, wozu wir hier sind“. Er ahne, dass dort ein großes Sein sein Wesen treibe und wenn er einmal aus dieser Lichtinsel in die große Finsternis hineinschmelze, werde auch er „als das große Wesen, als die große Finsternis, als das große Sein [s]ein Wesen treiben“. Er verbindet diese Gedanken mit dem Duell: „[A]n sich ein Mysterium, eine erhabene Sinnlosigkeit, eine sakramentale Handlung, credo quia absurdum est. Wer hat einen Vorteil davon, bitte? Und doch welch eine Wirkung“. Das sei alles unbegreiflich: „Was ist der Mensch für ein unheimliches Wesen, un monstre incompréhensible“, sage Pascal. Aber wenn der Tod sich hereinmische, werde die Sache feierlich. Graf Lynck desillusioniert ihn mit seiner Erklärung, man gewinne zwar nichts dabei, aber wenn der andere nichts dabei gewinne, sei das eine Genugtuung über den Verlust seines Gegenspielers.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 8. Bei einem Spaziergang durch den Wald will Karl etwas von den mystischen Gefühlen des Arztes entdecken. „Allein er spürt[-] nichts, immer nur [findet] er sich selbst mit seiner Freudlosigkeit, die ihn heute quält[-], mit einer kindischen Neigung, sich selbst zu bemitleiden, etwas Großes, Befreiendes [will] sich nicht einstellen, es [ist] recht ärgerlich.“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 8.
Das Duell im Morgengrauen des nächsten Tages (Kap. 9) verläuft korrekt nach den Regeln. Die Kontrahenten schießen aneinander vorbei und das Ritual endet mit der formalen Versöhnung: „alles war in bester Ordnung, es wurde weiter gelebt, und das war doch bequem und gemütlich.“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 9.
Daniela von Bardow Zu den „goldenen schwülen Tagen“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 4. der Landidylle zählt für Karl auch eine besondere Ferienliebe. „Das gehört[-] zu den Ferien wie das Glitzern des Weihnachtsschnees oder wie die gelben Augustbirnen.“ Draußen tritt er „zynisch und schneidig“ auf, hier wird er „empfindlich und feinschalig wie eine Frucht, die auf dem Südhange gereift ist“.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1. Diese Liebe erhofft er sich von der geschiedenen Daniela v. Bardow, einer Freundin seiner Mutter, die während der Ferien zur Hausgemeinschaft gehört. Die arme Frau habe, erzählt Frau von West-Wallbaum, „ihre Feinde, die alles falsch deuten, was sie tut“. Sie ertrage es nun einmal nicht, „dass es um sie her traurig oder alltäglich ist“, sie könne nichts dafür, so wenig wie Lilien, die „um sie her süß und ein wenig schwül“ duften.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1.
Karls Erwartungen erfüllen sich nicht in dem erhofften Maß. Nach der herzlichen Begrüßung, die für ihn „etwas Sakramentales“ hat, als er von einem zum andern geht und sich küssen lässt, nimmt er seine alte Rolle ein und auch Frau v. Bardow behandelt ihn geschwisterlich wie die jüngeren Kinder Leo und Heida. Er empfindet sie „wieder ergreifend schön“: „das schmale Gesicht mit der wunderbaren Klarheit der feinen Züge, dazu die schieferblauen Augen, die von den Wimpern so seltsam umschattet wurden, und der hellrote Mund, dessen Lächeln dem strengen Gesichte etwas Strahlendes und Blühendes verlieh. Bei Gott, diese Frau wirkt[-] auf Karl Erdmann so stark, dass, wenn er sie an[sieht], er sich so wehrlos und schwach wie ein verliebter Schuljunge fühlt[-].“Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 1.
In seiner eigenen Verliebtheit registriert er zwar die Leiden Dorns und auch Odas, er nimmt sie aber nicht so ernst wie seine eigenen. Seine Schwester ist in ihrer Beziehung zu Lynck unglücklich. Sie gesteht ihm, sie habe sich immer vorgestellt, „Sich-Lieben und Sich-Verloben, das sei eine einfache Sache“ Nun sieht sie, „dass Sich-Lieben etwas ganz Kompliziertes ist“. Ihr Verlobter behaupte, Menschen, die sich lieben, müssten sich nicht unbedingt verstehen, aber ihr werde, wenn sie jemanden nicht verstehe, „leicht unheimlich“ und sie fürchte sich von jeher im Dunkeln.Projekt-Gutenberg/Keyserling/Südhang, Kap. 3. Diesen Ausspruch der Schwester von Liebe und Verstehen übernimmt er in seinem folgenden Gespräch mit Daniela.